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Erschienen in Ausgabe: No 81 (11/2012) Letzte Änderung: 13.02.13

Victor Hugo als Lyriker

von Annette Seemann

In Frankreich ist Victor Hugo neben Molière der bekannteste Schriftsteller, ja ein Nationaldichter, in Deutschland sind ihm an Bekanntheit zahlreiche andere französische Romanciers, Dramatiker und Lyriker überlegen, so Stendhal, Balzac und Flaubert im Roman, der erwähnte Molière oder Racine im Drama oder Baudelaire, Rimbaud und Verlaine, was die Lyrik angeht. Dies liegt auch an der schwierigen Übersetzungslage: Mit Ausnahme der Romane Der Glöckner von Notre Dame und Die Elenden finden wir von Hugo nahezu nichts in Übersetzungen, eine Gedichtanthologie von 1903, zusammengetragen von Fritz Gundlach, kann man in der HAAB einsehen. Gleichwohl haben die Romane Hugos Epoche gemacht, nicht zuletzt in ihren mehr oder weniger geglückten Verfilmungen. Hierzu werden wir noch kommen.
Der Lyriker Hugo, weitgehend wie gesagt hierzulande unbekannt, ist dies aber zu Unrecht, und wahrscheinlich ist ein Grund die Fülle des von dem langlebigen Autor (1802-1885) verfassten Werks, die die Übersetzer abschreckte. Ein anderer Grund mag die Tatsache sein, dass Hugos Werk schon zu seinen Lebzeiten unmodern wurde, dass die genannten jüngeren Lyriker Baudelaire, Rimbaud und Verlaine ihn zunächst verehrten, von ihm lernten, dann jedoch an Modernität übertrafen. In einem Zitat von Charles Baudelaire aus dem Jahre 1861 (aus: Reflexionen über einige meiner Zeitgenossen, I) sagt Baudelaire:
„Wenn man sich vorstellt, was die französische Lyrik war, bevor er erschienen ist, und welche Verjüngungsie erlebt hat, seit er gekommen ist; … wie viele geheimnisvolle und tiefe Gefühle, die ausgedrückt worden sind, stumm geblieben wären; … wie viele Männer, die er zum Leuchten gebracht hat, dunkel geblieben wären, dann ist es unmöglich, ihn nicht als einen jener seltenen und vom Schicksal gesandten Geister anzusehen, die auf literarischem Gebiet das Heil aller bewirken, wie andere auf moralischem und andere auf politischem Gebiet.“
Mit welchen Themen beschäftigte sich Hugo in seiner Lyrik, welche Formen bevorzugte er? Es handelt sich um ein poetisches Werk, das jede Art von Thema von der Natur- über die Liebeslyrik, die historische Ode und Ballade, bis zu in exotischen Gefilden oder Traumlandschaften angesiedelte Gedichte, aber auch ganz konkret zeitbezogene Fanale des politischen Hugos einschließt, dann wieder in historische Fernen verklausulierten Rat an die Zeitgenossen zu geben versucht, bis immer wieder, in jeder Lebenslage und –Zeit auch ganz persönliche Gedichte, über seine Kinder, später die Enkel, über seine Verfassung, als Mensch, als Bürger und schließlich über sich als Dichter, dessen Funktion in der Gesellschaft, dessen Mission. Immer wieder also auch Versuche, sich selbst in der einmal gewählten Funktion zu definieren und zu behaupten, sich mit dichterischen Mitteln als Dichter darzustellen und zu inszenieren oder sogar zu erfinden. In diesem Zusammenhang sind auch die den frühen und mittleren Gedichtszyklen vorangesetzten Vorworte, die die Hugo´sche Dichtungstheorie zum derzeitigen Augenblick abschildern, bedeutsam und sollen Erwähnung finden. Formal ist Victor Hugo ebenfalls so vielfältig wie möglich. Es gibt keine Gedichtform, der er nicht benutzt hätte, angefangen mit dem auch schon von Zeitgenossen teilweise geschmähten 12silbigen Alexandriner bis hin zu kürzesten Versformen. Allerdings ist diesem Dichter durchaus eher der Hang zur Monumentalität zuzusprechen als der zur Lapidarität, nicht selten haben Gedichte von ihm 36 und mehr Strophen.
In der mir vorliegenden Werkausgabe von 15 Bänden, erschienen im Verlag Robert Laffont, Paris, sind vier etwa jeweils 1000 Seiten umfassende Bände der Lyrik gewidmet, es lässt sich daher erfassen, einen wie großen Raum die Lyrik für Hugo in seinem Leben einnahm, und in der Tat, schon der Jugendliche dichtete, es heißt, er habe als 14jähriger in sein Schulheft schrieben: „Ich will Chateaubriand sein oder nichts.“ Mit anderen Worten orientierte sich bereits der Jugendliche Hugo an dem neben Madame de Staël wichtigsten Vertreter der frühromantischen Bewegung in Frankreich, dessen 1802 erschienenen Hauptwerk Le génie du christianisme sich erstmalig seit der Revolution wieder auf die christlich-katholische Tradition als von Schönheit und Gefühl regierten bezieht. Der Klassizismus war endgültig vorbei, exotische Kulturen rückten in den Blick, statt des Hellenismus war nun eine Wendung hin zum Orient, rein zeitlich eine Orientierung am Mittelalter statt an der Antike wichtig, und all dies exerzierte François-René Chateaubriand vor. Zudem war er auch in Hinsicht auf sein politisches Engagement eine Vorbildsfigur, indem er den gesellschaftlichen und politischen Wandel punktgenau mitvollzog, zunächst als adliges Opfer der Revolution gilt, dann das Bündnis zwischen dem Adel und den Trabanten um Napoleon befürwortet, jedoch sich von Napoleon abwendet, als dieser deutlich macht, dass er die Alleinherrschaft anstrebt und schließlich nach dem Sturz des Kaisers eine gemäßigte Restauration, also die konstitutionelle Monarchie unterstützt.
