| Erschienen in Ausgabe: No 76 (6/2012) | Letzte Änderung: 24. November '12 |
von Liane Bednarz
Schreie, Nackte, Bomben. Von Calixto
Bieito ist man Krawall gewöhnt. Ihn erwartet das Publikum. Und bekommt ihn in
Bieitos Münchner Inszenierung „Kirschgarten“- im Residenztheater zu sehen. Wenn
auch etwas zahmer als erwartet.
Sein Kollege Thomas Dannemann setzt
in seiner Inszenierung von Tschechows „Drei Schwestern“ im Volkstheater
ebenfalls partiell auf laute und schrille Töne. Gleich zweimal gibt es also
aktuell Tschechow-Neuinszenierungen in München zu sehen. Die Spätwerke des
Meisters der subtilen Psychologie.
Zufall? Zeitphänomen? In beiden geht
es um zerplatzte Träume und den Untergang einer alten Zeit. Um emotionale
Abgründe sowieso. Und somit ganz generell um die Frage:
Desillusion oder Neuanfang? Der
späte Tschechow ist sicher auch deshalb derzeit ganz besonders en vogue. Nicht
nur in der bayerischen Metropole, sondern im ganzen Lande. „Der Kirschgarten“
etwa ist auch in Berlin (Deutsches Theater, Berliner Ensemble) und Hamburg
(Thalia Theater) zu sehen.
Die beiden Spätwerke Tschechows sind
fast schon Antipoden. Im „Kirschgarten“ (uraufgeführt 1904) endet der
dekadente, aber längst schuldenfinanzierte Lifestyle der Gutsbesitzerin
Ranjewskaja (Sophie von Kessel) und ihrer Entourage mit der Zwangsversteigerung
des Kirschgartens.
Und die wird zum Neuanfang. Raus aus
dem Kirschgarten, raus aus den Schulden, raus aus der Provinz. Die „Drei
Schwestern“ (uraufgeführt 1901) - und nicht nur sie -
sind hingegen am Schluss desillusioniert, früh ermüdet und ermattet. Vom grauen
Leben. Und von der Liebe, die zur Langeweile und zum Betrug wurde. Was bleibt
ist die Tristesse der russischen Provinz.
Inszenierungsparallelen – Robbie
Williams lässt grüßen
Es gibt überraschende
Inszenierungsparallelen, die nicht auf Tschechow zurückzuführen sind. Tschechow
wird in München ohne Pause gespielt, man bleibt ganz im Bann der seelischen
Abgründe der Protagonisten. Und der Quotennackte ist an beiden Spielorten eine
nackte männliche Kehrseite. Robbie Williams lässt grüßen.
Aber welcher Gewinn versteckt sich
hinterm „mooning“? Nein, auf diesen UK-Import könnte man getrost verzichten.
Auch setzen beide Häuser auf spärliche Kulissen.
Das Gutshaus im „Kirschgarten“ ist
eine heruntergekommene weiße Fassade, die die Bühne einrahmt und nach und nach
zusammenbricht (Bühnenbild: Rebecca Ringst). Und als Haus der „Drei Schwestern“
dient eine zusammengezimmerte Holzlaube. Statt Fenstern gibt es Plastikfolie
(Bühne: Stefan Hageneier).
Das eigentlich Verbindende der
beiden Inszenierungen ist der schrille, krawallige Touch, wenn auch bei Bieito
viel ausgeprägter. Tschechow in München anno 2012 heißt Geschrei und Hysterie,
heißt Prolls und zickig-kapriziöse Frauen.
Heißt ein Schuss zu viel Klamauk.
Schadet all das den feinen psychologisierenden Spielanordnungen Tschechows? Im
Detail, ja, vielleicht. Aber insgesamt erstaunlicherweise kaum. Auch mit
Krawall und lauten Tönen kann man sich Tschechow nähern.
Krawallige Dekadenz im
Residenztheater
Im Residenztheater wird Lopachin
(Guntram Brattia), Sohn ehemaliger Leibeigener und späterer Ersteigerer des
Kirschgartens, als prolliger Emporkömmling in geschmackloser Kleidung gezeigt.
Aber auch als Realist, der sich der realitätsfernen Dekadenz seiner Mitakteure
entgegenstellt. Sophie von Kessels Ranjewskaja schwebt aus Paris ein und bleibt
in Habitus und Optik dort: eine mondäne blonde und hochgewachsene Schönheit:
Die schlürft dann Champagner und
feiert eine wilde Party mit heißen Latino-Rhythmen. Charakterlich aber bleibt
sie fragil und kapriziös, himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Diese
Zerrissenheit hat bei Bieito leider keine Konstanz. Dazu ist Kessels
Ranjewskaja oft zu entrückt, zu überdreht.
