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Erschienen in Ausgabe: No 79 (9/2012) Letzte Änderung: 13.02.13

Finis Europa -
Abendland bald abgebrannt? (2)

von Shanto Trdic

Teil 2.
Es lassen sich im Wesentlichen vier große Ereigniskomplexe fixieren, denen die gelehrte Historikerzunft nachsagt, das Siechtum Roms irgendwie befördert zu haben. Einen bildete, so hörten wir, der ´Barbarensturm´. Edward Gibbon, Vater der modernen Geschichtsschreibung, kreidete vor allem der Christenheit an, am Ruhme Roms gekratzt zu haben; eine Vorstellung, von der er geradezu besessen schien; eine, die auch lange Zeit den gängigen Lehrmeinungen gefiel. In Korrespondenz dazu wurde und wird ständig auf den sittlichen Verfall, auf Dekadenz und Degeneration verwiesen, die das imperiale Gefüge von innen langsam ausgehöhlt hätten. Dem hält man neuerdings immer öfter entgegen, dass gerade die Spätantike sehr viel vitaler und lebendiger gewesen sei als ständig behauptet. Das ist auch meine Meinung und ich finde, dass Ähnliches für unsere eigene, die jetzige Epoche gelten kann. Posthum abdatierten Verfallszeiten eignet überhaupt oft etwas Quirliges, Ungestümes, in letzten Resten Schillerndes an. Noch einmal forsch und frisch, keck und ungestüm gehen seine Protagonisten zu Werke, was man, nachträglich, hinter der modernen, wiewohl bereits morsch-modernden Fassade nicht mehr auf Anhieb erkennen möchte. Die Apologeten der Dekadenztheorie versäumen nicht, in dieser Sache derlei ökonomische Miseren zu betonen. Es sind, wie wir sahen, auch gegenwärtig ganz banale real-wirtschaftliche Turbulenzen, die bemüht werden, um jene Krise zu beschwören, die eher Hausgemachten Versäumnissen geschuldet ist als irgendwelchen großen Zusammenhängen. Wollte man davon ausgehen, dass derlei monetäre Miseren einen umfassenden Verfall einleiten, dann kann man weiter darüber spekulieren, wie lange sich das hinziehen mag: was derlei Rettungsschirme und Fiskalpakte bewirken – oder nicht. Sicher ist, das dieser Aspekt dazumalen nicht im Vordergrund stand und ein vielbeachteter Erklärungsansatz geht denn auch davon aus, dass der Verfall erst viel später einsetzte als ständig behauptet wird. Henri Pirenne, Hauptvertreter dieser Schule, macht (viertens) den Ansturm des Islam für den Zusammenbruch der spätantiken Mittelmeerwelt verantwortlich. Davon hat sich die gelehrte Welt mittlerweile auf ganz unterschiedliche Art und Weise wieder distanziert. Widerlegt hat sie ihn nicht. Wie auch immer: dies alles sind monokausale Deutungsmuster, die dem Problem in seiner tatsächlichen Komplexität und Verwobenheit nicht gerecht werden können. Wahrscheinlich ist, dass sie allesamt von Bedeutung gewesen sind, da die vermuteten Phänomene auf nicht restlos geklärte Weise einander bedingten und beförderten und im Ergebnis eine Generationen übergreifende Transformation bewirkten. Dann lässt sich sagen: es waren religiöse, ethnische und kulturelle Besonderheiten, die das Bild prägten und solcherart ganz langsam, aber von Grund auf neu gestalteten, dabei etliche Striche und Farben löschten und doch den Grundriss nur übertünchten. Nicht alles ließ sich später wieder kenntlich machen. Vieles blieb als blasser Abdruck auf der Leinwand erhalten. Die Ansicht zeigt auch kein Armageddon; keinen lodernden, lärmenden Untergang mit rauchenden Ruinen, innerhalb derer rabiat wütende Horden die letzten Reste alter Pracht dem Erdboden gleich machten. Nicht über Nacht, nicht im Handstreich, nicht als Naturkatastrophe versank die Welt der stolzen Römer; sie versandete eher, verkümmerte in Resten, versteinerte in Ansätzen – verlor sich langsam in Raum und Zeit. Hüten wir uns abermals, denAbgang als trächtiges, tumultöses Spektakel zu deuten. Die eigentlichen, eher still und verborgen vollzogenen Prozesse, die diesen Epochenwandel kennzeichnen, vollzogen sich zäh und kleinschrittig und kulminierten nur gelegentlich in sichtbaren, staunenswerten Einzelereignissen. Das bleibt Kernthese dieser Abhandlung: Jahrhunderte brauchte ein Wandel, der sich darob langsam und träge Bahn brach; wie eine ländliche Flut. Es waren keine Dämme, die da barsten; und nicht Blitz und Donner wühlten die weite Erde auf. Jene ´großen´ Ereignisse, von denen die Geschichte berichtet, glichen diesen kurzen, grell aufleuchtenden Lichtstössen, die das dumpfe Grollen kaum begleiten, dafür umso effektvoller überstrahlen um damit noch die Nachwelt zu (ver)blenden.
Die konstantinische Wende ist so ein Ereignis, das uns die Geschichte als ´groß´ verkauft. Tatsächlich änderte sich jahrzehntelang herzlich wenig an den gelebten und je verordneten Verhältnissen. In Wahrheit markierte die anno 313 erlassene Mailänder Vereinbarung nur einen längst überfälligen, wiewohl milde vollzogenen Einschnitt, der nicht am Anfang einer neuen Entwicklung stand sondern umgekehrt eher vorläufig abschloss, was im Innern des Reiches längst entschieden war. Was war da endlich entschieden worden? Das fortan das Christentum integraler Bestandteil römischer Sitte, römischen Selbstverständnisses sein würde. Römisch – ich könnte auch schon byzantinisch sagen. Geschenkt. Konstantin war noch Cäsar durch und durch, er tat sich die Taufe (angeblich) erst auf seine späten Tage an, ließ den traditionellen Kaiserkult unangetastet und machte eigentlich gar nichts, um den ´neuen Kult´ (der schon ein alter Hut im Reiche war) irgendwie institutionell zu festigen. Die konstantinische Wende verschaffte der staatlich diskriminierten orthodox-katholischen Kirche eine formale Legitimation, und aus einer zunächst geduldeten Bewegung wurde im Laufe der Zeit eine auch rechtlich geförderte Institution. Unter Theodosius I. war sie ´Reichskirche´, und jener ging sogleich streng gegen Häresien des frommen Glaubens vor; sehr römisch – sehr Reichstreu. War hier, faktisch, nicht lediglich ein Staatsdogma gegen ein Überkommenes ausgetauscht worden? Es spielte im Profanen zunächst auch eine eher untergeordnete Rolle. Geschichte machten, formal, ganz andere Ereignisse. Gut hundertfünfzig Jahre nach Theodosius eroberte Justinian der Große weite Teile des alten Reiches im Westen zurück. Indem er das verloren gegangene ´Herrschaftsgelände´ dem östlichen Erbteil zuschlug, machte er den Alleinanspruch des Imperium Romanum, dem er als oberster Gebieter vorstand, erneut geltend. Womit ging dieser Cäsar aber tatsächlich in die Annalen der Geschichte ein, was war der eigentliche, der wirklich epochale Wurf, mit dem er seine Amtszeit wirklich krönte? Das war zweifellos jener gewaltige corpus iuris civilis, die immense Sammlung römischen Rechts, die er nach ´getaner Arbeit´ endlich in Auftrag gab. Rom lebte. Das Christentum auch. Letzteres gewann an Geltung, doch die alte Ordnungsmacht behauptete ihren Universalismus nicht minder. Unter Justinian erfuhr der Triumphalismus noch einmal eine späte, umso typischere Blüte. Seine Bauwut stand der eines Caracalla in nichts nach, die Senatsaristokratie pflegte ein immer noch enormes soziales Prestige, war überdies der klassischen Bildung, der paidea, vollauf verpflichtet und was das Verwaltungswesen betrifft, so stellt das Archiv des Dioskoros eindrucksvoll unter Beweis, wie sehr bestimmte Gepflogenheiten in den Provinzen noch unter ´alt-römischem´ Einfluss standen; solcherart wirklich fortbestanden. Dieser Zeitraum von gut dreihundert Jahren, der die Teilung des Reiches in eine Ost, - und Westhälfte bis zum Tod Justinians des Großen ausfüllt, war weder Untergang noch Verfall, kein Abgesang und auch nicht Abfall vom Gewesenen. Jene Autochtonen, die zuzeiten Justinians im ´biblischen Alter´ standen, mochten noch als Heranwachsende von den ganz Alten erfahren haben, wie es einst im Reiche (der Soldatenkaiser) zuging, was diese wiederum früh von den eigenen Altvorderen