In Chateaubriands wie speziell in Hugos Falle ist die Verknüpfung von Leben und Werk, die hierzulande wissenschaftstheoretisch zum Teil nicht geschätzt wird, sehr erhellend und diese Verknüpfung versuche ich in meiner Vortragsreihe immer wieder herzustellen, denn Hugo, wie kein anderer, nahm persönliche Erlebnisse immer zum Anlaß für Werke, seien sie lyrischer, dramatischer, theoretischer oder politischer Natur, und in Frankreich schätzte man von jeher bis heute, und nicht von ungefähr, in der Philologie den Ansatz „L´Homme et l`oeuvre“.
Das Diktum „Ich möchte Chateaubraind werden oder nichts“ war fast prophetisch, denn ebenso wie sein Vorbild sollte auch Hugo fast lebenslang die politischen Lager und Überzeugungen, fast möchte man sagen, wie die Hemden wechseln, er war ein Seismograph der politischen Lage, vielleicht könnte man es auch negativ ausdrücken: er war ein Opportunist. Immer trug ihn die gleiche Verve, die gleiche Überzeugungskraft, und es blieb ihm bis ins hohe Alter die Begeisterungsfähgkeit, die zu einem solchen schöpferischen Tun nötig ist, und dies trotz tragischer insbesondere familiärer Ereignisse -- so hat er alle seine unmittelbaren Familienmitglieder überlebt.
Doch zurück zu den Anfängen: Victor-Marie ist der dritte Sohn des napoleonischen Offiziers Joseph-Leopold-Sigisbert Hugo und seiner Ehefrau Sophie-Francoise Trébuchet, er kommt am 26. Februar 1802 in der Garnisonsstadt Besançon zur Welt. Ein schwächliches Kind, dem man zunächst die Lebenschancen fast abspricht. Der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammende Vater macht im Zuge der napoleonischen Feldzüge Karriere, dies erfordert ständige Ortswechsel. Seine Frau, früh Vollwaise und im Sinne der französischen Aufklärung von einer Tante erzogen, scheint gut zu dem umtriebigen Ehemann zu passen, allein, für kleine Kinder ist das Nomadenleben im Gefolge von Kriegern nicht ganz passend. Was immer wieder als so beglückend geschildert wird, die vielen Eindrücke, die Victor und seine Geschwister von klein auf hatten, erlebt er, so jedenfalls in einer Ode aus den frühen 1820er Jahren (Meine Kindheit)als ungut: „Mit unseren siegreichen Truppen irrte ich durch das unterworfene Europa; durchstreifte die Erde noch früher als das Leben“. Schon bei dem ersten Ortswechsel, im Frühling 1802 geht die Reise nach Marseille, weigert sich Mutter Sophie, das Leben Ihres Mannes zu teilen, der Vater lässt die Kinder durch eine Kinderfrau betreuen, während Sophie Hugo in Paris leben möchte, sie hat nicht mehr das Gefühl, in einer Ehe zu leben, denn ihr Mann hat ein Verhältnis, wird die Frau auch später heiraten. Und Sophie hat ebenfalls einen Geliebten, den Paten ihres jüngsten Sohnes (ohne dass jedoch eine Taufe Victor Hugos nachgewiesen ist). Dieser allerdings wird aufgrund von Verschwörungen gegen Napoleon wenig später erschossen. Ein romanhaftes Leben nimmt so seinen Anfang. Als Victor fünf Jahre alt ist, folgt die Mutter Sophie ihrem Mann nach Italien folgen, der Vater hat den Auftrag, für Napoleons Bruder Joseph das Königreich Neapel einzunehmen. Vater Hugo zeichnet sich aus, macht Karriere, die Familie wohnt in einem Palast, doch erneut bricht Streit unter den Eheleuten aus. Die Mutter geht mit den Söhnen nach Paris zurück, wo sie sich in einem ehemaligen Kloster niederlässt und den Söhnen einen alten Priester als Lehrer sucht. Eine Idylle, die ihm immer wieder als glückliche Phase vor Augen stehen wird. Sie nimmt 1811 ihr Ende, noch einmal versucht Sophie Hugo ihr Glück mit dem inzwischen von Joseph Bonaparte zum Grafen erhobenen Ehemann, der mittlerweile in Spanien residiert. Diese Reise prägt den 9jährigen Jungen sehr, der karge Charakter Zentralspaniens, die Exotik des Landes, Madrid, schließlich Segovia. Der Junge stellt sich instinktiv auf die Seite des widerständigen Volks, dessen Aufstände von den Franzosen, und damit auch vom Vater, niedergeschlagen werden sollen, nicht immer erfolgreich. Daneben erlebt der Junge, daß er und seine Brüder die Zankäpfel in der nicht mehr existenten Ehe der Eltern sind, daß der Vater versucht, der Mutter die Kinder zu entziehen: Sie sollen in Spanien bleiben. Ein Kompromiss wird schließlich gefunden: Der älteste Bruder, Abel, bleibt wirklich in Spanien, während Victor und Eugène mit der Mutter zurückreisen dürfen. Erneut zieht man in das alte Kloster, erneut erhalten die Jungen einen Privatlehrer und entdecken mit der Mutter die großen Autoren des 18. Jahrhunderts. Wenig später schon, 1813, deutet sich mit dem Verlust Spaniens für die napoleonischen Truppen insgesamt der Zusammenbruch des Kaiserreichs an. Der Vater kehrt nach Paris zurück, allein die Ehe der Eltern ist zerrüttet und wird geschieden, die Kinder dem Vater zugesprochen, der Eugène und Victor nun in ein Internat schickt (1815-1818). Was Hugo aus dieser Kindheitsphase gelernt