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Erschienen in Ausgabe: No 76 (6/2012) Letzte Änderung: 12.02.13

Die Sprache der Vögel
Wie ich den 13. August erlebte

von Jörg Bernhard Bilke

Vom nächtlichen Mauerbau in Berlin erfuhr ich in den Morgenstunden des 13. August 1961, eines Sonntags, als ich am Kahler See bei Hanau zum Schwimmen war. Ich hatte mein siebtes Semester in Mainz, wo ich studierte, am 31. Juli beendet und arbeitete als Werkstudent bei der Reifenfirma Dunlop in Hanau. Ich war aufgeregt und verunsichert, als ich die schlimme Nachricht erfuhr, denn ich wollte im Spätsommer zur Leipziger Buchmesse fahren, musste aber befürchten, wegen meiner sieben DDR-kritischen Artikel in der Mainzer Studentenzeitung „nobis“ von der DDR-Justiz belangt zu werden. Ich brach die Arbeit in Hanau sofort ab und fuhr noch am Sonntag nach Nienburg an der Weser, wo ich seit Sommer 1959 mit einer Gruppe von Studenten im Auftrag des Landesmuseums Hannover ein germanisches Gräberfeld aus der Zeit der Völkerwanderung freilegte.
Aber der Tag, an dem ich nach Leipzig fahren wollte, kam immer näher! Ich fuhr am 28. August zurück nach Hanau und versuchte , den Ex-Häftling Günter Zehm zu erreichen, der in Langen bei Frankfurt wohnte. Er war im Sommer 1957 als Assistent des Leipziger Philosophen Ernst Bloch (1885-1977) in Jena verhaftet und 1960 aus dem Zuchthaus Waldheim in Sachsen entlassen worden. Im Januar 1961 hatte er fliehen können und schrieb jetzt an seiner Dissertation über Jean Paul Sartre. Er hätte mich heftigst gewarnt, nach Leipzig zu fahren, aber ich erreichte ihn nicht, er war noch zur Häftlingskur in Bad Hersfeld.
Am Mittwoch, 6. September, fuhr ich bei Wartha-Herleshausen über die Grenze. Auf der DDR-Seite wurde mein Ausweise durch einen Schlitz in einen Raum geschoben, der nicht einsehbar war. Mein Herz klopfte vor Angst immer stärker, weil Reisende, die nach mir gekommen waren, schon längst abgefertigt waren. Schließlich gab mir ein Grenzoffizier den Ausweis zurück: Ich durfte einreisen!
Die wissen von nichts, dachte ich, als ich fröhlich auf meinem Motorrad durch Thüringen zum Hermsdorfer Kreuz fuhr. Ich ahnte nicht, dass ich auf Schritt und Tritt observiert wurde, wie ich 1993 in meiner Leipziger Stasi-Akte nachlesen konnte. Ich war schon gefangen, als ich eingereist war, man wartete nur auf den günstigsten Augenblick für den Zugriff! Und der kam am Samstag, 9. September, dem Tag meiner geplanten Abreise. Ich wollte nach Nienburg zurückfahren und im November in Mainz mein achtes Semester beginnen. Aber es kam anders!
Ich parkte mein Motorrad auf dem Karl-Marx-Platz neben dem Mendebrunnen, wo heute das Gewandhaus steht. Ich ging durch die Innenstadt und besuchte mehrere Buchhandlungen, schließlich betrat ich die Universität und notierte mir, was am Schwarzen Brett angeschlagen war: Eine Pflichtvorlesung für Studenten aller Fachrichtungen und Studienjahre war da angekündigt „Die humanitäre Funktion des antifaschistischen Schutzwalls“. Das schrieb ich mir auf.
Von der Spätsommersonne geblendet, ging ich quer über den Karl-Marx-Platz zu meinem Motorrad, hinter dem jetzt ein PKW stand, in dem zwei Männer saßen. Als ich den Zündschlüssel in der Hand hatte, stiegen sie aus, kamen von rechts und links auf mich zu und erklärten mich für festgenommen. Mein Motorrad mit dem aufgeschnallten Koffer blieb stehen. In rasender Fahrt ging es durch die Leipziger Innenstadt zur Staatssicherheit in der Beethovenstraße, das Tor wurde geöffnet und schloss sich hinter mir für fast drei Jahre.
Mein ganzes Leben wurde in diesem Augenblick in eine andere Richtung gedrängt! Wer in einem DDR-Zuchthaus gesessen hat, weiß alles über diesen Staat. Man gerät in eine völlig andere Welt, von der man vorher nichts wusste: Dort hausten Tausende Opfer des „Klassenkampfs“, die in einem demokratischen Land nie verhaftet und verurteilt worden wären. Man ist gezeichnet, wenn man nach Jahren zurückkommt. Es ist, als verstünde man, wie es im Märchen heißt, die Sprache der Vögel und könnte es niemanden mitteilen!

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