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Erschienen in Ausgabe: No 70 (12/11) Letzte Änderung: 14.02.13

Vorsicht Starkstrom: Der Fall Kinski

von Shanto Trdic

„Höchste Kunst ist nichts anderes als potenzierte Natur.“

Josef Kainz

Der Mann hatte sich, wie schon so oft, in eine Schimpfkanonade brachialeren Kalibers hineinmanövriert; schoss jetzt Salve um Salve seinem Gegenüber vor den Bug. „... und sie,“ knurrte er drohend,“ werden es auch tun, mein Lieber!“
„Das werde ich nicht tun,“ erwiderte leis und sanft, beinahe verquält der Andere; trotzig zwar, doch kläglich im Vergleich, kümmerlich klagend, getragen von einer dünnen, schon etwas angeschlagenen Stimme, die dennoch zu betonen schien, das es kein Nachgeben, keinen Rückzug geben könne. Die Geduld des einen konterkarierte der Andere mit schierer, schäumender Gewalt:“ Das werden wir ja sehn!“ tönte er, herrisch und verwegen; gleich einem Fanal oder Trompetenstoß.
Die Festung Kinski stand, wie eine große, böse Burg: ein schroffer Trutzklotz, von dampfenden Betonblöcken Felsenfest geschirmt, mit Himmelwärts ragenden, glühender Zinnen; ein hochmütiger, verwegener Bau. Im Innern aber bebte und rumorte es gar fürchterlich, immer weiter und weiter, und niemand hätte sagen können, aus welchen innersten Quellen sich das brodelnde Epizentrum fürderhin speiste. Hier rumorte ein Feuergeist, hier herrschte stündlich Explosionsgefahr - das Kraftwerk vor´m Hypergau.
Der Andere nun, obschon in Ansätzen erschüttert, hielt tapfer Stellung; nicht minder bebte und gärte es auch in seinem Innern. Er, der Belagerte, harrte wacker weiterer Attacken; blieb auf ganz eigene Weise stet und standhaft. Und höflich.
„Das werde ich nicht tun, Herr Kinski...“
„... das werden wir ja sehn!!!“
Rums. Die vorerst letzte Breitseite. Der Andere, Werner Herzog mit Namen und von Beruf Filmemacher, hatte nicht nachgegeben; hatte auch dieser Druckwelle geduldig stand gehalten und er würde auch weiteren Nachwehen stoisch trotzen, das spürte man. Schwere Rauchschwaden durchzogen den heillos überhitzten, atmosphärisch bis zum Zerreißen gespannten Raum.
Der Tonbandschnipsel, den Herzog in seiner Doku ´Mein geliebter Feind´ noch einmal der Öffentlichkeit präsentierte, gab einen ungefähren Eindruck von der ´Zusammenarbeit´, in deren Verlauf die Manien hoch kochten und zwei ganz unterschiedlichen, wiewohl ähnlich beseelten Temperamenten das Schlachtfeld boten, das ihnen zukam. Die Auseinandersetzungen am Set gerieten gebieterisch, gnadenlos und gebaren auf diesem Wege meist Endprodukte, denen das Prädikat ´wertvoll´ im ganzen, umfassenden Sinne zukam:anders, so schien es, ging das zwischen diesen beiden nicht. Und mochte der Mime noch so erregt zetern und toben: das Projekt, die Schlacht lief weiter, bis zum Schluss. Es musste ja weiter gehen; trotz alledem. Immer wieder fand das Gespann Kinski/Herzog in den Ausgangshafen gemeinsamer Filmprojekte zurück, um dann unter grollenden Gewitterstößen erneut auszulaufen um auf weiter, stürmischer See dem Ungestüm derElemente zu trotzen um wiederum das Gewaltige, das Einzigartige irgendwie auf Zelluloid zu bannen, für ein geduldiges, heute selten gewordenes Publikum ein zu fangen – leidig fest zu halten. Und die Wellen wogten um die Wette: noch bedrohlich runzelnd oder schon turmhoch ragend, sich überschlagend oder für Momente plätschernd, aber immer in Bewegung, in Unruhe – in Aktion. Fürwahr verband den eher ruhigen, phlegmatisch wirkenden Herzog mit dem Ausraster Kinski eine echte, innige Hassliebe; jeder hasste bzw. liebte da auf seine ganz eigene Art und Weise: sie konnten gar nicht anders. Ohne Blessuren ging ganz gewiss keiner der fünf gemeinsam bestrittenen Filme über die Bühne; man hätte sicher einer sechsten daraus machen können – mit nicht enden wollender Überlänge. Stets lagen bei diesen beiden die Nervenenden brach, waren die Tobsuchtsanfälle (Kinski) und dementsprechenden Anfälle annähernder Ohnmacht (Herzog) vorprogrammiert. Ein merkwürdiges Paar, diese beiden. Der eine zäh und zögernd, umständlich und irgendwie kompliziert (wiewohl felsenfest an seinen mitunter monströs anmutenden Visionen fest haltend), der andere impulsiv bis zum Irrsinn, direkt und furchtbar drängend, egoman bis an die letzte Schmerzgrenze. Werner Herzog gab und gibt bereitwillig zu, das er auch schon einmal an eine ´Beseitigung´ des Ärgernisses Kinski dachte; z.b auf dessen Anwesen ein Feuer zu legen beabsichtigte. Jedoch: wie will man eine Flamme mit dem Feuer ersticken – wie soll das gehen? Werner Herzog, auf seine Weise fanatisch und verbohrt, galt früh als Außenseiter im Metier, und so war es kein Zufall, das er an einen wie Kinski geriet – geraten musste. Der wiederum war eine Zumutung ganz eigenen Ranges. Solche Typen kann man sich im heutigen Umfeld gewiss gar nicht mehr vorstellen. Natürlich hat er nicht immer und andauernd Zicken veranstaltet, oft genug mag er, vor allem später in Amerika, das Zähneknirschen dem Endloszeter vorgezogen haben. Nichtsdestotrotz: in einer Zeit, da der Konsum regiert und alles Übrige auf je unterschiedliche Weise dieser ´Haltung´ geopfert wird, ja förmlich darauf abgerichtet scheint, schwinden die originalen Genies, man bedarf ihrer kaum und immer weniger wissen sie sich zu entfalten, denn sie werden kaum – und niemand scheint ihre schiere Präsenz auf Anhieb zu vermissen. Ob man sie heute mit den vielen, allzu schrillen, wiewohl bedeutungslosen Paradiesvögeln verwechselt, die vor allem auf dem humoristischen Sektor hyperinflationär wirken und sich im Sekundentakt selbst abnutzen? Als Laune des Zeitgeistes passen sie zum jeweiligen Format, das auf schnellen, platte Reize setzt und damit Quote schindet. Überhaupt hat sich die Produktion insgesamt stark verändert. Wo Branchenriesen auf unsägliche Materialschlachten setzen, innerhalb derer bestimmte Effekte – zumeist von der Langlebigkeit einer frisierten Wunderkerze – mehr zählen als der nur mehr begleitseiernde Akteur selbst, wird der große Mime überflüssig und statt seiner tun es auch die beliebig austauschbaren, unentwegt plapperndern oder bloß aufgeplustert parlierenden Statisten: auf Plattitüden getrimmt und blöde, bald austauschbare Masken bietend, die einander stets gleichen und so austauschbar sind wie ihr Träger selbst. Noch der triefendste, schundigste Italowestern, dem sich Kinski aus purer Geldmacherei zur Verfügung stellte, hatte gewiss mehr Charme als derlei Machwerke, die von der Industrie mittlerweile im ebenso bewährten Dutzend ausgespien werden – steriles, aufgemotztes Pseudotheater. Sicher: derlei Fließbandware hat die Filmindustrie zu allen Zeiten gebraten. Doch bot sie noch in den fragwürdigsten Verrenkungen dem Akteur ein wenig Weihe; Raum und Luft zum atmen, die heuer im Keim erstickt und von Tempo und Tamtam zur Posse degradiert wird. Unter irrsinnigstem finanziellem Aufwand wird dreist drauflosgeklotzt; endgültig auf Kosten jeglichen, differenzierten Geschmacks, der innnerhalb solcher Hightech – Orgien auch kaum mehr gedeiht.So drängt mittlerweile jedes Projekt, auch wo der Etat hinkt, zur rein verkaufsorientierten, auf platte Eindrücke zielenden Entgleisung – ohne jeden Tiefgang. Ein fortgesetzter kommerzieller Overkill, der bis zum Kollabieren aller zur Vergeudung bereitstehenden Ressourcen heraufbeschworen wird – der Trend als solcher bleibt ungebrochen. Die Ausnahmen, mitunter beachtlich, bestätigen leider nur die Regel. Der Mime als genuine, nur seinen Manen verpflichtete Größe, als fleißiger Arbeiter der Kunst, der sich noch die kleinste Rolle in geduldiger Kleinarbeit ´angewöhnt´, indem er das Eigene und das Fremde schlüssig ergänzt und darob zu etwas Neuem, dennoch Typischen ausgestaltet, dieser Mensch gerät jetzt nur noch zur kleinlichen Charge, weil es das Publikum so will. Er kann nicht mehr gebührend zur Kenntnis genommen werden und er hätte auch keine Chance, sein Potential entsprechend zu entfalten: in den Brachialschinken der Emmerich und Co. kann es wahrlich nur ´verspielt´ werden. Ob ein Kinski da wohl mitgemacht hätte? Für viel Kohle ganz gewiss. Er hat den letzten Rotz durch seine Anwesenheit ein klein wenig aufpoliert und wenn er auch oft nur ein ´Blender´ war, das bis zum Erbrechen zitierte ´Enfant terrible´, auf das er so gern reduziert wurde, so gilt das Wort Herzogs: dass er, natürlich, genial gewesen ist. Ein