hat, ist seine enorme Fähigkeit, sich immer wieder neu an wechselnde Bedingungen anzupassen und nie zu verzweifeln. In den Internatsjahren veröffentlicht der Schüler auch sein erstes Gedicht, es trägt den Titel Das Glück, das das Studium in allen Situationen des Lebens verschafft, Hugo reicht es beim Lyrikwettbewerb der Académie Française ein, doch erhält er nur den 9. Platz. Auch der ältere Bruder Eugène dichtet, und zunächst ist ihm das Glück auch hold. Bei einem Wettbewerb der Akademie der Blumenspiele in Toulouse, bei dem beide Brüder 1818 Gedichte einreichen, wird Eugène der erste Preis zugesprochen, ein Jahr später erhält jedoch Victor für zwei Oden Preise, und 1820 wird er sogar für das Gedicht Moses auf dem Nil zum Meister der Blumenspiele gekürt. Es steht jetzt für ihn mehr als zuvor fest: Er muß Dichter werden. Dazu gehört es, entsprechende Beziehungen zu knüpfen und sich bekannt zu machen. Zu diesem Zweck gründet er gemeinsam mit seinem älteren Bruder Abel die literarische Zeitschrift Le Conservateur littéraire. Nach wie vor eifert er seinem Vorbild Chateaubriand nach, widmet ihm Gedichte und preist die Restauration. Als Mitglied der Société des Bonnes Lettres möchte er, dass „alle Musen Royalisten“ werden.
Sein erster Gedichtband, betitelt Oden, erscheint 1822. Wie in fast allen späteren Bänden stellt er den Gedichten ein programmatisches Vorwort voran, in dem er erklärt, „die Poesie findet sich nicht in der Form der Ideen, sondern in den Ideen selbst“, und zuvor, 1821, hatte er an seine Verlobte Adèle Foucher, die Freundin schon aus Kindertagen, geschrieben: „Verse sind keine Poesie. Die Poesie ist in den Ideen, die Ideen kommen aus der Seele. Verse sind nur ein elegantes Kleid für einen schönen Körper. Die Poesie kann auch in Prosa ausgedrückt werden, sie ist lediglich vollkommener, wenn sie unter der Anmut und Majestät von Versen einherkommt.“ Darüber hinaus fällt hier bereits der berühmt Ausspruch Hugos: „Das Reich der Dichtung ist unbegrenzt. Unter der realen Welt gibt es eine ideale Welt, die sich leuchtend in den Augen derjenigen darbietet, die sich durch ernste Meditation angewöhnt haben, in den Dingen mehr zu sehen als Dinge … die Poesie, das ist alles, was es an Verborgenem (Intimem) in allem gibt.“
Die Oden sind entsprechend der damaligen Geisteshaltung Hugos katholisch und legitimistisch geprägt. Die eigentliche Originalität Hugos zeigt sich in ihnen noch nicht. Er ahmt die Vorbilder Lamartine und Chateaubriand nach. Im Vorwort zur Ausgabe von 1824 dann führt er seine Vorstellung von der Aufgabe eines Dichters genauer aus: „Dies ist die Aufgabe eines Genius; Seine Erwählten sind die Wachen, die der Herr auf den Türmen von Jerusalem hinterlassen hat und die niemals schweigen werden, nicht am Tag, nicht in der Nacht.“ Der Dichter „muß dem Volke vorangehen wie ein Licht und ihm den Weg weisen … Alle Fasern des menschlichen Herzens müssen unter seinen Fingern vibrieren wie die Saiten einer Lyra. Er wird niemals das Echo des Wortes von irgendeinem Wesen sein, ausgenommen dieses Wesen wäre Gott.“
Im selben Jahr, 1822, heiratet Hugo, nach langem Werben um die Braut Adèle, die Freundin aus Kindertagen – beide Familien verweigern zunächst die Zustimmung. In Hugos Fall ist es die Mutter, und erst ihr Tod ermöglicht die Heirat. Schon bei der Trauung machen sich erste Zeichen des beginnenden Wahnsinns bei dem älteren Bruder Eugène bemerkbar, der als Dichter wie als Mann (auch er war in Adèle verliebt gewesen) glaubt, versagt zu haben, hat ihn doch der Jüngere überall übertroffen und ausgestochen. Ein Tag nach der Trauung wird Eugène in ein Sanatorium eingeliefert, wo er 1837 stirbt. Zwischen 1823 und 1830 werden der Familie Hugo 5 Kinder beschert, das erste Kind verstirbt bald, es folgen Léopoldine, Charles, François-Victor und Adèle. Zunächst kann diese Ehe durchaus als glücklich bezeichnet werden.
Hugo ist zu diesem Zeitpunkt politisch und poetisch – dies geht bei ihm immer Hand in Hand – ein Konservativer, loyal einer Regierung gegenüber, dem er seinen Aufstieg verdankt. Mit der Einleitung zu den Oden von 1824 zementiert er die regierungstreue Literatur der Restaurationszeit: “Jede Literatur ist mehr oder weniger tief geprägt von den Sitten und der Geschichte des Volkes, dessen Ausdruck sie ist.“
1826 erscheint der 2. Gedichtband Hugos, Odes et Ballade, und er wird in der liberalen Zeitschrift Le Globe wohlwollend rezensiert, wenngleich noch kein offener Bruch mit den Konservativen bemerkbar ist. Hugo behandelt in dem Band vorwiegend historische Themen, die dem Volkstum entstammen, das Pittoreske spielt eine besondere Rolle. Und das Mittelalter, so wie es durch Walter Scott und die deutschen Balladen, die man in Frankreich kannte, rezipiert wurde, ist zentral.
Der Glückliche (Übersetzung von Fritz Gundlach, 1903)
„Ich hasse euch! Was ich, so jung noch, mag begehren,
Erfüllt ihr, Götter, jederzeit!
Ich hasse euch! Hört auf, mir mehr noch zu bescheren!
Was tat ich, dass ihr, mich zu segnen, stets bereit?

