Unterstützen Sie die Tabula Rasa mit einer Spende, wir würden uns freuen: Schreiben Sie eine Mail an: dr.stefangross@web.de
| Erschienen in Ausgabe: No. 32 (2/2008) | Letzte Änderung: 03. Februar '09 |
Plotin und Pseudo Dionysios-Areopagita
von Stefan Groß
Neben Platon und Aristoteles war es
insbesondere der Neuplatonismus, der die christliche Philosophie
des Abendlandes nachhaltig prägte.i
Über einen Zeitraum von tausend Jahren hinweg werden die vom
Platonismus aufgeworfenen und vom Neuplatonismus weitergeführten
Fragen nach dem Einen und nach dem Leben immer wieder zu Axiomen
philosophischer Spekulation. Am Anfang dieser
geistesgeschichtlichen Entwicklung, die bis in den
deutschen Idealismus hineinwirkt, stehen Denker wie Boethius,ii
Scotus Eriugenaiii
und Nikolaus von Kues.iv
Innerhalb des deutschen Idealismus ist es insbesondere der
von Plotin angedachte, von Proklos letztendlich ausformulierte
Gedanke der Triadik vom »In-sich-Bleiben«,
»Aus-sich-Herausgehen« und »In-sich-Zurückkehren«,
der Anlaß gab, um über das Leben, in welcher Form auch
immer, nachzudenken.v
Dieser Gedanke ist es, der die Vertreter idealistischer
Prägung veranlaßt, in ihm eine jener großen
Leistungen spätantiken Denkens zu sehen. Insbesondere Hegel
übernimmt die Lehre von Ausgang und Rückkehr – in
modifizierter Form – in sein System. Es ist aber nicht mehr
das indifferente Eine wie bei Plotin, das sich selbst differenziert,
damit seine Prinzipiate zu ihm zurückkommen, sondern der sich
selbst durchdringende absolute Geist, der das Andere bewußt
in sich setzt, um sich im anderen als
er selbst zu erkennen. Diese »konkrete« Totalität,
wie sie Hegel in der Wissenschaft
der Logik vorstellt und
als spekulative Dialektik des absoluten Denkens begreift,
ist ohne die Rezeption der neuplatonischen Einheits- und
Entfaltungsmetaphysik undenkbar. Dabei fasziniert Hegel
besonders die zweite Hypostase der Einheitsmetaphysik Plotins,
der Nous, den man schon im dritten Jahrhundert nach Christus als
differente Identität und identische Differenz verstand.
Im folgenden ist dem Gedanken
nachzugehen, welche Rolle die Begriffe Denken und Leben bei Plotin
und weiterführend bei Pseudo Dionysios-Areopagita spielten,
bevor anhand der Vorlesungen
über die Geschichte der Philosophie Hegels
Sicht auf Plotins Begriff des Lebens thematisiert wird.
Plotin entwickelte innerhalb seiner
Enneaden
eine spekulative Metaphysik und Ontologie, in deren Zentrum der
Gedanke vom »In-sich-Bleiben« eine zentrale Rolle spielt.
Das rein indifferente Eine, das sich nur erkennen läßt,
wenn man alle Prädikationen beiseite läßt, steht als
erste und höchste, ja, überseiende Hypostase am Anfang
(s)einer immanenten Selbstentfaltung, die bis in die unteren
Seinsschichten hinein reicht. Dieses »In-sich-Bleiben«
des Einen steht dabei für die höchste Seinsintensität
und damit für das absolute Leben, eines, wie Hegel es nennen
würde, »An-und-für-sich-seienden-Geistes«.
Das Sich-Entäußern des Prinzips, das aus seiner
Überfülle heraustritt, ohne diese zu vermindern, läßt
sich als ein Akt sukzessiver Seinsentfaltung und damit als Prozeß
der Lebensvermittlung begreifen. Ohne diese freiheitliche
Vermittlung gäbe es weder die untergeordneten Seinsschichten,
den Nous und die Seele, noch könnten diesen eine immanente
Selbsterkenntnis, d.h. Leben zugeschrieben werden. Nur
weil das Eine ist, ist überhaupt Leben, das sich wiederum auf
das Eine hin bestimmt und dadurch allererst lebt.
