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Erschienen in Ausgabe: No 80 (10/2012) Letzte Änderung: 13.02.13

Vom heiligen Charakter der Symbole

Anmerkungen zur neuen Jahresausstellung „Art is Liturgy“ in „Kolumba – Kunstmuseum des Erzbistums Köln“

von Constantin von Hoensbroech und Constanze von Hoensbroech

Die Wirkung ist außergewöhnlich: Vor der „Kirche“ von Robert Klümpen (*1973) werden die Betrachter geradezu hineingezogen in den Innenraum einer Kirche, den Mittelpunkt von Liturgie. Verstärkt wird die Wirkung des großformatigen, an einen Flügelaltar erinnernden Gemäldes durch den schlichten Hintergrund einer schmucklosen Wand, die die Plastizität des Gemäldes mit dem Blick in den Innenraum eines reichhaltig ausgestatteten Gotteshauses noch deutlicher hervortreten lässt. Was für ein Bild von Kirche, was für eine Vorstellung von Liturgie haben die Besucher von Kolumba? Was für ein Bild von Kirche und Liturgie zeigt der Künstler? Welche Bedeutung hat die Liturgie als der entscheidende Wesenszug von Kirche, ihrem wesentlichen Lebensvollzug, für Kunst und Künstler einerseits und für Besucher und Ausstellungsmacher andererseits? Liturgie ist Kunst, aber ist Liturgie Kunst? Was haben Liturgie und Kunst gemein? Schließlich ist Liturgie angewiesen auf die gleichen Mittel wie Kunst, eben auf Sprache und Bilder, auf Musik und Gesang, auf die Bewegung von Menschen im Raum, auf ihre Kleidung, ihre Gesten, auf Geräte und Objekte.

Ohne Anlauf oder vorangestelltes Erklärstück, außer einem kleinen Heftchen als Begleiter, konfrontiert die neue Jahresausstellung von „Kolumba – Kunstmuseum des Erzbistums Köln“ direkt mit dem Thema des neuen Blicks auf die eigene Sammlung. Dieses Mal wurde das Zitat „Art is Liturgy“ (Kunst ist Liturgie) von Paul Thek (1933 bis 1988) zum Leitthema erhoben – auch als eine künstlerische Vorbereitung und kultureller Auftakt zum Eucharistischen Kongress im Juni nächsten Jahres. Zugleich wird die im Besitz des Hauses befindliche weltweit umfangreichste Werksammlung des US-Amerikaners dialogisch den Arbeiten anderer Künstler oder Objekten christlicher Kunst, die unverzichtbarer oder schmückender Bestandteil von Liturgie sind, gegenübergestellt. Dabei ist in dem preisgekrönten modernen Museumsgebäude auf dem Gelände von einer der einst bedeutendsten und größten Pfarrkirchen im mittelalterlichen Köln eine Werkschau entstanden, die die Frage nach dem Verhältnis von Kunst zur Liturgie in teilweise radikaler, mitunter verstörender Weise aufwirft. Besonders nachvollziehbar wird dies am Beispiel des Armarium, im dem sich eigentlich das Herzstück der Sammlung und der Mittelpunkt der Ausstellung befindet.

Das Team um Museumsdirektor Stefan Kraus greift radikal in diesen sakralen Schauraum ein und verlegt den seit Eröffnung des Hauses vor fünf Jahren hier gezeigten Kirchenschatz von Sankt Kolumba in die darüber liegende Etage. Stattdessen hielten Bestandteile einer Installation von Paul Thek Einzug in diese Heiltumskammer, die er unter dem Eindruck einer Prozession auf Sizilien als „A Procession in Honor of Aesthetic Progress“ gestaltet hat – unter anderen plastische, lebensnahe, fleischliche Objekte, gleichsam wie frische körperliche Reliquien, die dem „Menschen die Schatten von Krankheit, Sterben und Tod unverdrängt vor Augen stehen: in Gebrechlichkeit, Verwundbarkeit, Zerstörung“, so der Jesuit und Kunstexperte Friedhelm Mennekes. „Doch aus diesem Abstieg erweckt der Gott des Lebens seinen Christus aus dem Fleisch neu und zieht ihn und die Seinen leibhaftig zu sich empor.“ Mag sein, dass das Publikum beim Betrachten dieser Objekte in besonders eindrücklicher Weise auf den „heiligen Charakter der Symbole, wenigstens in jenem Moment“ reagiert, wie Paul Thek, es selbst einmal geäußert hat.