Von Spaniens schönem Strand bis zu Leanders Sunde
Ziehn meine Schiffe durch die Flut;
Mein stolzes Schloß verschlingt, gleich einem gier`gen Schlunde,
Was aus den Städten kommt, aus ferner Länder Glut.“


Auf einem weichen Pfühl, den goldne Füße zieren,
Ruh` ich, indes die Leier klingt:
Und meine heiße Stirn umfächeln mit Zephyren
Jungfrauen, die mein Schiff vom fernen Indus bringt.

Was meine Hand verschmäht, das ist bei meinen Mahlen
Ein Schmaus für der Schmarotzer Heer:
Selbst Fische, die genährt mit Menschenblut, in Schalen
Aus Gold bereitet – ach! sie reizen mich nicht mehr.

Am Tiber, auf den Höhn, erfüllt von heißen Laven,
Besitz` ich Gärten wunderbar;
Und meine Länderei`n, bedeckt mit meinen Sklaven,
Ermüden meinen Blick und meiner Rosse Schar.

Von weißem Marmor strahlt mein Schloß, und meine Bäder
Bestehn aus glitzerndem Porphyr;
Durch ein Clientenheer roll`n meines Wagens Räder,
Die Großen fürchten mich und Cäsar lächelt mir.

Das Forum langweilt mich, die Straßen, die Arenen.
Stets frage ich: Was tu` ich nur?
Zum Fraß wird jeden tag ein Sklave den Muränen,
Auch dieses Spiel hat kaum noch eines Reizes Spur.

Die Frauen Asiens, die Frau`n Europas regen
mein Herz kaum an zu schnell´rem Schlag;
aus goldnem Kelch gähnt mir der Überdruß entgegen,
Und doch beneidet mich der Arme jeden Tag!

Warum verfolgt ihr so mit eurer Gunst mich immer?
Zieht endlich eure Hand zurück!
Nehmt meiner Jugend nicht den letzten Hoffnungsschimmer!
Nehmt alles wieder hin, ach! für ein wenig Glück!“

Im Tempel hingestreckt auf weichen Pfühles Grunde,
Sprach so voll Überdruß Celsus mit keckem Munde,
Indes ein Märtyrer mit einem Segenswort
Starb freudig am Altar für seinen Heiland dort.“
Ein Vorbild für diese Ballade war sicherlich Schillers „Ring des Polykrates“, doch der um 179 n. Chr. mit seiner „wahren Lehre“ hervorgetretene Grieche Celsus oder Kelsos, Anhänger des Neuplatonismus, kann mit Hilfe von Hugos Stimme nicht dieselbe Dramatik entfachen wie Schiller mit seiner in der 3. Person verfassten Ballade.
Victor Hugo erhält übrigens ab 1823 vom französischen König, noch ist es Ludwig XVIII., eine zweite jährlich Pension, er kann jetzt eine eigene Wohnung in der Rue de Vaugirard beziehen. Allerdings muß er, wie auch einige andere Autoren, es sich gefallen lassen, von jungen Kollegen, so etwa Stendhal, geächtet zu werden, sie hätten sich einem Regime verschrieben, dem keine Zukunft mehr gehöre. 1825, es sieht nach einer Zementierung von Hugos Rolle an, die Regierung zu stützen, soll er aus Anlaß der Krönung Karls X. eine Ode verfassen: Er fährt nach Reims, dem Krönungsort, um dort Im Schatten der Kathedrale zu verfassen, das genau den Erwartungen des Auftraggebers entspricht und Hugo den Eintritt in die französische Ehrenlegion beschert. Allerdings ist die Ode lediglich formal eine Huldigung, sie kann auch als eine reine Stilübung gesehen werden, innerlich ist Hugo schon nicht mehr bei der Sache, denn er ist dabei, sich von der legitimen monarchischen Herrschaft der Restauration zu entfernen. Sein Werk wird allerdings in einer Luxusausgabe der königlichen Druckerei neu herausgegeben. Hugo kann jetzt Napoleon neu sehen: Als tragische Figur sowohl der Größe wie des Niedergangs Frankreichs – dies etwa trägt ihm jetzt die Sympathie der liberalen Kreise in Frankreich ein. und dies wirkt sich auch positiv auf die Beziehung zu seinem immer noch napoleontreuen Vater aus. Der Gedichtband Odes et ballades mit seinen historischen Themen, die dem Volkstum entstammen, wie erwähnt positiv besprochen, trägt dem Dichter auch eine neue Freundschaft ein, mit dem Literaturkritiker Charles Augustin Sainte-Beuve.Auch in diesem Gedichtband ist ein Vorwort wichtig, es kennzeichnet den Umschwung in Hugos Denken, das er nun ganz in den Dienst der Freiheit stellt, und er vergleicht die Freiheit in der Literatur mit der Freiheit in der Politik: „Was sehr wichtig festzuhalten ist, ist, dass Ordnung sich in der Literatur wie in der Politik wunderbar mit der Freiheit verträgt; die Ordnung ist sogar das Resultat solcher Freiheit. Im übrigen darf man Ordnung nicht mit Vorschriftsmäßigkeit verwechseln. Vorschriftsmäßigkeit bindet sich nur an das äußere Erscheinungsbild; Ordnung aber ergibt sich aus dem Grund der Dinge selbst, aus der intelligenten Anordnung von Elementen, die innerlich zu einem Thema gehören. Vorschriftsmäßigkeit ist eine materielle und rein menschlicheKombination; die 0rdnung ist aber sozusagen göttlich … die Vorschriftsmäßigkeit entspricht dem Geschmack der Mittelmäßigkeit, die Ordnung dem Geschmack des Genies.“ Und weiter verdeutlicht der Dichter, was er unter Freiheit versteht: „Es ist klar, dass Freiheit niemals Anarchie ist; dass Originalität in keinem Falle als Vorwand für Fehlerhaftigkeit dienen kann. In einem literarischen Werk muß die Ausführung um so makelloser sein, wenn seine Konzeption besonders gewagt ist.… Sprachliche Fehler werden es nie möglich machen, einen Gedanken wiederzugeben, und der Stil ist wie ein Kristall: Seine Reinheit ergibt erst seinen Glanz. … Der Dichter darf nur ein einziges Vorbild haben, die Natur; nur einen Führer, die Wahrheit. Er darf nicht mit und aufgrund dessen schreiben, was bereits geschrieben worden ist, sondern mit seiner Seele und seinem Herzen. Von allen Büchern, die unter den Menschen herumgehen, sollen nur zwei von ihm studiert werden, Homer und die Bibel. Denn diese verehrungswürdigen Bücher, die die ersten aufgrund ihres Alters und ihres Wertes sind, sie sind ja fast so alt wie die Welt selbst, sind für das Denken jeweils selbst eine Welt. Man findet in ihnen in gewisser Weise die gesamte Schöpfung, und zwar in ihrer Zwiegespaltenheit: Bei Homer aufgefasst durch das Genie des Menschen, in der Bibel durch Gottes Geist.“
Ein hehres Ziel, der Dichter wird auf der menschlichen Ebene fast als Pendant zu Gott aufgefasst, seine Mission ist die, die Wahrheit in makelloser Schönheit darzustellen.
Drei Jahre nach Odes et ballades veröffentlicht Hugo im Januar 1829 den Gedichtzyklus Les Orientales, er ist noch weiter auf dem Weg gegangen, den er beschritten hat: Kunst hat keinen anderen Zweck als Kunst zu sein, behauptet er im Vorwort: „Es gibt in der Dichtkunst weder gute noch schlechte Themen, es gibt nur gute oder schlechte Dichter. Im übrigen ist alles ein Thema, alles gehört zur Kunst; alles hat Bürgerrecht im Reich der Poesie. Versuchen wir also nicht, den Grund herauszufinden, der Euch dieses oder jenes Thema wählen ließ, traurig oder fröhlich, schrecklich oder anmutig, strahlend oder düster, fremdartig oder schlicht. Prüfen wir lieber, wie Ihr gearbeitet habt und nicht worüber und warum. …Der Dichter ist frei.“
In den Orientalen hat es Hugo gefallen, sich seine südspanischen Kindheitserlebnisse noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, Erelbnisse an Orten, wo die orientalische Kultur so präsent ist wie sonst nur im Orient, und er versucht sich gleichzeitig ins Mittelalter zurückzuversetzen – ein ungezwungen klingendes Konzept, das in Wahrheit aber die Wendung vom Klassizismus zur Romantik bedeutet, von der Verehrung der Antike, Griechenlands und Roms hin zu Mittelalter und zum Orient. Dies sagt er auch ganz deutlich: „Im Zeitalter von Ludwig XIV. war man Hellenist, jetzt ist man Orientalist.“ 41 Gedichte umfasst der Zyklus, sie tragen Titel wie Feuer vom Himmel, Kanarienvögel ,Kriegsschrei des Mufti, Piratenlied, Die Lieblingssultanin, Türkischer Marsch, Sarah, Die Badende, Verfluchung, Extase oder Die Djinns. Aufgenommen in die Anthologie von Fritz Gundlach, stammt die Übersetzung von Ludwig Seeger:
Die Djinns
Stadt, Hafen
Wie gut
Sie schlafen!
Die Flut
Zieht leise
Geleise
Im Kreise
Und ruht.