Umstand wiederum, mit dem keiner ausdauernder hausieren ging als er selbst. Er hielt sich und sein Talent für gottgesandt, gottbegnadet – göttlich, göttlich. Und hätte ihm irgendein Regisseur die Rolle des Allmächtigen angeboten, wäre ihm das gewiss wie eine Selbstverständlichkeit vorgekommen. Wer sonst hätte IHN spielen sollen? Oder dürfen? Kinski suchte stets das Absolute und kreiste doch in vielen Fällen bloß um´s eigene, mit viel Getöse aufgeblähte Ego, das am Set so gern zerplatzte; wie ein fieses Schrapnell. Seine theatralischen Ausbrüche waren legendär. Er brauchte das; derlei Tiraden und Allüren waren ein verlängerter Arm zum Beruf, den er (mindestens) als Berufung begriff und ebenso häufig zum letzten, lausigen Dreck erklärte. Er war ja einer, der nicht leben konnte, ohne zu schauspielern, ohne ständig im Mittelpunkt zu stehen, das Epizentrum sein zu dürfen – der Nabel der Welt. Das musste dann selbstverständlich auch in den Drehpausen der Fall sein; zur Not half er nach. So schrie und tobte er, was das Zeug hielt; zumeist mit Schaum vor dem Munde. Und sollten sie ihn doch alle hassen, die ´Schmeißfliegen´, das ´Scheißgesindel´ - er hasste sie alle noch viel, viel mehr. Er war ja der Größte, Beste – der Einzige. Nicht gut, nicht besser – nein: ´epochal´ im Mindesten. So brauchte er zeitlebens die Stilisierung; die ganz große Gebärde, die sich noch im grindigsten, Gischtzischenden Geifer selbstherrlich genoss. Die große, grantige Gebärde geriet zur Farce. Er konnte aber nicht anders. Er grenzte sich damit (selbst)bewusst von allen ab und fiel darob folgerichtig immer wieder ins angestammte Abseits zurück: zum Schluss ins Alleinsein, das noch jedem aufgespart blieb, der Gesellschaft nur als Mittel zum Zweck, als Pendant zur eigenen, eifernden Überhebung begriff. Das wollte er so und nicht anders, obwohl es ihn auf seine alten Tage geschafft hat. Denn gerade er brauchte die Menschen, als ein ständiges, begeistertes Publikum, gerade er schrie nach Zuneigung und Liebe, denn ihn dürstete, vergöttert zu werden. Das konnte nur schief gehen. So mag er sich denn zeitlebens als einsamer Wolf unter lauter Schafen gesehen haben, die endlich, ob des Schnaubens und Heulens, als Herde in Bewegung gerieten (am Schirm) oder unter mildem Protest zu blöken wagten (beim Dreh). Im Grunde war er ein Parodist, der das Anmaßende im Menschen pointierte, was er nicht im Geringsten beabsichtige. Auch und gerade in der Zusammenarbeit mit Werner Herzog kam das deutlich zum Vorschein und der Regie letzthin zugute, denn er war ein Kraftzentrum von nie versiegender, energetischer Wucht. Doch waren es keineswegs immer nur Eruptionen, die er zeitigte; auch die feinen, fast verborgenen Winkelzüge der Kreatur wusste er, unmerklich fast, ins Absolute zu heben.
Zum Beispiel ´AGUIRRE´. Hier verkörperte Kinski einen kleinen, linkischen Emporkömmling, dessen abwegige, überkandidelte Fieberphantasien bis zum Schluss nicht enden mögen und endlich im pathologischen Wahn enden. Auch Aguirre bleibt allein, bleibt übrig – scheitert schnöde. Oder ´FITZCARRALDO´: ein trunkener, übrigens nicht unsympathischer Schöngeist, der die Welt in eine Oper verwandeln möchte und damit mal eben im Dschungel anfängt. ´COBRA VERDE´? Den Lacher sollte sich keiner entgehen lassen, auch wenn hier eine der ergreifendsten Szenen zu bewundern ist, die je auf Leinwand gebannt wurden:“ Ich sehne mich in eine andere Welt“, sagt er, im Wasser stehend, vor dem Nichts vielmehr – ohne Hoffnung, ohne Ziel. Und wir begreifen: von der Ironie bis zur Tragik ist es nur ein kleiner Weg.
War diese Welt zu klein für einen Riesen wie ihn? Ins Gigantische wuchs sein Narzissmus – die Filme, die er drehte, waren in der Hauptsache letztklassiger Schund. Und doch: fast jedes dieser Machwerke bot noch Einblicke in eine zutiefst gequälte Seele. Da lohnt in der Retrospektive schon ein Blick in sein Gesicht: diese geschundenen, aber auch immer blühenden, berstenden Landschaften, mit Tälern und Höhen, lodernden Vulkanen und erloschenem Gestein – zerklüftete Abgründe im wüsten Utopia. Ecce homo: seht, welch ein Mensch. Nicht selten schien es, als sei da jemand in direkter Nachbarschaft zur Hölle stündlich durchs Feuer gegangen. Er schaffte das mit wenigen Gesten, Blicken; wie von selbst. Er wusste das Mimische auf vielfältigste, schier grenzenlose Art und Weise zu variieren. Man schaue sich darob doch einmal die Schlusssequenz von ´AGUIRRE´ aufmerksam an. Allein seine Augen. Die Art und Weise, wie er seine Lippen ´trägt´. Sinnliche, blutbrünstige Verzweiflung und kühles, elegisches Sinnen, Hass und Zärtlichkeit und derlei Gegensätze mehr wusste dieser Schauspieler schon immer in Sekundenbruchteilen zu einen und solcherart in wechselnden Sentenzen zu nuancieren. Alles oder gar nichts wollte er – manchmal kam auch wirklich nichts Gescheites mehr dabei heraus. Berufsrisiko.
Klaus Kinski, ein leibhaftiger ´Supergau´: der Mime im fortlaufenden Ausnahmezustand, stets und ständig unter Hochspannung stehend – wahrhaftig ein Original. Hat man ihn damit schon begriffen? Oder erklärt? Was war das für ein Mann, der sich und sein Umfeld so penetrant malträtierte und mit über fünfzig Jahren noch wie ein hitziger Halbstarker drauflos brüllte?
Die frühe Vergangenheit bleibt von dunklen Schleiern trübe umhüllt, und Kinski selbst hat – wie anders? – auch nicht wesentlich dazu beigetragen, sie zu erhellen. Wir können hier meistenteils nur spekulieren.
Spekulation Nummer Eins: so schlimm, wie von ihm selbst in wortseliger, grimmiger Anklage beschrieben, wird es wohl kaum gewesen sein. Er mag auch hier wieder maßlos übertrieben haben, wiewohl niemand den materiellen Mangel in Abrede stellen wird: der stellte sich im Laufe des Krieges bei etlichen anderen ja ebenfalls wie von selbst ein und darob, in den ersten Hungerjahren nach dem totalen Zusammenbruch, war fürderhin mächtig Ebbe allerorten. Das ist bekannt. Bestimmt gehörte er nicht zu denen, die Ärgstes dulden, tragen mussten.
Das Verhältnis zum Vater bleibt unklar. Hat er ihn wirklich nicht achten können? Oder mögen? Dies würde zumindest einen Teil seiner späteren Selbstüberschätzung erklären.
Die Mutter wird zur Marienhaften, inszestuös umhimmelten Gestalt verklärt. In seinem Roman (den er als Autobiografie tarnt oder umgekehrt) erscheint sie als demütiges, aufopferndes Ideal einer Hingebungsvollen, ganz lauteren Person; als guter Engel also, der eben genau daran, am ´zu gut für diese Welt´ zugrunde geht – ein gefallener Engel. Das passt zum Drama eigener Selbstinszenierung. Wie stand er wirklich zu den Geschwistern? Was mag hier Dichtung sein und was Wahrheit?
Der Krieg. Kinski gerät, kaum achtzehn Jahre alt, in britische Gefangenschaft, wo er, wie viele seiner späteren ´Kollegen´, mit dem Theater in Berührung kommt. Dann der Schock: die Mutter tot, der Vater verschollen – er bleibt es auch. Solche Tragödien sind fester Bestandteil der Stunde Null. Ein Schicksal, das der junge Kinski mit so manchem Kameraden teilt. All zu oft ist es genau anders herum. So verlieren Menschen Nächste, Freunde – Familie. Kinski selbst wiederum verliert nun ganz sicher für kurze Zeit jeden Halt, und ´haltlos´ bleibt er auch; für den Rest seines Lebens. Vielleicht wird hier aus dem Ratlosen schon ein Rastloser; ein ´Rasender´ - wer weiß? Später wird er wie ein Wahnsinniger durch sein eigenes Leben rasen, gehetzt von Kontinent zu Kontinent, nonstop. Er zehrte ganz sicher ein Leben lang von dieser Energie, derer er damals bedurfte, um auf seine Weise überleben zu können. Diese beispiellose innere Vehemenz mag sich mittels Wut und Verbitterung noch aufs Äußerste zugespitzt haben und die begleitenden Umstände tun das ihre. Unter Umständen manifestiert sich gegen Kriegsende bereits der ´echte´, indes noch unfertige Kinski. Er schwankt, er taumelt, ist nahe daran, ganz abzustraucheln. ´Ich brauche Liebe´, wird er später, in einem letzten, ekstatischen Aufschrei verkünden. Er schreit danach, so laut und verzweifelt, dass jeder Kelch zerplatzen muss. In den Wirren der Nachkriegszeit mögen sich die wesentlichen Charakterzüge und Verhaltensnormen des Klaus Kinski etablieren bzw. verfestigen. Dazu gehört auch der überlebensgroße Stolz, den er in ganz besonders herrischer, blasierter Weise vertritt, ja verkörpert; dementsprechend hehr verkündet er jeweils sein Programm – später.