erfahren haben mögen. Denen kam diese ´Renovatio´ eher wie eine Rückkehr zu den Wurzeln, zu den Anfängen vor. Aber sie irrten. Byzanz selbst wurde fortan immer östlicher, slawischer; erst jetzt vollzog sich langsam die tatsächliche kulturelle Transformation. Dennoch fand zu Lebzeiten Justinians eine eigentümliche Mischung divergierender Elemente statt, die unmerklich dazu beitrug, das ursprünglichste dieser Elemente, eben das antik-römische, in Teilen unmerklich zu verdrängen, behutsam von der Bildfläche zu entfernen und so auf Jahrhunderte zu ´erledigen´. Allerdings: der antike Nährboden blieb insgesamt erhalten.Er ´wanderte´. Zunächst noch von West nach Ost, wo er, in über tausend Jahren, stark der ursprünglichen Substanz verlustig ging, jedoch auch neue Blüten trieb, darob territorial auf ein Minimum herabschrumpfte um, wie sein ´Vorläufer´, von einem neuerlichen Sturm aus östlicher Richtung, als reiner Flächenstaat, endgültig eingeebnet zu werden. Aber da war im ´alten Westen´ ja schon die Renaissance angebrochen, wiederum aus alten Krügen schöpfend, eine kreative Explosion einleitend, der dann auch die entsprechende Expansion folgte, kaum 200 Jahre später: die streute den gewendeten Triumphalismus dann wahrlich in alle Winkel der Welt. Gedanke: wie hätten die durch und durch weltlichen, diesseitigen Ur-Römer wohl einen Epochenwandel wie den der Aufklärung, als Eingang zur totalen Säkularisierung öffentlichen Lebens, empfunden? War das im Grunde nicht auch schon in ihrem ´So-Sein´ angelegt? -
„Jetzt glaubt kein abendländischer Mensch mehr an das Dogma der ecclesia triumphans,“ notierte Jacob Burckhardt in seinen ´Weltgeschichtlichen Betrachtungen´ (Stuttgart 1955: S.139). Man hatte sich eben „allmählich an den Anblick der religiösen Vielfalt gewöhnt“ (ebd.). Heute ist sie allen Abendländern schon wieder ziemlich gleichgültig geworden. Das war sie, steht zu vermuten, den praktischen Römern schon immer gewesen. Jedem der seine – Gott. Jener geborgte, schon deutlich herunter gekommene Mythologismus der alten Griechen, den sich die praktischen Römer auf ihre Art zueigen machten, weil ihnen selbst nichts besseres mehr einfiel, war schon seinerzeit eher eine Art pseudo-religiöser Unterhaltungskult gewesen. Götter, die wie saft, - und kraftstrotzende Irdische tobten und tollten hatten sich die Griechen einst ausgedacht. Eine kuriose Melange aus Heimatkult, Familienunterhaltung und großes Kino sozusagen; ein pseudoreligiöses Kuriosum, das die späteren Römer kaum fort sponnen, dessen im Ansatz vieldeutige, elastische Elemente sie aber übernahmen, weil sie ihnen solcherart ganz gut in den eigenen Kram passten. Der griechische Götterglaube war eben ein sehr sinnlicher, sehr irdischer, er ließ sich schön ins Private einfügen und insofern konnte diese Art Aberglaube auch jedermanns eigene Sache bleiben: jedem der eigene Glaube. Das öffentliche Zeremoniell war ziemliches Theater, und das hatte eine Gesellschaft auch nötig, die ihr Selbstverständnis über eben diesen Theaterdonner definierte, den sie mehr heuchelte als das sie ihn, wie billig, umfassend, also: strikt lebte. Ein Kult für jede passende Gelegenheit; einer, der in jeden Tempel passt. Er sollte und durfte indes nicht zu sehr aufmucken, er hatte im Wesentlichen ´zahm´ zu bleiben; jenseits zeremoniöser Tiraden eher unauffällig – im Grunde nebensächlich. Stand irgendeine wichtige Schlacht an, dann opferte man dem Dämon irgendein Vieh – und fertig. Da war vorher nichts und nachher kam, wenn´s klappte, der Nachschlag über weitere Tiergaben. Im Vergleich mit der monotheistischen Variante ein fürwahr kümmerliches Rudiment. Im voll durchsäkularisierten Europa fristet das allein seligmachende Christentum dieses Schattendasein mittlerweile ohne Grollen oder Murren. Zunächst noch im Widerstreit mit der weltlichen Macht in wiederum sehr weltliche Kämpfe verwickelt, verlor die Kirche an Einfluss und Macht und fand, ganz im Sinne des Erlösers, zurück zum Einzelnen, der sich irdischem Wahn, weltlicher Anmaßung konsequent widersagt. So taten es später die Mönche, deren Fleiß die Urbarmachung des mitteleuropäischen Urwald zu danken ist und diese ´Hinterwäldler´ waren es dann auch, denen dann unmerklich (ungewollt?) die Abtrennung reinen Wissens vom reinen Glauben gelang. Was immer die Scholastiker im Innersten antrieb und beseelte: im Ergebnis brachte es sie endgültig vom ´rechten Wege´ ab: das auf überkommene Glaubensgehalte abgestimmte Weltbild der Väter wich langsam der radikal-kritischen, kartesianischen Variante. Große Gelehrte wie Ockham, Trois-Fontaines oder Duns Scotus bewegten sich bereits recht unbekümmert im noch ziemlich zwielichten, unsicheren Terra Incognita der Ratio, und ihre Nachfolger, die Spinoza, Bacon und endlich Descartes, schritten auf diesem unwägbaren Gelände konsequent fort. Der Glaube wurde wieder, was er dem stolzen Nazarener stets gewesen: ganz Sache des Einzelnen, Geworfenen – des ´zu Gott Flüchtenden´. Dies war, dies ist das echt Zeitlose an der Erbauung, deren Essenzen so gar nicht zum Prunk der päpstlichen Höfe passen wollten. Was aber waren diese selbstherrlichen Eminenzen denn anderes als sehr irdische, sehr materiell und politisch orientierte Machtmenschen, die man als vorweggenommene Renaissance-Typen begreifen muss? Sie waren auch weit weniger verstockt oder verbohrt als uns die überlieferte Geschichtsschreibung ständig vor dem Hintergrunde spätmitteralterlicher Exzesse (Inquisition) einreden möchte. So ist ja immer noch wenig bekannt, das die Entdeckungen des Doctor iuris canonici seinerzeit gar nicht als Häresien aufgefasst wurden (als solche empfand sie erst wieder der ´fortschrittliche´ Luther), wie denn überhaupt das Papsttum des neuen Jahrtausends Wissenschaft und Forschung gegenüber aufgeschlossen blieb und deren Fortgang kaum ernstlich behinderte. Merkwürdig auch: da entstanden im Spätmittelalter jene staunenswerten, unfasslich Gestalt, - und Symbolstrotzenden Kolossalbauten, als Kathedralen von Reims oder Köln, jene ´Dome der Ewigkeit´, formvollendeter Ausdruck sakralen Selbstbewusstseins, und doch markierten sie endgültig das Ende der finsteren Epoche, aus deren dunklen Abgründen sie deutlich in alle Himmel ragen: als wohl bemerkenswerteste Verkörperungen der Epoche sind sie gleichsam Abschluss und Anschluss in einem. In ihnen pocht und drängt bereits etwas anderes empor, drängt wehrhaft und wuchtig zurück ins lichte Sein, etwas, das Jahrhunderte lang in versprengten Resten unter der bloßen Oberfläche ruhte, schon sanft bebte – und endlich mächtig aus dem platzenden Gestein schoss. Und noch merkwürdiger: im direkten Anschluss wütete auf dem Kontinent der ´schwarze Tod´. Der ständig herbei orakelte Weltuntergang schien nun unmittelbar bevor zu stehen, und als dieser dennoch ausblieb, schickten sich die eben noch der Pestilenz ausgelieferten Europäer an, das Sakrale endgültig abzustreifen, wie einen abgewetzten, staubigen Mantel. Der Panzer religiöser Ummantelung war ja schon vorher diskret aufgesprengt worden, nun aber wurde es ernst mit der biblischen Forderung, sich die Welt untertan zu machen. Das geschah unter anderem in der endgültigen, totalen Einhegung religiöser Allmacht. Der Islam trifft im Europa unserer Tage also auf keinen direkten, keinen gleichwertigen Gegner mehr, und dazu passt, dass die koranische Erweckung erstmals seit ihrer Erwähnung nicht mehr im Gewande des Eroberers auftritt. Muslime belagern keine Vorposten mehr. Sie wandern ein. Zum wirklich ersten Male, nach über tausendfünfhundert Jahren. In ein dekadentes, dem Untergang geweihtes Spät-Europa? Gräbt sich der Fluss sein Bett in den Niederungen einer Kulturlandschaft, die nurmehr über reibungslosen Konsum und unverbindlichen Hedonismus funktioniert?
Man könnte also fragen: ist Europa nach über 500 Jahren Saft, - und Kraft strotzender Expansion, am Ende zweier Weltkriege (die darauf folgende Beschaulichkeit einer nunmehr über sechs Jahrzehnte dauenden Friedensdekade mit eingeschlossen) dekadent geworden?-Gerne wurde und wird darauf hingewiesen, dass sich die Römer im Verlauf der Kaiserzeit den alten Traditionen und Werten entfremdeten; der Wunsch, das Leben zu genießen, wurde so ganz langsam zum ´Mainstream´. Dazu passt, das schon Tiberius die Parole “Brot und Spiele” ausgab: kostenloses Amüsement für´s Volk. Eine spätantike ´Spaßgesellschaft´, die sich in Bädern und Arenen tummelte, tat am Ende nur noch wenig für´s eigene Wohl. Durch kostenfreie Nahrungsverteilung sorgten die Oberen schon dafür, dass auch ihre Untertanen irgendwie am ´großen Fressen´ teil hatten. Ausschweifungen unterschiedlichster Art beherrschten seither den Alltag der reichen Bürger, was die nachfolgenden Chronisten so eifernd wie hilflos beklagten. Die ´upper class´ gab sich recht unbekümmert dem Sittenverfall hin. Rom aber wuchs und gedieh in dieser Epoche ganz ungebrochen und erreichte zudem seine größte Ausdehnung (eine ´Ost-Erweiterung´ der etwas anderen Art). Gleichsam wuchs auch der allgemeine Lebensstandard, die Gesellschaft wurde nun aber auch zusehends älter, und die Geburtenzahlen sanken kontinuierlich. Schon Augustus erkannte die Gefahr. Er hielt mit Steuerbegünstigungen dagegen, bevorzugte etwa Kinderreiche Paare, die deutlich weniger zahlen mussten als Alleinstehende. Es brachte nichts. Der Trend als solcher blieb ungebrochen. Immer mehr Menschen erhielten daher in Folge das begehrte römische Bürgerrecht. Gleichzeitig wuchs auch die Kluft zwischen Arm und Reich. Insgesamt schien es den Römern dennoch gut genug zu gehen: die Kaiserzeit blieb von sozialen Unruhen weitgehend verschont. Die Gesellschaft war bald durchlässig wie nie. Vom einfachen Gladiatoren bis zum Sklaven konnte im Prinzip jeder nahezu unbegrenzt aufsteigen, auf neudeutsch: ´Karriere machen´.Seit der Geburt des ´klassischen´ Christentums, die den Beginn der modernen Zeitrechnung (das Jahr Null) markiert, expandierte Rom stetig und machte sich den größten Teil der damals überhaupt bekannten Welt im Sinne des Teile und Herrsche untertan. Die Ermordung des Commodus anno 192 stürzte Rom zwar in eine tiefe innenpolitische Krise, dennoch wurde dadurch der Zusammenhalt des Reiches nicht beeinträchtigt. Es folgte das problematische Zeitalter der Soldatenkaiser, die dem Reich noch einmal zusätzliche Einflussgebiete sicherten. Wir wissen heute, dass die ersten, das Imperium indes noch nicht sonderlich tangierenden Wanderungsbewegungen nur kurze Zeit später einsetzten. Das Volk der Goten verdrängten im Zuge dessen bereits Vandalen und Markomannen gen Süden, die Burgunden schlug´s nach Westen. Wer wollte im Reich schon begriffen haben, was sich da im fernen Osten wirklich zusammenbraute? Nach außen vor Kraft und Vitalität strotzend, innerlich bereits bedrohlich wankend, befand sich das Vielvölkerimperium gerade jetzt auf dem äußerlichen Höhepunkt seiner Macht. Aber es ging zeitgleich ganz unmerklich seines eigenen Universalismus verlustig. Die moderne Geschichtsforschung hat den Zeitraum von 235 bis 285 n. Chr. als Reichskrise gedeutet und sich vornehmlich den Geplänkeln an der Peripherie gewidmet, als immer neue Schübe von Barbaren einsickerten, derer man bald nicht mehr Herr wurde. 260 kam es auch zur Separation Galliens: große Teile des westlichen Teils lösten sich vom Verbund. So entstand jenes Imperium Galliarum, das neben Gallien noch Hispanien und Britannien umfasste. In etwa zeitgleich stürzte Rom in seine größte wirtschaftliche Krise: seit 270 schlug man sich mit dauernder Inflation herum. Zudem ging in jener Dekade der Soldatenkaiser, die mit Tacitus beginnt, eine Reformwelle durchs Reich, die aber keine dauerhafte Stabilisierung der Verhältnisse mehr bewirken konnte. Nun wuchs der Einfluss der Barbaren, vor allem bei den Streitkräften, von denen letzthin alles abhing.
Frage: war innerhalb der Ordnung unlängst ein Vakuum entstanden, das, ungeachtet des rein äußerlichen Ruhmes, den Rom noch im Übermaß besaß und dementsprechend auskostete, langsam den Verfall einläutete? Fand eine Abnutzung, ein Verschleiß statt? Brauchte sich die lebendige Substanzauf, verdarb der Humus? Darüber können wir nur noch vage spekulieren. Deutlicher zeichnen sich heute die Probleme ab, wiewohl auch hier einstweilen nur vermutet werden kann, was einmal vergehen wird und was, leidig oder lausig, nur mehr ein klägliches Schattendasein fristen könnte. Wie oft ist in den letzten Jahrzehnten von der Erosion angestammter Werte geredet worden, vom Verlust gewachsener Traditionen; davon, das Brauchtum, Sitte und Ritual sich überlebt hätten. Davon weiß die Geschichte aber im Dutzend zu berichten und wenn dem so wäre, dann hat gerade diesen Umstand bis heute niemand wirklich zu Ende gedacht und dann muss man allerdings die Tatsache, das andere Sitten und Gebräuche sich umso nachhaltiger etablieren, ernst nehmen. Säkulare Gesellschaften sekundieren eher fremde statt der eigenen Brauchtümer, die bloß noch als fade Folklore funktionieren. Traditionelle Gesellschaften hingegen pflegen und erneuern diese gerade in der Diaspora. Im Zusammenprall beider Modelle verschieben sich unmerklich die Gewichte. Es wäre etwas naiv anzunehmen, das ein Modell wie der Islam, der für sich beansprucht, alle Bereiche öffentlichen und privaten Lebens regeln zu müssen, auf Dauer einer behutsamen Angleichung an recht-staatliche Normen gehorchte. Gerade hier wird sehr deutlich, dass gewisse Elemente nicht einzig differieren, vielmehr schmerzlich divergieren, was fortlaufend zu Auseinandersetzungen führen muss. Sie finden ja längst statt. Es gibt genügend Beispiele.
Die bundesrepublikanische Rechtssprechung ist weit davon entfernt, im Vakuum zu operieren, dennoch fischt sie zunehmend im Trüben, seit in Stadt, - und sogar Ortsteilen mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit eine islamische Paralleljustiz an Boden gewinnt, die den üblichen formal-juristischen Gepflogenheiten zum Teil diametral entgegen steht und darob immer fester wurzelt. Es mag sich derzeit um Randphänomene oder bloße Trends handeln, um Einzelfälle oder periphere Häufungen: auf kurz oder lange werden die daraus resultierenden Konflikte zunehmen. In einer ersten Phase behindern sie die übliche Rechtssprechung. Gleichzeitig etablieren und festigen sich darob immer mehr die je eigenen, gelebten Praktiken und eine zunehmende Ohnmacht staatlicher Stellen (sie zeichnet sich längst ab) wird den ersten Kompromissen bzw. Kungeleien Vorschub leisten, wie sie etwa im britischen Königreich längst gelebte Wirklichkeit geworden sind. Den Recherchen Alexei Makartsevs zufolge, auf dessen Befunde ich mich im Folgenden beziehe, hat sich diese parallele Rechtsprechung schon ganz erheblich verselbständigt. In Großbritannien existieren bereits hunderte islamischer Schiedsgerichte, die eine an koranischem Gebot orientierte Justiz praktizieren. Einer Initiative im Parlament folgend, wird nun behutsam darauf hingearbeitet, die Scharia als Grundlage dieser Rechtssprechung irgendwie unter Kontrolle des Staates zu stellen (wohlgemerkt: nicht etwa abzuschaffen, wenigstens ein zu schränken, sondern tatsächlich zu ´gebrauchen´!). Rowan Williams, Erzbischof von Canterbury und Oberhaupt der anglikanischen Kirche, begrüßte schon die, so wörtlich: ´unvermeidliche Verbreitung der Scharia´ und meinte, das die Übernahme ihrer Elemente ins Zivilrecht die sozialen Spannungen minderte, mit denen demnächst in noch stärkerem Ausmaß zu rechnen sei. Der Präsident des obersten Gerichtshofes des Vereinigten Königreichs (damit ranghöchster englische Richter überhaupt), bestätigte dies und sprach sich gleichfalls für eine Duldung solcher Gerichtbarkeiten aus, merkte aber immerhin an, das britisches Recht Vorrang haben müsse – nicht etwa habe. Faiz Siddiqi, Chef des Muslim Arbitration Tribunal (MAT), der ein eigenes Netz aus bisher sieben Scharia-Gerichten betreibt (ganz legal), freut sich, das zunehmend auch Christen mit ihren familiären Problemen zu ihm kommen; in seiner Zentrale in Nuneaton machen die immerhin schon 15 Prozent aller Fälle aus. Sie kämen zu ihm, so der 44jährige Anwalt, weil er einfach schneller und billiger arbeite. Was passiert hier eigentlich? Da entsteht eine abweichende Rechtspraxis an der Peripherie, breitet sich unbekümmert aus und der Staat, der eigentlich als oberster Schirmherr der Gewaltenteilung dieselbe zu schützen hätte, schmälert ihr Monopol, indem er den konstituierenden Prinzipien solche anheimstellt, die einer strikt divergierenden, nämlich islamischer Rechtsprechung entspringen. Er etabliert also dieselbe. Duldet sie nicht nur, sondern konsekriert sie. Dieser Staat wohlgemerkt, der doch als letztgültige, letztsprechende Instanz fungiert, welcher die Obhut und Pflege, vor allem aber: Durchsetzung recht-staatlicher Grundsätze zukommt. Dafür hat er doch unbedingt zu sorgen: das ihnen ungemindert und vor allem uneingeschränkt Geltung zukommt; unbedingt. Denken wir derlei Vorgänge also zu Ende, so müssen wir zwangsweise zu dem Schluss kommen, dass über die staatliche Anerkennung der Scharia das nationale Recht in Teilen bereits islamisch geworden ist. Wer könnte oder wollte das in fünfzig oder hundert Jahren noch rückgängig machen, wenn es als gängige Praxis längst aus dem Versuchsstadium heraus getreten sein wird und aufgrund immer zahlreicherer Anwendung infolge eines unvermeidlichen Bevölkerungswachstums muslimischer Anteile umso gebieterischer auftritt; bestärkt durch einen Staat, der es sich dann erst recht nicht mehr nehmen lässt, noch mehr Anteile fremder Rechtsprechung ´heimisch´ zu machen. Es wird dann ganz selbstverständlich neue Gesetzentwürfe geben, über die in den Parlamenten umso selbstverständlicher abgestimmt werden wird, es wird Richter, Anwälte und Politiker geben, die den Transformationsprozess weiter voran treiben, denn er wird sich unlängst warm gelaufen haben und die Schar derer, die sich diesem Kanon unterordnen wird, da sie zunehmend von Vereinsoberen und Imamen ´sozialisiert´ werden, als zunehmend berechenbare, weil strikt gestimmte Masse auftreten, was im derzeitigen Übergangsstadium, in dem wir uns befinden, wohl noch nicht umfassend der Fall sein kann. Kluge muslimische Juristen werden einmal daran arbeiten, unterschiedliche koranische Rechtsauffassungen miteinander in Einklang zu bringen, das wird die (schrumpfende) Mehrheitsbevölkerung dann sicher beruhigen, man wird sich an den juristischen Wechselbalg insgesamt gewöhnen, die Alten werden noch etwas wehmütig der ´guten alten Zeiten´ gedenken und die Jungen werden sich erfahrungsgemäß dabei die Ohren zuhalten, abfällig grinsen und unbekümmert ihrem jeweiligen Geschäft nachgehen. Das klingt ziemlich glatt. Es könnte aber auch anders kommen. Vielleicht hat sich bis dahin schon der Tumult verewigt, wie er überall dort tobt, wo die unterschiedlichen Bekenntnisse aufeinander prallen und einander bis auf´s Blut bekämpfen. Aber das muss im friedlichen, fortschrittlichen Europa ja nicht zwangsweise so kommen. Vielleicht garantiert gerade hier, in einer weitgehend zivil eingefriedeten Kulturlandschaft, das beschauliche Ambiente einen reibungslosen, im mindesten ´weicheren´ Übergang: von einer säkular gestimmten, milde und satt parierenden Innovationsgesellschaft hin zu einer sakralen Ausgleichskommune, die zwar gewissen abendländischen Ballast über Bord geworfen haben wird, dafür aber wieder einheitlicher, unbedingter – einfacher funktioniert. So könnte sich etwa auf dem Gebiete der Rechtsprechung nach einem eher chaotischen Interregnum eine dauerhaft einheitliche Handhabe durchsetzen. Das leidige und oft blutige Clangerangel, auffallend häufig im kriminellen Milieu beheimatet und gleichermaßen der koranischen wie der zivilrechtlichen Einfriedung im Wege stehend, könnte endlich einheitlich gehandhabt werden und träte so aus dem Halbdunkel des Ghettos heraus. Eine kanonisch, also nach Bekenntnissen gegliederte gesetzliche Form bände vielleicht auch noch kleinste Reste der überkommenen (abendländisch fundierten) Textur mit ein, soweit sie mit den Aussprüchen den Propheten vereinbar sind. Das dürfte keinen groß stören, denn man wird schon viel früher dazu übergegangen sein, die in den muslimischen Stadteilen zur Minderheit geschrumpften autochtonen Bevölkerungsanteile dem neuen Diktum dezent zu unterwerfen. Es geht sicher auch etwas ruppiger, aber wie gesagt: so muss das nicht zwangsweise kommen. Mag sich dieser Prozess auch ziemlich in die Länge ziehen: dies allein garantiert schon den zunehmend reibungslos vollzogenen Übergang. Das Lateinische als Grundlage einer mehr als zweitausendjährigen Rechtstradition träte langsam aber unweigerlich hinter das Hocharabische zurück, und in Deutschland fristete, neben dem Türkischen (das in weiten Teilen des Landes zweite Amtssprache würde) das Deutsche ein zunehmendes Schattendasein. Sicher: alles Türkische ist gerade in der arabischen Welt einigem Misstrauen, ständigen Verdachtsmomenten ausgesetzt. Womöglich käme es also auch hier zumGerangel mit den übrigen muslimischen Mitbürgern, die vielleicht Nachfahren derer sein werden, die nach der ´arabischen Zeitenwende´ mittels einer unbefristet verliehen Greencard ins Land kamen (zum Beispiel); aber auftretende Meinungsverschiedenheiten würden nach islamischen Recht fair ausgehandelt. Wer nicht spurt, der bekäme allerdings eine Rechtssprechung zu spüren, die mit den eher laschen Praktiken unserer Tage nicht mehr viel gemein hätte. Auf Dauer dann doch wieder das Hauen und Stechen?
Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, das ich etwas weiter als eigentlich erlaubt in die Zukunft geschielt habe; da muss, zwangsweise, vieles verschwommen bleiben und selbstverständlich steht es jedem frei, das alles für übertrieben oder meschugge zu halten. Doch mögen die Umrisse noch so vage scheinen: sie zeichnen sich heute bereits immer klarer ab. So in der Bildung, die sich zwingend über Sprache definiert und entwickelt. Etliche, vor allem traditionell verhaftete Bildungsinhalte sind ja schon längst von der Bildfläche verschwunden, so der Heimatkundeunterricht, der natürlich umso weniger Sinn macht, je weniger die regionalen Besonderheiten in einer bloßen Informationsgesellschaft noch irgendwie tangieren. Schon komisch: eine ur-europäische Variante faustischer Entfaltung – das Infragestellen und ´aus dem Weg räumen´ überkommener Traditionen – könnte am Ende mit zum Untergang geronnener Substanzen beitragen. Egal wie man diesen Begriff fasst: vieles ist schon versunken, verschollen, verstaubt; verblasst in alten Lehrbüchern oder Archiven, wo sie auch hingehörten, denn keiner wüsste die Inhalte später noch sinnstiftend nach zu vollziehen, und keiner wird sie dann vermissen, da ihre gestalterische Kraft längst ins Leere gelaufen sein dürfte, weil der begleitende Rahmen einfach nicht mehr steht. Die Sprache selbst hat sich bereits, wiewohl gesprochen und gedruckt in einer Fülle wie nie zuvor, auf fatale Weise abgenutzt. Sie wird zudem überflüssig in Parallelräumen, die mittlerweile so geschlossen funktionieren, dass jede zusätzliche Öffnung seitens derer, die verzweifelt dagegen halten, der Hermetik nur zusätzliche Dämmung verschafft. Ein Phänomen, das man mittlerweile überall auf der Welt beobachten kann. Welchen US-Amerikaner kratzt denn noch, um nur dieses Beispiel zu nennen, dass in weiten Teilen des Südens die spanische Sprache das Angelsächsische längst verdrängt hat? So auf Ämtern und in Lokalen, am Arbeitsplatz und in Schulen, die man denen, die es zu integrieren galt, groß und breit ´geöffnet´ hat. Jedoch, bei aller kulturellen Divergenz: ein eigenes Rechtssystem fordern diese mehrheitlich der katholischen Konfession zugehörigen Einwanderer nicht. Das Hispanische aber ist im amerikanischen Süden praktisch Amtssprache geworden. So weit sind wir, die türkische Sprache betreffend, in Deutschland lange noch nicht. Aber durch den muttersprachlichen Unterricht einerseits, die Dominanz der Heimatsprache in den entsprechenden Vierteln andererseits dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis die Etablierung der Maxime Erdogans (erst türkisch, dann deutsch) dezent und diskret - ganz von selbst - Realität geworden sein wird. Wie gesagt: das alles könnte sich insofern reibungslos und geschmeidig vollziehen, als das der autochtonen Bevölkerung die Wahrung und Verteidigung überkommener kultureller Werte und Substanzen (Sprache ist so eine Substanz, und womöglich die fundierendste) keinen entsprechenden Aufwand mehr wert sein dürfte. Vor diesem Hintergrund – ich sprach oben von einem Vakuum – schrumpft die Verpflichtung, sich der autochtonen Lebensweise anzupassen, langsam und unaufhaltsam, geradezu unerbittlich auf ein letztes Minimum; sinkt zur Bedeutungslosigkeit herab. Der sogenannte Euro-Islam, den der Soziologe Tibi konzipierte, wird in demselben Maße hinfällig; schließlich ganz überflüssig. Sicher: irgendwie gibt es ihn sogar. Eine Minderheit lebt ihn, weitere Minderheiten lehnen ihn natürlich strikt ab, die breite Mehrheit aber, um die sich am Ende alles dreht, wird am Ende eher ihren Vorbetern und Vereinsoberen, den Clanchefs und Friedensrichtern folgen als sich freiwillig in das Terra Incognita eines komplizierten, in seiner verwirrenden Gesamtheit eher diffus denn klärend wirkenden Gemeinwesen zu begeben, mit dem wir selbst nie ganz zurande gekommen sind: eines, das an sämtlichen Rändern schon bedrohlich bricht und bröckelt. Halten sie kurz inne, und prüfen sie ernsthaft, ob sie auch wirklich begriffen haben, was das heißt, falls es ihnen bis hierhin immer noch nicht klar geworden ist. Der Islam ist im Kern eine offenbarungseidliche Gesetzesreligion, mit strikten Vorgaben, mit ganz klaren Vorschriften und Verboten, das Politische lässt sich gar nicht vom Sakralen abschneiden, beide ringen nicht miteinander, beide sind eins, untrennbar miteinander verschmolzen – nicht verwoben. Das kann und wird nicht ohne Folgen bleiben für das öffentliche Leben, es muss mit dem Prinzip der Gewaltenteilung, mit der Trennung weltlicher und privater Entwürfe, die persönliche Freiheit überhaupt erst ermöglichen, zwangsweise kollidieren. Auf der rechtlichen Ebene zeigt sich in Deutschland ja schon jetzt der Vorrang bzw. die übergeordnete Bedeutsamkeit der Clanzugehörigkeit, als religiös-traditionelle Verstrickung, die das davon divergierende recht-staatliche Prinzip zunehmend ad absurdum führt. Letzteres gerät unter Anpassungsdruck, fügt sich in Schüben der orientalischen Variante; nicht umgekehrt. Joachim Wagner hat es in seiner Studie eindrucksvoll dokumentiert (J.WAGNER: Richter ohne Gesetz. Berlin 2011). Am Ende wird es nicht die deutsche Rechtsprechung sein, die den desaströsen Wust innermuslimischer Kalamitäten auflöst, sondern die Scharia selbst. Auch das mag in manchen Ohren monströs klingen, doch jene, die so hören, überhören beharrlich, was schon jetzt an Mißtönen anklingt. Ein nicht mehr ganz so aktuelles Beispiel soll als Mahnung den Sachverhalt verdeutlichen helfen.

Erinnern sie sich für kurz an die Vorfälle rund um Pro NRW, deren Vertreter im Zuge des Landeswahlkampfes im Mai diesen Jahres vor Moscheen gezielt provozierten und damit salafistische Befindlichkeiten auf´s Äußerste berührten. Warum erwähne ich diesen Zwischenfall, wo doch die Masse der in Europa lebenden Muslime mit dem salafistischen Modell einstweilen kaum etwas anfangen kann und will und nicht im Mindesten auf Krawall gebürstet ist? Die sog. ´Extremisten´ werden am Ende kaum den sichtbaren Ausschlag geben, aber, auch das gehört ins Bild, sie pointieren schon jetzt das Gesamtbild, indem sie es weniger trüben oder überzeichnen: mehr die Grundproblematik als solche veranschaulichen. Zuspitzungen eignen sich vorzüglich zwecks Verdeutlichung. Aus diesem (Vor)Fall (nebst Folgen) kann man so unglaublich viel lernen, er berührt etliche Problemschichten gleichzeitig. Die Reaktionen zeigen im Dutzend, wo´s schon jetzt so richtig hakt. Die vielen kleinen Ärgerlichkeiten, die noch auf uns zukommen werden, werden bereits hier deutlich sichtbar; vorausgesetzt, man schaut mal etwas genauer hin. Der SPIEGEL sprach vom ´privaten Krieg´ und dazu passte im Grunde, das ein Polizeibeamter (womöglich vom Verfassungsschutz gestellt) selbst bekennender Salafist sei; der meinte ebenfalls, das sei doch ´Privatsache´. Wie auch immer: die angemeldete und genehmigte Demo (nebst unangemeldeter und folglich nicht genehmigter Gegen-Demo) war alles andere als privat, sie war dann öffentlicher als jede dieser harmlosen Nullachtfünfzehn-Demos, an die sich hierzulande nun wirklich jeder längst gewöhnt hat. Die Reaktion der muslimischen Verbände war gleichsam bezeichnend: man solle das ganze einfach ignorieren. So läuft also schon jetzt die Arbeitsteilung: statt einer diskursiven Auseinandersetzung (oder läuft die demnächst auch nur noch selektiv?) kommt es entweder zu heftigen Reaktionen oder einer verordneten Windstille, die den Fortgang in eigener Sache folglich auch nicht stören wird. Zwischen einem mittlerweile via Netz angeordneten Auftragsmord und dem Verbandsinternen Schweigegebot gab und gibt es also nichts. Darf es wohl auch nicht. Frage: wie reagierten wir wohl (als in Resten christliche gestimmte oder gesinnte Gemeinde), beleidigte oder kränkte man uns durch irgendetwas oder irgendwen? Im Sinne der nazarenischen Lehre bäten wir vielleicht im Stillen um Vergebung, in jedem Falle bäten wir aber zum Gespräch, suchten wir den Dialog. Das ´predigen´ auch unsere verbliebenen Kirchenväter ständig, und bei solchen Gelegenheiten können sie, die keiner mehr ernstlich zur Kenntnis nimmt, auf sich und ihresgleichen aufmerksam machen. Der Fernsehpastor Fliege schlug schon vor Jahren vor, ´mit den Terroristen von heute über die Welt von morgen zu sprechen´. Diese mobilisieren lieber ihre Exekutionskommandos, während die sittsamen Vertreter der Zunft lieber ignorieren, was nur den strikten Fortgang störte. So ist das, so läuft das in derlei Kollektiven. Die Reaktionen der Zeitungsleser, alles sozusagen ´private Einzelindividuen´, passten sich dem Trend der anderen Seite auf ihre Weise an. Im Focus schrieb einer, er wolle weder Rechte nochSalafisten, denn:“ beide Seiten sind in unserer Demokratie unnütz.“ Davon also lebt eine Demokratie: gefälligst in Ruhe gelassen zu werden. So träumte auch die breite Masse im dritten Reich, jeder einzelne je gleich: lasst mir meine Ruhe, davon will ich nichts wissen. Wenn das der Führer wüsste! Kleine Kinder reagieren ganz ähnlich: raus aus meinem Sandkasten, mit euch spiele ich nicht. Sind sie, die ´Spielverderber´, es denn wirklich: unnütz und überflüssig? Wer oder was prüfte noch den Bestand, ja die Sinnstiftende Ordnung eines zivilen Gemeinwesen, wenn es diese Störenfriede und Stunkmacher nicht gäbe? Ist diese Demokratie, die wir den rückständigen Völkern dieser Welt ganz selbstverständlich bei jeder geklonten Stimmzettelvergabe als letztes, hehres Ideal verkaufen, ist die denn wirklich so bequem, so billig und zum Spartarif erhältlich? Und wofür denn – etwa, um jede noch so trübe Suppe damit nach zu salzen? Gehören derlei deutliche Divergenzen, wie sie die Rotte von Pro NRW provozierte, nicht irgendwie auch, zwecks Verortung und Verrechnung eigener Standpunkte, von Zeit zu Zeit mit dazu? Nein, die echten Demokraten wollen ihre Ruhe haben, dürfen nicht gestört werden, wollen aus ihrer miefigen Dünnsuppe keine unnützen Brocken heraus fischen müssen, das störte die Verdauung – den Restefurz. Gewiss: jene Gewalt, wie sie von Salafisten, Autonomen oder Neonazis an den Rändern der Gesellschaft hoffähig gemacht wird, kann nur mit rechtstaatlicher Gegengewalt beantwortet werden und geht, formal, eher die Exekutive etwas an. Mit solchen will auch ich nicht in den Sandkasten steigen. Pro NRW sei aber, so las man in diesen Tagen bis zum Erbrechen, gefährlich für die Demokratie. Denn sie haben eine Demo angemeldet und eine Handvoll Verwegener stellte sich vor eine Moschee und einer von denen hielt sogar eine Mohammed-Karikatur hoch. Ich finde es allerdings auch ziemlich doof, dass es immer und ewig die rechten Krakeeler sind, die hier ihre Pfoten in offene Wunde strecken. In diesem Falle machten sie vom Grundrecht der Meinungsfreiheit in Form eines, zugegeben, eher einfallslosen Happenings Gebrauch. Pro NRW war und ist wohl eher eine Nagelprobe; ein Test, ob diese Demokratie überhaupt noch eine ist. Wollen wir jetzt in vorauseilendem Gehorsam alles verbieten, was irgendwie Ärger bereitet und unsere heimelige Ruhe stört? Reicht es, mit Messern herum zu fuchteln, um zu bestimmen, was noch in den öffentlichen Diskurs darf und was nicht? Kann und darf solcher Krawall bestimmen, was einer auf einem Transparent hoch hält oder nicht? Läuft das jetzt nur noch unter angedrohter bzw. angeordneter Todesstrafe? In der öffentlichen Reaktion auf die Demo wurde jedenfalls nicht mehr unterschieden zwischen hämischer Islamkritik (in den Medien lief es unter dem Schlagwort Islamfeindlichkeit) und rabiatem Totschlag, der sie solcherart zu verhindern versucht. Die einen wie die anderen waren jetzt gemeinsam ´die Extremisten´, wiewohl die einen sich immerhin an die Spielregeln hielten. Die anderen nicht. Ausgerechnet der Innenminister und der ihm direkt unterstellte Polizeipräsident nörgelten etwas infantil, es sei gezieltprovoziert worden und das müsse jetzt verboten werden. Aber das kennzeichnet doch ganz wesentlich JEDE Demo, anders funktioniert sie gar nicht, da wird grundsätzlich mittels Transparenten, Reden usw. bewusst provoziert, mal satirisch, mal kämpferisch; wie auch immer. Sogar der harmlose Karneval läuft nach diesem Prinzip ab. Das steht, nach deutschem Recht, auch den dubiosen Finsterlingen von Pro NRW zu. Dass sie eine Karikatur dabei hoch hielten wird ihnen ja gesondert zum Vorwurf gemacht. Damit allerdings stehen sie in langer abendländischer Tradition. Auch der ´Prophet des Protestantismus´, Martin Luther, ist im Dutzend karikiert und herunter gemacht, als Esel, Teufel usw. dargestellt worden. Daran ist die Erweckung nicht zugrunde gegangen und daran stört sich heute erst recht keiner mehr. Und jetzt, mit einigen hundert Jahren Verspätung, wollen Politik und Polizei (beides recht-staatlich voneinander getrennte, wiewohl administrativ verwobene Bereiche) solches in bestimmten Fällen also verbieten. Sie dürfen es aber (noch) nicht. Sicher: sie wollen den Druck der Gegenseite solcherart dämmen, bis er sich wiederum an der nächsten ´Provokation´ entzündet. Es gibt ja so viele Möglichkeiten. Nach diesem Schema schlachten Schiiten und Sunniten einander im Irak; zum Beispiel. In Syrien bekommt jetzt die Herrscherclique der Alaviten um den Clan der Assad den ´Arschtritt der Geschichte´ verabreicht. Das konfessionelle Hauen und Stechen, als Ergebnis sakraler Unerbittlichkeit, wird sich überall dort weiter ausbreiten, wo man derlei Auswüchsen nicht frühzeitig strikt begegnet. Eine Versiegelung bzw. dezente Einhegung recht-staatlich garantierter Freiräume, um ´Ruhe im Sandkasten´ zu haben, wird hierzulande keine Ruhe zeitigen. Das möge sich jeder aus dem Kopf schlagen, der davon träumt. Erinnert sich noch irgendwer an das legendäre SPIEGEL-Cover mit dem Papst vorne drauf? Der hielt, Zeter und Mordio, ein Kondom in der Hand. Was gab das für ein Theater! Lauter empörte Leserbriefe. Da lebte wohl noch einmal eine etwas ältere Generation auf; jenseits jener sich selbst genießenden Spaßkultur, die alles erlaubt und sich bloß bei Islamkritik in die eigene Hose macht. Im Traum war damals aber nicht mit Messerstechern zu rechnen, die der Verunglimpfung des heiligen Stuhls blutige Sühne schworen. Es fand kein (Volks)Sturm auf die Spiegel-Redaktionen statt. Der nächste Papst hatte so etwas ähnliches auch nur zu befürchten, als er einen traurigen byzantinischen Herrscher zitierte, der am Vorabend der Eroberung seines Restimperiums durch die Osmanen kläglich klagte. Benedikts brave Bonmots erregen seither sehr viel weniger Anstoß im saturierten Europa. So schrecklich wichtig nimmt hier keiner, was der heilige Stuhl zu melden hat. Ist das am Ende etwa auch schon Frevel? Welcher wiegt überhaupt schwerer, möchte man, wiederum im Blick auf besagte Demo, fragen. Beide Seiten sind in der Berichterstattung auf eine Stufe gehoben worden: die Provozierer und die Totschläger, die rechten Hetzer und die muslimischen Messerstecher. Man muss die Mischpoke um Pro NRW wahrlich nicht mögen, aber formal-rechtlich hatten sich diese Leute gar nichts zuschulden kommen lassen. Die schweren Angriffe der Gegenseite reichten dann, um ein zu knicken – um ein Verbot zu erwägen, das rechtlich nicht zulässig ist. Gegen den braunen Hausiererverein ´vor zu gehen´, der gerade einmal 30, 40 Mitmacher mobilisieren konnte, das wurde ganz ernsthaft erwogen. Die Gegenseite, die Salafisten, sind allerdings viel kompromissloser, zielstrebiger, eindeutiger, auch organisierter und auf alle Fälle zahlreicher als das Häuflein Pro NRW. Dies gilt für alle fundamental-religiösen Sekten, das macht ihre Anziehungskraft aus, gerade darob sind sie ihren Gegnern auf Anhieb immer überlegen und das ist der Grund, warum in den muslimischen Staaten Geheimdienste und Staatspolizei bislang jeden Ansatz irgendeines Aufbegehrens rigoros im Keim erstickten, jede kleinste Ansammlung sofort niederknüppelten. In Stadtvierteln, auf öffentlichen Plätzen und so weiter. Das wird in Marxloh, Neukölln oder Kreuzberg natürlich nicht geschehen. So einfach hat es der Rechtsstaat nicht. Und deswegen koppeln sich diese Stadtteile schon jetzt ganz dezent ab. Keiner hindert sie daran. Wer von den Autochtonen nur irgend kann, der haut hier sowieso schleunigst ab. Den Rest erledigen vor Ort die ´Erben´ - die Funktionäre, Imame und Friedensrichter; die Clanobersten und ihre jeweiligen Rivalen. Wie gesagt: das sind meist nette, umgängliche Menschen. Wenn man sie lässt. Und bei weitem nicht jeder Salafist wütet mit Knüppeln und Eisenstangen. Die meisten wollen einfach nur in Ruhe ihrem Glauben frönen. Und eine Versiegelung bzw. dezente Einhegung recht-staatlich garantierter Freiräume kommt dem schon jetzt brav entgegen. Das ist dem Hauen und Stechen wohl vor zu ziehen. Nur die Zukunft wird zeigen, ob derlei behutsame Übereinkünfte dominieren oder die Grabenkämpfe zunehmen werden.
Wir leben in einer Übergangszeit, einer Phase der Latenz. Gleich welchem Selbstverständnis er gehorcht, welcher Ausrichtung er auch je folgen mag: der Islam tritt im europäischen Umfeld als bereits beachtlich gewachsene, ständig selbstbewusster agierende Minderheit auf und dies in der mehr gefühlten als schon zu Gänze gelebten Gewissheit, als solche zunehmend stärker in Erscheinung treten zu können. Es wird immer so gerne zwischen Extremisten und Gemäßigten unterschieden, das diene angeblich der Objektivierung, aber im Kern verbirgt sich doch ein verdächtiges Subjektivum dahinter; eines nämlich, das bequeme Fronten schaffen möchte, zwischen Gut und Böse sozusagen, wiewohl beide, Gemäßigte und Gestrenge, letzthin derselben offenbarungseidlichen Unerbittlichkeit Folge leisten – leisten müssen. Und beide haben auch gar kein Problem damit, die insgeheim verachtete Moderne, als das Ergebnis totaler westlicher Dominanz, die in über fünfhundert Jahren alles hervor gebracht hat, was heute den Erdball prägt, unterschiedlich zu ignorieren oder zu verachten und dennoch in eigener Sache zu nutzen – aus zu nutzen. Schauen sie: sogenannten Islamisten, etwa Salafisten, hantieren wie selbstverständlich mit Handy und Laptop, sind auf You Tube und Twitter präsent und wettern ganz ungeniert gegen westlichen Unglauben und westliche Dekadenz, deren dynamische Potenzen, als späte Renten rigoroser Grundlagenforschung, derlei lockere Gebrauchsmedien überhaupt erst möglich machten. Sie kapieren nicht im Ansatz den Widerspruch, das schlechthin Widersinnige, Absurde ihrer eigenen Art, zu leben; zu sein. Wie auch immer: sie sind bestrebt, jenen Glauben, der vor bald anderthalb Jahrtausenden aus der Wüste in die weit(er)e Welt kam, zu leben, und dies, trotz ungenierter Nutzung fremder Leihgaben, ganz resolut und rücksichtslos, hart am Text, innig im Gebet, bis ins Kleinste unerbittlich. Sie sind, ist meine feste Überzeugung, viel näher am ´wahren Islam´ als jene, die uns derlei diffuse, so undurchsichtig wie auch zwielicht werbenden Varianten solcher als ´echt´ verkaufen wollen, deren Vorgehensweise weniger rigoros, mehr taktisch, mehr kalkuliert zu sein scheint. Unsere Gutmenschen sind´s zufrieden. Salafisten kämpfen indes mit offenem Visier, man kann sie gut einschätzen, sie bleiben insgesamt durchschaubar, eine vor allem auch zahlenmäßig überschaubare Menge, und noch in den rabiatesten Entäußerungen bleiben diese Menschen berechenbar; so merkwürdig das auf Anhieb auch klingen mag. Solches gilt gerade nicht für die restliche Zahl hier lebender Muslime, die auf ganz unterschiedliche, mal mehr und mal weniger strikte Weise versuchen, ihren Traditionen gerecht zu werden. Die leben ganz und gar nicht jenen Ur-Islam, dem jene krampfhaft nacheifern, sie lavieren zwischen Tradition, Erweckung und Moderne hin und her, aber es sind eben doch die sogenannten Extremisten, die dem Islam näher kommen, weil sie damit wirklich ernst, bitterernst machen. Die zumeist technischen Errungenschaften der Kufr sind denen bloß ´Beute´; eine, die sie, ihrer heiligen Zwecke hörig, auch wirklich nur geraubt haben. Was liegt denen an einer wirklichen, an einer ernsten Auseinandersetzung mit der fremden Materie, am tastenden, tatsächlich lernenden und damit im Ergebnis selbstständigen, freien Umgang mit den weltlichen Ablegern? Einen Königsweg gibt es ohnehin nicht. Man kann ein Leben lang lernen und doch nur Plagiate hervorbringen: jede noch so raffinierte Etikettierung wird nichts daran ändern können. Abgekoppelt von jeder bloß richtenden Erbauung, die nur den Blick verstellt und selbst nichts in Aussicht stellt, könnte eine souveräne Aneignung gelingen. Dieselbe aber, zum letztgültigen Prinzip erhoben, verstärkt nur jene sture Starrheit, die als Attitüde Allmacht garantiert, alle Bereiche des Lebens regelt und damit gleichzeitig verriegelt; sie ist vielleicht nur eine Marotte (als solche würde sie womöglich ein geschulter Tiefenpsychologe auffassen), aber dennoch stark genug, jede abweichende Regung schon im Ansatz zu überwältigen. So bleibt eben alles steht, hinkt vielleicht ein wenig hinterher; mehr kann und darf nicht. Veränderung? Nur im persönlichen Auskommen, so weit es die Riten nicht untergräbt. Womit wir wieder bei Tibis These von der halben Moderne angelangt wären, für die jener gescholten wurde; glaubhaft widerlegt hat sie allerdings auch keiner. Denn der Islam, den gewisse Protagonisten krampfhaft in eine weltumspannend tätig gewordene Moderne retten wollen, als letztgültige, unwiderlegbare, Gottgesandte Wahrheit auf Ewig und Immer, der bleibt sich auf eigentümliche Weise selbst immerzu gleich, er muss und kann gar nicht anders, er duldet keinen Kompromiss; mag er bloß im Hintergrund lauern oder schon im Vordergrund prunken. Er steht; stolz und unverändert, unbekümmert gegen jede bloße Beigabe. Machen sie sich bitte die Mühe, diesen einen Gedanken in seiner ganzen Tragweite zu begreifen; gleich, ob sie ihn je teilen werden oder nicht. Denn was hieße das in letzter Konsequenz? Noch eine beachtliche Minderheit in Europa, würde die rasch wachsende muslimische Gemeinde immer stärker den Essenzen der Erweckung erliegen. Wie anders auch. Die militanten Extremisten von heute sind eine Minderheit, der es nicht schnell genug gehen kann. Sie leiden an den zahlreichen Widersprüchen, die das westliche Zivilisationsmodell als dauernde, stets auf´s Neue zu bewältigende Erblast mit sich schleppt viel inniger als ihre Glaubensbrüder, - und Schwestern. Sie können oder wollen nicht die nötige Geduld aufbringen, empfinden sich als zu klein und zu nichtig und haben die allumfassenden, Sicherheit und Ruhe spendenden Gewissheiten schon jetzt, nicht erst morgen bitter nötig. Daher auch so verhältnismäßig viele Konvertiten unter denen, die nicht warten wollen. Das, was sie predigen, wird aber im Laufe der Zeit ganz von selbst zum Allgemeingut derer werden, die heute eher still und unauffällig agieren, jene breite Masse unterschiedlich konfessionierter Muslime, die irgendwie versuchen, in einer fortschrittlichen Massengesellschaft zurecht zu kommen. Nicht länger verschroben und verstörend wird die Erweckung einmal ´rüber kommen´, weil sie darob eben längst Mainstream geworden sein wird: sicher netter verpackt, umso selbstbewußter gehandhabt – schon ganz normal und selbst Normen, Regeln setzend. Solcherart auch aus dem Ghetto der Schreihälse und ´Messerstecher´ herausgetreten, wird alles viel ziviler, offizieller - ´ordentlicher´ bewerkstelligt werden. Dann bedarf der Fundus auch keiner künstlichen Düngung, keiner gedopten Ingredienzien mehr. Er gedeiht darob ganz aus sich selbst. Es ist natürlich schwer vorstellbar, dass eine alte, wiewohl ´gewachsene´ Kultur den Spagat zwischen eigener Moderne und fremder Tradition ganz glatt und ohne Brüche hinbekommen wird. So leicht wird es nicht laufen. Irgendwann aber, das sollte bis hierhin deutlich geworden sein, ist der eigentliche Prozess selbst ´gelaufen´ - die letzten Reste angestammten Selbstverständnisses läufen dann nur mehr ins Leere oder kläglich hinterher. Wem vor derlei Aussichten gruselt: nichts ist für immer außer der Ewigkeit selbst. Auch die byzantinische Theokratie kam an ihr Ende, wiewohl sie über tausend Jahre das Szepter führte. Wahrung und Pflege des antiken Erbes vollzogen sich hier gleichsam im Hintergrund, der das öffentliche und private Leben kaum striff. Das blieb Sache weniger Gelehrter, Schreiber und Kopisten. Die Schriften des Aristoteles, auf den sich auch muslimische Reformer (erfolglos) beriefen, fristeten Jahrhunderte lang ein solches Schicksal, und denen Schopenhauers und Nietzsches könnte es einmal ähnlich ergehen – falls die koranische Erweckung in Zukunft überhaupt derlei private Erbauung gestattet. Im Byzanz der mittleren und späten Epoche war Bildung allenfalls einer versteckten Hege und Pflege anheim gestellt: mehr war nicht, musste nicht. Daher die eigentümliche Starre dieser Welt, der erratisch anmutende Wachschlaf eines Reiches, das am Ende tatsächlich an der eigenen Erschlaffung zugrunde ging. Die heran stürmenden Osmanen hatten leichtes Spiel. Kulturen benötigen eben zwecks Entfaltung und Entwicklung Freiräume jenseits sakraler Fundierungen, brauchen jene Trennung weltlicher und geistlicher Macht, die Dynamik überhaupt erst ermöglicht. Derzeit ist der in Europa Fuß fassende Islam noch halbwegs wendig und kompromissbereit; wohl weil er auf zahlreiche Taktiken angewiesen ist, um sich überhaupt in einer ´ungläubigen´ Mehrheitsgesellschaft zu etablieren. Er tut das auch. Es sind nette, umgängliche Leute, mit denen man es zu tun hat und sie sind, für ihre Verhältnisse, auch alles andere als verstockt oder stur. Die weiter wachsenden, sich festigenden Strukturen werden indes schon heute beerbt, übernommen und diskret ´nachjustiert´ - es sind dann andere als die Kolat und oder Kizilkaya, mit denen darob verhandelt, gestritten - gerungen wird. Die heute noch moderat gestimmten Vertreter muslimischer Einwanderergenerationen werden umso schneller vergessen, je zügiger die Erben in ihrem Bemühen, Einfluss und Macht zu mehren voran kommen. Bald werden sie das Aushandeln auch gar nicht mehr nötig haben und es wird ohnehin keiner übrig sein, der darauf überhaupt noch etwas gibt. -
Es kann fast als Dogma gelten: Zuwanderung muss und soll zu einer Bereicherung gewachsener demokratischer Strukturen, zur Befruchtung derselben ohne Einbußen beitragen. So pfeifen es die Spatzen von Dächern und Giebeln, über´s weite Land hinweg. Aber der dressierte Singsang verfängt nicht, weil das Liedchen längst leiert und jedem noch so störrisch verordnetem Gleichtakt widersteht. Ständig wurde und wird von einer Angleichung und Anpassung divergierender Ansätze geredet, und wer will schon zugeben, das es miteinander konkurrierende, im mindesten schlicht divergierende Elemente sind, die am Ende jeder ausgleichenden Symbiose im Wege stehen werden. Sicher: harmlose Folklore fügt sich meist ganz vorzüglich in den je gewünschten Kontext ein. Nach 45 boomte nicht einzig in Europa die Unterhaltungsindustrie, und mit ihr kamen allzu spät auch die Bülent Ceylan oder Sibel Kekilli, Fatih Akin oder Django Asül auf die Mattscheibe, von der sich sagen lässt, das sie, über´s Netz oder via Television, noch am ehesten zu einer global erlebten (kaum gelebten) Multikulturalität beitrug, die umso trügerischer erscheint, je auffälliger die negativen Begleitmomente in den schnöden, immer schneller abschnurrenden Vordergrund rücken. Durch moderne Unterhaltungsmedien ist Multikulti wahrhaft Wirklichkeit geworden; als ein diffuser Wust unverbindlicher Allgemeinplätzen, deren bloße Summen jeglichen substanziellen Gehalts aus Prinzip entbehren. Daran krankt diese Gesellschaft ganz gewiss, aber daran wird sie nicht zugrunde gehen. Das allein langt kaum hin, gewachsene Strukturen im Handstreich aufzufasern. Multikulti – was ist das denn eigentlich? Was verbirgt sich tatsächlich hinter diesem dauernd Farbe und Form wechselnden Etikett? Multikulti - das ist vermutlich von Anfang an ganz bewusst so diffus gemeint gewesen, wie es ständig rüber kommt und gleicht damit der fidelen Beliebigkeit austauschbarer Ethno-Trends, die gerade in diesem Zusammenhang immer zwecks Schönung der Fassaden bemüht werden und in einer übersättigten Wohlstandsgesellschaft im Rekordtempo nachwachsen um noch schneller zu verblühen; wie schillerndes Unkraut. Ist MK nur ein Zustand oder verbergen sich auch noch konkrete Ansprüche dahinter? Enthielte man sich in Anbetracht der erstgenannten Option jeglicher Wertung, dann wird wohl niemand ernstlich leugnen können, dass die Welt des 21. Jahrhunderts eine zunehmend multikonfessionelle, multiethnische geworden ist, verwoben und verwachsen, und dagegen spricht zunächst auch gar nichts; ganz im Gegenteil. MK besagte dann lediglich, das sich das Zusammenleben der Völker (und sei es als bloßes, nur partiell aufgelockertes Nebeneinander) auf immer engerem Raum vollzöge und zu einer Vermischung führt, die in der Geschichte immer wieder am Beginn Hoffnungsfroher Entwicklungen stand. Billig nur, ja blöd, dass dies so gar nicht ohne Reibung abgeht. Eben weil die jeweiligen Eigenarten jenseits unverbindlicher Spielereien auch als handfesteAnsprüche daher kommen und als solche nicht bloße Absichtserklärungen bleiben können. Den Prozess als solchen wird niemand in Abrede stellen können und er offenbart im Ergebnis einmal mehr jene Heuchelei, die der Gemeinde der Wohlmeinenden wie eine zweite, picklige Haut anhaftet. Jene, die sich noch gestern bequem hinter MK als ´schöner neuer Welt´ versteckten lästern heute wie selbstverständlich über so viel Naivität ab: aus einem Modewort wurde ein peinliches Unwort und der Bequemlichkeit ist eine Nervosität gefolgt, die mehr aussagt über jene, die von ihr befallen sind als über den Ist-Zustand als solchen, der besorgniserregend bleibt. Was für Symptome kommen da eigentlich zum Vorschein? Multikulti ist so zwiespältig wie Multimedia. Der künstliche Überfluss an allem, den uns die elektronischen Informationsträger suggerieren hinterlässt zunehmend ein Gefühl der Sinnlosigkeit und Leere. Das Meinungsmachende Medienkarussel sorgt mit erhöhter Umdrehungszahl nicht nur für Zerstreuung sondern garantiert auch, dass jedem die Gülle hoch kommt, der sich auf dem tumben Jahrmarkt durch´s Angebot gesoffen und gefressen hat. Nichts scheint den Niedergang öffentlichen Lebens besser zu kennzeichnen als eben diese Überfressenheit an allem. Der ganze filterlose Konsum, fahrig und verwegen, ungebrochen und nahtlos, auf allen Sites oder Kanälen, wird als solcher infolge adaptiver Begleitprozesse gar nicht mehr als problematisch wahr genommen. Wenn es überhaupt Anzeichen dafür gibt, das Dekadenz sich breit macht, dann bieten sie uns die unterschiedlich positionierten, wiewohl einheitlich seienden Massenmedien, die vermittels ihrer immer unbekömmlicheren Erscheinungsformen ungebremst nachliefern, was die modernen Fastfood-Junkies verlangen: eine dauernd schnelle, meist schale Befriedung brach liegender, plump überfliegender, dennoch passiv verbleibender Instinkte. Man hüte sich davor, dieses im Wesentlichen durch moderne Medien potenzierte Dilemma als etwas grundsätzlich Neues zu deuten. Abfallende Gesellschaften, deren Kultur man als hoch bezeichnen könnte, hatten stets ein Faible für seichten Witz und alberne Unterhaltung. Man attestierte etwa der Doppelmonarchie, dass sie an innerer Fäulnis zugrunde gegangen sei, an der sie angeblich unheilbar krankte. Zu viel hektische Nervosität, zu viel leeres Amüsement – zu viel, zu viel. Auch dieser Dekade hat man den Stempel des Krisenhaften aufgedrückt, aber außer einer Handvoll Intellektueller wollte oder konnte das seinerzeit keiner einsehen. Wie sich die Bilder jenseits konstituierender Konturen doch ähneln. So viel Spaß und Spott, so viel Schrott und Schrumps wie heute war noch nie, selten begegnete einem der Kalauer so sehr auf Schritt und Tritt, aber ähnlich empfand es auch schon der Kreis um Schnitzler und Co., und die taten ihrerseits nichts, dem in eigener Sache Einhalt zu gebieten, wiewohl sie mit den gewaltigen Umbrüchen auf allen möglichen Gebieten, die ihre Epoche kennzeichneten, innerlich nicht fertig wurden. Auch heute dumpft, allen harmlosen Vergnügungen zum Trotz, unterschwellig ein Gefühl des Verlorenseins, der Unsicherheit, des heillosen Unbehaustseins durch die unsteten Gemüter. Es fällt auf, das diese kollektiven, ungebrochen fortwirkenden Gemütsverirrungen mit einer zunehmenden, immer breitere Teile der Gesellschaft erfassenden Prosperität korrespondieren. In den letzten gut hundert Jahren sind den Gesellschaften Europas oft genug schmerzliche ökonomische Talfahrten zugemutet worden, dennoch tat das dem Trend einer fortlaufenden Optimierung sämtlicher Lebensbereiche insgesamt keinen Abbruch. Womöglich begünstigte das den behaupteten Trend, wer weiß. Der hat sich mittlerweile mehr als warm gelaufen; kocht schon gewaltig über. Schauen sie einmal ganz ruhig zu, wie flächendeckend und umfassend sich heute alles auf Kalauer und Klamauk, auf Spaß und Event, auf Click und Post, auf Rotz und Kotz reduziert. Die Oberflächlichkeit des je verordneten Umganges, der Akademiker und Analphabeten mittels passend geschusterter Formate annähernd in Deckung bringt, ebnet das gesellschaftliche Leben ein und scheucht jeden halbwegs ernsten Umgang in letzte Nischen zurück, in die schrumpfenden Reservate guten Geschmacks sozusagen.´Die verblödete Republik´, deren Parlamente neuerdings von postenden Internet-Piraten geentert werden, die ihrerseits den unverbindlichen Zeitgeist-Dilettantismus zum Programm erhoben haben, hat eigentlich längst fertig, das aber in endloser Folge. Die allein selig machende, allmächtige Quote, die den ganzen Kodder als merkantile Kotztüte zusammen hält, gilt mehr als jeder noch in letzten Resten verbliebene Geschmack; und das Gestammel derer, die uns dieses Elend um die müden Ohren wuchten, wächst sich zum akustischen Trommelfeuer aus. Nun könnte man einwenden, dass es immer noch besser sei, die Allgemeinheit in törichter Spaßlaune zu halten statt dem globalen Hauen und Stechen das endlose Feld zu eröffnen. Zugegeben: auch mir macht´s irgendwie Spaß. Wir machen ja überhaupt alle mit; wer könnte sich schon ganz aus solchen Zusammenhängen heraus halten? Man kann nicht in Unschuld regieren, aber in Unschuld spaßen, das wird wohl auch nicht ewig so weitergehen. Denn wir sind mit dem Ende der Blöcke auch jener breit ausholenden Schirmung verlustig gegangen, in deren Schatten wir so unbehelligt unserer Unschuld frönten. Europa hat seine Sonderstellung insofern verloren, als das es sich, jenseits infantiler Unbekümmertheit, zunehmend mit unkontrollierbaren Finanzkrisen nebst der unvermeidlichen inneren Querelen und Rivalitäten herum schlägt. Es ist jedenfalls nicht länger aus zu schließen, dass bereits innerhalb unserer eigenen Grenzen der Exodus erste Wellen schlägt.
Keine untergegangene Kulturen wird an Dekadenz allein zugrunde gegangen sein. Es muss immer noch etwas (oder mehr) dazu kommen, um das vermeintlich Schwache und Schwankende, das Unbeständige und Unbedarfte, die Reste rasender Überhebung so lange stoßen zu können, bis am Ende alles wirklich kippt. Die Doppelmonarchie, von der eben die Rede war, erstickte kaum an übertriebener Galanterie oder artifizieller Pedanterie (an letzterem wäre das ´ewige China´ längst zugrunde gegangen). Das Weltkriegsende vollzog nur ein Urteil, das die im Innern dieses immensen multi-ethnischen Volkskörpers rumorenden kranken Nationalismen längst ausgesprochen hatten. So kam es dann. Überhaupt: was soll an dieser fidelen, so bunt wie witzig ´weanernden´ Operetten-Kultur (Spaß-Kultur?) denn dekadent gewesen sein? Sie war bunt und ungemein vielgestaltig, bot fortschrittlichen wie traditionellen Kräften Bewegung, einen wirklich ausreichenden, ja großzügigen Raum zwecks Entfaltung und gewährte gerade in ihrer Schlussphase beinahe mild waltende Obhut. Die Freud und Mendel, Strauss und Lehar, Schnitzler und Hoffmannsthal und wie sie noch alle hießen, konnten im späten Dämmerschein dieser Ordnungsmacht inniger schöpfen als sämtliche ihrer Vorgänger. Um die Jahrhundertwende explodierte gerade in den Landen der Abend-dämmernden KuK-Herrlichkeit die Kreativität auf einzigartige, unwiederholbare Art und Weise; so im musikalischen (Mahler und Strauss als geniale Spätlinge), so in der abbildenden Kunst (Klimt oder, allzu spät, Kokoschka). Das Ordnung stiftende Gefüge zerbrach dann umso schneller, lautloser am Irrwisch des Nationalismus, dem der Faschismus in Europa fast auf dem Fuße folgte. Es blieb immerhin eine europäische Krankheit, die den angestammten Erbteil schmälern, nie vollends schleifen konnte. Da ´ging´ etwas, indem es von der Bühne abtrat; einen Abgang machte. Ich hatte schon darauf hingewiesen, wie merkwürdig schnell das in einigen Fällen dann kam: als zünde noch einmal ein versprengter Kalauer. Zeitsprung: das megalomane Konstantinopel war den ungestüm vorpreschenden Osmanen nur noch der ´goldene Apfel´, sozusagen ´pflückfrisches´ Fallobst, das fast von selbst zur Erde sinkt und goldgelb in der Nachmittagssonne verblutet. Von dem großen Reich des Justinian war zum Schluss nicht mehr allzu viel übrig geblieben. Der Schrumpfungsprozess dauerte seine Zeit, aber am Ende ging alles ganz schnell. Kurz vor dem Fall der Metropole diskutierte man bei Hof über die Existenz von Engeln. Irgendwie auch dekadent. Derlei überreife, schier platzende Gesellschaftskörper mögen von einer Art Fieber befallen sein, aber das merkt man ihnen auf Anhieb eben kaum an. Sie ´arbeiten´ vorzüglich und wie bei einem gedopten Hochleistungssportler, der noch im Delirium seine Sätze und Sprünge vollführt, gärt das Gift eher, als das es die äußere Fassade der Gestalt sichtbar befiele. So ein ´Dauerläufer´ mag sich innerlich zunehmend leer und ausgepumpt fühlen; noch aber zehrt er vom Training, noch zuckt und zittert der ganze klamme, in Jahren hochgepowerte Körper, er läuft wie geschmiert und am laufenden Meter. Trifft das schließlich auch auf unser Europa von Heute zu, als einem zunehmend Gestaltlosen Kulturkörper, der vor Einfällen und Ideen strotzt, der Ideale und Sinnstiftenden Anschauungen aber schon entbehrt? Umtriebig und unruhig ist er, wie eh und je; doch gleichzeitig wirkt er schon seltsam ratlos in all der Rastlosigkeit, die seine Stärke seit je ausmachte. Die einstigen weltlichen Gegenentwürfe, als Reaktion auf den ´Gottesverlust´ (Horst Richter), scheinen längst zu unverbindlichen, oberflächlichen Bildungserlebnissen herab geschrumpft. Befinden wir uns auf einem toten Gleis? Es bleibt fraglich, ob das ungestüme Europa von heute jenseits eigener Betriebsamkeit noch die Kraft aufbringen kann oder möchte, seine eigene Substanz zu verteidigen. Eine hektische Moderne, die sich in täppischer Beliebigkeit genießt und dabei ihr Wesentliches aus dem Auge verliert, tritt auf der Stelle, die ihrerseits nur mehr den schwankenden Grund bildet, der jeglicher weiterer Grundlagen entbehrt. Finis Europa – fideles Europa? Und schon im freien Fall befindlich?

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