Sind die Toten
Aufgewacht?
Nein, der Odem
Weht der Nacht.

Töne schwimmen,
Geisterstimmen,
Flämmchen glimmen
Sanft und sacht.

Wie Glöckchen helle
Ein Stimmchen klingt:
Der Zwerg, der schnelle,
Er hüpft und springt,
In Lüften lebend,
Den Fuß erhebend,
Auf Wellen schwebend
Tanzt er und singt.

Horch! der Lärm, schon tost er
Näher und es schallt,
Wie die Glock` im Kloster,
Dem verwünschten, hallt,
Wie im menschenvollen
Raum die Töne rollen,
Bald nur leiste grollen,
Brausend, donnernd bald.

Die Djinns! Sie sind´s, o Schrecken!
Welch höllisch wilder Tand!
Eilt, eilt, euch zu verstecken
am alten Treppenrand!
Beim Lampenlicht, dem matten,
Schwebt des Geländers Schatten
an Trümmern, Balken, Latten
Empor zur höchsten Wand.

s´ist der Schwarm der Djinns, der wettert,
Pfeifend laut vorüberrennt,
Eiben, die ihr Flug zerschmettert,
Krachen, wie ein Span, der brennt.

Durch die Nacht, mit schrillend rauen
Tönen fliehn sie, anzuschauen
wie der Wolke Schoß, der grauen,
Den ein Blitzstrahl zuckend trennt.

Das sind sie! – Schließt im Saal die Fenster.
Worüber rauscht die wilde Flut!
wie lärmt sie draußen, der Gespenster,
Vampyre, Drachen grause Brut!
Wie Gras, im Winde schaukelnd, knarren
am Dach die losgeriss´nen Sparren;
Des Tores Angeln selbst, die starren,
die rost´gen, schüttelt ihre Wut.

Ein Höllenlärm, ein Heulen, Stöhnen, Jammern!
Ein wildes Heer, vom Sturm dahergeweht!
Es kracht die Wand, es ächzen alle Klammern,
Die Mauer wankt, die kaum noch widersteht.
Es rast heran ein Schwarm von Höllenknechten,
Und, wie entwurzelt, vor den finstern Mächten
Neigt sich das Haus zur Linken und zur Rechten
Und bebt, wie sich ein Blatt im Winde dreht.

Prophet, wenn du vor dieser Herde
Mich rettest, dieser Höllenschar,
Dann beug ich tief mein Haupt zur Erde
Vor deinem rauchenden Altar.
Gieb, dass an diesem Damm der Wände
Der wilde Höllensturm verende! –
wie sie am Fenster kratzen! – Wende,
Prophet, o wende die Gefahr!

Fort, entflohn sind die Gespenster,
Und es schlägt der Höllenchor
Mit den Klau`n nicht mehr ans Fenster,
Stößt nicht wetternd mehr ans Tor.
kettenklirrend, wirres Zanken
In der Luft; im Walde schwanken
eichen wie zerzauste Ranken,
Angebrannt, geknickt wie Rohr.

Das Rauschen ihrer Flügel
Verliert sich nach und nach,
Und fern am letzten Hügel
Verhallt es allgemach,
Wie zitternd durch die stille
Mondnacht sich schwingt der schrille
Gesang der müden Grille,
Wie Hagel rauscht aufs Dach.

Seltsame, verworrne
Laute, sterbend schon;
Wie, wenn auf dem Horne
Bläst der Wüste Sohn,
Weit umher im Kreise
Die arab`sche Weise
klingt, erlösend leiste,
Wie im Traum ein Ton.

Der Spuk der Grüfte
Verrauscht, es zieht
Durch dunkle Lüfte
Der Schwarm und flieht,
In Wolken hausend,
Die Nacht durchsausend,
Wie Wellen brausend,
Die niemand sieht.

Weit von hinnen
Rauscht`s im Trab;
also rinnen
Tropfen ab,
Wimmern Waisen
ihre leisen
Klageweisen
um ein Grab.