Bedingt durch die jeweiligen
Seinsstufen, deren ontologische und epistemische Qualität
(Leben) von der jeweiligen Stellung innerhalb der Seinshierarchie
abhängt, entwickelt Plotin ein ganzes Gefüge von
ontologisch abgestuften Lebensformen. Je unmittelbarer die Seins- und
damit Lebensschichten am übergeordneten Sein
partizipieren, desto intensiver ist ihr jeweiliger Seins- oder
Lebensstatus. Die Entfaltung als Ausdifferenzierung von Sein und
Leben erweist sich damit als ein Prozeß an dessen
unterster Stufe letztendlich das organische und anorganische Leben
steht. Jede Seinsstufe, selbst die niederste Seinsqualität
partizipiert daher – innerhalb der ontotheologischen Hierarchie
– am All-Leben der übergeordneten Hypostasen. Ein rein
nicht seiendes und damit nicht lebendes Prinzip, die reine
Materie ausgeschlossen, ist im Stufenmodell Plotins nicht
angedacht. Alles wirkliche, d.h. alles lebendig Seiende hat,
aufgrund der Präsenz der Alleinheit des Prinzips und bedingt
durch seine Teilhabe an den über ihm seienden Hypostasen, Nous
und Weltseele, eine bestimmte Gestalt (Form) und damit Leben.
Der Mensch als vernunftbegabtes Wesen hat insofern an den
intelligiblen Strukturen teil, d.h. an ihrem Leben Anteil,
sofern er sich im bewußten Denkakt auf die übergeordneten
Seinsphären hin bestimmt. Die Seins- und damit Lebensvermittlung
beschränkt sich aber nicht nur auf die intelligible Natur
des Menschen, sondern, in abgestufter Weise, auch auf die Natur,
der Plotin eine immanent-geistige Bestimmung zugesteht. Als
bestimmte, d.h. durch rationale Bestimmungen (Logoi) geformte,
lebt sie durch das Eine und von dem Einen her, das in ihr, wenngleich
auf der untersten Seinsstufe, wirkmächtig ist.
Neben dieser
ontologisch-kosmologischen Fundierung des Leben, die das Sein auf
allen Stufen erst ermöglicht, kennt Plotin eine weitere. Diese
läßt sich am besten als epistemische beschreiben, die mit
dem Sich-Selbstdenken des Geistes, d.h. mit der noetischen
Reflexion gleichsetzt werden kann.
Die Noesis vollzieht sich, so Plotin
in den Enneaden
auf dreifache Weise. (1.) Der Nous als unbestimmte Zweiheit
bestimmt sich im Akt der Hinwendung zum Einen hin als er selbst.
Diese Hinwendung steht letztendlich für seine
Selbstkonstitution als zweite Hypostase nach dem Einen. Erst
durch die Bestimmung auf das Eine hin begrenzt sich der Nous und
wird zur bestimmten Bestimmtheit. Dieses Sich-Entwerfen auf den
indifferenten Grund ist ein Akt immanenten Lebens und damit zugleich
einer, der für das höchste Leben nach dem Einen steht. Von
dieser ersten Bestimmung qua Epistrophê hebt Plotin die
immanente Selbstbestimmung des Nous (2.) ab. Während
die erste Bestimmung nur als denkende Hinwendung zum Einen
gedacht werden kann, das selbst »jenseits« des Seins und
des Denkens steht, ist der immanente Vollzug, die Noesis, die
Voraussetzung zur Selbsterkenntnis des Nous, sein Leben also. Im
Vollzug – in der noetischen Reflexion – denkt sich der Nous als
die Einheit seiner selbst, indem er die unendliche Vielheit der
in ihm gesetzten Differenzen (Onta) in ihrer Verschiedenheit zur
synthetischen Einheit verbindet. Das Denken der Differenz (Onta) und
die Aufhebung dieser in eine übergeordnete Einheit ist sein
Leben, das er nicht innerhalb der Zeit, sondern als ewiger Geist
vollzieht. Vom Gesamtgeist, der sich in diesem Lebensakt
bestimmt, unterscheiden sich die einzelnen Onta, die selbst geistig
sind. Jede einzelne Idee bestimmt sich als Leben, indem sie sich wie
der Gesamtnous als Einheit in der Differenz, d.h. als
übergeordnete Einheit subordinativer Bestimmungen denkt und
damit lebt.
