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| Erschienen in Ausgabe: No. 33 (3/2008) | Letzte Änderung: 03. Februar '09 |
Eine Art Geschichtsabwicklung
von Robert Lembke
Beckenbach, Niels (Hg.), Avant Garde und Gewalt. Gratwanderungen zwischen Moderne und Antimoderne im 20. Jahrhundert. Hamburg 2007. 200 Seiten. ISBN: 393951912X.
Um es, mit Schiller, gleich „endlich
auf einmal herauszusagen“, dies ist ein problematisches und
mitunter auch ärgerliches Buch, eines, das zwar inhaltlich
interessant bis fesselnd genannt werden, in seiner Behandlungsart
aber nicht überzeugen kann. Ich beschränke mich im
folgenden bei der Besprechung des vorliegenden Sammelbandes auf die
Beiträge von Niels Beckenbach und Christoph Klotter, die eine
engere thematische Verbundenheit aufweisen. Die Aufsätze von
Satjukow/Gries zur Generationengeschichte in der DDR und
Aurich/Jacobsen zum Avantgardismus der Filme Fritz Langs stehen, auch
methodisch, relativ geschlossen für sich, und sie weisen darüber
hinaus nicht die problematischen Aspekte der anderen Texte auf.
Gemeinsam ist jedoch allen
Beiträgen, daß relativ umstandslos ein umfassendes
Geschichtspanorama entfaltet wird, dessen kulturelle,
gesellschaftliche und historische Signatur mittels ausgewählter
Literatur charakterisiert wird, die manchmal übermäßig
ausführlich zitiert, dann wieder bloß genannt wird,
wodurch bisweilen der Eindruck einer gewissen Oberflächlichkeit
entsteht. In der Einleitung des Bandes skizziert Beckenbach
Untersuchungszeitraum und Begriffe. Avantgarde meint dabei durch
geteilte Mentalität bestimmte Gruppen, die in politischer oder
kultureller Hinsicht mehr oder weniger gezielt Veränderungen
herbeiführen. Obwohl es hauptsächlich um die Avantgarden im
20. Jahrhundert gehen soll, wird als geistiger Horizont „Moderne“
angenommen. Auf die inhaltliche Festlegung dieses Begriffs wird
allerdings wenig theoretische Mühe verwandt; als Eckpunkte, die
sich aus der Lektüre ergeben, können Marx und Baudelaire
gelten, der eine als Stammvater aller linken Avantgarde im 20.
Jahrhundert, der andere als Vertreter eines „heimatlosen
Konservatismus“, der eindringlich vom „Unwert der modernen
Massengesellschaft“ künde (66).
Dieser
Seite der vermeintlich „rechten Autoren“ nimmt sich Christoph
Klotter, Psychologieprofessor in Fulda, in seinem Beitrag
„Avantgardementalität“ an. Konstatiert wird bei ihnen eine
„Ablehnung des Bürgers und der unwiderstehliche Hang zur Tat
und zur Gefahr“ (28). Anhand großzügiger Zitate von
Autoren wie Benn, Jünger und Carl Schmitt, deren Zugehörigkeit
zum deutschen Paradigma der „konservativen Revolution“ außer
Zweifel steht, wird deren Welterfahrung als gnostisch
charakterisiert, um anschließend diese Art ‚Weltanschauung‘
als psychologisch defizient aufzuzeigen. Was Gnosis war bzw. was
heute darunter verstanden werden kann, wird allerdings nicht, wie bei
Hans Jonas, in zwei Bänden, sondern in einer Tabelle
charakterisiert. Intellektuell ebenso fragwürdig wie das
Aufkleben eines solchen Etiketts im Sinne eines ‚Dort sind die
Bösen!‘ ist die Rede vom Gegentypus des Bürgers als
„souverän“ (28). Der Bürger, der unter dem Gebot des
Sollens sich seine gegenständliche Welt erbaut, ist gerade nicht
souverän,
sondern – seit Kants praktischer Philosophie – autonom
zu nennen; er ist in der Lage, sich sein eigenes Gesetz zu geben und
dadurch Freiheit vom Naturzwang zu gewinnen, büßt dafür
aber Spontaneität ein, weil er durch sein spezifisches
Tätigwerden in ein System allseitiger Abhängigkeit
eintritt. Souverän wäre gerade jener Versuch einer
Bewahrung „intuitiver Freiheit“ zu nennen, wie sie Beckenbach in
der Einleitung der literarischen Avantgarde zuschreibt;
unglücklicherweise verwendet Beckenbach genau an dieser Stelle
wiederum den (falschen) Begriff Autonomie (vgl. 13).
