| Erschienen in Ausgabe: No 77 (7/2012) | Letzte Änderung: 12. Februar '13 |
Eine Ausstellung im Deutschen Sport- und Olympiamuseum verbindet Trikotdesign und Fußballhistorie der Europameisterschaften
von Constantin Graf von Hoensbroech
Möglicherweise hat Papst Johannes Paul II. den Ausgang des
Finales der Fußball-Europameisterschaft 1980 in Italien vorausgesehen. Der
damalige Pontifex habe bei einer Audienz für die teilnehmenden
Nationalmannschaften plötzlich in Richtung der deutschen Mannschaft geblickt
und zwei Finger wie zu einem Victory-Zeichen erhoben. „Horst, Du sollst zwei
Dinger machen“, interpretierte der damalige deutsche Mittelstürmer Horst
Hrubesch die Geste Seiner Heiligkeit und setzte sie beim Endspiel gegen Belgien
auch gleich um. Hrubesch machte seine ,zwei Dinger‘ zum 2:0-Sieg gegen Belgien,
und Deutschland war zum zweiten Mal Europameister. Oder lag der Erfolg eher
doch am Trikot der deutschen Kicker? Erstmals lief die Elf mit Hemdkragen auf
und schwarzen Nähten im Ärmelbereich, und die Rückennummer wurde laut
Designexperten durch „ein inneres Linienleben moderner interpretiert“.
Das sah doch in den 1960er und 1970er Jahren noch ganz anders aus. Weißes
Trikot, schwarze Hose, weiße Stutzen – mit dieser eher streng preußischem
äußeren Art in der Kleidungsgestaltung hielten die besten Fußballer auf
internationaler Bühne die deutschen Farben hoch. In diesem eher farblosen Dress
schied man 1968 im entscheidenden Spiel gegen den vermeintlichen Fußballriesen
Malta aus. Vier Jahre später wurde diese fußballerische Schmach eindrucksvoll
beseitigt. Im Europameisterschaftsfinale 1972 wurde die Sowjetunion mit 3:1
besiegt. Einen Trikottausch, also eine neue oder überarbeitete Version der
Bekleidung, hatte es wohl gemerkt nicht gegeben. Erst 1980 wurde die deutsche
Nationalmannschaft für die Endrunde neu ausstaffiert, nachdem die Kleidung, wie
oben beschrieben, einem ,Facelifting‘ unterzogen worden war.
Seit diesem Turnier wird regelmäßig an den Trikots der Spieler designt. Das
Nationaltrikot wird mehr und mehr zum Identifikationsobjekt, Sammlerstück,
massenhaften Verkaufsartikel und – je nach sportlichem Erfolg – zum
Kleidungsstück mit Kultstatus. Ältere Fußballkenner erinnern sich
beispielsweise an das berühmte „Fieberkurventrikot“ von 1988 mit der auffallend
schwarz-rot-goldenen Brustapplikation. Oder etwa jenes Leibchen von 1996 mit
den drei schwarz-rot-goldenen Sternen auf der Brust, in dem Oliver Bierhoff
nach seinem „Golden Goal“ in der Verlängerung gegen Tschechien die deutschen
Farben zum dritten EM-Titel geschossen hatte und jubelnd über den Platz lief.
Ganz anders das Trikot vier Jahre später mit den Nationalfarben als dünnen
Streifen im Kragenbereich – ein Trikot, das überhaupt nicht ankam und angeblich
für das Scheitern Deutschlands in der Vorrunde mit verantwortlich war: Das
Ausscheiden wurde mit ätzender Ironie auch bewertet als die bewusste Strafe
eines „offensichtlich modebewussten Fußballgottes“.
Erfahren lassen sich all diese höchst unterhaltsamen und teilweise wunderbar
anekdotisch zusammengestellten Details in einer aktuellen Ausstellung des
Deutschen Sport- und Olympiamuseums in Köln. „Trikottausch“ heißt die kleine,
aber feine Schau in dem deutschlandweit einmaligen Museum, die fast zeitgleich
zur Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine bis zum 8. Juli zu
sehen ist. In erster Linie handelt es sich dabei um eine Designschau, denn im
Mittelpunkt steht die Frage: Wie hat sich das Spielerdress der deutschen
Fußball-Nationalmannschaft seit der ersten EM-Teilnahme verändert? „Es ist gut,
dass es bei den Nationaltrikots in all den Jahrzehnten gewohnte Standards wie
das Wappen des jeweiligen Fußballverbandes auf der Herzseite und die
Rückennummer erhalten geblieben sind“, stellt Sören Kelling fest. Der 24 Jahre
alte Design-Student an der Köln International School of Design ist der geistige
Vater der Ausstellung. In seinem Studium befasste er sich unter anderem mit dem
rund 80 Seiten umfassenden Regelwerk der FIFA bezüglich der Trikotgestaltung.
„Die FIFA ist hier eine sehr konservative Organisation, weil sie verhindert,
dass es bei den Nationaltrikots zu Auswüchsen kommt.“ Schließlich gelangte er
zur Frage des Trikottauschs von EM zu EM, was letztlich nach Gesprächen mit dem
Museum sowie seinem Professor in der Ausstellung mündete.
Dass der Bekleidungsstoff der deutschen Spieler eine Menge hergibt und sogar für
eine eigene Ausstellung ausreicht, zeigt sich beim Rundgang mit den zwölf
Stationen im unterschiedlichen Trikotdesign. Die Trikots der ehemaligen DDR
kommen indes nicht vor. Die Mannschaft der DDR hatte sich nie für die Endrunde
einer EM qualifiziert. Wer nun eine Aneinanderreihung verwaschener, weil
einstmals schweißgetränkter und mit Rasenspuren gezeichneter Trikots erwartet,
wird positiv enttäuscht. Denn die ausgestellten Trikots werden in ihren
jeweiligen Turnierkontext eingebettet, so dass sich zugleich ein kompakter und
prägnanter sowie aufschlussreicher und schlüssiger Rundgang durch die
Geschichte der Europameisterschaften ergibt.
Die gibt es in der heutigen Form übrigens erst seit 1968 und sie sind
eigentlich eine Erfindung der Sowjetunion und des Ostblocks. Denn 1958 schlug
die Sowjetunion im Endspiel um den ,Europapokal der Nationen‘ mit 3:1 das Team
aus Ungarn. Der fußballeuropäische Ostblock betrat damit zehn Jahre lang fast
geschlossen den grünen Rasen und jagte dem runden Leder nach. Sepp Herberger,
der legendäre erste deutsche Nationaltrainer, hielt von diesem Turnier nichts:
„Zwischen zwei Weltmeisterschaften ist der Neuaufbau einer starken Nationalelf
die erste Aufgabe. Ein Europaturnier stört.“
Fußballfreunde dürften froh und dankbar dafür sein, dass sich der
Weltmeistertrainer von 1954 hier irrte. In den kommenden Wochen wird sich
wieder zeigen, in wie weit äußeres Design und sportliches Abschneiden der
deutschen Mannschaft miteinander in Verbindung stehen. „Mit dem Nationaltrikot
verbindet man Stolz und Tradition. Es ist verbunden mit großen Erfolgen, großen
Namen, großen Geschichten“, sagt Nationaltrainer Joachim Löw. Möglicherweise
schreiben Jogis Jungs in den kommenden Wochen eine weitere große Geschichte.
Deutschland spielt in grün, der Farbe der Hoffnung – auf den vierten EM-Titel?
(bis 8. Juli, mo bis fr 10 bis 18 Uhr, sa und so 11 bis 19 Uhr)
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