Doch sind es nicht nur die Werke von Paul Thek, sondern dazwischen noch viele andere Künstler und Werke mehr, die den Rundgang zu einem faszinierenden Gesamterlebnis von Raum, Ort und Ausstellung, von Form und Inhalt werden lässt. So zeigt ein Fernseher in einer Endlosschleife den persönlichen Bericht von Mira Bergmüller (*1970) über deren jahrelange, familiär bedingten Begegnung mit christlich motivierter Holzschnitzkunst, während sich eine größere Anzahl der erwähnten Figuren aus Holz, Gips und Ton vor der Bildschirmfläche als Publikum versammelt hat. Die Rauminstallation „Die heilige Nacht der Jungfräulichkeit“ von Michael Buthes entfaltet nicht zuletzt durch die vielen Kerzen eine eigentümliche spirituelle Kraft. Beim Hinabsteigen der Treppe kommt Paul Theks „Swing“ ins Blickfeld, eine an eine einfache Schaukel erinnernde Installation, deren Schnüre die im Halbdunkel am Ende des dahinter liegenden Raumes befindliche Prozessionsfahne aus dem 18. Jahrhundert mit der „Himmelfahrt Mariens“ einrahmt. Kenner des Museums wissen, dass einige Objekte, wie Stefan Lochners „Madonna mit dem Veilchen“ (um 1450) oder die „Tragedia civile“ von Jannis Kounellis (*1936) längst ihren angestammten Platz gefunden haben und nun im Kontext mit bislang noch nicht gezeigten Ausstellungsstücken entdeckt werden wollen.

Emporgezogen ist in diesem Sinne auch der Kirchenschatz von Kolumba, mehr noch: Er wird in zwei Ausstellungsräumen zum eigentlichen Mittelpunkt der Jahresausstellung. Die Vitrinen mit den „vasa sacra“, den Heiligen Gefäßen, sowie den prächtigen Goldkreuzen stehen in einem lichtdurchfluteten Raum und entfalten eine prachtvolle künstlerische wie geistliche Atmosphäre. Wie ein Augenzwinkern mag es manchen Betrachtern vorkommen, dass zwischen den neun Vitrinen eine zehnte ,geschmuggelt‘ worden ist, die den in einem Aquarium befindlichen Fish-Tank von Paul Thek einhaust.

Im nächsten Raum, der größte des Hauses, kulminieren dann Hauptlinien der Ausstellung – Körper, Kreuz, Eucharistie sowie Kunst, Kirche und Liturgie – zusammengeführt. Im Mittelpunkt steht die aus gotischer Zeit stammende, bemerkenswert prunkvoll gestaltete Monstranz des Kolumbaschatzes. An einer großflächigen Wand hängt ein einsamer Christuskopf aus dem 15. Jahrhundert, Fragment eines Gekreuzigten, dessen eindrückliche Lebensnähe heute noch - fast schockierend - ist. Ein blutiges, aufgebrochenes Stück Fleisch „Meatpiece with butterflies“ von Paul Thek sowie Kohlezeichnungen „Studien zu Michelangelo“ von Herbert Falken (*1932) bereichern das entfaltete Bild und die Thematik vom Leiden des Menschen, aber auch von seiner Transzendenz und Erlösung, wie sie schließlich in dem elfenbeinernen Kreuz aus dem zwölften Jahrhundert Ausdruck finden, bei dem der Gekreuzigte vor den Balken zu schweben scheint – befreit von aller irdischen Gebundenheit und in ein neues Leben entschlafen.

bis 15. August 2013, täglich außer dienstags 12 bis 17 Uhr.

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