Neben der kosmologischen Lebens- und
Seinsbestimmung, die für die Ausfaltung des ersten Prinzips
und für die Konstitution der Prinzipiate konstitutiv ist, und
neben der intelligiblen Reflexion des Nous als ontologischer Einheit
geht es Plotin immer wieder um das endliche, d.h. menschliche
Leben (3.). Sowohl durch die Entfaltung des Einen, das damit von
seinem Leben abgibt, als auch durch die intelligible Natur des
Menschen als Geistseele ist es dem reflektierenden endlichen
Menschen möglich, am göttlichen Licht und Leben
teilzuhaben. Diese Teilhabe steht in direkter Verbindung mit dem
Aufstieg des Menschen zum »Einen«. Sobald der
reflektierende menschliche Geist erkennt, daß er ein
Abbild des »Einen« ist, hat er sich bereits von seiner
leiblichen Existenz befreit und bestimmt sich auf das »Eine«
hin. Dieser Akt aktiver Lebensgestaltung, die ihr Ziel in der
Einswerdung mit dem Einen hat, zeichnet die Fähigkeit des
Menschen zu dianoetischer und letztendlich noetischer Reflexion aus.
Damit tritt er in eine spezifische Differenz zur lebendig-sinnlichen
Natur, die zwar geformt ist, die aber nicht über eine
rein-geistige Reflexion verfügt. Gutes Leben, d.h. für
Plotin angemessenes Leben, ist nur dann möglich, wenn sich das
Denken auf sich selbst konzentriert und von allen
leib-sinnlichen Affekten absieht. Wahrhaftes Leben ist also nur
dann möglich, wenn sich der denkende Mensch von allen Affekten
reinigt, d.h. reflektiert. Ein Gott gemäßes Leben,
den Akt der Reinigung und die damit verbundene Erleuchtung oder
Selbstdurchlichtung des menschlichen Geistes eingeschlossen, der als
intelligibler im Intelligiblen verharrt, ist rein kontemplativ.
Wahrhaftes Leben, so Plotin, ist nur durch die »vita
contemplativa« möglich, durch die es letztendlich gelingt,
sich zum »Einen« zu erheben, um sich mit diesem – im
Akt der mystischen Ekstase – zu vereinigen. Dieser Akt der
Vereinigung steht zugleich für die höchste Seins- und
Lebensverwirklichung, die der Mensch innerhalb seiner
raum-zeitlichen Existenz verwirklichen kann. Dieses höchste
Leben hat das Aus-sich-Heraustreten des Geistes zur Voraussetzung,
damit sich der Augenblick der Vereinigung, die Henosis, ereignen
kann.
Von Plotin und Proklos übernimmt
Dionysios im fünften Jahrhundert die »Negative Theologie«
und Henologie. Gemäß der neuplatonischen Maxime der
Unsagbarkeit des Einen läßt sich auch das christlich
modifizierte Eine, der Gott Dionysios’, nicht reflexiv oder per
Reflexion erfassen. Jeder Versuch eines rational-diskursiven Zugriffs
von Seiten der Vernunft scheitert am Urgrund, der als Ursprung
einerseits indifferent, andererseits der Grund seiner
Prinzipiate ist. Der »Eine« Gott ist eben nur auf dem Weg
der Negation zu erkennen. Diese Unerkennbarkeit ist – paradox
gesprochen – die höchste Form der Erkenntnis, die dem
endlichen und Gott-erkennen-wollenden Wesen möglich ist. Analog
zum Denken Plotins ist das Eine nur im Vollzug einer unmittelbaren
Anschauung, einer »unio mystica«, erkennbar.
