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Erschienen in Ausgabe: No 78 (8/2012) Letzte Änderung: 25.06.13

Charlotte von Kalb - Anlässlich ihres 250 Geburtstags

von Annette Seemann

„Bin ich denn ein Chamäleon, den (sic!) jedes in einer anderen Gestalt sieht.“
Die begabte große Seelenfreundin der Klassiker Charlotte von Kalb, gespiegelt durch berühmte Zeitgenossen und sich selbst.


„Charlotte ist eine große sonderbare weibliche Seele, ein wirkliches Studium für mich, die einem größeren Geist als der meinige ist, zu schaffen geben kann. Mit jedem Fortschritt unsers Umgangs entdecke ich neue Erscheinungen in ihr, die mich, wie schöne Partien in einer weiten Landschaft überraschen, und entzücken.“
Dies schrieb Schiller an seinen Freund Körner im Juli 1787. Seit Mai 1784 kannte der junge Theaterdichter Schiller Charlotte von Kalb, geborene Marschalk von Ostheim, die damals in Mannheim lebte, während ihr Mann in der Garnisonsstadt Landau als Offizier diente. Die Theaterstadt Mannheim bot der auf Landgütern bei wechselnden Verwandten aufgewachsenen hochsensiblen Büchernärrin mit der komplizierten Psyche wichtige künstlerische Eindrücke. Sie neigte zu halluzinatorischen Ahnungen. Dieser Blick nach innen war vielleicht so etwas wie eine Kompensation ihres angeborenen schwachen Gesichtsinns. In ihren Gedenkblättern beschreibt sie gefasst die traumatische Kindheitserfahrung, nicht erwünscht zu sein, vielleicht der Grund für ihre Hypersensitivität. Vorausgegangen war ein tragisches Ereignis: Ihr Bruder Fritz wird 1760 in derselben Stunde geboren, in der der erstgeborene Sohn stirbt. Mutter Wilhelmine wird sofort erneut schwanger und bringt 1761 ein Mädchen, Charlotte, zur Welt. Die Schwiegermutter reagiert zeitbedingt mit Aggression gegen das Neugeborene, das keine Verstärkung der Stammhalterposition darstellt.
In ihren „Gedenkblättern“, im Alter abgefassten Erinnerungen (herausgegeben von Emil Palleske, Stuttgart 1879) schreibt sie über die Reaktion ihrer Großmutter: „Heftig rief sie aus: „Du solltest nicht da sein!“ Oft wiederholte sie es, und das Brüderchen sprach die Silben „Dasein“ wie ein Echo nach, und so ward frühe das Schwesterchen von ihm genannt.“
Auf „Dasein“ folgen innerhalb der nächsten 5 Jahre drei weitere Töchter, Wilhelmine, Eleonore und Karoline. Charlotte ist jedoch als Kind ganz auf den älteren Bruder sowie den Vater fixiert. Dessen gelegentliche Zuwendung ist für sie bedeutend, dass sie übersensibel reagiert: „Gewöhnlich saß ich am Tisch neben dem Vater, und der Bruder bei der Mutter. Der Vater hatte die Gewohnheit, die Hand auf mein Haupt zu legen.“ Als sie einmal bei dieser traulichen Geste weint und der Vater den Grund dafür erfahren möchte, antwortet sie. „C`est une bénédiction, mon père.“ Daraufhin möchte ihr der Vater einen Wunsch erfüllen, sie jedoch äußert, fast ahnungsvoll: „Ich kann nicht wünschen … Segen! – O, wenn es nur immer so bliebe!“ Dies alles spielt sich ab auf dem schönen Gut Waltershausen in Franken, dem großen Kindheitsparadies in der Geborgenheit einer glücklichen Familie.
Was macht es da, dass den Mädchen im Unterschied zum Knaben Unterricht nur sporadisch und wenig systematisch erteilt wird. Korrektes Deutsch zu schreiben lernte Charlotte nie. Wie vielen adligen Frauen ihrer Zeit war ihr das Französische die vertrauteste Sprache. Handarbeiten und Haushaltspflichten wechselten mit der gierig aufgesogenen und identifikatorisch vollzogenen Lektüre der großen französischen Tragödien eines Corneille, Racine oder Voltaire. Eine Kindheit, Spiele, Nichtstun? Charlotte schreibt. “Eigentliches Kinderspiel war nicht verboten, aber es blieb dazu keine Zeit. Ob es absichtlich gehindert wurde, weiß ich nicht, mit Puppen habe ich nie gespielt. Ich erinnere mich, dass wir gewöhnlich nach Straßburger Tracht, zierlich und fein gekleidet waren, das reichliche Haar war dafür ein geeigneter Schmuck.“
Im Herbst 1768 stirbt ihr Vater, der von ihr angebetete reichsfreie Ritter Marschalk von Ostheim, unverhofft an einem Fieber, die Mutter erliegt im April 1769 einer Epidemie. Das Leben auf dem Familiengut wird beendet, eine Verstoßung aus dem Paradies. Im Rückblick kommentiert Charlotte: „Auch ich musste fort. Verwandte führten mich, die Türen, welche wir soeben verlassen und an denen wir vorübergingen, wurden gewaltsam zugeschlagen, versiegelt und verschlossen.“
Wechselnde Aufenthalte der unmündigen, wohlhabenden Kinder auf Landgütern und damit verbunden ihre Trennung vom Bruder, den ein Hofmeister erzieht, folgen. Ein Vormund regelt die Geldgeschäfte. Im Hause des Kammerpräsidenten von Türck in Meiningen werden schließlich die vier „Fräulein“ im Sommer 1770 als Pflegekinder gegen Kostgeld aufgenommen. Die von einer eigenen Kinderschar umgebene Pflegemutter ist wohl überfordert und lässt es an Liebe und Einfühlung fehlen. Charlotte erinnert sich: „Den neuen Hausgenossen erschien mein Betragen ungeregelt, auch vernahm ich zum ersten Mal die Rede: „Du bist ein wildes Mädchen!“ Früher hatte ich nie im Traum die Mutter gesehen, doch jetzt war sie in jeder Nacht lebend mit mir, und am Morgen starb sie mir wieder. Tränen flossen diesem sich immer erneuernden Verlust, und ich kann sagen: als Kind hab´ ich ausgeweint.“
Gottesglaube, vermittelt durch überzeugende Geistliche, führen das Mädchen in eine Welt der Innerlichkeit. Zwar war Frömmigkeit ein konventionelles Ideal gerade der damaligen Mädchenerziehung, doch auch hier übertreibt Charlotte mit ihrer schwärmerischen Religiosität in den Augen ihrer Umgebung, die ein adliges Mädchen in freudiger gesellschaftlicher Zugewandtheit erleben wollte. Kurz vor der Konfirmation versucht man sie ernstlich zu ändern:„Früher schon war mir zum Vorwurf, dass ich ungesellig, störrisch sei, und da man jetzt diesen Ernst immer mehr gewahrte, so ward ich streng getadelt, und man drohte: ich könnte nicht eingesegnet werden, weil ich einen so unfreundlichen Sinn hätte.“