Es folgt eine frühe Odyssee durch die bundesdeutsche Theaterlandschaft; wohl immer wieder begleitet oder unterbrochen von Abstechern in die örtliche Boheme. In den Bars und Spelunken feilt er am Image des notorischen Underdogs. Man kann sich das, denke ich, ganz gut vorstellen: zu Anfang ist das ein hagerer, schier ausgehungerter Schreihals, Prototyp des ausgezehrten, wiewohl innerlichenorm aufgeladenen Heimkehrers, der sich auf Tischplatten stellt und die Summen menschlicher Erregung wie ein Irrwisch aus sich heraus speit. Während man andernorts schon bald zur Normalität zurückkehrt und Ordnung schafft, probt Kinski die Revolte, den Protest – den Aufschrei aus Verzweiflung. Er ist der heimliche, der wahre Held der vielzitierten Stunde Null, jener kläglich kargen, Leid und Entbehrung kündenden frühen Jahre nach dem Untergang: als echte, innige Verkörperung dieser abgerissenen, an Leib und Seele erschöpften Gestalten, die wie Gespenster heimwärts strauchelten. Den Aufschrei aus Verzweiflung, den jene mieden, maßte er sich früh an. Ihr brennender Schmerz stand ihm ins Gesicht geschrieben, und wenn ihre heißblütige Jugend im Feuer verbrannte, dann wusste gerade er die Fackel der Verzweiflung neu zu entfachen: als eine einzige, anklagende Empörung. Im Grunde hätte der junge Kinski den Rückkehrer in Borchardts ´Draußen vor der Tür´ spielen müssen, einen besseren könnte ich mir kaum vorstellen.
Der spätere Psychiatrieaufenthalt zu Wittenau wird von ihm ganz sicher verzerrt dargestellt, wiewohl die schriftlichen Notizen in ihrer unausgegorenen Theatralik, von expressiver Schärfe ´nachgewürzt´, wenigstens ansatzweise die tatsächliche Beklemmung transparent werden lassen, die ihn hier befallen haben muss. Jede banale, bloß spiegelnde Authenzität ist ihm ein Graus; er muss sie immerfort in den breiten, unruhigen Schatten stellen, den grelle Lichtfetzen im Zwielicht zeitigen. Wahrscheinlich nahm sich das ´Gastspiel´ in der Klapse insgesamt sehr viel weniger spektakulär aus. Der Einweisung mag irgendein Tobsuchtsanfall voraus gegangen sein; derlei kontrollierte Aussetzer sind schon damals fester Bestandteil seines beispiellosen zwischenmenschlichen Verhaltens, mit dem er gleichzeitig schon sein Image pflegt. Die offizielle Version besagt, dass der an Gelbsucht Erkrankte mehrfach den Versuch unternahm, aus dem Krankenhaus zu fliehen – ist das aber ein Grund, jemanden in die Irrenanstalt zu sperren?
Kinski in den Fünfzigern: auf den ersten Blick eine reichlich merkwürdige Vorstellung. Er passt nicht in die neue Landschaft hinein, und er passt sich ihr selbstverständlich auch nicht an. Natürlich waren die Fünfziger Jahre in summa viel frecher und vielgestaltiger, um manches bunter als uns die üblichen Schwarz-Weiß-Schemen der überlieferten Geschichtsschreibung in öder Folge Glauben machen. Aber das will einem wie Kinski kaum genügen. In der vermeintlich bieder – braven Stickluft, von frecher, frischer Unterhaltung früh begleitet, kann einer wie er nicht unbeschwert atmen. Sein ungestümes, impulsives Wesen wirkt auf die Mehrzahl derer, die nach den Trümmerjahren die ersten bescheidenen Erfolge privater Konsolidierung feiern, vornehmlich abstoßend, ja geschmacklos. Umgekehrt bietet das damalige Ambiente gerade unserm Kinski den rechten Rahmen für seine rachitischen Entgleisungen. Der sorgfältig in Szene gesetzte Bürgerschreck schillert umso kecker im beschaulichen Muff, in diesem Umfeld fällt einer wie er doppelt und dreifach auf und immer wieder aus dem Rahmen. Er gehört zu denen, die man mehr duldet als respektiert; die man etwas verwundert bestaunt (Was für ein Talent!) und umso vornehmer meidet, um keinen Krach zu kriegen, den er selbst aber ständig braucht, um sich umso inniger am eigenen Leibe spüren zu können. Hier wächst, hier wirkt – hier wird er. Es waren die angeblich so verstaubten, biederen, langweiligen Fünfziger Jahre, die ihn zur Höchstform auflaufen ließen, in denen er sein darstellerisches Talent auf der Bühne mit viel Effekt, mit echtem Schmiss ausleben durfte; konnte. Die Entwicklung zum Bühnentier vollzog sich in einer insgesamt zwiespältigen Epoche, die zwischen resolutem Bürgerprotest (Anti-Atom-Bewegung) und selbstzufriedener Restauration (´Keine Experimente!´), zwischen Schwarzwaldmädel und Bauhausmoderne, Sputnik-Schock und Bauerntheater unruhig hin und her lavierte. Das alles aber ohne echte Brüche zu provozieren; die kamen erst ein Jahrzehnt später dran.
In diesen Jahren spielt er hauptsächlich Theater. Wir können davon ausgehen, dass er von Anfang an die typischen theatralischen Erregungen kultiviert, denen er seinen frühen Ruhm verdankt. Eigentlich ist solches schon damals ein echter Anachronismus. Die ´Klassiker´, jene Meister des exaltierten, hochdramatischen Vortrags, treten damals bereits ab, und das Gros der jungen Nachrücker-Generation pflegt bereits einen sehr viel dezenteren, behutsameren Ton; eher unaufgeregt, sachlich, nüchtern – konzentriert. Realistisch eben; hart und desillusioniert. Es ist die Generation der Kriegsversehrten, zu denen etwa der großartige Wolfgang Kieling gehört, ein Horst Frank, die Kreindl, Korte oder Biederstaedt; ich nenne sie hier stellvertretend für all jene, die heute auch keiner mehr kennt. Neben seiner Tätigkeit am Theater hält Kinski Lesungen, die zu seinem zweiten Standbein werden. Hier scheint er sich und seine Allüren am meisten austoben zu können, ist er die einzige Person, spielt er die ihm gebührende Hauptrolle (bzw. in den Monologen berühmter Helden deren mehrere auf einmal). Den schnarrenden Theaterton schminkt er sich relativ spät ab, der energische, ekstatische Vortrag, den viele für übertrieben halten, presst er bis hart an die Grenzen parodistischer Plapperei. Der Eindruck, den er damit erzielt, die Präsenz vor Ort und auch auf Platte, ist dennoch enorm. Er arbeitet wie ein Tier an sich, spricht nächtelang ganze Passagen wieder und wieder durch (O-Ton Herzog:“ Er war ein hoch trainierter Mann.“) und das widerspricht seiner eigenen Legende, die besagt, ihm sei das alles auf göttlichem Wege zugeflogen. Es ist schon damals schwer bis unmöglich, mit ihm verträglich aus zu kommen. Eine Dame, die den Abgerissenen beherbergt, hat wie eine Magd zu Diensten zu stehen und wird, nachdem etwa die Hemden nicht korrekt gebügelt wurden, als ´Sau´ beschimpft.
Wenn man sich Photos aus dieser Zeit anschaut, fällt die ganz grelle, fast großkotzige Attitüde auf: stur und unnachgiebig um die lässigen Mundwinkel herum, sind seine Augen weit geöffnet; wie bei einer Katze. Das steht UNS zu, scheint er sagen zu wollen, und: bloß nicht klein bei geben. Noch ist es nicht die gewaltsame, herrische Gebärde, die er mühsam und zunehmend bitter zur Schau trägt; eher schon ein Anflug kühnen, nebst aller Hitzigkeit auch etwas kühlen Überschwanges: jugendlicher Sturm und Drang, unverbraucht und unverdorben. Das Triebhafte, von dem in seinem Bekenntnisroman ´Ich brauche Liebe´ so penetrant die Rede ist, gestaltet sich im Äußeren zur makellosen, weibliche wie männliche Züge vereinenden und beinahe veredelnden Gestalt: ein Kerl mit rotzfrechem Blick, aber sehr hübsch anzusehen.
In den frühen Filmen erscheint er nicht selten als labiler, an den äußersten Enden der Beherrschung darbender Dürftling: ein debiler, blutarmer Spargeltarzan – leicht angeschwult. Es ist, auf eine faszinierende Art und Weise, sein ganzes künftiges Repertoire zugegen: das Sensible, Gehetzte, Nervöse, bis zum Zerreißen gespannte, daher auch immer Zerbrechliche. Dem wird er später, ohne Brüche, das Abgehobene, Machohafte – die große Pose hinzu gesellen. Zorn und Wut hält er in kleinen Dosen bereit. Das Manische gerät bei ihm zur ganz eigenen, unverwechselbaren Kunstform. Er treibt ja alles zum Äußersten, will dabei beeindrucken, ohne sich auch nur einen Fußbreit anpassen zu müssen. Ein Star und ein Außenseiter wird er denn auch folgerichtig bis zum Schluss bleiben.