Gesinde
Fahr`zu,
Verschwinde
Im Nu!
Nacht, fege die Wege
Und pflege
Der Ruh!“

Zum Vergleich einmal an dieser Stelle die erste Strophe des Gedichts auf französisch:
Murs, ville,
Et port,
Asile
De mort,
Mer grise
Oú brise
La brise;
Tout dort.“
Die Konstruktion des Anschwellens der Spannung, der Eskalation des Auftretens der Djinns entsteht aus der Ruhe, zweisilbige Verse bereiten sich vor, die nächste Strophe bietet bereits jeweils vier Silben in der ersten Zeile, drei in der zweiten, in der nächsten Strophe jeweils vier Silben pro Vers, es folgt eine Strophe mit 5, abwechselnd mit vier Versen, das System wird also konsequent beibehalten, bis zur achten Strophe, wir haben jetzt jeweils elf Silben im 1. Vers, in Abwechslung mit dem zweiten, der 10 Silben hat: Das ist der Höhepunkt, die Djinns sind da und verrichten ihr zerstörerisches Werk. Inhaltlich ist es so: Die Rettung kommt aus der Religion, dem Glauben, so Hugo, ein Gebet, an die Adresse des Propheten gerichtet, schon wieder nur mit 9/bzw. 8 Silben, wird seinen Dienst tun, und so ist es auch. Konsequent sinkt die Intensität der Spannung, die Anzahl der Silben pro Vers, bis wir wieder bei dem Ausgangsmaß angelangt sind:
On doute
La nuit…
J`écoute:
Tout fuit,
tout passe;
L´espace
Efface
Le bruit.“
Hugos nächster Gedichtzyklus erscheint 1831, mitten in den politischen Ungewitterlagen veröffentlicht er private, allgemein von zarter Melancholie versetzte Verse. Herbstblätternennt der 29jährige Dichter den Zyklus. Er ist inzwischen der unumstrittene Anführer der romantischen Bewegung, man beobachtet den ständig die Weltanschauung und Dichtungstheorie ändernde Persönlichkeit aber auch mit Neid oder Unbehagen, andere, junge Talente, etwa Alfred de Musset, Gérard de Nerval und Théophile Gautier sehen in ihm das Vorbild. Zahlreiche bildende Künstler, zum Beispiel der Bildhauer David, zählen zu seinen Freunden – sein Gesicht zu dieser Zeit: Das eines etwas zu behäbigen jungen Mannes.
Die Politik Karls X. missfällt allen politisch Denkenden in Frankreich, eine absolute Monarchie ist 1830 nicht mehr an der Tagesordnung. Der König reagiert auf die Ablehnung seiner Politik durch einen Quasi-Staatsstreich, Auflösung des Parlaments und Ansetzung von Neuwahlen. In Paris erscheinen postwendend keine Tageszeitungen mehr, die Drucker denken politisch, Barrikaden und Trikoloren prägen das Stadtbild, die Aufständischen erobern Paris. Hugo war 1830 jedoch mit anderem als der Politik beschäftigt, er hatte seinen großen Roman Der Glöckner von Notre-Dame beendet, hierzu später mehr, dies war jedoch ein ungeheurer Kraftakt für den Dichter gewesen. Der Gedichtzyklus mag daher so etwas wie eine Gegenbewegung zu dem allgemeinen Aufruhr gewesen sein, die Hugo zu Versen bringen. Hier aus dem Vorwort:
„Gefallene Blätter, tote Blätter, so wie alle Blätter im Herbst. Es handelt sich also nicht um laute, aufgeregte Dichtung: es sind heitere und friedfertige Verse, Verse wie alle Welt sie macht oder davon träumt, Verse über die Familie, das Heim, das private Leben, Verse aus dem Inneren der Seele. Es ist ein melancholischer und resignierter Blick, der auf das geworfen wird, was da ist, aber vor allem, auf das, was einmal war. Es ist das Echo dieser Gedanken, oft sind sie unausdrückbar, tausend Gegenstände der Schöpfung in unserer Vorstellung erwecken diese Gedanken, Gegenstände, die leiden oder um uns herum sehnsuchtsvoll nach uns lechzen, eine Blume, die stirbt, ein Stern, der herniederfällt, eine Sonne, die untergeht, eine Kirche ohne Dach, eine Straße voll mit Unkraut überwachsen: oder die unvorhergesehene Ankunft eines Freundes vom Gymnasium, den man fast vergessen hatte; obwohl er in einer dunkeln Ecke des Herzens immer geliebt war; oder der Gedanke an diese willensstarken Männer, die das Schicksal brechen oder sich durch das Schicksal brechen lassen; oder das Vorübergehen eines dieser schwachen Wesen, die nichts von der Zukunft wissen, bald ist es ein Kind, bald ein König. Schließlich geht es um die Eitelkeit von Hoffnungen und Projekten, um die Liebe mit 20, um die Liebe mit 30 Jahren, um das, was es Trauriges im Glück gibt, um die unendliche Zahl von Dingen, woraus unsere Lebensjahre sich zusammensetzen,….“ Nein, Hugo versagte es sich explizit, ein einziges politisches Gedicht, von denen er auch einige in den vergangenen Jahren verfasst hat, in diesem Zyklus aufzunehmen. Auch hier jedoch gibt es schon Gedichte, die die soziale Seele des Hugos des Glöckners oder der Elenden bezeugen, ich habe ausgesucht das Gedicht Für die Armen:
Wenn ihr zur Winterszeit, umstrahlt vom Lichterglanze,
Ihr Reichen, Glücklichen, euch wirbelnd dreht im Tanze,
Wenn ihr allüberall rings um euch her nur sehr
Wandspiegel, Bilderschmuck, Kronleuchter aus Krystallen,
Kostbarer Stoffe Pracht, die von den Wänden wallen,
Wenn laute Lustbarkeit durch eure Säle weht,

Indes ein Glockenspiel euch von der Wand hernieder
Der Stunden ernsten Ruf wandelt in frohe Lieder, --
O, denkt ihr dann manchmal, dass vor dem Tor vielleicht
Ein armer Vater mag vor Frost und Hunger beben,
Der eure Schatten sieht im Tanz vorüberschweben
Und dann verzweifelt weiter schleicht?

O, denkt ihr dann manchmal, dass draußen frierend zittert
Der arbeitslose Mann, den Hungersnot verbittert?....