Diese unmittelbare Vereinigung
begreift Dionysios als höchsten Akt liebender Epistrophê
und damit als absolutes Leben. Wie für Plotin und Proklos steht
auch für Dionysios die »vita contemplativa« für
den einzig wahren Zugang zum nicht oder überseienden Grund von
allem. Parallel zum Neuplatonismus – und entgegen der
christlichen Vorstellung – begreift Dionysios die Einweisung in die
Gotteserkenntnis als mystisches Geheimnis, das nur »Eingeweihten«
möglich ist. Im Akt der Einigung übergibt das
anschauende Ich seine Selbständigkeit und Reflexivität
und verliert sich im zeitlosen Augenblick als Selbst. »Durch
diese werden wir mit dem Unaussprechlichen und dem Unerkennbaren
auf unaussprechliche und unerkennbare Weise vereinigt gemäß
jener Einung, die unserer Verstandes und Vernunftfähigkeit
und Tätigkeit überlegen ist.« Die kontemplative Schau
ist dabei nicht nur ein Akt, der für die Transzendenz des
Ich, sondern auch einer, der für die Qualität des
erreichten Wissens und Lebens steht. Die mystische Schau und die
damit verbundene Kontemplation stehen ihrem Grad nach höher als
das Leben eines sinnzerstreuten Menschen, der sich seiner
Gottesebenbildlichkeit überhaupt nicht
bewußt ist.
Neben diesem Königs- oder
Heilsweg, wie ihn die »vita contemplativa« im Anschluß
an die »Negative Theologie« beschreibt, finden sich
bei Dionysios auch Aussagen, die von Positiv-Attributierungen
Gottes ausgehen. Neben die »Negative Theologie« stellt er
eine »positive«. Anstatt jegliche Aussagen über Gott
zu verneinen, weil sie dessen Hypertranszendenz ohnehin
verfehlen, nimmt die »Positive Theologie« von
Gottesattributen ihren Ausgang. Sie vermittelt zumindest eine
vorläufige Beschreibung von dem, was Gott auch ist. Zu diesen
positiv Bestimmungen zählt Dionysios nicht nur das aus dem
»Sonnengleichnis« bekannte »Eine-Gute«,
sondern auch das Leben. Während Gott, negativ gesprochen
nicht Leben ist, spricht ihm Dionysios innerhalb der »Positiven
Theologie« Leben zu. Er schreibt:
»Nun müssen wir […] das ewige Leben feiern, aus dem das Leben an sich und jegliches Leben kommt und durch das das Leben einem jeden auf charakteristische Weise in alles, was wie auch immer geartet am Leben Anteil hat, zugeteilt wird.«
Alles Leben hat seinen Ursprung im
göttlichen Grund, der zugleich All-Ursache des Lebens ist, denn
»aus ihm haben die Seelen gleichfalls ihre Unzerstörbarkeit,
und alle Lebewesen und Pflanzen haben aus ihm einen äußersten
Widerhall des Lebens gemäß ihr Leben.« Das göttliche
Leben vermittelt sich, wie Dionysios betont, in die Gesamtheit
des Kosmos hinein. Es äußert sich nicht nur in der
Vernunft- und Verstandestätigkeit, sondern reicht auch in die
Wahrnehmungs- und Wachstumsphasen hinein. Die endliche Wirklichkeit
ist damit – in Parallele zu Plotin – Abbild göttlichen
Lebens und damit der Ort, von wo aus die aktive Lebensgestaltung,
d.h. der Rückgang zum Prinzip seinen Anfang nimmt.
Daß das Eine oder Gott innerhalb der endlichen Wirklichkeit als
Bild oder Abbild wahrgenommen werden kann, hat einerseits seinen
Grund in der Güte Gottes, die Welt als ganze an sich teilhaben
zu lassen, zum anderen darin, daß die ganze Welt als Produkt
göttlicher Offenbarung zugleich seinshaft ist und nur durch die
Präsenz Gottes Sein und damit Leben erhält. Die endliche
Natur und der Mensch sind Spuren Gottes, der in ihnen wirkt. Sowohl
die Natur, als Zeichensystem verstanden, als auch die
intelligible Natur des Menschen, der sich nur durch sie dem
göttlichen Einen anzunähern vermag, sind der
Gotteswirklichkeit teilhaftig und ihrer Schöpfung nach
gut. Sowie Gott als Formkraft das Ungeformte und
Gestaltlose, ähnlich wie bei Plotin, gestaltet, durchflutet er
es auch mit Sein und Leben. Das In-Sein Gottes in allem ist es dann
auch, das es dem menschlichen Wesen ermöglicht, von der
sinnlichen Natur – als Bild – auszugehen, um sich, über
sie hinausgehend des göttlichen Mysteriums zu
vergewissern.
