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| Erschienen in Ausgabe: No. 32 (2/2008) | Letzte Änderung: 21. Maerz '10 |
von Stefan Groß
Unermüdlich
publiziert Wilhelm Schmid, der eine außerplanmäßige
Professur an der Universität Erfurt innehat, eine Vielzahl von
Büchern, die um die Thematik Leben, Lebenskunst, gesunder
Menschenverstand und um den stoischen Selbstverzicht kreisen.
Schmids
kleines Buch mit dem Titel Glück, das eigentlich um den Begriff
des Sinns erweitert werden müßte, ist eines jener
philosophischen Bücher, die einem breiten Publikum zu empfehlen
sind. Hier verzichtet er weitgehend auf den philosophischen Überbau,
den er in gesonderten Publikationen mit dem Titel Philosophie
der Lebenskunst – Eine Grundlegung
und Auf der Suche nach
einer neuen Lebenskunst – Die Frage nach dem Grund und die
Neubegründung der
Ethik bei Foucault im
Suhrkamp-Verlag bereits vorgelegt hat. Die Philosophie
der Lebenskunst ist ein
philosophisches, ganz dem akademischen Denken verpflichtetes Buch,
das den Glücksbegriff in all seinen geschichtlichen Facetten
nachzeichnet; Glück,
Alles,
was Sie darüber wissen müssen,
und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist,
ist demgegenüber ein handliches Kompendium, das dem Leser
verspricht, sich für einen Augenblick aus der Hektik des Lebens
heraushalten zu können, eine „kleine Atempause inmitten der
Glückshysterie“ einzulegen, ein Rastpunkt in der gebotenen
Kürze zu sein.
Die Suche nach dem
Glück (pursuit of happiness), so weiß der gesunde
Menschenverstand zu berichten, ist der Menschennatur eingeschrieben.
Wo sich das Glück einstellt, will man seine Ewigkeit bewahren,
wo es sich verweigert, gerät der Mensch in Wertkrisen, in
Resignation und Depression. Umgekehrt macht zuviel Glück
unglücklich. Daher gelte es, so Schmid, nicht die Maximierung
des Glücks anzustreben, sondern die „Optimierung“. „Das
Glück in einer Art von Dauerlust zu suchen erscheint sogar als
der sicherste Weg, unglücklich zu werden.“
Glücksmomente gibt
es viele, eine Tatsache, die jeder, der zumindest jene Hoffnung in
sich trägt, das Moment des Glücklichseins wahrzunehmen,
bestätigt. Doch auch beim Glück zeigt sich eine Hierarchie.
Von vielen Glücksrittern wird das sogenannte „Zufallsglück“
begehrt. Jedoch bleibt dieses in einer befremdlichen Unverfügbarkeit.
„Das Leben wird nicht automatisch schon besser gemeistert mit einem
unverhofften Zufallsglück, das zwar die äußeren
Bedingungen des Lebens verbessert, aber die innere Bereitschaft, am
Leben zu arbeiten, eher verschlechtert. Auch aus diesem Grund kann
ein Zufallsglück sich im Laufe der Zeit noch als Unglück
erweisen, ein Unglück aber umgekehrt als Glück“.
Auch das
„Wohlfühlglück“, das auf die Ganzheit eines
momenthaften Glücksgefühls aus ist, vermag letztendlich
einem Begriff des Glücks, den Schmid als „Fülle des
Glücks“ definiert, nicht standzuhalten. Die „Fülle des
Glücks“ ist hier nicht das Vermeiden von Unlust, sondern
dieses Glück nimmt Leiden und Schmerz ganz bewußt in sich
auf. Das höchste Glück erweist sich damit als das Aushalten
von Negativitäten. Im Unterschied zum „Zufalls“- und
„Wohlfühlglück“ offenbart sich das „Glück der
Fülle“ als ein durchreflektiertes, das „die immer aufs Neue
zu findende Balance in aller Polarität des Lebens, nicht
unbedingt im jeweiligen Augenblick, sondern durch das gesamte Leben
hindurch“ vollzieht. „Zufalls“- und „Wohlfühlglück“
sind episodische Glückszustände. Letztendlich kulminiert
das „Glück der Fülle“ in einer symmetrisch-harmonischen
Balance des Lebens, die die Tragik von Welt und Leben in Gelassenheit
erträgt. „Die Symmetrie, die Ausgeglichenheit und
Ausgewogenheit läßt sich in aller Regel jedoch nicht
synchron, nicht im Moment, sondern eher diachron, durch die Zeit
hindurch erreichen.“
Wichtiger als alle
Suche nach dem Glück, ist letztendlich für Schmid die Suche
nach dem Sinn, denn Glück ist nicht das Wichtigste im Leben.
Gerade der Verlust von Sinn, den nicht nur der Autor beklagt, treibt
die Sehnsucht nach dem Glück ins Unermeßliche. Wahrhaftes
Glück resultiert demgegenüber aus der Ressource Sinn, die
sich aus allen Facetten menschlicher Existenz erschließen läßt.
Aller äußerlichen Sinnsuche geht dabei die innerliche
voraus, die Schmid letztendlich auch im stoischen Ideal des
Sich-Findens, in der Akzeptanz des Selbst, in der Ausschöpfung
der eigenen Seelentiefe zu finden glaubt.
Sinn und Sinnsuche, und
darauf läuft Schmids kleines Buch letztendlich hinaus, zeigt
sich im Wechselspiel von Offenheit und Hermeneutik, im tagtäglich
zu führenden Kampf gegen das Absurde. Die Suche nach dem Sinn
ist unabschließbar. Sinn und Selbstzweifel gehören aber
zusammen. Seinen Sinn zu finden, dies die letzte Antwort von Schmid,
sei in einer Zeit, die die Sinnfrage oft aus den Augen verloren,
einem bloßen Utilitarismus geopfert hat, die neue und
große Herausforderung. Dabei hilft kein materielles Denken
weiter. Denn: „Mit der umstandslosen Verfügbarkeit von Mitteln
in jedem Moment entfällt auch die Orientierung auf künftig
bessere Verhältnisse, der umfassendere teleologische Sinn. Durch
die Fixierung auf die Befriedigung momentaner Bedürfnisse wird
die Arbeit über sich hinaus für Andere wie auch für
die kommende Generation fragwürdig.“
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