Von einem echten Star kann dennoch keine Rede sein. Er fällt immer auf Anhieb auf, sicher. Aber an die Altvorderen reicht er noch nicht heran, denn die kriegen immer noch die Hauptrollen ab. Weshalb er früh dazu übergeht, die markanten Nebenrollen bis zum Exzess in den Vordergrund zu spielen, der ihm noch gar nicht zusteht. Vielleicht ist er damals so etwas wie ein feist vorpreschender Bolzen oder eine keck einher zischende Blendgranate: beides bringt so richtig Quark in die Sülze. Und weil das Nachkriegsjahrzehnt einen Typen wie ihn nicht auf dem Programm stehen hat, bringt ihn das umso schneller nach vorne. Kinski kapiert früh, wie er sich in solchen Zeiten effektiv in Szene zu setzen hat, um bei der Gelegenheit auch schnell die Konkurrenz zu foppen. Heute haut das keinen mehr vom Hocker, aber damals gelten Provokationen noch etwas. Also offeriert er dem werten Publikum auch jenseits üblicher Podeste allerlei Kurzweil – Happenings als Appetithäppchen. Das hilft ihm gleichzeitig, in Form zu kommen, den braven Leuten wiederum, ihren eigenen, divergierenden Standpunkt zu festigen: hier wir – dort er, der Irre. Derlei harmlose Schocker, wie sie Ende der Sechziger zur üblichen, schnell gähnend langweiligen Posse mutieren, sind ihm, dem Pionier, schon etwas ganz und gar Selbstverständliches. Für die Leute ist er eine Art Krawallbruder, ein immer öffentliches Ärgernis. Man erinnere sich, womit die meisten Deutschen damals beschäftigt sind: da wird fleißig an einer bescheidenen kleinen Existenz gearbeitet, die dann nach Möglichkeit konserviert werden soll. Aufregung, Irrsinn und Chaos hat man in den Jahren zuvor genug gehabt (und mitverschuldet); nicht schon wieder, denken die meisten. Wo man doch just dabei ist, wieder wer zu sein. Und dann kommt ihnen einer wie Kinski in die Quere. Gut möglich, das damals so mancher die Straßenseite wechselt, sobald ihm dieser Typ über den Weg läuft. Der trägt unverschämt langes, struppiges Haar (das kommt erst Jahre später, zaghaft und in Schüben, wieder in Mode und ist bald so normal, wie es das im Neunzehnten Jahrhundert und davor schon immer gewesen war); passend zur ebenfalls vorweggenommenen, sehr engen Röhrenhose, dem obligatorischen Rollkragenpullover und einer unrasierten Vorderfront, die mit einstudiertem Blick dauernd provoziert; die Fresse als Fanal. Bei Matinees pöbelt der Mime denn auch mit Inbrunst das zahlende Publikum an (wie sich etwa Harald Juhnke, ein Freund aus alten Tagen, immer wieder amüsiert erinnert), er attackiert Zeitungsstände (womit er aber eher am Rande auffällt) und sucht nach weiteren Möglichkeiten, die Aufmerksamkeit auf seine Person zu konzentrieren. Das Zerstören scheint ihm überhaupt schon jetzt, zusätzlich zum lauthalsen Geschrei, den meisten Spaß zu bereiten: er fährt seinen ersten Protzschlitten zu Schrott (etliche werden folgen) und ein kurzer Abstecher in die bildende Kunst endet damit, das der Meister sein gepinseltes Oevre zerreist; die einzige Plastik wird kaputt gehauen. Ein Aktionskünstler im eigentlichen Sinne des Wortes. Er gehört zu den Wenigen, ohne die das angeblich so öde, selbstgefällige Fünfzigerjahrzehnt nicht zu denken wäre: sie stehen für den mehr hinter den Fassaden angefachten, rasch ausufernden Gegenwind, der die steifeBrise langsam bricht.Und Kinski braucht das dringend, denn er giert förmlich nach Aufmerksamkeit.
Die wird ihm endlich, in breiter Form, zu Beginn der Sechziger zuteil; sein eigentliches Durchbruchsjahrzehnt. Als Rezitator macht sich der ´wilde Klaus´ nun endgültig einen Namen. Der ganze Tingeltangel durch die Provinz war nicht umsonst. So, wie er Villon und Konsorten auch jetzt noch rüber bringt, ist es eine Wonne, eine Wucht. Kinski gurrt, schnaubt, zetert, piepst; wie ein frisiertes Hutzelmännchen. Ein Kobold mit spitzer, heller Stimme. Damit manövriert er, ich sagte es schon, hart am Rande einer unfreiwilligen Parodie; es wirkt aber – und wie. Auch wenn er damit also haarscharf in der Nähe einer Lachnummer spazieren geht – der gutturale Koller zahlt sich letzthin aus. Die Platten gehen weg wie Semmeln. Während später so manches über die rohe, grobe Gebärde abgewickelt wird (als Folge jahrzehntelanger Routine oder periodischer Verachtung geschuldet?) vergisst er, bei aller Überspitzung, zu diesem Zeitpunkt noch nicht zur Gänze die feineren, kunstvoll ausbalancierten Nuancen.
Im Film ist Kinski bald nur noch auf den Bösewicht abboniert, zumeist in Gestalt zwielichter Subjekte, die er in den unzähligen Edgar Wallace Schinken bis zum Abwinken herunterspielt. Er kriegt in diesen Filmen selten die Hauptrolle, auch später bekommt er kaum eine ab. Das bleibt also beim Alten. Die vielen markanten Nebenrollen indes sind, wie Setbon in seiner Filmografie korrekt bemerkt, so etwas wie kleine Filme im Film: eine spezielle, in sich geschlossene Vorstellung nebst der laufenden, eigentlichen Darbietung, die wiederum kaum der Rede wert scheint. So sicher er hier immer wieder der heimliche, der eigentliche Star ist und zum darob doch zum Publikumsliebling avanciert: der ´richtige´ darf er eben nicht sein. Was ihm ganz gewiss gestunken hat. Wenn man sich diese Kurzauftritte einmal aufmerksam aus der Nähe anschaut, so fällt auf, wie arrogant und überheblich er hier die meiste Zeit wirkt: einer, der sich mittels blasierter Gefasstheit vom Rest der Kollegen bewusst distanziert, mit jeder Geste Abstand hält – Überlegenheit vortäuscht. Das wirkt weniger elitär als genervt, gelangweilt bis frustriert: auch mit über Vierzig kommt Klaus Kinski noch wie ein trotziger Rebell rüber. Der Mainstream will saubere, verlässliche Gestalten (Fuchsberger, Drache und so weiter), die Kinski und Konsorten dürfen nicht dominieren.
Wie schon gesagt: er ist fortan auf die Bösen, Miesen, die ´linken´ Typen festgelegt; auf Schurken, Arschlöcher und Irre. Ob er das schon damals als eine Art Fluch aufgefasst oder begriffen hat? Oder überwog zunächst noch die Koketterie? Er macht zwar ohne Zweifel schwer von sich reden, bleibt aber eben doch nur der großartige Geheimtipp; der periphere Finsterling vom Dienst. Er, der es immer noch allen zeigen will, bewundert und vergöttert werden möchte, er bedient in den folgenden Jahren allenfalls ein verkaufsträchtiges Klischee; hofiert werden andere. Man kennt ihn längst und gewöhnt sich an sein Gesicht; man gewöhnt sich gleichzeitig daran, das er mal grade eben auftaucht, so zwischendrin (wie ein Spuk); dann darf er zweideutige Blicke absondern, die Maske krampfen (kann keiner so wie er), ein paar Sätze zum besten geben – fertig. Derlei Kurzauftritte zelebriert er, macht eine ganz große Nummer draus, er bannt die Blicke und spannt die Sinne derer, die ihn einfach herrlich finden. Und dann darf er sich, meist lange vor dem Abspann, als Leiche vom Publikum verabschieden; und das Publikum ist unterschiedlich entsetzt bis entzückt. Irgendwie ist er schon so eine Art Star: einer, der kurz aufleuchtet und dann ganz schnell wieder erlischt; eine Sternschnuppe.
Immerhin: er hat nun, in der sogenannten Mitte des Lebens angekommen, den Untergrund verlassen, die lang ersehnte Popularität erreicht. Obschon man ihn einseitig besetzt, bleiben ihm doch gewisse Freiheiten vorbehalten, und die nutzt er: selbst die dümmsten Figuren rettet er mit viel Geschick und Einfallsreichtum vor stereotyper Langatmigkeit. Er legt die Finsterlinge differenzierter an, als damals üblich; er knüpft, ob wissentlich oder instinktiv, an solchen an, die schon in den frühen Jahrzehnten des Jahrhunderts solcherart brillierten. Man kann ihn durchaus mit Moissi oder anderen verblichenen Größen urdeutscher Schauspielkunst vergleichen, aber fairerweise muss man sagen, das die weder cool noch kantig, lässig oder lümmelig waren; die hatten, ihrer Zeit gemäß, ganz andere Facetten in petto.
Wie oben erwähnt, spielt Klaus Kinski in den Sechzigern eine ganze Reihe Italowestern herunter, und mit denen kommt noch einmal ein ganzer Batzen Bares dazu. Wahrscheinlich hat er nie wieder so viel Geld gemacht wie damals. Kinski, der die Hungerjahre am eigenen, dürren Leib zu spüren bekam, greift nun derbe in die Vollen. Wo denn, wenn nicht in der ´ewigen Stadt´, kann einer wie er der Dekadenz in einem Maße frönen, das es an altrömische Völlerei gemahnt? Kinski quartiert sich und seinen Hofstaat, zumeist Hippies aus der näheren Umgebung, in einer sündhaft teuren Villa ein und macht Party ohne Ende. Das viele Geld aus den vielen Filmen geht bei den vielen Gelagen und den vielen ´standesüblichen´ Besorgungen schnell wieder flöten. Sein in späteren Jahren nur mehr peinlich wirkendes, marktschreierisches Getue wird er vornehmlich in dieser privaten Saus & Braus Ära kultiviert haben. Es ist das lärmende und lauthalse Geprahle eines zutiefst unglücklichen, unseligen Mannes, der den verwöhnten Gutshofbesitzer mimt und doch nur als Emporkömmling parliert. Das alles ist gleichsam Theater, mit Gewalt erzwungene Demonstration scheinbarer Selbstverwirklichung, die sich im schrillen Getöse selbst genießt und dabei manche Träne unterdrückt. Er, der zu Beginn seiner Laufbahn trotz aller Stilisierung erfrischend und authentisch wirkte, ist jetzt eher einer, der mit verzweifelter Anstrengung ein fürwahr leidiges Image krampfhaft stützt, bevor der letzte Lastkran kentert. Er zelebriert in diesen Jahren eine durchaus schillernde Vorstellung, swingin – sixties like, sehr zeitgemäß; er berauscht sich am Luxus, ohne doch im mindesten betört zu sein, denn dazu fehlt ihm, dem Sensibelchen, längst der hehre Atem – er keucht und hechelt sich durch eine hohle, aufgeblasene Scheinwelt, die irgendwann von selbst platzt. Folgerichtig wird fortan die Öffentlichkeit, infolge allzu greller Pose, die facettenreichen Aspekte seiner Kunst immer öfter übersehen; er wird weniger Objekt der Auseinandersetzung als vielmehr Zielscheibe billigster Übertreibungen, ein Liebling der Sensationspresse, die ihn immer öfter als geifernden Hanswurst erledigen wird. Ein Prolet, der auf Landadel macht: das ist Klaus Kinski gegen Ende des Sechzigerjahrzehnts. Ihm graut wohl davor, als bloßer ´Aufsteiger´ zu gelten; den aristokratischen Dünkel legt er sich als eine Art seidenen Schutzschild zu. Wenn es die Situation erfordert, weiß er indes jedes Klischee aufzuwärmen: den Underdog (der er tiefinnerst geblieben ist) ebenso wie den Herrn der Welt; den, der meilenweit über den trüben Niederungen thront und leidig Hof hält.
