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Erschienen in Ausgabe: No 75 (5/2012) Letzte Änderung: 08.02.13

Auf der Suche nach dem Innersten des Inneren

von Heike Geilen

Siebzig Jahre wird er am 24. Juni 2012. Die Rede ist von Gerhard Roth, diesem äußerst munteren und agilen Kopfgänger. Sechzehn "Wanderungen" wurden anlässlich seines Geburtstages in diesem Band versammelt, die den Leser auffordern, den Österreicher zu begleiten. Stock und Hut kann er allerdings getrost zu Hause lassen. Nicht einmal sein Zimmer muss er dazu verlassen. Sondern einfach eintauchen in dieses essayistische Kleinod. Denn Roth hat die Gabe, seinen Gegenüber wie von allein durch seine (Buch)Grenzen dringen zu lassen. Der bahnt sich hernach seinen eigenen Weg, der unweigerlich durch den Kopf des Lesenden führt.
Vincent van Gogh macht den Anfang, gefolgt vom "Dichter der Angst" Max Frisch sowie dem "gelehrten Troll" und "Kugelblitz in Menschengestalt" Elias Canetti. Eine zumindest vom Schreibstil einzuordnende Reportage über den ehemaligen österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky schließt sich an, genauso wie ein Essay über seinen "Ab-Kanzler" Thomas Bernhard. Aber auch von Episoden mit weniger bekannten Personen berichtet Roth. Sie reichen von Künstlern wie Bruno Gironcoli, über August Walla bis hin zum "Ingenieur der Erinnerung" Simon Wiesenthal. Ein Beitrag ist dem Steirer Franz Gsellmann gewidmet, dem Erbauer der "Weltmaschine", einem Monstrum aus 200 Glühbirnen, 25 Motoren, 64 Vogelpfeifen, einem Mercedesstern, vier Wasserhähnen, 25 Hula-Hoop-Reifen und weiteren geschätzten 2000 irrwitzigen Einzelteilen. Ein "Bastler" ganz anderer Art wiederum findet sich in Franz Fuchs, dessen "Höllenmaschine" zum Beispiel den damaligen Wiener Bürgermeister, Helmut Zilk, schwer verletzte. Die Nähe von Genie und Wahnsinn schwingt in Roths Begegnungen immer mit. Seine Ausgewählten passen wahrscheinlich nicht in das Raster des "normalen" Durchschnittsmenschen. Es sind verschrobene Querdenker oder eloquente Querulanten, eher kompliziert als umgänglich, mehr eigenwillig als unauffällig. Eine Diktion von "Verrückten" vermisst man jedoch gänzlich. Im Gegenteil. Aus den Buchseiten treten dem Leser äußerst begeisterungs- und verzweiflungsfähige Künstler entgegen, Sichhingebende, Sehende und Seher, mit einem ebenso erhellten wie verdunkelten Geist.
Als Biografien können die kurzen Essays allerdings nicht gelten. Dazu fehlt es ihnen an Vollständigkeit. Vielmehr sind es Skizzen, Analysen oder Reportagen, die Werk und/oder Leben des Porträtierten literarisch analysieren. Gerhard Roth schält mitunter die Häute seiner Figuren wie eine Zwiebel und legt Schicht um Schicht offen. Das gelingt ihm vortrefflich, weil er sein Gegenüber auf sich wirken lässt. So entdeckt er zum Beispiel hinter dem strengen Moralisten Elias Canetti, dem unerbittlichen Verurteiler, einen "Menschenfresser", hinter dem sich wiederum ein besorgter, liebevoller Zeitgenosse verbirgt, und "hinter dem Anteil nehmenden Künstler ein schräger Bohemien, dahinter ein Patriarch, dahinter ein lebenslanger Vorzugsschüler, dahinter ein eifersüchtiges Kind, dahinter ein Genie". Aus diesen Fragmenten setzt sich im Kopf des Lesers das Ganze hernach wieder neu zusammen. Als Fraktalkünstler bezeichnete ihn einmal treffend die ZEIT.
Fazit: Gerhard Roth macht durch seine Erzählkunst das Leben selbst sichtbar - "die Verwandlung von Winzigkeit in Größe, von Eitelkeit in Kümmerlichkeit, von Selbstüberschätzung in Lächerlichkeit, von Hass in Liebe und umgekehrt." Er lässt Bilder im Kopf entstehen. Bilder wie Erzählungen. Erzählungen wie Bilder.
Gesamturteil: Großartig! - und - Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!



Gerhard Roth
Portraits
S. Fischer Verlag (Mai 2012)
317 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 310066065X
ISBN-13: 978-3100660657
Preis: 19,99 EURO

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