Jenseits
solcher begrifflichen Unschärfen gibt Klotters Beitrag weiteren,
manifesteren Anlaß zur Kritik. Die Art, wie umstandslos eine
Linie der Kontinuität gezogen wird von Schlegel und Novalis zu
„Dr. Heinz Gräfe, SS-Obersturmbandführer und
Oberregierungsrat“ (34), kommt einer intellektuellen
Bankrotterklärung gleich. Ein angeblich romantisches – d.h.
psychologisch gesehen verfehltes – Wirklichkeitserleben soll mit
verantwortlich sein für die Verwandlung der Deutschen in
Nazi-Schergen – so wird, schon durch die bloße Anordnung der
Texte, suggeriert. Das Ganze erinnert unheilvoll an Georg Lukacs’
Buch Die Zerstörung
der Vernunft und dessen
zentrale Formel „Von Schelling zu Hitler“. Neu und noch
frappierender ist allerdings, daß die Zuschreibung angeblicher
Verantwortlichkeit für spätere Fehlentwicklungen auch
über die deutschen Idealisten Kant und Schiller hereinbricht,
die bisher doch weitgehend vom Verdacht ‚geistiger Brandstiftung‘
frei waren (vgl. 35f). Den Königsberger Rigoristen und den oft
als bieder verspotteten „Moraltrompeter von Säckingen“
(Nietzsche) als Ahnherren des Paradigmas der „Entregelung“
präsentiert zu bekommen, hat zumindest etwas Erheiterndes. –
Dann ist da noch die Art, wie Carl Schmitt, dessen wissenschaftliche
Leistungen auch jenseits der Polarisierung in linkes und rechtes
Lager anerkannt sind, anhand ausgewählter Zitate als dummes,
unbeherrschtes Kind hingestellt wird (vgl. 54f). Der Hang zur
Psychologisierung der besprochenen Autoren, wie er besonders im
allgemeinen Vorwurf des Narzißmus zum Ausdruck kommt, wirkt
banalisierend und verunmöglicht eine differenzierte Betrachtung
– ganz so, als würde man die moderne Zerrissenheit aus
Homosexualität oder dem Aufwachsen als Einzelkind oder Ähnlichem
erklären. Die Anmaßung des tüchtigen und verdienten
Bürgers, der Stolz auf die eigene Normalität in Form
psychischer Gesundheit, wie ihn Klotter hier zur Schau stellt,
provoziert geradezu den intellektuellen Gegenstoß – z.B.
könnte man mit Nietzsche fragen, ob es sich nicht handle um jene
„sublime Selbstbetrügerei, die Schwäche selbst als
Freiheit, ihr So- und Sosein als Verdienst
auszulegen.“i
In
seinem Beitrag über „Utopie und Eschatologie bei Karl Marx“
vertritt Niels Beckenbach die zentrale These, Marx’ Denken sei eine
eigentümliche Zusammensetzung aus streng wissenschaftlichen
Elementen und eingemischten religiösen Denkmustern, die
abwechselnd als gnostisch, utopisch oder eschatologisch
charakterisiert werden. Diese Sicht auf das Marxsche Denken als
Hybrid empirisch nachweisbarer politischer und ökonomischer
Gesetzmäßigkeiten und geschichtsphilosophisch
imprägnierter Spekulationen kann mittlerweile, ohne daß
ich das hier nachweisen kann, als weitverbreitete Auffassung gelten.
Während jedoch die ökonomischen und gesellschaftlichen
Analysen von Marx und Engels Eingang bspw. in die Soziologie gefunden
haben und dort in modifizierter Form weitergepflegt werden, müssen
die spekulativen Anteile sozusagen ausgemerzt werden. Dies umso mehr,
wenn man sich klarzumachen versucht, an welchem geschichtlichen Ort
wir und insbesondere der Autor Beckenbach sich befinden. Der „real
existierende Sozialismus“ ist nicht bloß gescheitert, was
vielleicht noch erträglich wäre, er hat auch, beim Versuch
der Errichtung des irdischen Paradieses, Unmengen von Schuld auf sich
geladen, die von den gezielten Vernichtungen unter Mao und Stalin bis
zur totalitären Überwachung und der Nichtachtung
persönlicher Freiheiten reichen. Diese Verbrechen an der
Menschlichkeit provozieren die intellektuelle Aufarbeitung, die in
einer Art genealogischem Zwang irgendwann zu der Frage gelangt, ob
nicht bereits in den Anfängen, also in den Ideen von Marx, ein
Moment von Abirrung und notwendigem Scheitern enthalten sei. Diese
schwierige Ausgangslage wird durch die persönliche
Involviertheit des Autors noch verstärkt. (Beckenbach
veröffentlichte 1973 eine Untersuchung über „Klassenlage
und Bewußtseinsformen der technisch-wissenschaftlichen
Lohnarbeiter“, die sich schon durch den Titel als empirisches
Lehrstück marxistischer Ideologietheorie ausweist.) Das Ganze,
das sich wiederum notgedrungen in Form eines grand
récit präsentiert,
muß also nolens volens zu einer Abrechnung nicht nur mit der
Vergangenheit, sondern auch mit den sie tragenden Gedanken geraten.