Das wird nun besonders deutlich bei der mit großem Pomp angekündigten Jesus Christus – Erlöser Tournee. Wir schreiben das Jahr 1971. Kinski tritt mit der von ihm höchstselbst bearbeiteten Version des Neuen Testaments an die Öffentlichkeit. Der Startschuss erfolgt im Berliner Sportpalast und geht mit viel Getöse so richtig nach hinten los. Das Ein-Mann-Spektakel missrät schon in Ansätzen, gerät nämlich von Anbeginn außer Kontrolle und wird zum totalen Reinfall. Die durchschaubare Melange aus Zeitkritik und Personenkult, platt zusammengeschustert und vor Anbiederung dermaßen triefend, dass es einen schüttelt, fällt beim anwesenden Publikum mehrheitlich durch. Aber so, dass sich heftiger Widerstand nicht nur regt sondern auch dauernd artikuliert: ständig störend, stetig heftiger. Es ist auf Zelluloid gebannt, ein einzigartiges Zeitdokument. Der Rezitator Klaus Kinski befindet sich mit seinem Programm auf unfreiwilliger Abschiedstournee. Das heißt: zu einer solchen kommt es gar nicht mehr: er, Kinski, geht schon in der Zonenstadt mit seiner selbstverfassten Laienpredigt baden, versucht es etwas später noch einmal im Ruhrgebiet und zerreißt endlich den Vertrag. Schon zetert er auf das ´Gewürm´, das Elende. ´Sie wollten ihn ja nur toben sehen´, wird Werner Herzog im Rückblick befinden, und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Längst haben sich die Zeiten geändert. Kinski hat eine Art Verkündigung im Sinn, einen wie gewohnt pathetischen Vortrag, dem die versammelte Gemeinde gefälligst still und ergeben, in Huld und Andacht zu lauschen habe. So kannte er es von früher; jetzt war das nicht mehr möglich. Noch in seinen Erinnerungen ist ihm schleierhaft, warum das schief gehen musste: „Warum unterbricht mich dieser Idiot,“ fragt er da,“ Hier ist nichts wichtig, als das, was ich vorzutragen habe.“ Er will sich ursprünglich auf eine ganz andere Art und Weise in Rage reden, als das dann bei der unseligen Premiere tatsächlich der Fall ist. Kann ihm denn allen Ernstes entgangen sein, das seit Ende der Sechziger im Zuge eines naiv–ungestümen, frech vorpreschenden Aufbegehrens seitens der neuen Generation immer öffentlicher und nahezu ununterbrochen diskutiert, schwadroniert – palavert wird? Die Studenten hatten es vorgemacht, in Berlin ging der Aufruhr los, und es mutet wie eine späte Ironie an, das ausgerechnet hier, in der ehemaligen Reichshauptstadt, der Klaus Kinski so schamlos ´publikumsbeschimpft´ wird. Berlin, ein Biotop ganz eigener Art, war der Brennpunkt heißhungrigen Aufbegehrens, und dort verbrennt sich der Mime jetzo das hechelnde Maul. Das Nörgeln und Krakeelen, das Zetern bis zur Schmerzgrenze: er hatte es früh, in eigener Sache, kultiviert, und nun fällt das alles heillos auf ihn selbst zurück, ausgerechnet in der Maske des Dulders, eines Botschafters der Liebe und des Friedens. Es kommt einem merkwürdig vor, das Kinski offenbar nicht einmal ahnte, in welches Wespennest er sich begab. Er hatte wohl die Zeichen der Zeit falsch gedeutet oder, wie das eher seiner Art entspricht, herrisch von sich gewiesen, frei nach dem Motto: wenn ICH rede, bebt die Erde und schweigt das Gewürm. Denkste. Die öffentliche Szene ist auf irrsinnige Weise politisiert, die Debatten nehmen überhand und überhaupt wird einfach alles zum Gegenstand geifernder, todernster Debatten. Nun wird alles ganz unterschiedslos in Frage gestellt; die Fieberphantasien dieses Erlösers nicht ausgenommen. Das Erbe jener bourgeoisen Marschierer, deren Etliche schon bald in die bestbezahlten Chefetagen weiter marschieren werden, ist eine pseudoelitäre, auf ihre Weise herrisch ausgelebte Lebensart, die Kinski nun, zu Beginn eines neuen Jahrzehnts, mit voller Breitseite zu spüren kriegt. Jetzt muss bis zum Wiedersinn diskutiert werden, alles wird zum Objekt des ´herrschaftsfreien Diskurses´, der als lautere Schablone herhalten muss, wo er doch nur trickreiche Tarnung ist und die wahre Absichten, heimlichen Motive vortrefflich verschleiert. Und endlich geschieht das viele Gerede nur noch um seiner selbst willen, mutiert zu einem überfrachteten, schwerfälligen Ungeheuer – hat Klaus Kinski das im römischen Exil nicht mehr mitgekriegt? Derlei Senf und Seier schmiert man ihm nun auf´s ´heilige Abendmahl´; den frischen Frass, den er ihnen vorzusetzen beabsichtigt. Klar, das ihm zum Kotzen ist.
In seinem Erlösertext kokettiert Kinski, das verlachte und verkannte Genie, mit jenen, die ihn nun niedermachen; den Leuten aus dem Volk. Er redet von Vietnam und empfiehlt seinen Jesus als Helden der Arbeiterklasse (Zuruf aus dem Graben: ´Der hat doch nie gearbeitet!´). Seine Slogans geraten zu Fallstricken und bringen den Vortrag folgerichtig ins Straucheln. Die Meute im Sportpalast will ihm nicht folgen ins gelobte, ausgeklügelte Land, verweigert den ersehnten Applaus. Sie wollen ihn nicht verstehen und verstehen noch viel weniger, wenigstens in Ansätzen Haltung zu wahren, inne zu halten und einfach bloß zuzuhören. Man fällt ihm ständig ins Wort, reißt lauthals Witze – macht sich über ihn, die fleischliche Widergeburt, dauernd lustig. Man gibt ihm nicht die geringste Chance, in jene weihevolle Stimmung zu geraten, die er sich in narzisstischer Verblendung ausgemalt haben mag. Er, der sonst immer bei der kleinsten Unstimmigkeit zur Furie wird, hat sich wieder so sehr in seine Rolle hinein geschafft, das ihm auf Anhieb zunächst die Spucke weg bleibt: nur zögerlich, stockend gibt er den eigenen Unmut preis. Er lässt die vielen Zwischenrufe anfangs mit steinerner Mine über sich ergehen, weiß kaum, wie ihm hier geschieht. Er lässt die Leute sogar vereinzelt auf die Bühne kommen (und von einem Ordner schleunigst wieder herunter schubsen), gerät in Schreikrämpfe, rennt weg, kommt wieder und schmeißt endlich den Mikroständer von Bord. Schluss; Ende der Vorstellung. Ein verkannter, ein verhöhnter Erlöser der Neuzeit. Aber am Ende passt es dann doch, irgendwie: für einen kläglich kleinen Haufen, eine nun geduldig zuhörende ´Jüngerschaft´ steigt der Erlöser ein letztes Mal vom Berg und hält seine Predigt vor der Bühnenkante ab: an die Hundertmal gekreuzigt, geschmäht und gemieden, gedemütigt und gerädert. -
Dem Berliner Reinfall folgen, wie schon so oft und schon gar nicht zum letzten Male, Bitternis, Wut und abgrundtiefer Hass. Dann aber trifft Kinski den Mann, der ihn mehr als alle anderen wirklich zu nehmen versteht, der ihn auf seine Weise begreifen lernt und das Letzte aus ihm herausholen wird: Werner Herzog. Er ist jemand, der von den Abgründen dieser leidenschaftlichen Seele etwas versteht; einer, der in seinen Filmen immer wieder die Untiefen der Kreatur ausleuchtet und vor einem oft maßlos anmutenden, zugleich seltsam spartanisch gehaltenen Hintergrund nackte Größe entfaltet, ohne mit falschen Pfunden zu wuchern. Gleich die erste gemeinsame Arbeit ist ein Treffer, der die vielen vorrangegangenen Blindgänger vergessen macht: AGUIRRE, DER ZORN GOTTES. Dass dieser Streifen Jahre braucht, um anzukommen, macht ihn rückblickend nur noch sympathischer. Mit Aguirre, sicher eine seiner eindrucksvollsten Verkörperungen, schafft Kinski, was nur wenigen Schauspielern gelingt: eine Darstellung, die unerhört zwiespältig und vielsagend scheint und durch beklemmende, durchweg bezwingende personale Transzendenz dauernde Präsenz erzeugt. Kinski arbeitet hier mit sparsamsten Mitteln, verschwindet fast hinter dem Dämon jenes vieldeutigen Krüppels, den er uns wie eine bitterböse Karikatur verkauft. Und man fragt sich, wieso ausgerechnet er, der meist durch den expressiven Aufschrei Wirkung erzielt, mittels Verzicht und bloße Andeutung derartiges zu vollbringen schafft. Ihm gelingt, das Groteske bis zur Monstranz zu steigern. Herzog und Kinski, die sich zu diesem Zeitpunkt noch siezen, haben bereits zur typischen gemeinsamen Koexistenz gefunden: er – der Mime – schreit, tobt und befiehlt; sein alter Ego – der Regisseur – duldet es, duckt sich und zieht das Ding gnadenlos durch.