Wie für Plotin und Proklos die
Epistrophê den Weg des Menschen zu Gott hin beschreibt, sieht
auch Dionysios in der Rückkehr den Weg des Menschen, der die
Differenz zwischen Welt und Gott überwinden will. Die
Annäherung an das Prinzip, d.h., der Versuch des endlichen
Wesens, sich der göttlichen Güte zu vergewissern,
begreift Dionysios als Heilsgeschichte. Ähnlich wie im
Neuplatonismus Plotins wird diese Annäherung durch Stufen
vermittelt. Während bei Plotin der Aufstieg des Menschen zu Gott
hin aber ein Akt ist, den der Mensch selbst zu leisten hat, wird der
Aufstieg bei Dionysios durch die himmlische und kirchliche Hierarchie
vermittelnd gedacht. Die Hierarchie der Engel und der Kirche bildet
dabei die Welt, sie ist gleichsam die heilige Ordnung, die nicht nur
für graduierte Seinsverhältnisse, sondern auch für
unterschiedliche Lebensdimensionen steht. Gemäß der
Gliederung der Welt in eine rein intelligible, himmlische und
kirchliche nimmt die Lebensintensität von Stufe zu Stufe zu bzw.
ab. Demgemäß haben die kirchlichen Vertreter und über
ihnen die Engel ein höheres Leben als derjenige, der sich zum
Aufstieg entschließt. Der Aufstieg ist kein statisches System,
sondern ein Wirkungsgefüge (eine Energeia), dessen Leiter und
Beweger Gott ist. Der Aufstieg zum »Einen« Gott
vollzieht sich dabei in einem Dreischritt:
»Die Heilige Ordnung verlangt, daß die einen gereinigt sind und die anderen erleuchten und die einen vollendet sind und die anderen vollenden. […] Die göttliche Seligkeit reinigt, erleuchtet und vollendet, denn sie ist Reinheit, Erleuchtung und Vollkommenheit.«vii
Analog zur strukturellen
Ordnung der Hierarchien finden sich im Menschen die Kräfte von
Reinigung, Erleuchtung und Vollkommenheit. Der Aufstieg setzt
auf einer ersten Stufe die Selbstverinnerlichung voraus. Das
Sich-Reinigen von den Affekten der Sinnlichkeit ist, wie bei
Plotin, die Voraussetzung sukzessiver Annäherung an den
göttlichen Ursprung. Um überhaupt zu Gott hin aufsteigen zu
können, nimmt Dionysios durchlässige Hierarchien oder
Seinsschichten an. Diese sind es, durch die sich das göttliche
Leben vermittelt. Um ihrer teilhaftig zu werden, bedarf es des
Menschen, der an seiner eigenen Erlösung mitarbeiten will. Der
Aufstieg muß daher als ein aktives Moment gedacht werden, da
sich die Aufsteigenden zu den bereits Aufgestiegenen hin
bewegen. Die Vertikalität und das Poröse innerhalb der
Stufen, ihre Offenheit, ermöglicht, daß die einen
erleuchten und die anderen gereinigt werden, denn »alle Chöre
der Engel sind Offenbarer und Boten derer, die vor ihnen sind.«viii
Erst wenn der Prozeß der Reinigung und Erleuchtung
abgeschlossen ist, »ereignet« sich die Schau, die
erkenntnislose Einigung, das Betrachten des göttlichen
Lichts, das als Überhelle wiederum ein göttliches Dunkel
ist, denn derjenige, der das göttliche Licht betrachtet,
»erblindet« am Licht und kehrt sich in das göttliche
Dunkel, als das Dunkel des Nicht-Erkennens.ix
Innerhalb des analytischen
Aufstieges zu Gott hin gewinnt die »Symbolische Theologie«,
wie sie Dionysios im Anschluß an die christliche Offenbarung,
d.h. an die »Worte« der »Heiligen Schrift«
formuliert, an Bedeutung. Durch den Gebrauch für das
Göttliche geeigneter Symbole gelingt es dem Gott suchenden
Menschen, sich ein Bild von Gott zu machen. Diese Bildhaftigkeit läßt
sich aber nur als heuristischer Leitfaden beschreiben, weil
durch sie nur deutlich wird, daß Gott auch Leben, aber nicht
nur dieses ist. In Über
die Namen Gottes stellt
Dionysios eine ganze Skala positiver Gottesattribute vor, an
deren achter Stelle, hinter dem Leben, die Weisheit oder Autosophia