Sie macht schon jetzt die Erfahrung, dass ihre moralischen Maßstäbe von denen ihrer Umgebung radikal abweichen: „Meist fand man löblich, was mir bedenklich schien, und schnöd ward erfunden, was ich ehrend erwähnt hatte.“
Charlotte ist in Bauerbach im Haus ihres Onkels Ludwigs von Wolzogen – seine Frau Henriette stammte aus der Familie Marschalk – oft eingeladen und führt mit den Kindern des Hauses begeistert Stücke aus der Bibel auf. Diese Gesellschaft, die Zusammenkünfte mit den wenigen Gelehrten Meiningens im Hause Türck und die Besuche am Meininger Hof, wo die „Fräulein“ ab 1770 regelmäßig ebenfalls zum Theaterspielen bei der jungen Prinzessin eingeladen werden, sind damals die einzigen Ablenkungen von den Reisen ins eigene Innere, denen Charlotte selbst dann nicht entflieht, als sie 1779 Frau von Türck in ihrer letzten Krankheit pflegt. „Ich befand mich in einer sonderbaren Lage: ein Buch in der Hand und lesend; in der Küche, Keller, Boden, Kinderstube und am Krankenbette immer Beobachtung der Wirklichkeit; tätig und ordnend stand ich einem Hauswesen vor, wo mehr als 20 Personen Nahrung und Aufsicht forderten. Mir schien jede Tätigkeit im Leben und selbst das Sterben so leicht, dass ich nichts für schwer achtete und fürchtete, als die Geduld. Und dieser ernsten, strengen, stummen und tötenden Gewalt habe ich mein Lebtag dienen müssen.“
Eine neue Pflegemutter wird gefunden. Charlotte ist unglücklich und einsam, korrespondiert gar mit sich selbst. Wie soll sie einen Freier in Meiningen finden, gar einen, den sie schätzen und achten könnte, da sie im wesentlichen mit Helden aus Tragödien und deren hochgestimmten Idealen auf du und Du lebt? Die jüngeren Schwestern heiraten jedenfalls vor ihr, anders als damals üblich. Ist sie einfach zu kompliziert, trotz der großen Augen und der subtilen Gesichtsbildung? Andererseits sind die Ehen der Schwestern nicht zu beneiden: Traurig heiratet ihre Schwester Wilhelmine Gottfried Waldner von Freundstein und stirbt ein Jahr später. Und Eleonore heiratet ebenso wenig animiert 1782 den soeben in Weimar wegen Misswirtschaft geschassten Kammerpräsidenten Johann August von Kalb, dessen jüngerer Bruder schließlich Charlotte zugedacht wird. Hintergrund ist ein wirtschaftliches Sanierungskonzept der Kalbs mithilfe des beträchtlichen Vermögens der Marschalk-Schwestern. Mitten in diesem Invasionsversuch der Kalbs stirbt Charlottes geliebter Bruder Fritz – ob in einem provozierten Duell oder aufgrund einer akuten Krankheit, bleibt für immer ungeklärt.
Charlotte erinnert. „Ich verlor mit ihm meinen Freund und Ratgeber, den Stolz und die Freude meines Herzens. Uns Schwestern, vor allem mir, der sie überlebenden, ist der Stachel des Schmerzes über den verlorenen geliebten Bruder nie aus der Seele gewichen.“
Dem als Dr. Ritter anonym in Bauerbauch aufgeschlagenen Autor der Räuber, Schiller, hatte seine Gastgeberin Henriette von Wolzogen vom Tode Fritz von Marschalks und der erzwungenen Verheiratung der Schwestern erzählt: sowohl der Name Kalb als auch der von Ostheim fanden daraufhin im Winter 1782/83 Eingang in das neue Stück des jungen Theatergenies, Kabale und Liebe. Was ihm peinlich ist, als Charlotte, seit Oktober 1783 mit Heinrich von Kalb verheiratet, in Mannheim das Stück anschauen möchte. Sie hatte über einen Empfehlungsbrief aus Meiningen Schillers Besuch erbeten und Schiller gemeinsam mit ihrem Mann empfangen: „Des andern Tages reisten wir über Darmstadt und kamen spät nach Mannheim (8.5. 1784). Reinwald und Frau von Wolzogen hatten einiges an Schiller mitgegeben. Als er es empfangen, kam er selbst. – In der Blüthe des Lebens, bezeichnete er des Wesens reiche Mannigfaltigkeit, sein Auge glänzend von der Jugend Muth; feierlicher Haltung, gleichsam sinnend, von unverhofftem Erkennen bewegt. Einige Stunden hatte er geweilt, da nahm er den Hut und sprach: „Ich muß eilends in das Schauspielhaus.“ Später habe ich erfahren, Kabale und Liebe wurde diesen Abend gegeben, und er habe den Schauspieler ersucht, ja nicht den Namen „Kalb“ auszusprechen. Bald kehrte er wieder… Durch Scheu nicht begrenzt, traulich, da gegenseitig mit dem Gefühl des Verstandenseins das Wort gesprochen werden konnte, löste der Gedanke den folgenden Gedanken, ohne Wahl oder Nachsinnen…Bedeutsam war ihm so manches, was ich sagen konnte, und die Beachtung bezeigte, wie gern er Gesinnungen mitempfand. .“
Der Beginn einer sofort als wertvoll, fast heilig empfundenden Seelen-Freundschaft, möchte man meinen. Von Seiten Schillers zu einer verheirateten, schwangeren Frau, einer Frau mit Allüre, Kontakten, Geld und Geist. Von Seiten Charlottes zu einem Mann, der aus einem der Dramen oder Romane entstiegen sein musste, die sie einzig interessierten, während ihr Mann ihr kaum eines Satzes in ihren Erinnerungen würdig war. Für Schiller wurde Charlotte Inspirationsquelle. Es wird verschiedentlich behauptet, die Königin Elisabeth im Don Carlos und mehr noch Prinzessin Eboli seien durch sie inspiriert, doch wird diese Hypothese etwa durch Ursula Naumann auch verworfen. Vom zeitlichen Ablauf – Schiller veröffentlicht das Drama in Portionen ab 1784 – könnten gerade die letzten Akte angereichert sein mit den Erfahrungen, die er mit Charlotte von Kalb machte, mit der er genau in diesen jahren bis 1787 immer wieder in einer sehr engen, intensiven Beziehung lebte. Daher ein wenig Textstudium: Die Königin möchte im 1. Akt erfahren, warum die Prinzessin den Grafen Gomez ausgeschlagen hat: „Ist es schon lang, dass Sie den Grafen ausgeschlagen?“ Da sagt die Eboli: „O viele Monate. Prinz Carlos war noch auf der hohen Schule.“ Und die Königin stutzt: „Haben Sie sich auch geprüft, aus welchen Gründen?“ Und die Eboli (mit einiger Heftigkeit): „Niemals kann es geschehen, meine Königin, aus tausend Gründen, niemals.“ Darauf die Königin (sehr ernsthaft): Mehr als einer ist zuviel. Sie können ihn nicht schätzen – das ist mir genug. Nichts mehr davon.“ Umgekehrt ist auch die Königin selbst in einer Ehe mit einem mann gefangen, König Philipp, den sie nicht liebt und der bekennt, dies zu empfinden:
(3. Akt, 1. Auftritt): König: „Daß sie sonst Schwärmerin gewesen – wer Kann`s leugnen? Nie konnt`ich ihr Liebe geben, Und dennoch – schien sie Mangel je zu fühlen?“
Genauso war die – allerdings beschlossene und vollzogene, mit Kindern befestigte Beziehung von Charlotte und Heinrich von Kalb seitens Charlottens beschaffen: sie konnte diesen Mann „aus tausend Gründen“ nicht schätzen, und er kann ihr keine Liebe geben –
In der Beziehung zwischen der Eboli und Don Carlos wiederum werden ebenfalls mögliche, aber vielleicht nicht so zwischen Schiller und Charlotte stattgehabte Szenen imaginiert (4. Akt, 15. Auftritt): Carlos verlangt von der Frau, die ihn liebt und die er zurückwies, weil er seine Mutter liebt, sie soll ein Treffen zwischen ihm und Elisabeth ermöglichen: Größe fordert er, ein Übersichselbst-Hinauswachsen… genau das war es, was Schiller von ihr forderte, nachdem er Charlotte von Kalbs Potentiale und Vermittlungshilfen ausgeschöpft hatte, als er erkannt hatte, dass sie, die Überspannte, nicht die rechte Lebenspartnerin für ihn, den gleichfalls Hochgespannten sein konnte. Ebenfalls traut Schiller Charlotte die Charakterzüge, die er der Eboli andichtet, zu: Verschmähte Liebe konnte sie zu Rachgelüsten und Raserei führen ( 4. Akt, 19. Auftritt), beziehungsweise inszeniert Schiller sogar im realen Leben Situationen, die bei Charlotte derartige Gefühlsexzesse auslösen mussten. Insofern war sie für ihn – auch – ein ideales „Versuchskaninchen“, das ihm Gefühlskonstellationen um Liebe, Eifersucht, Rache und Raserei authentisch vorführte, Gefühle, die er bislang nur aus Dramen – Shakespeares etwa, kannte, doch nicht in der realen Welt.
5Charlotte von Kalb war es im übrigen auch, die Schiller die Möglichkeit vermittelte, seinen Don Carlos am 26. 12. 1784 in Darmstadt dem Herzog Carl August von Sachsen-Weimar vorzutragen. Eine folgenschwere Lesung, da Schiller daraufhin vom Herzog den Titel „Weimarischer Rat“ verliehen bekam und seine Beziehungen zum Weimarer Hof hier den Anfang nahmen. Erst 1787 konnte Schiller das Stück in Tharandt beenden, kurz vor seiner Übersiedlung nach Weimar. Im Juni 1787 erschien es bei Göschen in Leipzig im Druck.
Zusammenzufassend muß der Hypothese, dass die Charaktere der Eboli und der Elisabeth durch Charlotte von Stein inspiriert wurden, im allgemeinen widersprochen werden – jedenfalls was die Handlungsebene angeht. Hinsichtlich der Personenkonstellationen gibt es jedoch wesentliche Übereinstimmungen und ebenso hinsichtlich eines Zusammenhangs von Eifersucht -- verschmähter Liebe—Raserei und Rachsucht, die Schiller, wahrscheinlich wissentlich, bei Charlotte, einer Adligen, die daher nur in extremis zu derartig starken Gefühlsregungen imstande war, regelrecht herauskitzelte.
Charlotte ihrerseits versuchte im nachhinein ihre damalige Rolle zu objektivieren: „Dadurch, dass ich mit Schiller öfter über die weiblichen Charaktere in den Räubern und Fiesko sprach, ihm auch nicht vorenthielt, in welcher Hinsicht ich meiner Meinung nach, diesen und jenen Zug für verfehlt halte, mag ich einigen Einfluß auf die Charakterzeichnung der Frauen im Don Carlos gehabt haben.“
Im wahren Leben war es jedoch keineswegs so, dass Charlotte eine einfache Geliebte für den Dichter war, beispielsweise bleibt völlig offen, inwieweit Charlotte und Schiller eine erfüllte auch physische Beziehung je erlebten. In diesen Kontext der unerfüllten Sehnsucht fällt ein von chtonischer Gewalt geprägtes Gedicht mit dem Titel „Der Kampf“ oder „Freigeisterei der Leidenschaft“, das der Dichter im nachhinein auf 1782 zurückdatierte, um die Spuren zu verwischen: ….
„Mir schauerte vor dem so nahen Glücke,
Und ich errang es nicht.
Vor deiner Gottheit taumelte mein Mut zurücke.
Ich Rasender! Und ich errang es nicht!

Woher dies Zittern, dies unnennbare Entsetzen,
wenn mich dein liebevoller Arm umschlang? –
weil dich ein Eid, den auch schon Wallungen verletzen,
im fremde Fesseln zwang?

Weil ein Gebrauch, den die Gesetze heilig prägen,
des Zufalls schwere Missetat geweiht?
Nein – unerschrocken trotz ich einem Bund entgegen,
den die errötende Natur bereut.

O zittre nicht – du hast als Sünderin geschworen,
ein Meineid ist der Reue fromme Pflicht,
das Herz war mein, das du vor dem Altar verloren,
mit Menschenfreuden spielt der Himmel nicht.“
Ursula Naumann, eine sehr genau untersuchende Literaturwissenschaftlerin, sieht, anders als viele Interpreten der Beziehung Schillers zu Charlotte von Kalb, in Charlotte eine der Legitimität verpflichtete Frau, die sich erst in einer Ehe mit Schiller diesem ganz hingegeben hätte. Letztlich ist aber die Antwort auf diese Frage unerheblich, entscheidend ist die Frage, was wir Charlotte von Kalb verdanken, warum es wichtig sein könnte, sich ihrer im Jahr ihres 250. Geburtstags zu erinnern. Weitere biographische Erläuterungen mögen uns näher an dieses Ziel führen:
Am 8. September 1784 wird Charlottes erstes Kind, ein Sohn geboren und in Erinnerung an den Bruder, doch vielleicht auch als Hommage an Schiller – Fritz genannt. Schiller, selbst Mediziner, hatte einen Arzt geholt, nachdem die Wöchnerin in der zweiten Nacht nach der Geburt unter Halluzinationen leidend, geschrien hatte und tagelang nicht mehr ansprechbar war. Dreimal pro Woche besucht Heinrich von Kalb die junge Mutter, die im übrigen immer auf die Formen hält und Schiller gerade auch dann zum Essen einlädt, wenn ihr Mann zugegen ist. Schiller reist wenig später ab aus Mannheim, flieht vor Schulden und den ihn verwirrenden Frauen zu seinem Freund Körner.
6 Charlotte lernt in diesem Winter auch die berühmte Sophie von la Roche kennen, die mehrere Monate in Mannheim verbringt. Die wesentlich Ältere genießt die Theaterlandschaft und den geselligen Verkehr. Beide Frauen äußerten sich nur in der positivsten Weise über einander. So schreibt Charlotte in ihren „Gedenkblättern“: „Und dass ich dazumal von der Gesellschaft zu Mannheim einiges Wissen und Erkennen fände, konnte mir wohl keine Belehrung reichlicher und unbefangener sein, als die Gespräche mit Frau von la Roche, die diesen Winter in Mannheim wohnte.“ Die la Roche wiederum schrieb so über Charlotte:“ Dieser Geist des Wohlwollens machte mich auch mit Frau von Kalb, geborene Marschalk bekannt, einer Dame, welche Scharfsinn – wahre Kenntnis, wahre Güte und edle Feinheit des weiblichen Geistes in sich vereint; ihr Umgang ist einer der angenehmsten, welche ich kenne, sie besucht mich oft und ich gehe sehr gerne zu ihr, weil ich sicher bin, von allem sprechen zu hören, was den Verstand und das Herz interessiren kann.“ Diese Beziehung setzt sich anschließend per Korrespondenz fort, von der jedoch nichts erhalten ist. 1802 besuchte Charlotte die Freundin ein letztes Mal, auf ihrer langen Reise, und lernte auch noch Bettine Brentano kennen.
Zurück zur Beziehung zwischen Schiller und Charlotte:
Von vielen Briefen, die damals zwischen Leipzig, dann Dresden, und Mannheim zwischen Charlotte und ihm hin und her gingen, ist nur einer in Teilen erhalten, in Portionen im Mai 1785 geschrieben. Liebe und Freundschaft, Du und sie wechseln einander darin ab, der Ehemann wird erwähnt – es ist ein Verwirrspiel, das Charlotte hier betreibt. Alle Türen bleiben für Schiller letztlich weit offen, der Brief ist ein Angebot, aber will er auch so gelesen werden? Ist Charlotte klar, was sie da schreibt? Ausgewählte Passagen daraus, die auch ihren semantisch unbefriedigenden, aus Satzfragmenten bestehenden Stil kennzeichnen, der aber sie, ihren Enthusiasmus, die Atemlosigkeit ihres Denkens und Fühlens, Hoffnung und Resignation bestens widerspiegeln:
„Ich wusste nicht wie verlassen, wie einsam ich werden würde, als Sie gingen! Das habe ich nicht auf einmal wissen sollen – Gütiger Gott was sind sich unsere Herzen gewesen! Was sind sie sich noch! Wenn ich meine Freunde mir denke – Heinrich, das gute edle Gemüt, sie – mein Bester! Meinen Geist so viel – meinen Herzen immer mehr – wenn sich die Hoffnungen erfüllen die ich von Ihnen habe. Wenn ich meine Freunde mir denke, so ist`s mir als hätte ich den höchsten Grad des Glücks, das freundschaftliche Verbindungen gewähren kann, schon genossen – Die Empfindungen können wiederholt – nicht erhöht werden! – Die Erinnerung gibt sie mir in Trauergewande. Wie ich ängstlich das Bild eines Entschlafenen hervorrufe, so rufe ich Dein Bild hervor! … Unsere Liebe – gehört zu den Eigenschaften unserer Seele – sie kann nur mit dieser zerstört werden – die Ewigkeit ist ihr Ziel! Der Glaube an Unsterblichkeit unsere Hoffnung!...“
Nach der Geburt eines zweiten Kindes, das wenige Wochen später stirbt, verlässt auch Charlotte, die im Winter 1784/85 noch Sophie von La Roche in Mannheim hatte kennenlernen können, woraus sich eine lange freundschaftliche Beziehung entwickelte, Süddeutschland und zieht nach Kalbsrieth, das Stammgut der Familie von Kalb in Thüringen. Sie erlebt eine einsame Zeit, mit Kinder-, Krankenpflege und Lektüre ausgefüllt. Ihre neueste Trouvaille: Herders Werke. Wenig später entdeckt sie, dass die angeborene Augenkrankheit inzwischen fast zur Blindheit geworden ist: „Eines morgens, als ich wieder das Buch mit Begierde erfasste, war ein Schatten auf dem Blatt, was ich lesen wollte, die Zeilen verwirrt und ich unfähig der klaren Unterscheidung… nun wurde mir klar, dass ich stets nur mit dem linken Auge gesehen und das rechte nur einen Schein des Lichts bewahrt hatte.“
In Gotha lässt sie ihre Augen behandeln, die Leiden nehmen ab, doch erst in Weimar, wo sie im Frühsommer 1787 eine Wohnung in der Windischengasse bezieht, kann ihr der nachmals berühmte Arzt Christoph Wilhelm Hufeland mit Belladonna helfen. Wenig später findet sich Schiller in Weimar ein (Frauentorstr. 21 – Gedenktafel, Nähe Goethehaus), es lockten die hervorragenden Beziehungen Charlottes in Weimar, die womöglich Zukunftsperspektiven für den immer noch mittellosen Dichter sind, der gerade im Begriff ist, den Don Carlos zu beenden, zuerst in der Prosafassung, dann in der metrischen. Eine erneute Annäherung ist rasch möglich, Im Brief an Körner vom 23.-25.7. 1787 schreibt er: „Sonderbar war es, dass ich mich schon in der ersten Stunde unsers Beisammenseins nicht anders fühlte als hätte ich sie erst gestern verlassen. So einheimisch war mir alles an ihr, so schnell knüpfte sich jeder zerrissene Faden unsers Umgangs wieder an.“ Es folgt im gleichen Brief der eingangs zitierte Passus über Charlottes große sonderbare weibliche Seele, gleichzeitig die Ankündigung der Abwesenheit Herrn von Kalbs während des gesamten Sommers. Für ihn, so schreibt der Dichter, werde Charlotte nun ihre eingezogene Lebensweise mit dem kleinen Fritz aufgeben, um ihn in die Gesellschaft einzuführen, erstmals auch bei Herzogin Anna Amalia. Eine neue Epoche war für Schiller angebrochen, war ihm doch nun bekannt, dass sein Don Carlos am 29.8. in Hamburg uraufgeführt werden sollte, und daraufhin wiederholt, dass das Stück in Mannheim sowie in Weimar erneut aufgeführt werden sollte. Schiller hatte Aufwind in jenem Jahr.
Herr von Kalb wurde für den September erwartet, tauchte aber erst im November wieder auf. Nachdem die sensitive Charlotte den Schock über die Wiederbegegnung mit dem Geliebten, Schiller, verdaut hatte, präsentierte sie ihn wunschgemäß der gesamten gebildeten Weimarer Gesellschaft: Frau von Stein, Frau von Imhof, Herzogin Anna Amalia, Corona Schröter, Herder und Wieland sowie den Jenaer Professoren. Da verschmerzte es Schiller, dass Goethe, der ihn am meisten gelockt hatte, derzeit in Italien weilte. An Körner schrieb er ausführlich und recht unverblümt im Juli über die Beziehung zu seiner Muse: “Hier ist wie es scheint schon ziemlich über mich, und mich und Charlotten gesprochen worden. Wir haben uns vorgesetzt, kein Geheimnis aus unserem Verhältnis zu machen. Einige Mal hatte man schon die Discretion – uns nicht zu stören, wenn man vermutete, dass wir fremde Gesellschaft los sein wollten. Charlotte steht bei Wieland und Herdern in großer Achtung. Mit dem ersten habe ich selbst über sie gesprochen. Sie ist jetzt bis zum Mutwillen munter, ihre Lebhaftigkeit hat auch mich schon angesteckt und sie ist nicht unbemerkt geblieben.“
Charlotte hatte jedoch Etikettenprobleme mit Schiller: „Schiller forderte oft schriftlich, ich möchte doch zu ihm kommen, er könne nicht ausgehen. Obwohl geneigt, konnte ich doch wissen, dass solches unmöglich, und nur Ungestümes bereiten müsse. Auch dieses Versagen tadelte er.“
Selbst Anna Amalia bittet Charlotte gemeinsam mit Schiller nach Tiefurt, Anlaß für Charlotte, ihn im Nachgang in dem ihr geläufigen höfischen Umgang zu erziehen.
Schiller schrieb an Körner: „Charlotte will behaupten, dass ich mich diesen Abend zu frei betragen habe, sie zog mich auch auf die Seite und gab mir einen Wink. Ich habe, sagte sie, auf einige Fragen, die die Herzogin an mich getan, nicht dieser sondern ihr geantwortet und die Herzogin stehen lassen.“
Wenig später schon, im August, formuliert Schiller mit großen Worten einen Abgesang auf die Liebe der Jahre 1784 bis 1787, als er den Don Carlos verfasste: „Unser Verhältnis ist… wie die geoffenbarte Religion, auf den Glauben gestützt….wir haben mit der Ahndung des Resultats angefangen und müssen jetzt unsre Religion durch den Verstand untersuchen und befestigen…. Es ist mir wahrscheinlich, dass der Keim einer unerschütterlichen Freundschaft in uns beiden vorhanden ist, aber er wartet noch auf seine Entwicklung.“ Doch ist er sich andererseits gar nicht über seine Gefühle zu Charlotte im klaren, so schreibt er gleichzeitig an Heinrich von Kalb über seine Liebe zu Charlotte und Pläne einer gefestigteren Beziehung. Von Charlotte fordert er offenbar, sie solle eine Scheidung von Kalb verlangen:
Charlotte erinnert sich: „1788 erhielt ich ein Schreiben von Schiller, in welchem er mit scharfem Ausdruck mir darstellte, wie es ein falscher Schritt, dies Verhältnis nicht ganz zu lösen.“
Sie strengte daraufhin tatsächlich den Versuch einer Scheidung von Kalb an, dessen Vermögenssituation sich aufgrund der Spekulationen seines Bruders immer weiter zum Schlechteren entwickelt hatte. Doch Schiller glaubte offenbar schon bald nicht an eine erfolgreiche Lösung dieser Ehe und strebte seinerseits zunächst vollkommen ungerichtet nach einer Festigung seiner Beziehungslebens. Zumindest gedanklich bemühte er sich um eine Ehe mit einer der vielen Töchter Wielands, und im Dezember 1787 begann bereits das im kommenden Sommer realisierte Dreiecksverhältnis des Dichters: Er lernt in Rudolstadt Frau 7von Lengefeld mit ihren beiden Töchtern, der verheirateten Caroline und der noch ledigen 8Charlotte kennen… dies verschweigt er Charlotte von Kalb, die im Alter desillusioniert über ihre damaligen Liebe, beziehungsweise realisierte enge Lebensbeziehungen generell schreibt:
„Ein Mensch, ein Wesen, mit dem man leben möchte: dieser Wunsch ist der größte Irrtum, und wird fast stets zum lächerlichen Verbrechen.“
In dem Maße, in dem Charlotte sich Schiller, den sie zu verlieren fürchtete, in der Folge öffnete, wandte er sich von ihrer Liebe ab. Im September 1789 versucht er, sein widersprüchliches Verhalten vor den Schwestern Lengefeld zu rechtfertigen:
„Die Kalb wird zu Anfang der kommenden Woche nach Kalbsrieth gehen. Mir ist es lieb, dass sie nun nicht mehr kommen kann, wenn ich schon bei euch bin. Es hätte uns einen ganzen Tag Zwang angetan, und ich bin jetzt in einem recht guten Verhältnis mit ihr, so wie ich wünschte, dass es bleiben möchte…Hört sie aber nun, dass ich 4 Wochen in Volksstädt gewesen und ihr einen einzigen Tag in Weimar abschlug, so muß es ihr, da sie von einem genauern Verhältnis zwischen uns nichts weiß, sehr empfindlich auffallen!“
Ende September in einem Brief aus Rudolstadt gesteht er auch dem Freund Körner den schleichenden, wahrscheinlich unoffenen Übergang von einer zur anderen Liebe: „Eine sonderbare Sache, die ich Dir ein andermal schreiben will, und überhaupt ungern schreibe, hat mir noch außerdem eine starke Diversion gegeben. Wie gerne hätte ich Dich dabei zu Rat gezogen! Sie betrifft Charlotte Kalb und mein neues Verhältnis mit Lotte Lengefeld. Vielleicht wirst Du Dir die Hauptsache zusammensetzen.“
Wenig später urteilt Schiller Caroline gegenüber mitleidslos über die einstige Geliebte, deren beste Kenntnisse, Urteile und Kontakte er in sich aufgenommen und benutzt hatte. Der einst bewunderte Geist Charlottes ist nun verachtenswert für ihn: „Ich habe es nie leiden können bei der Kalb, dass sie soviel mit dem Kopf hat tun wollen, was man nur mit dem Herzen tun kann. Sie ist durchaus keiner Herzlichkeit fähig. Ihr lauernder Verstand, ihre prüfende kalte Klugheit, die auch die zärtesten Gefühle, ihre eigne sowohl als fremde, zerschneidet, fordert einen immer auf, auf seiner Hut zu sein. Ich bin in gar keiner Disposition, sie zu sehen – ich kann nicht gerecht gegen sie sein.“
Notwendig war eine Distanz zwischen den einst Geliebten. Während Schiller in seiner Ehe und in seinem Schaffen glückliche Jahre erlebte, während sein dichterischer Ruhm wuchs und er auch finanziell immer besser reüssierte, ging es mit dem Vermögen der Marschalk-Schwestern durch die windigen Geschäfte der Kalb-Brüder ständig bergab und war Charlotte trotz großer Selbstdisziplinierungsmaßnahmen oft unglücklich und meist einsam, da Heinrich von Kalb nur spärliche Besuche bei ihr machte. Sie versuchte sich in verzweiflungsvollen Geschäftsideen, so im Weinverkauf. Daneben war es ihr Hauptanliegen, ihren Kindern eine gute Erziehung zukommen zu lassen. Die Briefe an Schiller forderte sie zurück und verbrannte sie: „So waren diese Blätter den Flammen – nicht plötzlich – nach und nach geweiht, und die ersteren riefen zu gleicher Opferung die letzten. Mit Wehmut sah ich weinend nach dieser Opferung, und wie spät habe ich erkannt, dass es nicht mir, dass es Vielen geraubt war.“
An Schiller hat sie sich erst 1793 wieder gewandt, mit der Bitte, ihr einen Erzieher für ihren Sohn Fritz vorzuschlagen. „Ich blicke um mich – ich frage mich ängstlich, wem darfst du, wen kannst du fragen? Wer ist in der Lage, dir raten und wählen zu können? Und das Resultat dieses sehnsuchtsvollen Nachdenkens war dies: unter deinen Bekannten ist es Schiller – Schiller kann es allein.“
Schiller greift großmütig den Briefwechsel auf, was Charlotte animiert, ihn in der Sache nun mit Briefen zu überschütten, bis schließlich Friedrich Hölderlin Ende 1793 auf Schillers Empfehlung nach Waltershausen als Erzieher des kleinen Fritz zieht. Bald fühlt er sich allerdings bedrängt von Charlottes überbordendem Wunsch nach geistig-künstlerischem Austausch und überfordert von der Lernunwilligkeit des kleinen Fritz, der noch dazu beständig onaniert, was der Lehrer ihm austreiben soll. Als Hölderlin schließlich die jungverwitwete Gesellschafterin Charlottes, Wilhelmine Kirms schwängert, beendet die Hausherrin das gescheiterte Erziehungsexperiment. Glück empfand sie, je mehr ihre realen Lebensumstände sich verdüsterten, fast ausschließlich in ihren zahlreichen Kontakten, darunter insbesondere denen zu Wieland und Herder und dessen Frau Caroline, sowie ihren Korrespondenzen, so mit Goethe. Auffällig ist ihre Aufgeschlossenheit in Literaturangelegenheiten. So ist es sie, die eigenständig den Briefwechsel zu einem neuen 9Stern am Literaturhimmel aufgreift: Es ist Jean Paul Richter, dessen Roman Hesperus 1794 erschienen war und dem sie Ende Februar 1796 sich ihm anverwandelnd schreibt:
„In den letzten Monaten wurden hier Ihre Schriften bekannt, sie erregten Aufmerksamkeit, und vielen waren sie eine sehr willkommene Erscheinung. Oft ward ich durch den Reiz und Reichtum Ihrer Ideen so innigst beglückt. Wieland hat vieles im Hesperus und Quintus ausnehmend gefallen, er nennt sie unseren Yorik, unsern Rabelais.“
Erneut lockt Charlotte einen Dichter mit ihren Kontakten in Gestalt der interessierten und erfolgreichen Weimarer Literaten, die den Dichter fördern könnten. Und der Dichter beißt an:
„Ich habe Mühe meinen Dank abzubrechen, da ich nicht weiß, ob ich Ihnen frühere Antworten geben darf als mündliche.“ Das zunächst unverbindliche Schreiben wird bald fordernder. Sie schreibt: „Zwei Drittel des Frühlings sind vorüber – und Sie waren noch nicht hier: Alle Zeichen des Frühlings bleiben aus! Für ihre Freunde wär er nicht gewesen. Wenn Sie uns nicht erscheinen! Sie sind der Geist unserer Verbindung! Sie sind ein tiefer Forscher, ein Ferneseher – in Zeit und Zukunft: ein Phänomen in dieser Zeit, die Sie – bedarf: Krieg und Kampf ist überall – oder ödes totes kaltes Nichts.“ Wer konnte auf einen solchen Brief kalt bleiben als Dichter? Jean Paul antwortet: „Sie werden den Unterschied zwischen dem Menschen und dem Autor, so klein letzter ist, dennoch groß finden. Ein solcher Mensch hat statt der glatten Birke eine raue Borke. Ich komme nicht als ein bescheidner Mann sondern als ein demütiger nach Weimar.“
Jean Paul, der nun in kürzester Frist seinen Roman Siebenkäs vollendete, kam wirklich im Frühsommer 1796 aus Hof nach Weimar und lässt sich von Charlotte adorieren. Gleichwohl bewundert er auch sie, zunächst:
„Sie hat zwei große Dinge, große Augen wie ich noch keine sah, und eine große Seele. Sie spricht gerade so wie Herder in den Briefen der Humanität schreibt. Sie ist stark, voll, auch das Gesicht. „Sie sind ein sonderbarer Mensch!“ – das sagte sie mir dreißigmal.“ Und Charlotte hat erneut eine Passion, einen modernen aufstrebenden Dichter, den sie protegieren kann, ein Lebensziel. Und wie einst mit Schiller erhofft sie sich eine ganzheitliche Erlösung durch eine Beziehung mit ihm, dies beginnt zunächst moderat:
„Mir ist`s wirklich lieb, dass ich Sie nicht mehr im Gasthof weiß…Sie haben mir auch gesagt, dass Sie gar nicht leben könnten, wo man nicht als Wesen an Sie Anteil nähme, ich verstehe es. Unter Guten wird man gut, unter Liebenden glücklich. Kommen Sie heute ja bald zu mir.“
Ein neuerlicher Liebesdialog setzt ein, Charlotte forciert, Jean Paul erwidert – weil, ja, weil auch er wie Schiller Material zu seinen nächsten Werken, in diesem Fall seinen Romanen braucht. Und Charlotte erscheint ihm nicht von ungefähr alsn ein geradezu eins zu eins verwertbares Material. Sie hingegen glaubt, sie sei als Person gemeint, gebraucht, vielleicht geliebt:
„Alle Welt will ihn haben, bei Gott, alle Welt. Nein, nein, nein, sie soll ihn nicht haben oder ich will vergehen.“ Jean Paul, anders als Schiller, schürt das lodernde Feuer geradezu frenetisch: „Du bist die Natur, du bist das Universum um mich und ich gebe deinem nahen Herzen alles, was der große Geist um uns in meinem erschafft.“
Dieser Dichter Jean Paul schätzt schöne Worte, Kritik an kleinen Fehlern in psychologischen Frauenzeichnungen seiner Romane, wie Charlotte sie abgibt, nicht, auch darin ist er anders als Schiller, der lernen wollte. Jean Paul will diese Ratschläge nicht, Charlotte wird ihm dadurch zur Exzentrikerin, und schon reist er ab und weiht der nächsten Seelenfreundin seine Briefe. Charlotte indes nimmt noch einmal, bei seinem zweiten Besuch im Oktober 1798, alle Kräfte zusammen und äußert im Hause Herder bei einem abendlichen Zusammensein den Wunsch, Jean Pauls Gattin zu sein, nach vorheriger Scheidung von Kalb. Zuvor hatte Herder seine Seelenfreundin Charlotte geküsst. Jean Paul flieht vor soviel Liebe und schreibt an seinen besten Freund: „Ich sehe die hohe geniale Liebe, die ich Dir hier nicht mit diesen schwarzen Wassern malen kann – aber es passt nicht zu meinen Träumen.“
War sie zunächst wie zerstört, wusste sie sich später zu beruhigen, in Korrespondenzen und Gesprächen zu bescheiden. Ob sie ihr Verhalten als ein wiederkehrendes Muster hatte deuten können, ob sie begriff, wie ihre Sehnsüchte nach vollkommener Verschmelzung, seelisch-geistiger Liebe als Voraussetzung für eine körperliche Beziehung immer lauter und immer inkommensurabler wurden und ob sie auch verstand, wie sie letztlich immer nur ausgenutzt wurde, ist nicht bekannt.
Jean Paul jedenfalls heiratete nach weiteren Wirrungen, und großmütig nahm sie mit dem Paar die Korrespondenz auf. In ihre Weimarer Wohnung zogen die Schillers ein, sie nomadisierte, lebte bald in Offenburg, dann Wiesbaden, Homburg und gelegentlich wieder in Weimar. Die „Titanide“ Linda, zu der Jean Paul sie in seinem Roman Titan gemacht hatte, haßte sie. Jean Paul hatte sie auf diese Provenienz seines Charakters bei einem Besuch Charlottes in Meiningen 1802 hingewiesen. Vielleicht hegte sie diese Abneigung auch, weil der Dichter Wort für Wort Stellen aus ihren Briefen benutzt hatte, um Linda zu charakterisieren. Dies musste verletzen, dass sie schon zum zweiten Male eine – und zwar vollkommen andere als im Don Carlos durch Schiller – literarische Identität verpasst bekommen hatte. Sie hatte an Jean Paul geschrieben, der sie selbst mit „Titanide“ anschrieb: „Nenne mich nicht Titanide! Man fühlt wenig Mitleid, Liebe und Schmerz für das Kühne, Sonderbare!“ Sie hatte es begriffen und daher kam es, daß sie sich als ein Chamäleon bezeichnete, zu dem sie von ihren großen Lieben jedoch gemacht wurde. Klug war sie sich dieser Instrumentalisierung ihrer selbst letztlich bewusst, ohne sie hindern zu können und auch: Ohne sich selbst ändern zu können.
Hier ein paar Kostproben aus Jean Pauls wenig alchimistischer Romanküche, so wie Ursula Naumann diese zusammenstellte.
Charlotte schrieb an Jean Paul am 4.4. 1798: In unsern Zeiten, wo man von Humanität, Völkerrecht und Gleichheit so viel spricht, scheint mir der Mensch am wenigsten der Individualität zu schonen…“
Im Roman sagt Linda zu Albano: „Individualität ist überall zu schonen und zu ehren als Wurzel jedes Guten.“
Und so weiter. Die Briefstellen werden noch einmal zugespitzt und überhöht, die Eifersucht, die Charlotte auf Emilie von Berlepsch hegte, wird im Roman zur Eifersucht Lindas auf Idoine, die Albano heiraten soll. Die schönsten Bilder, ausgedacht von Charlotte, schmücken den Roman. So will Charlotte am 6. 1. 1799 „nichts“, aber dir will ich das Oelblatt und den Myrtenzweig bringen und Violen und Rosen um Dein Haupt winden.“ Ebenso äußerte sich Linda Albano gegenüber. Etwas verstecktere Anspielungen auf Briefstellen gibt es noch weit mehr, so verehrt Linda das politische Kraft-Ungeheuer Mirabeau ebenso wie Charlotte, und auch die Kindheits- und Jugendgeschichte Charlottes kommt in der spanischen Linda-Geschichte wieder: Auch da berichtet Linda davon, früh erwachsen geworden zu sein, die Eltern verloren zu haben, nie gespielt zu haben und mehr gereist als sesshaft gewesen zu sein.
Hatte Charlotte zunächst gegen ihre Identifikation mit der Titanide Linda protestiert, so war sie bereits im Juni 1802 fast versöhnt mit ihrer unsterblichen literarischen Schwester, ja sie lobt den Autor des Titan und wünscht sich jedes Jahr ein paar Bände des Werks. Dass Linda auch Schwächen hatte, strich Jean Paul gerne hervor, und in der Tat waren das Schwächen, die auch Charlotte in den Augen der Zeitgenossen besaß – allen voran Jean Paul, zuallererst war es ihr Hass auf die Ehe, ihre „Freigeisterei über Unsterblichkeit, über Selbstmord, Moralität“, ihren Hass der Reue und des Besserns“… Dass Jean Paul auch den Wunsch nach Diskretion hinsichtlich des Briefwechsels mit ihm nicht respektierte, musste die „Titanide“ Jahre später feststellen: Jean Paul hatte nämlich seinem Jugendfreund Christian Otto ganze Passagen aus ihren Briefen zitatweise in seinen Briefen an ihn kolportiert, in ihren Augen unverzeihlicher Vertrauensbruch. Doch letztlich waren es derartige Vertrauensbrüche, die uns eine Charlotte von Kalb als Briefschreiberin noch zugänglich machen, hatte sie doch auch ihren Briefwechsel mit diesem Dichter vernichtet und trat sie als Briefschreiberin doch ungleich authentischer hervor als als Literatin, zu der sie erst im Alter geworden war.
Sie erblindete nach und nach vollkommen und zog 1804 nach Berlin. wo ihre Tochter Rezia, genannt Edda, ab 1808 als Hofdame bei Prinzessin Marianne Dienst tat. 1806 sollte sich Heinrich von Kalb aufgrund des familiären Bankrotts in München erschießen. Charlotte erhielt sich noch in Berlin einen interessanten Kreis. Eine Vorleserin und ein Sekretär wurden ihr zugebilligt, so dass sie neben dem Roman Cornelia, der kein literarisches Meisterwerk ist, ihre Lebenserinnerungen niederlegen lassen konnte, in denen sie mit aphoristischer Diktion und Abgeklärtheit beeindruckt. All diese Werke hatte sie diktiert. Was jedoch in dem Roman beeindruckt, ist das abgeklärte Ideal eines erfüllten Frauenlebens, das letztlich nur im Kloster seine Erfüllung findet: In Einsamkeit, erfüllt mit Regeln, die sie als Protestantin jedoch als wenig streng ausmalt, in der Gemeinschaft mit gleichgesinnten Frauen, einem Ideal der Spiritualität verpflichtet, abseits der ephemeren Geschäfte des Lebens, aber auch aufgefangen in einer bescheidenen ökonomischem Sicherheit sieht sie verständlicherweise das Ideal. Ähnlich lebte sie wohl auch in dem abgeschiedenen Zimmer im Berliner Schloss, das ihr zugewiesen war: „Mein Leben wird immer stiller, aber ich bin so zufrieden. Trübe Gefühle kommen mir nur aus der Vergangenheit; aber so ist das Dasein; schmerzliche Erfahrungen müssen uns reifen und zur geistigen Fähigkeit würdigen; Erst in meinen alten Tagen kann ich von Freiheit sagen. Denn wenn ich gleich nicht mehr die freie Luft genieße, lebe ich doch in reineren Lüften als je.“
Rahel Varnhagen jedenfalls lernte Charlotte von Kalb als alte Frau noch kennen und schätzen, als eine alte, blinde Seherin des Nichtersichtlichen und urteilte so:
„Frau von Kalb ist von allen Frauen, die ich je gekannt habe, die geistvollste; ihr Geist hat wirklich wie Flügel, mit denen sie sich, in jedem beliebigen Augenblick, unter allen Umständen, in alle Höhen schwingen kann.“
Müßig ist es, Vermutungen darüber anzustellen, was aus einer derart idealisch angelegten, sprachlich und literarisch begabten Kommunikatorin wie Charlotte von Kalb heute geworden wäre – sie lebte in einer Zeit, als Frauen in der Regel auf die Funktion der Muse zurechtgestutzt wurden oder sich selbst diese Rolle anpassten, um nicht anzuecken, die Muse verstanden als eine formbare Folie dichterischer Phantasie ohne große eigene Konturen. Eine Gesprächspartnerin, eine Anregerin oder gar eine Korrektorin, als die eine Charlotte sich entworfen hatte, konnten die Männer der klassischen und nachklassischen Zeit nicht mit ihrem Frauenbild vereinbaren. Insofern, muss man sagen, ist Charlotte von Kalb zu früh geboren. Einen jedoch gab es, der ihre Fähigkeiten nicht nur sah, sondern sogar ausdrücklich billigte, dem sie in der Zeit ihrer Beziehungen zu Schiller und Jean Paul auch Briefe schrieb, die neben ihrer Bewunderung seines Werks letztlich ihre unglaubliche Fähigkeit der Selbsterkenntnis spiegeln – und in seinem Nachlass konnten diese glücklicherweise nicht verloren gehen. Aus diesen Briefen einige Passagen. Hier aus dem Brief vom Ende April 1796: „Ach ich weiss es ja wohl, ich bin arm – und doch bin ich viel lieber Einsam – ganz einsam – als dass ich unter der Welt sein wollte, und mich selbst verleugnen – O wie oft wie unendlich oft habe ich das getan – Aber meistens hats doch nur so geschienen --- und das ist ja nur der Schmerz über den meine Seele klagt – dem sie entfliehn, entfliehn möchte – Lieber vernichtet – stumm – einsam einsam! Als verworren mit diesen hederogenen – unlautern Vermischungen. – Unter allen Wiederwärtigkeiten Leibes und der Seele, sind die kalte leeren Essigsauern Qualen – der Geselligkeit wie mann sie findet mir die schwersten gewesen! – Weil ich wenn ich heraus kam – mich nicht wieder hatte – laut rief ich meinen Nahmen – aber ich erschien nicht.“ Aus den selben Tagen Ende April stammt ein anderer Brief, in dem sie Goethe bittet, nicht Herzog Alba gegen sie zu sein, also die intrigante Höflingsfigur aus Schillers Don Carlos. Sie sieht die Beziehung zwischen Goethe und Schiller offenbar wie die zwischen Don Carlos und dem Marquis von Posa in deren Krise und möchte vermitteln: „Es ist nicht genug an der Vermummung! Zwischen den Freunden sind noch dichte Nebel – aber durch sie können wir gehen – und je näher je dünner, Es sind schläusen und gränzen? – mann wähnt es nur – ach, ein Spann ist nicht leichter zu brechen, ich fodre nichts, aber ich habe doch kein Ziel und maas – aber wo ich bin, da bedarf mann auch dessen nicht.“
Noch in ihren letzten Lebenstagen arbeitete sie an einer Stelle ihres Romans Cornelia. Am 11. Mai 1843 starb Charlotte von Kalb, die enthusiastisch und mit Empathie für die großen Schriftsteller ihrer Zeit begabt eine der großen Kommunikatorinnen klassischer und nachklassischer Literatur war.

1 Charlotte (für die Freunde der Verewigten) = Gedenkblätter von Charlotte von Kalb, herausgegeben von Emil Palleske, Suttgart 1879, S. 15.
2 Ebenda, S. 8 und 11.
3 Ebenda, S. 28.
4 Ebenda, S 51.
5 Ebenda, S. 52.
6 Ebenda, S. 62ff.
7 Ebenda, S. 97f.
8 Ebenda, S. 114f.
9 Palleske, ebenda, S. 143.
10 Sophie von la Roche, Briefe über Mannheim, Zürich, 1792, S. 114.
11 Schiller-Nationalausgabe, 33,1
12 Palleske, ebenda, S. 153.
13 SNA, 23, S. 106.
14 Ebenda, S. 109ff.
14 Zit. nach Nerrlich, S. 41.
16 Dieser Zusammenhang nach: Ursula Naumann, Urania in Ketten: Jean Pauls „Titaniden“, in: Jahrbuch der Jean-Paul-Gesellschaft, 15. Jahrgang, 1980, S. 82-130.
17 Varnhagen von Ense, Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde, Berlin, 1834, S. 329.
18 Die Briefe sind veröffentlicht im Goethe-Jahrbuch, Bd. 13, 1892 (Hgg. von Ludweig Geiger, S. 41-79
19 Ebenda, S. 57.
20 Ebenda, S. 59.

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