Der filmische Abfall, dem sich Kinski im Laufe der siebziger Jahre erneut ´widmet´, übertrifft noch einmal alles, was er bis dato an Schrott geschönt hat. Sein Motto bleibt nachvollziehbar: kleine Rolle, großes, schnelles Geld – noch schneller runtergedreht, der Schwachsinn. Er, der immer davon sprach, abzuhauen, auszusteigen – der großen Freiheit auf den Meeren dieser Welt hinterher zu segeln: er dreht doch weiter Film um Film, was ihn nach eigener Aussage bloß anekelt. In der Regel lassen ihn die Billigproduzenten schon machen; bei so viel Mittelmaß und Dilettantismus ist er der Chef. Und immer ist er auch der Hahn, der am lautesten kräht, braucht er die Konfrontation und muss den Hass spüren, den er sät; richtig satt fühlt er sich, wenn alle kuschen. Das tut von denen, die an den B – Filmen mitwerkeln, sowieso jeder; mit der zweiten oder dritten Garnitur lernte er schon früh umgehen. Wie gesagt: das Meiste dieser Machwerke lohnt der Nachfrage kaum. Dennoch entstehen in dieser Zeit auch einige kleinere Meisterwerke. Den Film NACHTBLENDE,mit Romy Schneider, muss man unbedingt dazu rechnen, des gleichen zwei weitere Streifen vom Werner Herzog: NOSFERATU und, im direkten Anschluss, WOYZECK. Kinski zieht alle Register: als Vampir ergreifend und verblüffend menschlich, wirkt er in der Rolle des gehörnten, verlachten Soldaten schlichtweg erschütternd. Auch hier streift er, stotternd und ungelenk tapernd, die Grenzen zur Parodie; und dazu passt auch der begleitende Kommentar in seinen Erinnerungen, wo er das Ereignis gewohnt großkotzig zur totalen Selbstkasteiung stilisiert, an deren Folgen er leidet wie ein Schwein.
Wenig erfreulich geht es zeitgleich im Privatleben des Schauspielers zu. Zum wiederholten Male zerbricht eine Beziehung an egozentrischer Unerbittlichkeit. Seine nunmehr dritte Ehefrau, die zierliche, sanftmütige Minhoi, hält es nicht mehr mit ihm aus und reicht die Scheidung ein. Apropos Privatleben: unterscheidet sich denn der jenseits des Rampenlichts stehende Kinski von jener lärmenden, anmaßenden (Un)Person, nach der die breite Öffentlichkeit mit lüsterner Neugier sabbernd Ausschau hält? Ist er jenseits vom bereitwillig bedienten Klatsch und Tratsch einer, der anders agiert, als man das wie selbstverständlich stündlich von ihm erwartet? Ganz sicher lässt sich dieser Mensch nicht auf jene Handvoll schillernder Allgemeinplätze reduzieren, die er selbst eifernd heraufbeschwor und die ihn früh wie einen Fluch umwittern. Man ahnt aber, dass er auch außerhalb der veröffentlichten Meinung eine ziemliche Katastrophe gewesen ist. Auf ihn mag zutreffen, was Romy Schneider einmal betreffs ihrer eigenen Person, nicht ohne leises Schaudern, zu Protokoll gab: unlebbar für die andern – erst recht für sich selbst. Die gewinnenden, die versöhnlich stimmenden Züge fristen im Falle Klaus Kinski ein Schattendasein; er wollte es so. Das Liebenswerte ist ihm durchaus eigen, doch liegt es ihm nicht recht: eine gewisse, greifbare Intensität auf diesem Sektor mag ihm wie Schwäche vorkommen, die sich einer wie er – stets im Clinch mit sich, Gott und der Welt – nicht leisten darf. Sein abwehrender Stolz, den er aus Gründen der Selbstliebe wie des Selbsterhaltes gleich einem monströsen Wall um sich herum aufgeschichtet hat, schirmt jede Nähe, die ihn zu sehr mitnähme; wörtlich gesprochen. Wehe, wenn die Dämme brächen! Er ist eine Art Menschenfresser und Menschenabwehrer in einer Person. Dass es aber auch einen sanfteren, leiseren Kinski gibt, jenseits der aufgemotzten, stets lärmenden Fassade, wird von zahlreichen Kollegen ausdrücklich bestätigt. Diese Seite betonen vor allem Claudia Cardinale und Eva Matthes, mit denen er richtig gut kann, denen er sich wenigstens ein Stück weit menschlich zeigt, etwas öffnet. Kommt er selbst aufs Menschliche zu sprechen, so gerät ihm schnell wieder alles etliche Nummern zu groß; etwa, wenn er von der Liebe zu seinem Sohn spricht oder jene Hassliebe erwähnt, die ihn zeitweilig an Werner Herzog kettet (dazu später mehr). Seine Verwundbarkeit verbirgt er hinter einer schier undurchdringlichen, massiven Mauer. In den jeweils passenden Rollen tobt er die Verletzlichkeit auf seine Weise aus, ohne sich dadurch von Unsicherheit und Zweifel erlösen zu können. Später werden ihn immer häufiger schwere Melancholien plagen. Er wird das bis zum Schluss hinter seiner rauen Schale verbergen; unterscheidet sich da im Prinzip auch kaum von anderen Menschen, die indes nicht über sein schäumendes Temperament verfügen. Wenn es die Rolle verlangt, weiß er den privaten Weltschmerz wie ein Naturereignis herüber zu bringen; und nie hat er darob sich oder die anderen geschont. Das Image darf darunter nicht leiden. Dazu zählt auch jener sinnliche Mythos, den sich der ´Potenzprotz´ wie ein flatterndes Gewand umgeworfen hat um damit ´prunken´ zu gehen. Die Heldentaten, derer er sich auf diesem Sektor rühmt – angeblich 3000 Geliebte weltweit – kann man wirklich nicht ernst nehmen; ein Bruchteil dessen darf schon als ordentliche Leistung gelten. Doch ganz genau so will er sich immer wieder sehen, so sollen ihn gefälligst die andern sehen: auch hier unübertroffen, unerreicht – epochal. Er, der nun wirklich (Aller)Größte. Zumindest für ihn bleibt fortan die Zeit stehen: älter werden nur die anderen, und vögeln kann er selbstverständlich auch noch mit über Sechzig Lenzen wie ein junger Spund – natürlich ohne Viagra (das es damals noch nicht gibt).
Endlich die Achtziger. Kinski ist immer noch Einzelkämpfer; beruflich wie privat. Als FITZCARRALDO ist er es noch einmal auf überragende, überzeugende Art und Weise. Er mimt einen idealisierten, in seligen Visionen schaumbadenden Schöngeist und weiß das Klischee vom ewig irren, immerfort bösen Geist glaubhaft zu widerlegen. Der Fitzcarraldo ist ein sympathischer, indes nicht minder besessener Mensch, der stur und hartnäckig auf´s Ganze geht. Gut fünf Jahre später, in COBRA VERDE, wirkt diese Attitüde nur noch peinlich, schmierig und verbraucht. Unausgegoren, fahrig und seltsam fragmentarisch wirkt die Rolle, wie der ganze, krude Film. Der Handlungsverlauf bleibt wirr und wendig, und wie ein müder, gelegentlich bedrohlich ächzender und mitunter in heftigen Stößen vorwärts stuppsender Kenterkahn schleppt sich unser alter Kämpe Kinski durch eine arg konstruierte, künstlich geblähte Seelenlandschaft. Diese Arbeit ist ein trister Abgesang; die beiden Heroen taugen nicht mehr füreinander, sind einander fremd geworden, divergieren nur mehr. Kinski wirkt seltsam kraftlos in seiner Wut, die er hier wie ein schales Schautheater abzieht. Hat er sich endgültig verschlissen? Wohl eher überlebt. Er spielt zu dieser Zeit auch kaum noch, und in den USA, seiner neuen und letzten Wahlheimat, gelingt es ihm nur mit Mühe, etwas Fuß zu fassen. Er dreht auch in den Staaten wieder Streifen von der Stange; wird auf den Plakaten groß angekündigt und hat im Film die üblichen kleinen Auftritte. Es hilft nichts: auch drüben, auf der anderen Seite des großen Teichs, bleibt er ein Lückenbüßer mit Knalleffekt – allein Herzog garantierte noch die Hauptrollen; solche, die zu spielen lohnte. So bleibt dem Schauspieler, der sich für echten Schund nie zu schade war, nur übrig, das Spielchen mit zu spielen; einfach so weiter zu machen. Er tritt auf der Stelle und spürt schon das Alter, die Mühsal – sein Ende.
Die Zeit bleibt nicht stehen, und mit ihr wandelt sich die Szene. In KOMMANDO LEOPARD grient sich das alte Theatertier einfallslos bis verlegen durch einige peinliche Szenen, die dem schnellen, schießwütigen Spektakel als plumpe Pausenfüller dienen: wieder der Schurke, wieder auf ein paar Einsätze reduziert. Im Grunde ist Kinski auf seine alten Tage immer noch da, wo er einmal begann: er bleibt der umjubelte Star in drittklassigen Reißern, der ´Berufsbösewicht´, wie ihn der Spiegel nennt. Immer auffällig am Rande, im Mittelpunkt nie. Ein Trüffel auf der viel zu fetten Sahnetorte ist er – man würgt sie rasch herunter, das Sahnehäubchen kitzelt, immerhin, den Gaumen. Und wenn er, mit langer, längst ergrauter Mähne in dem Fernsehfilm DIE ZEITFALLE durch Raum und Zeit hastet und dabei sogar wie ein Stuntmen zur Seite springt, dann überwiegt am Ende mehr das komische, kalauernde Moment: ein alter Zausel zischt vorbei; einer, der selbst auf zeitlos macht und eine furchensatte Fassade zeitigt. Denn diese Zeit, von der in dem Streifen oberflächlich die Rede ist, sie spielt längst gegen ihn – zwingt ihn unerbittlich in die Knie.