Passend hingegen die Überzeichnung
Warjas, der Pflegetochter von Ranjewskaja (Friederike Ott): Sie ist eine
überspannte verkniffene alte Jungfer, fast klischeemäßig mit biederem Rock,
biederer Flechtfrisur, noch biederer heller Hornbrille und biederem hellblauem
Kittel.
Ihre Kontrollsucht und hysterischen
Ausfälle machen sie mitunter zur Keifzange, heben sie aber auch wohltuend von
der recht facettenlosen leiblichen Tochter Ranjewskajas, Anja (Marie Reiser),
ab. Ja und der Onkel Gajew (Manfred Zapatka) – das ist der liebe, als solcher
aber auch oft nervende gemütliche Gutmeiner: einer, der die Realität ebenfalls
fröhlich verdrängt.
Auch wenn es an der
Vielschichtigkeit der Charaktere bisweilen mangelt, es entsteht in ihrem
Zusammenspiel ein Mehr. Man schreit, man keift und kreischt im Chor. Man
randaliert, man besäuft sich und tanzt wild Salsa. Man knutscht, heult und
zerstört die spärliche Kulisse.
Das ist keine subtile Psychologie.
Das ist Krawall. Aber trotzdem trifft es Tschechow, wenn auch mit Makeln. Denn
die ganze Exaltiertheit zeigt die brüchige Fassade der Figuren, die naive
Verdrängung des finanziellen Desasters. Und wie sehr die ganze Party auf Sand,
vulgo Schulden aufgebaut war.
So gesehen passt die Inszenierung
gut in unsere Zeit. Passend dazu verteilt Lopochin, der Proll und kühle Rechner
am Ende Sekt –nicht Schampus – aus der Discountertüte und in Plastikbechern an
die Zuschauer in den ersten Reihen. Au revoir, décadence.
Geballte Desillusion am Volkstheater
Auch im Volkstheater geht es
durchaus laut und schrill zu. Aber hier regiert keine Überdrehtheit, sondern
wachsende Tristesse, die sich immer mehr in Wutausbrüchen entlädt. Sind die
Schwestern am Anfang noch mit schriller, teilweise nuttig anmutender Kleidung
(Mascha (Xenia Tiling)) sowie Perücken aufgebrezelt, voller Hoffnung auf eine
bessere Zukunft, sind sie nach vier Akten immer farbloser.
Die Kleidung wird biederer – Maschas
schwarze Latexleggins weichen einem blauen Kleid im Laura-Ashley-Stil. Die
Perücken verschwinden und bringen lieblose Frisuren zum Vorschein.
Und die Konflikte werden größer. Die
Enttäuschungen auch, allen voran die eheliche Desillusionierung. Der zickige
Feger Natalja, den der fast schon zu dürre und überdrehte Bruder der drei
Schwestern, Andrej (Oliver Möller), übereilt heiratet, wird von Kristina Pauls
der Rolle entsprechend recht einförmig dargestellt.
Die Vergötterung ihrer Babys, die
Indifferenz gegenüber dem eigenen Ehemann und das schamlose Fremdgehen mit
dessen Vorgesetzten sind durchaus überzeugend gespielt. Ebenso das subtile
Herausekeln der Schwestern aus dem gemeinsamen Haus.
Das spielerische Highlight aber
bilden wie zu erwarten die drei Schwestern. Xenia Tilling (Mascha), Lenja
Schultze (Irina) und Mara Widmann (Olga) schaffen es im Verlauf des Stücks,
immer noch einen Tick fertiger und müder zu erscheinen. Mascha – als einzige
der drei verheiratet – ist in jedem Moment anzusehen, wie sie zunehmend
gelangweilt und genervt von ihrem – nennen wir es mal modern:
„Nerd-Ehemann“ ist, seines Zeichen
Lateinlehrer und – dazu passend – Nylonrucksackträger. Kurzfristige
Lebendigkeit verschafft ihr nur die kurze Affäre mit dem Brigadegeneral
Werschinin – grandios verkörpert von Jean-Luc Bubert, der mit seinen wilden
Gesangseinlagen und seiner lässigen maskulinen Ausstrahlung Pep in die Bude
bringt. Herausragend ist auch Lenja Schultze als Irina.
Sie, für die zunächst die Hoffnung
auf eine sinnstiftende Arbeit, vor allem aber auf einen Umzug ins hymnisch
angerufene Moskau stets Ausweg, stets Lebenselixier war, verblasst in Optik,
Gestik und Mimik immer mehr, wird immer verbitterter. Am Ende steht für sie die
Erkenntnis, dass sie, die drei Schwestern ebenso wie die Zeit vergehen und
vergessen werden.
Ja doch, so viel Nihilismus und
Resignation rufen fast schon Trotz hervor. Und auch das wäre nicht ganz
unpassend in unserer Zeit. Tschechow anno 2012 in München ist also in jedem
Fall ein Gewinn.
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