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| Erschienen in Ausgabe: No 72 (2/2012) | Letzte Änderung: 07. Februar '12 |
von Christian Wulff
Liebe Jubiläumsgäste,
wenn Friedrich II. jetzt in den Saal
schauen könnte, wäre er wohl zufrieden: passend zur großen Bühne ein
großes Publikum! So viele, die sein Leben erforscht, sein Erbe entdeckt,
gerettet und gepflegt haben – oft hartnäckig und mit preußischer
Hingabe, wie einst der König selbst. Ich glaube, so mancher von Ihnen
hier im Saal hätte zu Friedrichs Lebzeiten eine Einladung zur berühmten
Tafelrunde erhalten. Weltoffene, belesene und kulturinteressierte
Mitstreiter wusste der Monarch besonders zu schätzen. Allerdings hätte
man an dieser Tafel einige Wahrheiten – zum Beispiel über Niederlagen
auf dem Schlachtfeld – schweigsam mit dem Wein herunterschlucken müssen.
Denn was sein Image betraf, kannte der Herrscher kein Pardon!
Es
war Friedrich II. alles andere als gleichgültig, welches Bild sich die
Nachwelt von ihm machen würde. Wenn er geahnt hätte, dass ausgerechnet
sein Lieblingsportrait heute im Gartensalon von Schloss Bellevue hängt.
Das Gemälde zeigt Friedrich anno 1746. Zwei große Kriege lagen zu diesem
Zeitpunkt schon hinter ihm. Er hatte gerade die preußischen
Justizreformen angestoßen und erste Pläne zur Trockenlegung des
Oderbruchs in der Schublade.
Zehn friedliche Jahre sollten folgen
und große Taten, die wir dem König zu Recht in der Geschichte
gutschreiben, allen voran seine tolerante Zuwanderungspolitik. Tausende
durften sich in Preußen niederlassen: ob in Salzburg oder Sachsen
geboren, ob Hugenotten, Katholiken oder Muslime. Auch wenn diese
Offenheit beim älteren Friedrich vor allem wirtschaftspolitische Motive
hatte, bleibt sie doch untrennbar mit seinem wertvollsten Satz aus
jungen Jahren verbunden: Jeder sollte in Preußen „nach seiner Fasson
selig werden“.
Ich sage „wertvoll“, wohl wissend, dass dieser Satz
in einen historischen Rahmen gehört und wir neben den strahlenden
Errungenschaften auch die dunklen Farben dieser Herrschaft erkennen und
benennen müssen. Wahr ist eben auch: Einwanderung war in Preußen unter
anderem deshalb bitter nötig, weil der Staat rund ein Zehntel seiner
Bevölkerung in den Kriegen verloren hatte. Der Blutzoll für Friedrichs
Großmachtstreben und sein Toleranzversprechen waren zwei Seiten einer
Medaille. Er konnte in einem Moment eiserner Feldherr und im nächsten
sanfter Flötenspieler sein. Auffallend viele aktuelle Bücher und
Zeitungsbeiträge widmen sich diesen Widersprüchen. Es ist anzuerkennen,
dass die meisten Autoren heute den Mut haben, in ihren Analysen nicht
nur die Demütigungen der Kindheit und Jugend nachzuzeichnen, sondern
auch die scharfen Gegensätze, die diese Persönlichkeit im
Erwachsenenalter prägten. Friedrich war tatsächlich beides – Vorbild und
Trugbild in der preußischen Geschichte.
Innenpolitisch handelte
er oft wie ein aufgeklärter Monarch, durchaus menschlich, mitfühlend und
modern für seine Zeit. Außenpolitisch agierte er jedoch als kühner
Kriegsherr, dem kein Preis zu hoch zu sein schien, wenn es um ruhmreiche
Siege ging. Heute ist dieses kritische Urteil wohl konsensfähig. Fast
zweihundert Jahre lang eckte man mit solchen Äußerungen aber durchaus
an: Friedrich wurde als Großer und Einziger glorifiziert, von den
Nationalsozialisten als Ikone missbraucht. Nach 1945 stürzte er tief,
fast bis in die Bedeutungslosigkeit. Er wurde zur Persona non grata.