Im menschlichen Geschick schuf Gott der Herr zwei Stufen:
Gar viele gehen gebeugt vom Unglück, doch berufen
sind wen`ge nur, zu sehn des Glückes Freudenfest;
Die einen lachen froh, die andern wieder weinen.
Ja, ein Gesetz, das schlecht und ungerecht muß scheinen.
Beut diesen Glück, indes es jene darben lässt….
(4 Strophen über Almosen, eingeleitet mit „O, gebt!“ viele Bilder, die letzten beiden Strophen hier):
O gebt, ihr Reichen, gebt, denn unsre Tage schwinden!
O gebt! dann werdet ihr dort droben Schätze finden.
Gebt, dass man sagt: „Er fühlt für uns Barmherzigkeit!“
Auf dass der Arme, der im Anblick eurer Feste
Bisher gelitten hat, auf eure Prachtpaläste,
Auf euren Reichtum blickt in Zukunft ohne Neid.

O gebt, auf dass der Herr sich stets euch gütig zeige,
Daß selbst der Bösewicht ehrfürchtig sich euch neige,
Daß auch an eurem Herd Eintracht und Frieden labt!
O gebt, auf dass dereinst, in eurer letzten Stunde,
Bei Gott in dem Gebet aus eines Bettlers Munde
Ihr eine mächt`ge Fürsprach`habt!“

In der Tat könnte man die Gedichte Hugos in den 1830er Jahren als wahrhafte Aussagen über seinen Gefühls- und Bewußtseinzustand ansehen, er selbst hat auch immer darauf bestanden, dass er selbst in dem lyrischen Ich seiner Gedichte authentisch vorkomme – dennoch sind die Gedichte keine in Verse umgesetzte Biographie. Drei große Themenkomplexe bestimmen die vier Zyklen der 30er Jahre, von denen Herbstblätter der erste ist, Gesänge der Dämmerung (1835) der zweite, Innere Stimmen (1837) der dritte und Lichtstrahlen und Schatten (1840) der vierte – es sind natürlich die Inkarnationen romantischer Gedichte, die geschichtsphilosphische, religiöse und schließlich ganz private, familiäre Themen ausführen. Im Vergleich zu den Gedichten der 20er Jahre funktionieren diese Gedichte wesentlich direkter, es geht auch um Erfahrungen von Trauer, den Verlust von Gewissheiten auch politischer Art, Enttäuschung, so heißt es im Vorwort von Herbstblätter: „Die Dichtkunst richtet sich nicht nur an den Untertanen dieser Monarchie, an den Angehörigen dieser Nation: sie richtet sich an den Menschen, den Menschen als Ganzen.“ Die Aufgabe des Autors definiert Hugo so: „Der Künstler wie der der Autor versteht einfach, er beweist seine Kunst-Vitalität in mitten selbst einer Revolution, der Dichter, der etwas entwirft inmitten zweier Aufstände, ist ein großer Mann.“
Am 25. Oktober 1835 setzt Hugo den Schlusspunkt unter das Vorwort zu seinem nächsten Gedichtszyklus, Dämmerungslieder, Les Chants du Crépuscule.
ein kurzes Vorwort diesmal: „In diesem Buch, das auch klein daherkommt im Vergleich zu so großen Gegenständen, gibt es alle Arten von Gegensätzen, den Zweifel und das Dogma, Tag und Nacht, den dunklen und den Lichtpunkt, so wie in allem, was wir sehen, wie in allem, was wir in diesem Jahrhundert denken, wie in den politischen Theorien, wie in unseren religiösen Überzeugungen, wie in unserer häuslichen Existenz, wie in der Geschichte, die man mit uns macht, wie in dem Leben, das wir uns machen.“
aus diesem Zyklus habe ich das Gedicht Neues Lied zu einer alten Weise ausgewählt:
Wenn es einen Rasen giebt,
Einen weichen, flachen,
Wo man still zu wandeln liebt,
Und wo Blumen lachen,
wo zum Pflücken duftig blühn
Lilien, Geißblatt und Jasmin,
O, so will zum Pfad ich ihn
Deinem Fuße machen!

Giebt es einen Busen, wo
Zucht und Sitte wachen,
Der, in Wettern stark und froh,
Schirmt der Liebe Nachen,
Der voll Wärme und Gefühl
Stets schlägt für ein edles Ziel,
O, so will ich ihn zum Pfühl
Deinem Haupte machen!