Dies geschieht letztlich dadurch, daß Beckenbach die radikalen
Kommunisten als mit religiösen Fanatikern im Prinzip identische
Mentalitätstypen beschreibt. Um diesen Typus einer
„innerweltlichen Askese“ (Weber) zu charakterisieren, unternimmt
Beckenbach eine genauere Analyse des Kommunistischen
Manifests daraufhin, wie
darin die Aufhebung der herrschenden Zustände gedacht wurde. An
dieser weitgehend zutreffenden Argumentation, die auf die Geschichte
des 20. Jahrhunderts verweist, ist nur der Schluß von der
Theorie zur Gewalt zu kurz ausgefallen. So ist es m.E. verfehlt, die
Auswüchse des Totalitarismus durch geistige Elemente nachweisen
und erklären zu wollen. Die Radikalität und Unfreiheit
innerhalb der späteren kommunistischen Regime liegt nicht an
gnostischen Elementen innerhalb der Marxschen Theorie, sondern an der
Eigendynamik und den Gesetzmäßigkeiten des politischen
Kampfes; die Verkennung dieses Aspekts befördert die Gefahr
intellektueller Hexenjagd.
Noch
verwickelter, weil unübersichtlicher wird die Lage in
Beckenbachs zweitem Beitrag, der sich mit der „Neo-Avantgarde“ im
Westen im Zeitraum von 1950 bis in die siebziger Jahre hinein, dabei
natürlich mit besonderem Blick auf die Bundesrepublik, befaßt.
Beginnend mit der Analyse der kulturellen
Avantgarde der Pop-Kultur der 50er Jahre, wird der Übergang zur
politischen
Avantgarde der 60er Jahre und der sich anschließenden
Radikalisierung einzelner Gruppen nachgezeichnet. Methodisch
fragwürdig erscheint dabei des Autors Hang zur Vollständigkeit,
zur Totalerfassung ganzer historischer Phasen. Exuberantes
‚Namedropping‘ gerinnt dabei zu Oberflächlichkeit in Form
assoziativer Gendakenornamentik, die zwar intellektuelle
Überlegenheit suggeriert, jedoch beim Leser das ungute Gefühl
der bloßen Abwicklung von Geschichte entstehen läßt.ii
Die Zweideutigkeit des Textes ergibt sich eben aus der Tatsache, daß
der Intellektuelle Beckenbach hier nicht mehr – wie im Falle der
Behandlung der Marxschen Theorie – bloß mittelbar, sondern
unmittelbar mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert ist. Die
sicherlich auch lustvolle Erinnerung an die damaligen von Freiheit
getränkten Aufbrüche kollidiert dabei mit der
Verantwortlichkeit, die sich aus der von Beckenbach selbst gesetzten
Aufgabe ergibt, diese Vergangenheit im Rückblick bewerten zu
müssen – nämlich im Hinblick auf die Frage nach Schuld
und den Wurzeln der Gewalt. Diese Konstellation führt
schließlich auch dazu, daß Beckenbach sich zum
persönlichen Bekenntnis genötigt sieht (vgl. 168). Auch er
sei von der zentralen Figur jener Jahre, Rudi Dutschke, charismatisch
angesteckt worden, was ihn freilich nicht hindert, am Ende im Namen
des Heute das Urteil über ihn auszusprechen: „Rudi Dutschke
‚wandelte‘ unter
einer tragischen Verkennung der Realität seiner Zeit.“ (186)
Nichtdestotrotz
ist der Autor über weite Strecken bemüht um historische
Differenzierung; allzu einfache kausale Erklärungsmuster, wie
sie etwa bei gewissen angelsächsischen Autoren gepflegt werden,
die die Mitglieder der RAF als „Hitler’s children“
charakterisieren, weist Beckenbach mit Recht zurück. Er bemüht
sich stattdessen um die genaue Lokalisation bestimmter
Gewaltpotentiale, deren schließlicher Umschlag in wirkliche
Gewalt, den „Zivilisationsbruch“ der „Roten Armee Fraktion“,
davon getrennt betrachtet werden sollte. – Was aber vor allem
bleibt von jenem Band und was besonders aus den Aufsätzen
Beckenbachs spricht, ist der Eindruck der Vergeblichkeit
des Vergangenen, trotz
grüner Politik, verstreuter alternativer Milieus und kultureller
Freiheit unterm Kapitalismus. Auf jede Revolution folgt geschichtlich
eine Restauration, könnte man z.B. mit Marcuse sagen; mit Blick
auf die Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts stellt sich jedoch auch die
Frage, ob wir uns nicht bereits jenseits von Revolution und
Restauration befinden.
i
Nietzsche, Genealogie der
Moral, Kap. I, Abschnitt
13.
ii
So wird z.B. die interessant klingende Idee Erik H. Eriksens, das
Generationenverhältnis der Nachkriegszeit als „psychosoziales
Moratorium“ zu beschreiben, nur angerissen, nicht genügend
expliziert. (164)
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