steht, die er als die Voraussetzung für endliches Denken und
Schließen begreift. Nur weil diese Weisheit oder diese
Kraft zum Schließen im denkenden Menschen als Bild Gottes
verankert ist, gelingt es diesem, sich spiralförmig dem
Gottesgedanken zu nähern, um sich der absoluten Weisheit
bewußt zu werden. Dieser Akt, in das reine Wissen und die
absolute Wahrheit einzutauchen, ist dann aber, wie im Neuplatonismus,
nur durch die intuitive Erkenntnis vollziehbar. Dionysios schreibt:
»Denn unser menschliches Denken kann sich nicht direkt zu jener Nachgestaltung und geistigen, von jedem Bezug zur materiellen Vorstellungen freien Schau der himmlischen Hierarchien aufschwingen, wenn es sich nicht vorher der ihm gemäßen Führung durch konkrete Vorstellungen bediente und sich die sichtbaren Schönheiten als Abbildungen der unsichtbaren Harmonie bewußt machte und die Verbreitung sinnlicher Wohlgerüche als Abbildungen der Ausbreitung des Gedankens und als Bild der immateriellen Gabe des Lichts die materiellen Lichter und als Abbild der Erfüllung mit der geistigen Schau des Wesens die diskursiven geheiligten Schulungen und als Abbild des harmonischen geordneten Verhältnisse zu allem von Gott Ausgehenden die Ordnungen der Gliederungen hier unten und als Abbild der Teilhabe an Jesus die Teilhabe an der göttlichen Eucharistie – und was sonst noch uns in Symbolen vermittelt wird, den himmlischen Wesen aber in einer höheren Weise als mit den Mitteln der Sinnenwelt.«x
Das endliche Leben, und dies zeichnet Dionysios’ »Symbolische Theologie« auch aus, ist nicht gefallenes Dasein, sondern Ausdruck einer Wirklichkeit, die nach einer höheren strebt. Im Lichte der »Symbolischen Theologie« gelingt es dem Menschen einerseits die Schöpfung in ihrem Gutsein anzuerkennen, andererseits dieses Gute im Leben zu verwirklichen, um sich so dem vollkommenen Leben anzunähern.
Hegel hat sich in den Vorlesungen
über die Geschichte der Philosophie
zwar nicht mit Pseudo Dionysios-Areopagita aber mit Plotin
auseinandergesetzt, dessen Denken er als Verbindung platonischer
und aristotelischer Philosopheme begreift.xi
Was aus dieser – kritischen und zum Teil auch an Plotin
vorbeigehenden – Auseinandersetzung deutlich wird, ist, daß
Hegel die metaphysische Spekulation des Neuplatonikers als ein
Intellektualsystem interpretiert, in dem sich der für Hegel
konstitutive Begriff des Lebens bereits vorgeprägt findet.
Hegels Auseinandersetzung mit Plotin
hat nicht dessen »Negative Theologie« zum Vorbild,
da er eben – ganz aristotelisch – das Intellektualsystem und
nicht das indifferente Eine zum Ausgang seiner Interpretation
macht, denn das »Prinzip der Plotinischen Philosophie ist die
Vernunft, die in und für sich selbst ist. Plotin spricht
allerdings davon, daß das wahrhaft Seiende nur gewußt
werde durch die Ekstase; diese Verzückung muß man sich
aber nicht als Zustand der Schwärmerei vorstellen. Sondern
er nennt dies eine Vereinfachung der Seele, wodurch sie in selige
Ruhe versetzt wird, weil ihr Gegenstand selbst einfach und ruhig
ist.«xii
Reines und wahrhaftes Denken wird, so Hegel, erst dann möglich,
wenn – wie im Fall des noetischen Denkens – vom sinnlichen
Bewußtsein abstrahiert wird. Reines Denken hat sich damit
selbst zum Gegenstand, und dieses Denken des Selbstbewußtseins
ist eben nichts anderes als das Denken des Göttlichen selbst.
Für Hegel ist Plotins Vorstellung des Aus-sich-heraustretenden
Geistes keine Ich-Überschreitung, sondern die höchste nur
mögliche Selbsterkenntnis, die spekulative Begriffe
und Ideen zum Gegenstand hat. Damit ist Plotins Vorstellung von
Selbsterkenntnis, so Hegel, keineswegs schwärmerisch.