Kinski ist jetzt einer, der nach außen hin nicht mehr verbergen kann, wie es wirklich um ihn steht. Er trägt sein gezeichnetes, verwitterndes Greisenantlitz wie ein Fanal: unnachgiebig, unerbittlich und schon bis zur Neige in tiefe, traurige Falten gebettet. Stolz und Hochmut, die ihm ehedem gut anstanden, geraten nun unfehlbar zu einer grausigen, grämlich gehärmten Maske: ein erschütternder Anblick. Er weiß selbst am Besten, was da zum Vorschein drängt, nach außen strebt – sichtbar wird. Seine gemarterte, maßlos aufmuckende Seele obsiegt und offenbart ihn; den verzweifelten alten Wolf. Nicht allein deshalb wird er sich mehr und mehr verstecken, den Kontakt zu Menschen meiden; in den letzten Jahren ist er praktisch in den Wäldern nahe Lagunitas verschollen. Er weiß es längst: die Meute draußen, die will ihn weiterhin nur zetern, keifen – zicken sehen; ihn, den irren, alten Gaul. Also tobt der Künstler, wenn sie ihn erneut vor die Kameras locken –was bleibt ihm übrig? Er kann längst nicht mehr anders. Wenn Kinski mit viel Getöse in irgendeiner Talkshow drauflos poltert oder cool kalauert, wirkt es nicht länger bedrohlich oder bezwingend; in summa nur noch lächerlich bis albern. Und wenn er, der Schauspiel-Opa, den Macho rauskehrt, kommt das umso komischer. So gräbt er, altväterlich circend, die damals noch junge Alida Gundlach an, der er einen süssen Hintern attestiert. Die Dame pariert ganz anständig. Heute wirkt der Auftritt harmlos, etwas armselig. Auch die wenigen andern, denen er sich noch zur Verfügung stellt. Kinski witzelt und wuselt, poltert und pöbelt, schleimt und gräbt sich durch die Schwatzrunden, die vollen Lippen vorwärts wölbend wie ein komischer Lurch, und damit verursacht er nicht länger ein Erdbeben; bloß eine Zitterpartie in der Gegend rund um den Lachmuskel. Seine übertriebenen Bemerkungen sind weit davon entfernt, Skandale zu verursachen, werden auch von den ´Opfern´ eher belustigt zur Kenntnis genommen: ein oller Kämpe halt, dem mit Rücksicht auf sein Alter gern verziehen wird. Klaus Kinski gerät vollends zur Karikatur seiner selbst, ein umgedrehter Dorian Gray, der vor den Augen seines Publikums zerfällt und, auf eher komische Art und Weise, das Laster, den Exzess repräsentiert. Er wird kaum milde mit dem Alter, und die Leute haben ihren Spaß, wenn er, irgendeine Nebensächlichkeit monierend, ruppig wird und ausrastet. Sein wirres Genuschel, der schon erwähnte Knutschemund, die hektischen, herrischen Selbstbespiegelungen, das alles ist nur noch ein Witz. Nichts von alledem entgeht ihm, und weiter gräbt der Schmerz Furche um Furche in die bröckelnde Fassade, tiefe Schneisen graben sich hinein: die Bitterkeit steht ihm ins wirre, tieftraurige Gesicht geschrieben. Die vielen Zweifel, von denen wir annehmen, dass sie ihn schon früh bedrängten, sucht er immer noch in bewährter Manier, mit Lärm und Pathos, zu überspielen; allein, es hilft nichts mehr. Kinski macht dem ältlichen Wolf alle Ehre: nach wie vor weigert der sich, mit dem Rudel zu heulen, und allein wird dann doch ein ´echter Heuler´ draus. So bleibt dem Geächteten, der zu Lebzeiten weder akzeptiert noch wirklich respektiert wird, nur der Rückzug ins Exil. Auf seine letzten Tage muss er sich daher ganz verbergen; er weiß ja, dass sie sein Innerstes, seine Gedanken und Gefühle (ein wahres Ungeheuer an Gefühlen!) nicht zu würdigen wissen. Er hatte ihnen die Emotionen, die ganz großen Gefühle in vielen, allzu vielen Rollen auf den nackten, kalten Tisch geknallt. Vergebens. Es folgt die große, die letzte Einsamkeit, der er nicht entrinnen konnte; und natürlich leidet er an der selbstverordneten, selbstverschuldeten Askese. Dieser Mensch kann nicht ohne Menschen, ohne ein Publikum leben; mehr den je verachtet er sie – bis auf den Grund.
Vor dem totalen Rückzug realisiert er noch ein Projekt, das ihm wirklich am Herzen liegt und, nach eigener Aussage, die einzigen magischen Momente in seinen Leben beschert: den PAGANINI – Film, welcher, als sein filmisches Abschiedsgeschenk, ein tabuträchtiger Torso bleibt.
Das Werk ist, gleich seinem Schöpfer, recht zwiespältig geraten und bleibt, aus künstlerischer Sicht, fragwürdig, auch vieldeutig. Ist das überhaupt ein Film? Und wenn nein – was ist es dann? Für ein Musikvideo ist der Streifen viel zu lang ausgefallen; vor allem zu anspruchsvoll. Von einem ´echten´ Spielfilm kann aber auch nicht wirklich die Rede sein: der durchgehende, der geordnete Handlungsablauf fehlt. Stattdessen dominieren derlei anspruchsvoll in Szenen gesetzte Traumsequenzen und Fieberphantasien; irreal anmutende bildliche Symbolismen, die sich einer abschließenden Deutung schon deshalb entziehen, weil ihr operettenhafter, in Duft und Dusel schwelgender Dünkel alle Querverbindungen mutwillig vernebelt. Die wahllos aneinander gereihten Bilder erzeugen eine Art Rausch, der auch den Helden der Geschichte umtreibt; ein Zustand ständiger Verwirrung, welcher vornehmlich an den Peripherien von Lust und Leidenschaft ossziliert; mitunter soll er wohl besoffen machen. Da ist leider gar nichts, was sich greifen, fassen ließe, so eindringlich die einzelnen Abfolgen auf den ersten Blick auch scheinen mögen: nach einer Weile kommt einem der ganze Wust nur noch unsäglich manieriert, ganz prätentiös vor. Das barocke Prachtgemälde blendet mehr, als das es strahlt oder leuchtet. Es handelt sich um ein gewaltiges Fragment, dessen einzelne Teile bzw. Bruchstücke den Zuschauer spontan verzaubern; jede dieser Sequenzen weiß zu beeindrucken, aber in voller Länge, am Stück besehen, ist der Film nichts Halbes und nichts Ganzes mehr und nach einer Weile unerträglich. Mögen die sehr wienerisch anmutenden Schaumgeburten noch so betörend am genießenden geistigen Auge ´vorüberhauchen´, in zarte Dunstschwaden gehüllt: am Ende bleibt davon nichts mehr hängen. Es war eben alles nur ein Traum. Der schöne, sinnenfrohe Schein trägt daher auch nichts mehr zur Erhellung der Hauptperson bei, die dem Werk den Namen gab; er täuscht doch nur ein monströses, abwegiges Ideal vor – allen irdenen Maßstäben entrückt; wieder einmal. Paganini als Abgott, der im Geigengezirpe und/oder Vögelwahnsinn mächtig (trächtig?) versinkt. Beides wird schnell ungenießbar, denn Kinski überzeichnet ständig, statt zu beschreiben oder nur darzustellen. Überflüssig zu erwähnen, wen der Macher hier zum wiederholten Male auf die barocke Leinwand gewuchtet hat: sich Selbst – etliche Meilen über der runzligen, weihevoll rauchenden Erdkruste schwebend. Was man am meisten vermisst, sind echte Dialoge, überhaupt echte Menschen; Charaktere, die sich greifen, fassen ließen. Der Meister bietet bloß Gespenster, Statisten. Und dann diese ewigen Zeitlupen und Schnitte; am laufenden Meter. Man wird den Eindruck nicht los, als sei hier das wirkliche Leben durch ein imaginäres Sieb gefallen; zu Asche und Pulver zermahlen; Staubwolken, Dunstschwaden zeitigend, die nichts hinterlassen als tote Erde, von einer feinen, nachgewürzten Staubschicht bedeckt. Der Film wirbt auf seine Weise um Verständnis und schweigt einen dabei fortlaufend an. Fast scheint es, als habe ein überirdischer Fremdling, kosmischer Schizophrenie verfallen, einer Sprache Ausdruck verliehen, die keiner hören, keiner deuten – keiner sprechen kann. Der Film leidet auch unter chronischem Wackelkontakt: die Handcam scheint ein Tattergreis oder Schüttelfrostpatient geführt zu haben. Wohl der Meister höchstpersönlich. Der kommt einem in den meisten Szenen wie der Tod selbst vor: ein notgeiler Sensenmann, außer Kontrolle oder aber in vieldeutiger Versteinerung befindlich. Und so ein alter Sack bringt all die jungen Zuschen zur Ekstase? Derlei Rammeleien, mit denen der Film gespickt ist, wirken wie eine Parodie auf die Leiden des Älterwerdens. Kinski selbst aber wirkt wie einer, für den das alles längst harte Knochenarbeit geworden ist, die er umso wütender herunterackert. Manchmal wird der Konsument beim Anblick des hochverehrten, enorm Backenbärtigen Virtuoso das Gefühl nicht mehr los, als habe er sich in eine Doku über Magersüchtige Menschenaffen verirrt; mutet die Fassade des um die Wette bumsenden und fiedelnden Dämonen doch arg Primatenhaft an. Da wird denn wohl das Tier im Manne – das Animalische – die weibliche Ergebenheit befördert haben. Womit wir wieder mal die Parodie, die groteske Entgleisung streifen.
Das wir uns nicht missverstehen: Kinski hat mit diesem Film, mit diesem Experiment (an dem er gescheitert ist) auf alle Fälle etwas Beeindruckendes, immerhin höchst Interessantes geschaffen. Die Einstellungen sind mit Bedacht gewählt, die Bildmotive raffiniert und phantasievoll komponiert worden; liebevoll und behutsam bis ins letzte Detail. Kinski begreift viel von Atmosphäre; das merkt man schnell. Er versteht es, ausgewählte Momente mit ganz bestimmten Stimmungen zu verstärken und musikalisch zusätzlich zu untermalen; bisweilen kleistert er sie aber auch zu. Vor allem geht einem das schier endlose Geigengedudel irgendwann auf den Zeiger, vom triefenden Narzissmus des Meisters in selbigen Szenen folgerichtig geradezu unbekömmlich begleitkommentiert. So werden die sensiblen Momente immer wieder mit Gewalt heraufbeschworen und – sogleich wieder im Keim erstickt. Die Idee, mal eben den Ton ganz auszublenden, wirkt schon nach der ersten Wiederholung nur noch lau und abgestanden; ein simpler Trick. Vielleicht hat er sich das vom Werner Herzog abgeschaut, der ursprünglich Regie führen sollte, aber schnell ablehnte, weil er das Drehbuch für unrealisierbar hielt. So ist am Ende ein echtes Kuriosum dabei herausgekommen, allemal beeindruckender als vieles, was man üblicherweise auf Leinwand zu ertragen hat.
Um abschließend noch einmal die, wie ich finde, wesentlichsten Mängel zu betonen: einzelne der Sequenzen, mit viel Gespür für optimalen Ausdruck und anmutige Schönheit in Szene gesetzt, taugen doch bloß als separate Momentaufnahmen. In der filmischen Aufeinanderfolge wirken die Ereignisse bald allesamt beliebig und austauschbar; sie hätten in jeder nur denkbaren Reihenfolge aufgelistet werden können. Zu abgehoben und entrückt geigt und giert sich der Maestro durch ein bis zum Ersticken geblähtes, über allen Wolken schwebendes Luftschloss. Ein Titan überfliegt die flache Erde auf den Saiten steter Eingebung, die ihn zusätzlich entrückt. So wird denn am Ende bloß eine krachende Bruchlandung draus. Der von Setbon beharrlich betonte Hang zum Absoluten scheint Kinski hier vollends zum Verhängnis geworden zu sein: sein dionysischer Überschwang hat das appolinische Korsett zum Platzen gebracht. PAGANINI ist so zu einem üppigen, ausladenden Festmahl, zu einer reichen, jeden Gaumen verderbenden Festtafel geworden; so recht geeignet für kultivierte Vielfrasse und notorische Bulimisten. Am Ende bleibt, bei allem Staunen und heimlicher Bewunderung nur ein Achselzucken, eine gewisse Ratlosigkeit übrig.
Kinski, wie immer jedes bekömmliche Maß überschreitend, liebäugelt schon mit dem Gedanken, das sein Werk eine volle Dekade lang in den Kinos verbleiben werde. Vollkommen absurde Vorstellung in Zeiten wie diesen, die zunehmend hirnlose Materialspektakel feiern. Der Film kommt zunächst gar nicht in die Kinos, weil unser Meister sein finales Opus um kein einziges anrüchiges Detail erleichtern mag; auf einer entsprechendes Konferenz tobt er wie gewohnt und macht dann mit seiner minderjährigen, üppigen Geliebten den gewohnt schroffen Abgang. Der Film wird fortan nicht weiter beachtet und verschwindet folgerichtig in der Versenkung. Dort ruht der Streifen bis zum heutigen Tage; taucht allenthalben in einigen Programmkinos und auch schon mal auf der Mattscheibe auf. Eine ernsthafte Auseinandersetzung findet nicht mehr statt; der Zeitgeist verbietet es. Der Film verzichtet ja auf derlei Mätzchen der Marke High – Tech, die heute so selbstverständlich zu jeder Höhenarie gehören, er kommt ganz ohne Wortgirlanden und irgendwelche Action aus. Keine Chance. Fürwahr grausam ist der Gang der Moden; kalt und gefühllos.
Zum Schluss wird der große Schauspieler ganz vergessen, wie die Mehrzahl seiner Filme längst vergessen ist. Kinski verstummt endlich; darf aber von sich behaupten, bis zum bittren Ende auf jedwede Konzession verzichtet zu haben. Irgendwie gleicht er hier dem coolen Zappa, ein enfant terrible der etwas anderen Art.
Der Verfemte stirbt, kaum im Rentenalter, am Herzen, das er zeitlebens allzu sehr malträtiert hat. Die Obduktion bringt es rasch ans Licht. Lauter kleinere Narben bilden den sichtbaren Beweis, dass zahlreiche kleinere Attacken dem Exitus vorgearbeitet haben müssen. Posthum verleihen sie den legendären Ausbrüchen eine gewisse Authentizität: er war schon er selbst, wenn ihn die Wut packte. So war er ein Gepeinigter bis zum Schluss. Wen mag das wundern? Geschont hat er niemanden; weder sich noch die andern. Am Ende zahlt man dafür dann den entsprechenden Preis.
Unter den wenigen Trauergästen, die ihm die letzte Ehre erweisen, findet sich folgerichtig noch einmal Werner Herzog, der vielleicht einzige wirkliche Freund, den der Verstorbene je hatte. Wie sehr Kinski gerade ihn gemocht, ja geliebt haben muss, geht deutlich aus der Autobiografie des Künstlers hervor; vorausgesetzt, dass man sie richtig zu lesen versteht. Von den weit über hundert Filmen, an denen er im Laufe seines Lebens mitwirkt, wird in dem Buch kaum einmal einer erwähnt, und wenn das dann doch geschieht, hakt Kinski die Sache mit ein bis zwei Bemerkungen ab. Die Streifen, die er mit Herzog dreht, erwähnt der Mime allesamt und er geht zum Teil auch näher auf die Arbeit selbst ein. Kein negatives Superlativ ist ihm zu schade, um den Partner so richtig herunter zu machen. Mittels frisierter Kunstsprache wird omnivulgär drauflos gehauen. Herzog wird zur Zielscheibe allerübelster begrifflicher Wurfgeschosse, die unter jede geschmackliche Gürtellinie zielen. Der Autor holt alles raus, was aus einer solchen Sprache überhaupt ans grelle Licht zu befördern ist. Er zeigt überdeutlich, wie wichtig ihm dieser Mensch ist. Er kann das gar nicht anders, als er es hier tut: die andern sind nun einmal allesamt unfähig und an ihn selbst reicht niemand auch nur im Allerentferntesten heran. Und weil er den Werner Herzog nun wirklich mag, muss er ihn eben auf so räudige, übertriebene Weise darstellen: ersteres darf ja auf keinen Fall auch nur angedeutet werden – solcherart geschieht es aber im Dutzend. Er liebt Herzog auch und erst recht ob seiner Luftschlösser, an die jener stets unbeirrt, bis zum Verrecken, festhält; da treffen sich die beiden. Großenwahnsinnig sind sie folglich beide: jeder auf seine Weise. Auch Herzog greift nach den Sternen; etwa, wenn er mal eben ein Schiff über den Berg ziehen lässt, was anfangs durchaus niemand glauben möchte und später alle für einen Trick halten. Es wäre verfehlt, derlei Kraftakte mit den Handelsüblichen Muskelspielereien der Marke Hollywood zu vergleichen. Herzog hat ja, bei allem materiellen und personellen Aufwand, stets den Einen, den Menschen – das Individuum im Blick; die titanische Gebärde wird nie um ihrer selbst willen bemüht, alles dient den Manen dessen, der einsam und auf sich gestellt das Drama des Lebens – des Menschseins – leidet, bis an´s Äußerste, bis hart an den Rand. Der Mensch steht im Mittelpunkt, einer, wie Kinski ihn zu verkörpern imstande war: als trauriger Vampir, als tolldreister Empörer oder dem Wahnsinn entgegenfiebernder, armseliger Narr. Den trug der Herzog nun zu Grabe. Manchmal, wird er später zugeben, vermisse er ihn. Den Menschen. Den Freund.
Da stellt sich nun abschließend wieder die Frage, ob man so einen wie den Kinski überhaupt ´erklären´ darf. Darf man?
Er kannte keine Grenzen und wurde doch schlussendlich in die eigenen, immer engeren verwiesen. Er gierte förmlich nach Anerkennung (alle Schauspieler tun das) und beschwerte sich über das ´Geschmeiß´. Er blieb Außenseiter, eine kuriose Randfigur, und wollte doch immer ganz im Mittelpunkt stehen. Er liebte die Frauen und hat doch keine einzige an sich binden können. Nichts genügte, nichts befriedigte, nichts sättigte ihn je. Er war kein Schauspieler. Er hat, meist zu recht, an keinem seiner Filme ein gutes Haar gelassen. Ihm war keine Auszeichnung gut genug, kein Prädikat passend. Keiner, der an ihn herangereicht hätte; niemals. Keine Chance. Hatte er ein Recht, so zu (ver)urteilen? Ganz unberechtigt schienen mir diese Anmaßungen und Übertreibungen nie. Er schaffte es wieder und wieder, den größten Mist durch bloße Präsenz in Ansätzen zu veredeln. Als Darsteller und Künstler ein Genie, blieb auch er, wie viele vor ihm, als Mensch ein hoffnungsloser Amateur, heillos in sich selbst verstrickt. Hätten ihm die etwas anderen Rollen wohl angestanden? Ich glaube, er hätte alles spielen können. Aber das hat keiner mehr von ihm verlangt. Begegnen wir ihm immerhin mit Ehrfurcht und Respekt; er hat beides, allen Verfehlungen zum Trotz, aufgrund seiner gewaltigen künstlerischen Leistung verdient.
(2000)

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