Deutschland und die Welt haben sich erst in der jüngeren Vergangenheit
einem differenzierten Friedrich-Bild angenähert. Viele Nuancen wurden
nur mühsam offengelegt, denn die Deutung seiner Persönlichkeit war auch
das Ringen um ein wichtiges Stück deutscher Identität.
Auch unsere
europäischen Nachbarn – die mal als Verbündete, mal als Gegner von
preußischen Kriegszügen betroffen waren – haben über die Jahrhunderte
ihr Bild von Friedrich entwickelt. So unsere polnischen Freunde, die
sich natürlich sehr schmerzhaft erinnern an die erste Teilung ihres
Landes 1772. Diese Sicht auf Friedrich gehört mit zum Jubiläumsjahr in
guter Nachbarschaft.
Deshalb, lieber Herr Professor Clark, schätze
ich bei Ihren Forschungen besonders die Perspektivwechsel. Jede Nation,
jede Epoche verdient unser ernstes Bemühen um Faktenkenntnis und
größtmögliche Sensibilität bei der Bewertung von Zusammenhängen. Die
Welt von verschiedenen Standpunkten aus zu betrachten, kann sehr
lehrreich sein, auch für den Blick auf uns selbst, wenn es uns gelingt,
die eigenen Überzeugungen – vermeintliche Gewissheiten – in Frage zu
stellen.
Es ist mir wichtig, dass wir das Jubiläumsjahr für diese
Selbstreflexion nutzen und gerade auch jungen Leuten etwas vermitteln:
In den letzten 300 Jahren hat sich weit mehr verändert als der Zuschnitt
europäischer Grenzen. Unser Verständnis von politischem und
gesellschaftlichem Miteinander ist ein völlig anderes als im 18.
Jahrhundert. In der Lesart Friedrich II. galt alle Liebe dem Vaterland
und alles Streben der Ehre. Tausende Söhne wurden dieser Überzeugung
geopfert. Heute fühlen und handeln wir anders. Nicht der Staat und seine
Expansion, sondern der einzelne Mensch und sein Wohlergehen stehen im
Mittelpunkt. Jedes Menschenleben – von Söhnen wie Töchtern – und jedes
Menschenrecht hat in unserer Gesellschaft großen Wert. Diese
Unterschiede müssen uns bewusst sein, wenn wir über historische
Persönlichkeiten, ihre Leistungen oder Verfehlungen urteilen wollen. Es
steht uns wahrlich nicht zu, den Stab über Friedrich zu brechen. Aber
wir sollten uns davor hüten, einen Mythos zu pflegen.
Lieber Herr
Clark, Sie haben so treffend gesagt: „Wer die Geschichte zu einem
Werkzeugkasten degradiert, wird ihr nicht gerecht.“ Das möchte ich an
einem Tag wie diesem am liebsten doppelt unterstreichen: Die Geschichte
ist kein Werkzeugkasten für die Gegenwart, schon gar nicht für die
Zukunft! Denn die Maßeinheiten an den alten Werkzeugen gelten nicht
mehr. Für mich gleicht die Geschichte eher einer Schatzkiste. Wenn wir
uns ohne Vorurteile auf die Suche begeben, können Erfahrungen aus der
Vergangenheit – auch schmerzliche – sehr, sehr wertvoll sein.
Auf
dem Friedrich-Gemälde, das im Gartensalon von Schloss Bellevue hängt,
ist eine solche Entdeckung möglich: Dort zieht Friedrich II. seinen Hut –
ungewöhnlich für einen König, streng genommen müssten wir uns doch vor
ihm verneigen. Aber hier zollt uns Friedrich seinen Respekt. In diesem
Moment ist er – wenn auch seiner Zeit und seinen eigenen Widersprüchen
verhaftet – wahrlich ein Großer. Dafür lohnt ein zweiter Blick auf
dieses Bild. Eine solche Haltung wünsche ich uns allen in diesem
Jubiläumsjahr!
www.bundespraesident.de
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