»Daß aber nichts Schwärmerisches in dieser Vereinfachung des Selbstbewußtseins ist, zeigt sich sogleich darin, daß eben dieses unmittelbare Wissen von Gott ein Denken und Begreifen desselben ist, nicht ein leeres Fühlen oder, was ebenso leer ist, ein Anschauen.«xiii
Begriffslogik à la Hegel und der Versuch intuitiver Erkenntnis, wie sie dem Neuplatoniker vorschwebt, stehen sich hier gegenüber. Ohne auf diese Differenz zweier Letztbegründungsversuche, Reflexion und Anschauung, näher einzugehen, so fällt doch auf, daß Hegel den Begriff des Lebens, wie ihn der Neuplatoniker in der Enneade III 8 formuliert, aufnimmt. In Die Natur, die Betrachtung und das Eine heißt es:
»Wenn also das wahrhafteste Leben vermöge von Denken Leben ist, und dies Denken gleich dem wahrhaftesten Denken identisch ist, so ist das wahrhafteste Denken lebendig, die Betrachtung also und das entsprechende Betrachtete leben uns sind Leben und die beiden sind als Einheit beisammen.«xiv
Plotins Begriff des Lebens, den
dieser auch, wie bereits betont, mit der immanenten
Selbstdurchdringung des Nous gleichsetzt, der sich in die Vielheit
seiner Ideen aufspaltet und dabei zugleich einer bleibt, stimmt mit
Hegels Vorstellungen von der Lebendigkeit des Begriffs – seit
seiner Jenaer Zeit – überein. Im Aufheben der Unterschiede
einerseits und in der synthetischen Ineinsführung der
Unterschiedenen andererseits sieht Hegel eine produktive
»Veränderung« des Geistes, der sich als verändernder
gleich bleibt und damit lebt.xv
Obwohl Plotin mit der noetischen
Selbstdurchdringung des Nous zwar zu einer adäquaten
Vorstellung von Leben gekommen sei, kritisiert Hegel die
»negative« Einheit desselben. Entgegen seiner
Begriffslehre, wie er sie in der Wissenschaft
der Logik formuliert,
reduziert Plotin die Lebendigkeit auf den rein intelligiblen Nous,
ohne dabei die Natur, d.h. das Endliche als das Andere des
Begriffs zu thematisieren. Plotin verharre mit seiner
Ideenkonzeption, so der Vorwurf Hegels, im rein »Abstrakten«.
Dabei übersieht Hegel, wenn man seinen Ausführungen zu
Plotins Philosophie folgt, daß sich Plotin selbst mit der Natur
und insbesondere mit der Natur des Menschen beschäftigt. Plotin
reduziert den Lebensbegriff keineswegs nur auf die
Intelligibilität des Nous, sondern macht das Leben – sowohl in
seiner »Naturphilosophie« als auch in seiner
»Subjektphilosophie« – zur Voraussetzung
eines sukzessiven Aufstiegs zum Einen hin. Gerade das geistige Leben,
d.h. die Tätigkeit des Nous im Menschen ermöglicht
letztendlich die anagogische Rückkehr und die
Identifikation mit dem Prinzip. Vor diesem Hintergrund gewinnt
die analytische Philosophie Plotins, d.h. jenes Denken an
Bedeutung, das sich – qua Leben – mit seinem Aufstieg
auseinandersetzt.
i Dies
hebt beispielsweise W. BEIERWALTES hervor. Vgl. ders., »Dionysios
Areopagites – Ein christlicher Proklos?«, in: Platon
in der abendländischen Geistesgeschichte.
Neue Forschungen zum Platonismus,
hg. v. T. Kobusch und B. Mojsisch, Darmstadt 1997, 71–100.
ii K.
FLASCH, Das philosophische Denken im
Mittelalter. Von
Augustin zu Machiavelli, Stuttgart
1988, 43ff.
iii Vgl.
W. BEIERWALTES, Eriugena.
Gründzüge seines Denkens,
Frankfurt/M. 1994, 13ff.
iv Vgl.