Giebt es einen Liebestraum,
Duftig, ohn` Erwachen,
Wo ein Tag verschwindet kaum
Ohne frohes Lachen,
einen Traum, wo treu und fest
Seele sich in Seele presst,
O, so will ich ihn zum Nest
Deinem Herzen machen!
Ich überspringe den Zyklus Les voix Intérieures von 1837 und gehe über zu Lichtstrahlen und Schatten von 1840. Mit Recht schreibt Hugo dort im Vorwort, wie eng dieser Band mit den drei zuvor erschienenen verknüpft sei: Es geht ihm aber hier besonders um die Reflexion seiner Aufgabe als Dichter:
„In seinen Gedichten soll er Ratschläge für unsere Zeit erteilen und träumerische Entwürfe für die Zukunft; er soll die Ereignisse unserer Zeit, mal sind sie fabelhaft, mal äußerst fragwürdig, reflektieren; die Pantheone, die Gräber, die Ruinen, die Erinnerungen; Mildtätigkeit für die Armen, Zärtlichkeit für die Elenden; die Jahreszeiten, die Sonne, die Felder, das Meer, die Berge …. Wie alle Dichter, die meditieren und ständig ihren Geist mit dem Universum verschmelzen lassen, sollte er durch alle seine Schöpfungen, seien es Gedichte oder Dramen, den Glanz der göttlichen Schöpfung leuchten lassen.“
Das erste Gedicht heißt entsprechend: Funktion des Dichters.
Es existiert leider keine publizierte Übersetzung. Ich beschränke mich darauf, einige Verse aus diesem Gedicht, das mir besonders aufschlussreich für Hugos Selbstverständnis zu sein scheint, zu übertragen. Das gesamte Gedicht ist ein Appell, Hugo redet den Dichter, also sich selbst, an:
„Warum gehst Du, o Dichter, in der Menge verloren, wo wir dich sehen?“ …
„Hörst du nicht entsetzt, wie sich die zwei Mächte, Volk und König, aneinander stoßen?
Mit diesem Haß, der alles weckt, soll sich dein Ohr anfüllen, wozu, o Dichter, Meister, Sämann! Ganz und gar Gott zugehörig/ Misch dich nicht mit jenen, die in einem Aufruhr leben!“….
Geh in die Wälder, geh zu den Stränden! Finde deine Gesänge/ Nutze das Lied der Blätter/ Nutze die Hymne der Flut!/ Gott in der Einsamkeit harrt Deiner/ Gott ist nicht in den Massen/ Der Mensch ist klein, ohne Dank und eitel/ In den Feldern giert alles/ Die Natur ist die große Lyra/ und der Dichter der göttliche Bogen…“ Ein paar Seiten weiter:
„Völker! Hört den Dichter! Hört den heiligen Träumer!/ …Nur er hat die leuchtende Stirn! … Gott spricht leise zu seiner Seele/ so wie zu den Wäldern und Fluten! …Er soll strahlen! Er wirft seine Flamme/ auf die ewige Wahrheit/ Er lässt sie leuchten für die Seele/ Mit wunderbarer Klarheit!/ Er überschwemmt mit seinem Licht Stadt und Wüsten, den Louvre, die Baustelle, Flachland und Höhen; Allen zeigt er sie von der Höhe; Denn Poesie ist der Stern/ der Schäfer und König zu Gott führt!“
Diese Konzeption von der Aufgabe des Dichters ist sehr anspruchsvoll, der Dichter sieht sich als unabhängige Instanz aufgrund seiner Moralität, er ist den Herrschenden sogar überlegen (Schäfer und König), die Aufgabe des Dichters ist es, zu größerer Harmonie in der Gesellschaft und damit zum Fortschritt beizutragen. Es ist also letztlich ein aufklärerisches Projekt, das Hugo, aber mit den Worten der Romantik, vorantreibt. Doch nicht alle diese Gedichte haben so positive, hoffnungsvolle, selbstvergewissernde Kraft. Im religiösen Bereich hat Hugo gar in jenen Jahren eher Zweifel – hier begibt er sich aber nicht auf die Schiene des Atheismus, sondern erkennt mehr und mehr, dass dem Menschen an sich die absolute Erkenntnis verschlossen bleibt. Weit gefehlt jedoch, wenn wir anfingen zu glauben, dass Victor Hugo immer das Herz auf der Zunge trüge: Gerade wenn er zum Beispiel von seiner Familie spricht, was er in vielen Gedichten tut, ist er geradezu versessen darauf, allen Menschen von seiner Familienidylle, von seinen Kindern zu erzählen, von seiner sich aufopfernden Frau Adèle, in Gedichtform, dann inszeniert er ein Familienglück, das es im Grunde in der intakten Form, die er da zeichnet, gar nicht mehr gibt. Denn schon seit 1829 gibt es in Hugos Privatleben einen Dritten, den ihm fast gleichaltrigen Literaturkritiker und Nachbarn, der ihn in den 20er Jahren täglich besuchte, den erwähnten Charles-Augustin Sainte-Beuve (1804-1869). Beide waren als Literaten sehr einig gewesen, wurden in der Frage der Gattin Hugos jedoch ziemlich bald zu Rivalen. Hugo, der sehr gut aussah, musste diesen eher unattraktiven Nebenbuhler mit dem ewigen Käppchen auf dem Kopf offenbar zunächst gar nicht ernstgenommen haben -- Sainte-Beuve jedoch war geschickt, hatte immer ein offenes Ohr für die von 5 Schwangerschaften erschöpfte Adèle gehabt, deren Victor immer anderes zu tun hatte, als sich um sie zu kümmern, Politisches, Theaterproben etc.. Entsprechend kann man auch die Gedichtzyklen jener Jahre einer auf dieses Drama zielende Lektüre unterziehen, in Herbstblätter von 1831 , dieser Zyklus war seit 1828 in Arbeit, trauert er um den Verlust der Liebe Adèles, wenngleich er immer die Familie hochhält und dank seiner ständig wachsenden Einkünfte auch eine neue Wohnung an der repräsentativen Place des Vosges bezieht (1832). Im selben Jahr 1832 lernt Hugo dann Juliette Drouet kennen, die als Schauspielerin gescheiterte gerade im Begriff, eine Karriere als Kurtisane zu beginnen, junge Frau (geb. 1806) – sie wird, wie auch Adèle unter anderen Vorzeichen, Victor Hugo ihr Leben weihen.
Zurück zur Lyrik Hugos, es folgten auf die erwähnten Zyklen noch weitere, Les Châtiments (Bestrafungen) von 1853, seine persönliche Abrechnung mit Napoleon III für dessen Staatsstreich vom 2. Dezember 1851, ( und gleichzeitig das lyrische Pendant zu dem politischen Text Napoleon der Kleine) und das darauf folgende autoritäre Regime, gegen das er große Rachsucht hegte – es handelt sich hier um ein äußerst satirisches und gleichzeitig unterschiedlich akzentuiertes Werk, die einzelnen Hauptteile sind in Nox, die Nacht, und Lux, das Licht gegliedert, die sechs Bücher, aus denen das Werk besteht, tragen Titel, die ironischerweise die offiziellen Formeln sind, mit denen Napoleon III den Staatsstreich legitimierte: „Die Gesellschaft ist gerettet. Die Ordnung ist wiederhergestellt. Die Familie ist wiederhergestellt. Die Retter werden sich retten. .“ Etc.Was die Sieger verbrachen, was die Opfer im Staatsstreich litten, all jene, die Widerstand leisteten, dies wird hier in Gedichten ausgebreitet. Das Volk findet der Dichter in seinem lyrischen Nachgang zu feige, es hat die historische Chance vertan, selbst die Verantwortung zu übernehmen. Doch es gibt eine Macht, die den Fortschritt unterstützt. Erneut ist dies für ihn Gott, daher benutzt er auch die Konstruktion von der Nacht zum Licht. In Frankreich unterlag dieser kritische Gedichtband der Zensur und konnte erst 1870, nach dem Sturz Napoleons III., erscheinen.
Ein Ereignis hindert Hugo zunächst für einige Jahre, weitere Gedichte zu schreiben, seine Exilierung aus Jersey (1851 mußte er nach dem Staatsstreich nach Brüssel fliehen, 1852 ließ er sich in Jersey nieder, 1955 wird er dann nach Guernsey gehen). All dies hat mit Napoleons III. