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Erschienen in Ausgabe: No 81 (11/2012) Letzte Änderung: 13.02.13

"Ich will nur sichergehen, dass wir es sind, die unser Leben bestimmen. Nicht die Umstände" oder Der Mythos des Gegebenen

von Heike Geilen

"Ein katholischer Priester, ein protestantischer Pfarrer und ein jüdischer Rabbi diskutieren die Frage, wann menschliches Leben beginnt. Der katholische Priester zögert keine Sekunde und sagt: Mit der Zeugung. Menschliches Leben beginnt mit der Zeugung. Der Protestant überlegt einen Augenblick, dann kommt er zu dem Schluss: Nein, menschliches Leben beginnt erst mit der Geburt. Schließlich schauen beide den Rabbi an, der ziemlich lange überlegt und den Kopf hin und her bewegt, bevor er antwortet. Menschliches Leben beginnt, wenn die Kinder aus dem Haus sind." Dieser Witz nimmt in Stephan Thomes neuem Roman eine besondere Rolle ein, bildet er doch auf karikaturistische Art und Weise das Rahmengerüst des für den Deutschen Buchpreis 2012 nominierten Werkes.
Die Tochter von Hartmut Hainbach, einem Philosophieprofessor Ende fünfzig und seiner zehn Jahre jüngeren portugiesischen Frau Maria, ist flügge geworden und in die weite Welt entflogen. Auch Maria wohnt nicht mehr im gemeinsamen Haus in Bonn. Sie arbeitet als rechte Hand eines exzentrischen Theaterregisseurs in Berlin. "Eine Wochenendehe führen heißt im Diskontinuum leben und verlangt nach schneller Auffassung und Anpassung. (...) Ihn haben die vergangenen zwei Jahre gelehrt, dass Liebe ein schwaches Argument sein kann. Schwächer als einsame Nächte, die Frustration über ihr abgeschaltetes Handy oder das merkwürdige Gefühl beim Betreten von Marias Wohnung." Dieser Umstand führt zunehmend zu Spannungen im Seelenleben des Philosophen, der mehr und mehr mit dem Gefühl lebt, "seiner Frau hinterherzusehen". Sich in beruflichen Stress und Einsamkeit ergebend, merkte er lange Zeit gar nicht, "wie groß sein Verlangen geworden war, selbst vorauszufahren." Erste Veränderungsgedanken durchziehen ihn. Soll er das Angebot eines Freundes annehmen und ebenfalls in Berlin beruflich einsteigen? "Was an einem Leben sind die veränderbaren Teile? Wo fängt man an?" Doch schon bald stellen sich erste Zweifel ein. Will seine Frau dies überhaupt? Ist sie wirklich nur der Arbeit wegen nach Berlin gezogen? Nach einigen Zwischenfällen hat Hainbach das dringende Bedürfnis, einfach mal raus zu müssen. Spontan setzt er sich ins Auto und fährt los: quer durch Südwesteuropa nach Portugal, zur Verwandtschaft seiner Frau.
Gerade unlängst lief ein britischer Rentner 1000 Meilen in seinem breit angepriesenen Werk literarisch ins Leere. Nun versucht sich also auch noch Stephan Thome, der es 2009 mit seinem achtungsvollen Debütwerk "Grenzgang" auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte, an einer Pilgerreise? Doch dem deutschen Autor gelingt es auf wunderbare Art und Weise alle Klischees gekonnt zu umfahren. Thome erzählt in seinem raffiniert konstruierten Roman, der gekonnt durch die Zeiten springt, dass menschliches Leben nicht nur ein Mal beginnt, da es aus Phasen besteht, die alle ihren eigenen Beginn haben. In wechselnden Kapiteln und feingliedrigen Episoden mit viel Tiefenschärfe, in einfachen Sätzen, knappen Dialogen und feinfühlig herausgearbeiteten Charakterstudien lässt er den Leser an dem festgefahrenen Leben von Hartmut Hainbach teilhaben, das dieser mehr und mehr reflektiert und analysiert. Meilensteine aus der Vergangenheit fungieren auf seiner Reise erneut als Kreuzungspunkte oder Weggabelungen. Er besucht seine erste große Liebe Sandrine in Paris und einen ehemaligen Kollegen in Südfrankreich. Aber auch völlig Fremde wie die holländische Marijke, die ihrem Verlobten davongelaufen ist und Hainbach eine Strecke des Weges begleitet, tragen zu direkten oder subtilen Anstößen bei. Durch diese Energiezufuhr beschleunigt sich sein Gedankenfluss und erzeugt durch seine Höhen und Tiefen ungeahnte Fliehkräfte. Genau wie bei einer Fahrt in der Achterbahn wirken sie im Tal mit doppelter
Schwere und einem Gefühl extremer Bleiernheit. Geht es bergauf, kehrt sich ihre Wirkung um. Auf dem "Gipfel" ziehen sie ihn für einen kurzen Moment gen Himmel und ein schwereloses Gefühl stellt sich ein.
"Fliehkräfte" ist ein fragendes Buch. "Kann man einen Ort vermissen, an den man nicht zurück will? (...) Kann man sich an einen Ort sehnen, an dem nie gewesen ist?" Gibt es so etwas wie den Sog des Unvorstellbaren? Gehört ein Risiko einzugehen zum Leben dazu und lohnt es auch dann, wenn es schiefgeht? Kann sich Hainbach ein Leben ohne seine Frau vorstellen? "Zu was schließlich summieren sich Momente? (...) Eines kann der Fall sein oder nicht der Fall sein und alles Übrige gleich bleiben. (...) Konnte es das wirklich, oder war es im Gegenteil so, dass alles anders wurde, wenn eins sich änderte?" Ist diese Fahrt letztendlich vielleicht auch nur ein Weglaufen vor sich selbst? Und was ist eigentlich die geheime Triebfeder des Lebens, dessen Impulsgeber? "Worin besteht dieses nicht fassbare, sich ständig wandelnde Etwas, das die Gestalt von Liebe und Ehrgeiz, von Sehnsucht wie von Lust annehmen kann, und das beinahe alles zu können scheint außer einem: aufhören." Die Antworten serviert Stephan Thome allerdings nicht in bissfertigen Häppchen, übersichtlich angerichtet auf einem Tablett. Die muss sein Protagonist, als auch der Leser, individuell finden. Eines ist jedoch klar: "Manchmal ist es besser, den falschen Schritt zu tun, statt grübelnd auf der Stelle zu treten."
Fazit: Ein Satz aus seinem Erstling "Grenzgang" umreißt auch die Grundstruktur des neuen Romans von Stephan Thome: "Das hier mag der Anfang oder das Ende sein, der Aufbruch oder das Ziel. Aber alles passiert, wenn es passiert, zum ersten Mal. (...) Was es allenfalls gibt, sind Kreuzungen in Raum und Zeit, und wenn man dort steht, sieht man einen Moment lang alles: die Wege, die man gegangen ist, die anderen, die man hätte gehen können, und die ganz anderen, an die man nie gedacht hat." Trotz eines melancholisch-stillen Grundtons gelingt dem Autor ein fesselnder und vor allem realistisch-präziser, vertrauter und äußerst reflektierender Blick in das Innere sowie die seelischen Verfassungen seiner Personen und letztendlich auch ins eigene Ich. Das Buch bewegt sich souverän "auf dem schmalen Grat zwischen Resignation und Euphorie", unaufgeregt und sensibel, authentisch und nachhaltig. Ein wirklich lesenswerter Roman.


Stephan Thome
Fliehkräfte
Suhrkamp Verlag (September 2012)
474 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3518423258
ISBN-13: 978-3518423257
Preis: 22,95 EURO

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