W. SCHMIDT-BIGGEMANN, Philosophia
perennis. Historische
Umrisse abendländischer Spiritualität in Antike,
Mittelalter und Früher Neuzeit,
Frankfurt/M. 1998, 509ff. Vgl. N. WINKLER, Nikolaus
von Kues. Zur
Einführung, Hamburg 2001, 32ff.
v Vgl.
W. BEIERWALTES, Proklos.
Grundzüge seiner Metaphysik,
Frankfurt/M. 21979,
15ff.
vi Literatur
in Auszügen: W. BEIERWALTES, Denken
des Einen. Studien
zur neuplatonischen Philosophie und ihrer Wirkungsgeschichte,
Frankfurt/M. 1985. Vgl. ders., Platonismus
und Idealismus, Frankfurt/M. 1972.
Vgl. ders., Identität und
Differenz, Frankfurt/M. 1980. Vgl.
ders., Plotin,
Geist – Ideen – Freiheit,
Enneade V 9 und VI 8,
Einleitung, Bemerkung zu Text und Übersetzung,
bibliographische Hinweise, Hamburg 1990. Vgl. ders.,
Selbsterkenntnis und Erfahrung der
Einheit. Plotins Enneade V 3,
Text, Übersetzung, Interpretation, Erläuterungen,
Frankfurt/M. 1991. Vgl. ders., Platonismus
im Christentum, Frankfurt/M. 1998.
Vgl. hierzu J. HALFWASSEN: Der Aufstieg
zum Einen. Untersuchungen
zu Platon und Plotin, Stuttgart 1992.
Vgl. ders., Geist und
Selbstbewußtsein. Studien
zu Plotin und Numenios, Abhandlung
der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Jg. 10,
Stuttgart 1994. Vgl. ders.,»Idee.
Dialektik und Transzendenz. Zur Platondeutung Hegels und Schellings
am Beispiel ihrer Deutung des Timaios«, in: Platon
in der abendländischen Geistesgeschichte.
Neue Forschungen zum Platonismus,
hg. von T. Kobusch u. B. Mojsisch, Darmstadt 1997, 193–209. Vgl.
ders., Hegel und der spätantike
Neuplatonismus. Untersuchungen
zur Metaphysik des Einen und des Nous in Hegels spekulativer und
geschichtlicher Deutung, Bonn 1999.
Vgl. Ch. HORN, Plotin über Sein,
Zahl und Einheit. Eine Studie zu den
systematischen Grundlagen der Enneaden,
Stuttgart und Leipzig 1995. Vgl. H.M. BAUMGARTNER, »Die
Bestimmung des Absoluten. Ein Strukturvergleich der
Reflexionsformen bei J.G. Fichte und Plotin«, in: Zeitschrift
für philosophische Forschung 35(1981), 321–342.
vii PSEUDO
DIONYSIOS-AREOPAGITA, Über die
himmlische Hierarchie. Eingeleitet,
übersetzt und mit Anmerkungen versehen von G. Heil, Stuttgart
1986, 165 B/C.
viii Ebd.,
273 A.
ix K.
RUH, Geschichte der abendländischen
Mystik. Erster
Band. Die
Grundlegung durch die Kirchenväter und die Mönchstheologie
des 12. Jahrhunderts, München
1990, 65.
x PSEUDO
DIONYSIOS-AREOPAGITA, Über die
himmlische Hierarchie, 121, 1 C,
30ff.
xi G.W.F.
HEGEL, »Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie
II«, in: Georg Wilhelm Friedrich
Hegel Werke, Bd.19, hg. v.
E. Moldenhauer und K. M. Michel, Frankfurt/M. 21986,
438.
xii Ebd.,
442.
xiii Ebd.,
444f.
xiv PLOTIN,
»Die Natur, die Betrachtung und das Eine (III 8), in: Plotins
Schriften, Bd.III a, Text und
Übersetzung der Schriften 30–38, Übersetzt von R.
Harder, Neubearbeitung mit griechischem Lesetext und Anmerkungen
fortgeführt von R. Beutler und W. Theiler, Hamburg 1964, 8,
26ff. Vgl. dazu: A. DOZ, La
Logique de Hegel et les problèmes traditionnels de
l’ontologie, Paris 1987, 284.
xv HEGEL,
»Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie II«,
452f.
>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<
Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.