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Erschienen in Ausgabe: No 75 (5/2012) Letzte Änderung: 08.02.13

„Kirche ist keine Demokratie“

von Wolfgang Ockenfels

Seit jeher hat es die Politik mit innerweltlicher Macht zu tun. Und Demokratie ist eine politische Form, die auf die Herrschaft der Mehrheit, aber auch auf Machtkontrolle hinausläuft. Darin liegt der Charme einer freiheitlichen Demokratie, die rechtlich verfaßt ist. Unsere Verfassung kennt sogar Bestimmungen, denen eine „Ewigkeitsgarantie“ zugesprochen wird, und die auch von noch so großen Mehrheiten nicht liquidiert werden können. Darüber wacht das Bundesverfassungsgericht, sollte es zumindest, wenngleich dort Interpretationskünstler walten, die mit dem metaphysisch-religiösen Begriff der Ewigkeit nichts anfangen können.
Von der Kirche hingegen, deren Reich und Herrschaft „nicht von dieser Welt“ ist, sollte man ein Verständnis von Ewigkeit annehmen, das nicht nur bis zum „Ende der Tage“ reicht. Daraus resultiert ihre Kraft, dem geschichtlichen Wandel einigermaßen enthoben, nicht jedem „Relativismus der Werte“ verfallen zu sein. Immerhin hat sie, die Kirche, seit über zweitausend Jahren sämtliche Staatsformen überlebt, obwohl sie sich nicht selten in bedenkliche Abhängigkeiten begab und seltsame Anleihen machte. So enthält die kirchenrechtliche Verfassung bis heute politikanaloge Formen aus Monarchie (Papst), Aristokratie (Bischöfe) und Demokratie (Konzil). Seit Carl Schmitt gehört es zur Aufgabe einer „politischen Theologie“, solche Analogien aufzuspüren und auf gegenseitige Überschneidungen oder Übernahmen kritisch zu überprüfen, die dem jeweiligen Selbstverständnis von Kirche und Staat wesensfremd sind.
Da die Kirche keine politische Einrichtung ist, kann sie sich auch keine demokratische Herrschaftsform überstülpen lassen. Und ein Staat, der sich mit einer Kirche verwechselt, wird totalitär, wie uns die Geschichte der „politischen Religionen“ lehrt. Diese Gefahr geht vor allem von jenen Politikern aus, die noch heute oder erneut mit quasireligiösen Heilsansprüchen auftreten.
„Kirche ist keine Demokratie “, bemerkte kürzlich der Augsburger Bischof Konrad Zdarsa: „Sondern wir sind ausgerichtet auf Christus.“ Diese für Christen höchst bedeutsame Aussage fand Claudia Roth, die aus der Kirche ausgetretene Bundesvorsitzende der Grünen, „höchst bedenklich“, und sie betonte: „Wir wollen keine demokratiefreien Räume in unserer Gesellschaft.“
Das kommt einem alten Achtundsechziger ziemlich bekannt vor. Die Parolen von damals liefen auf eine Politisierung aller Lebensbereiche hinaus, einschließlich der Unternehmen und Universitäten, der Familien und der Kirchen. Sie alle sollten als „Teile der Gesellschaft“ demokratisiert werden. Diese französischrevolutionäre Form der Demokratie als totalitäre Herrschaft konnte sich zwar bisher nicht durchsetzen, wabert aber immer noch in den Köpfen mancher Zeitgenossinnen und -genossen.
Freilich trifft man auch in kirchlichen Verbänden und Räten auf die Vorstellung, mit der Übernahme demokratischer Willensbildung und Mehrheitsfindung die Kirche so wie eine politische Partei oder einen bürgerlichen Verein leiten zu können. Die Kirche ist aber eher einer Stiftung vergleichbar. Ihre Zwecke sind ihr vorgegeben, sie sind nicht frei verfügbar, nicht einmal durch die Hierarchie. Erst recht nicht durch ein souveränes Volk Gottes, das sich „seinen“ Gott wählt, wo es doch schon erwählt ist. „Aber weil ihr nicht von der Welt stammt, sondern weil ich euch aus der Welt erwählt habe, darum haßt euch die Welt.“ Man wird ja wohl noch die Bibel (Joh 15,19) zitieren dürfen, um zu erfahren, daß „Entweltlichung“ (Benedikt XVI.) zum ursprünglichen Verfassungsauftrag der Kirche gehört, die in Wahrnehmung dieses Auftrags gehaßt wird.
Als Pater Basilius Streithofen vor einigen Jahren Frau Claudia Roth als ein „zölibatsverstärkendes Element“ bezeichnete, war dies gewiß keine Liebeserklärung, aber auch kein Ausdruck des Frauenhasses. Man muß nicht gleich persönlich werden, wenn es auch sachlich geht. Der Sache nach sind die hochgespielten kirchlichen Reizthemen von A (Abendmahl) bis Z (Zölibat) theologisch, also argumentativ zu erörtern. Dabei „kömmt“ es im Anklang an Karl Marx nicht nur darauf an, die Welt der Bibel „verschieden zu interpretieren“, besonders nicht, sie zu „verändern“, sondern sie als Schöpfung Gottes zu achten. Gerade die amtliche Kirche hat der Offenbarung und ihrer verbindlichen Tradition zu dienen.
Daran kommt sogar ein Papst nicht vorbei. Da kann man noch so viele „strukturierte Dialoge“ führen, wie beispielsweise über die Abtreibung, die „Homo-Ehe“, die Wiederverheiratung oder das Frauenpriestertum. Das kann es katholischkirchlich nicht geben, weil es schon biblisch nicht vorgesehen war.
Die Volkssouveränität ist dem Begriff der Kirche als Stiftung Christi völlig fremd. Denn Christus ist ihr Souverän. Ihm darf man folgen – oder man läßt es bleiben. Von ihm geht alle Vollmacht in der Kirche aus. Die Apostel und ihre Nachfolger haben von ihm das Leitungsamt übertragen bekommen. Allerdings können auch in einer göttlichen Stiftung bestimmte Ausführungsbestimmungen diskutiert werden. Dabei kommt es gelegentlich zu Flügelbildung zwischen links und rechts, konservativ und progressiv. Diesen eher politischen Parteienstreit zu schlichten, ist Aufgabe der Bischöfe, die sich aber nicht selten einem Parteiflügel zuordnen lassen, statt Anstrengungen zu unternehmen, alle Christen, etwa auch die Piusbrüder, unter dem Dach des Petrusamtes zu integrieren.
Wir führen nun schon seit über vierzig Jahren permanente Diskurse, in denen der Glaube und auch die Ordnung der Kirche hin- und hergewälzt werden. Es sind letztlich immer dieselben Themen, die dort medial inszeniert werden, Reizthemen, die schon längst ihren Reiz verloren haben. Aber den weiteren Glaubensabfall hält man nicht durch Debatten auf, sondern durch Mission. Dabei ist das demokratische Organisationsprinzip nicht grundsätzlich mit dem der Kirche unvereinbar. Religiöse Orden wie die Dominikaner haben die Demokratie schon im 13. Jahrhundert praktiziert und wurden somit Vorbilder für weltliche Verfassungen. Hier ging es aber nicht darum, den Glauben neu zu definieren, das kirchliche Amt in Frage zu stellen und den Ungehorsam „von unten“ zu predigen. So etwas würde auch dem Staat nicht gut bekommen.

[c] Die neue Ordnung.de

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