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Erschienen in Ausgabe: No 77 (7/2012) Letzte Änderung: 12.02.13

"Gehen wir nach Amerika, die Sonne putzen."

von Heike Geilen

Amerika - der Inbegriff des freien Lebens und das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dies mag einerseits am dortigen unbeschwerten Lebensstil liegen, andererseits aber auch, weil die USA für jeden das passende Fleckchen Erde bereithält. Das finden auch Anna, ihr Bruder Michael und der Rest ihrer Clique, allen voran der charismatische " Komantsche". Es ist Sommer und die Heranwachsenden lungern mehr gelangweilt als agil, mehr angetrunken, als nüchtern, am Baggersee ihres Heimatortes herum. Es sollte ihr letzter gemeinsamer Sommer werden und ihrer Lebens-Sinnsuche ein rapides, ein tragisches Ende setzen. Die Weichen werden neu gestellt, als sie ihre eigene Statusunsicherheit und diverse Lebensprobleme, ihr Gefühl nach Macht und Stärke, auf Kosten eines Anderen ausleben. "Manchmal entscheidet sich viel in ganz kurzer Zeit."
"Alles, dachte ich damals, kann man besser machen, man lässt es einfach hinter sich und baut das Eigene dagegen, das dann genau so da steht, wie man es für richtig hält.", sinniert Anna. Doch zwanzig Jahre später wird sie jäh mit den Ereignissen von damals konfrontiert. Michael setzt seinem Leben ein jähes Ende. "Fünfzehndrei", so wie Anna von ihm früher genannt wurde, kehrt aus der Stadt zurück, dahin wo das Ende seinen Anfang nahm. Im ehemaligen Wohnwagen ihres Bruders, an eben jenem Kiessee, drängen Reminiszenzen mit einer düsteren Kraft immer stärker an die Oberfläche. "Das Selbstverständliche kommt nicht darin vor. (...) Dabei zwinge ich mich oft, das Gute zu erinnern. Den ruhigen Takt. Stunden, die leicht waren und zuverlässig wiederkehrten. Aber meistens nimmt das Erinnerte gerade dann, wenn ich meine, etwas gefunden zu haben, eine Wendung, die mir nicht geheuer ist." Der idyllische See will sein düsteres Geheimnis offenbaren: "Wenn ich hineinspringe, reißt seine Oberfläche auf, und ich habe eine Ahnung von etwas, das schmerzlich ist und unabänderlich.", so Anna.
"Grüne Witwe" ist ein hintergründiger, spannend verwobener Roman über eine Jugend, die viel zu schnell zu Ende ging. Das Buch erzählt von der Suche einer Frau nach den eigenen Prägungen. Die Erzählerin Anna berichtet im Hier und Jetzt von Damals: eine Geschichte der Aufarbeitung mit der großen Kraft von Erinnerungsbildern. In einer gelungenen Mischung aus Einfühlsamkeit und Distanz, aus Melancholie und Reserviertheit wirft Monika Goetsch, die 1967 in Marburg geboren wurde und nach dem Studium von Literatur-, Theater- und Kommunikationswissenschaften als Redakteurin für verschiedene Tageszeitungen und Zeitschriften arbeitete, einen Blick hinter die Fassade menschlichen Tuns und die vielfältigen Gefühlsverästelungen heranwachsender Jugendlicher. Ihre klare, ruhige Sprache und die schlichten Dialoge entwickeln eine einprägsame Kraft und Tiefe. Eine Autorin, die man sich merken sollte.
"Nichts habe ich bisher getan von dem, was ich tun wollte. (...) Dabei gibt es so vieles, was du tun und wissen musst." (aus "Grüne Witwe")


Monika Goetsch
Grüne Witwe
Dörlemann Verlag, Zürich (August 2012)
222 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 390877778X
ISBN-13: 978- 3908777786
Preis: 18,90 EURO

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