| Erschienen in Ausgabe: No 78 (8/2012) | Letzte Änderung: 13. Februar '13 |
Auf den Spuren von Andy Warhol in Köln - Take a walk on Warhol’s side – mit dem „Zeitgeist-Catcher“ durch New York City
von Liane Bednarz
Im Mai 1979 trafen sich in der Düsseldorfer Galerie Denise René/Hans
Mayer Andy Warhol und Joseph Beuys, der Mann mit dem Filzhut. Vieles
trennte sie, doch die einfache Feststellung, dass in jedem Menschen ein
Künstler stecke oder eben jeder Mensch das Recht habe, für fünfzehn
Minuten ein Star zu sein, hatte eine Stahlkraft, die bis ins
Facebook-Zeitalter nachwirkt.
Sie werden unweigerlich zu Paten von rund einer Milliarden Menschen,
die allerdings davon zumeist keinen Schimmer haben. Das hätte Warhol
und Beuys sicher amüsiert. Ein Grund mehr, sie wiederzuentdecken. Das
Erbe war hier im Rheinland nie ganz tot. Beide waren Säulenheilige,
wenn auch mit Patina. Beuys ist längst wieder im Kommen. Jetzt wird das
Warhol-Feuer neu entfacht.
New York City am Rheinufer
Galerist Thomas Zander zeigt einen anderen Warhol als den
Ikonographen der Pop-Art. Siebdrucke sucht man hier vergeblich. Dafür
findet man den Alltagsfotografen. Und knüpft so an Warhols Treffen mit
Beuys an. Damals fragte Warhol Beuys spontan, ob er ihn fotografieren
dürfe. Und der war einverstanden. Den Spontan-Fotografen Warhol gilt es
nun neu zu entdecken. Fünfzig gerahmte Schwarz-Weiß-Fotografien
(Silbergelatine) an einer großen weißen Wand. Alle im 8x10-Inch Format.
Nur wenige Schritte vom Ufer des deutschen
Schicksalsflusses Rhein entfernt, der selbst schon so viele Geschichten
erzählen kann, ist man auf einmal mittendrin im Big Apple der 70er und
80er-Jahre. Die Aufnahmen: ein buntes Sammelsurium von
Alltagseindrücken. Tische ohne Essen. Tische mit Essen. Schlafende
Menschen. Müllsäcke. Badezimmer. Flohmärkte. Und immer wieder
Zeitungsständer, Schuhe und Schaufenster, in denen „Sale“-Schilder
hängen. Lomografie? Nein, nur fast. Keine Ansammlung unreflektierter
Zufälle könnte so eine Sogwirkung erzeugen.
Warhol, der Alltagsabbilder – mehr als 30 Jahre vor Facebook
50 Bilder, die nur eine Auswahl sind. Warhol hat tausende ähnlicher
Aufnahmen gemacht. Ob Warhol heute wohl facebooken würde? Millionen von
Facebookern machen ja genau das: haben, wie Warhol, immer die Kamera
dabei, oder moderner: ihr Smartphone, und fotografieren Alltägliches. Um
es dann in virtueller Geschwindigkeit auf ihrer Facebook-Pinnwand
sichtbar zu machen. Zu „posten“. Und Warhol? Der exzentrische Amerikaner
liebte die Medien wie alle Amerikaner. Und benutzte alle, die ihm
damals zur Verfügung standen.
Warhol zückte die Kamera nicht nur für den elegant gedeckten Tisch
mit dem frisch servierten Essen, sondern richtete seine Linse auch auf
die vollkommen abgegraste Tafel. Auf die verschmierten Überreste von
Speisen, die dann später in die ebenfalls fotografierten Müllsäcke
wanderten. Warhol hatte, so Dagmar Kürschner, Registrarin und
Assistentin von Thomas Zander, „einen genauen Blick auf die Dinge des
Alltags, aber er hinterfragte sie nicht.
Für ihn war alles gleichwertig.“ So weisen auch die in Köln
ausgestellten Fotos keine vom Künstler angelegte Hierarchie auf. Warhol
hielt einfach das fest, was ihm relevant erschien. Ein
„Zeitgeist-Catcher“ sozusagen. Mit dem man jetzt nach 30-40 Jahren durch
ein anderes, ein gewesenes New York spazieren geht. Der Blick streift
vorbei an Männern im Park, die Drachen steigen lassen. Vorbei an
Mülltonnen, Müllsäcken, Obstständen. Vorbei an Hinweisschildern mit den
Aufschriften „Hospital“ oder „Emergency“. Kein Wunder, Warhol war oft
kränklich.
Und der Streifzug geht weiter. Hin zu Schaufenstern, die zum „Sale“
einladen. Darunter finden sich durchaus kuriose Dinge wie scheußliche
Topflappen im Tierdesign. Oder auch als Schnäppchen dekorierte edle
Loafer. Aus Warhols Werbegraphikerzeit stammt seine Faszination für
Schuhe, er zeichnete unzählige davon. Das Titelbild der Ausstellung in
Köln ist ein Foto mit ausgetretenen Cowboystiefeln. Insignien des
US-amerikanischen Alltags-Lifestyles. Und auch ein schon leicht
abgewetzter Teppich im typischen 70er-Jahre-Muster hatte es Warhol
angetan.
„Photographs and Screen Tests“
Thomas Zander kommt der Verdienst zu, dass man nun diese
Alltagsfotographien in so großer Anzahl anschauen kann. Vereinzelt waren
sie zwar bereits andernorts zu sehen. Zuletzt etwa im Frühjahr 2012 in
der Ausstellung „Warhol: Headlines“ im Frankfurter Museum für Moderne
Kunst. Ergänzt wird die Kölner Ausstellung um eine Auswahl der
legendären Screen Tests.
Dreiminütige Filmaufnahmen, die Warhol in der Factory von mehr oder
minder berühmten oder noch berühmt werden sollenden Freunden anfertigte.
Drei Minuten, in denen die Gefilmten auf sich allein gestellt waren,
Monologe hielten, bisweilen Unsicherheiten zeigten. Und damit Warhols
Neugier für den Moment befriedigten. Zu Facebook kommt also auch noch
ein bisschen Youtube hinzu. Gibt es aktuellere Argumente, nach Köln zu
fahren? Warhol anzuschauen? Und anschließend zu facebooken, wie es
gefallen hat?
www.freundederkuenste.de
http://www.freundederkuenste.de/aktuelles/galerien/einzelansicht/article/auf_den_spuren_von_andy_warhol_in_koeln_take_a_walk_on_warhols_side_mit_dem_zeitgeist_catcher.html
>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<
Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.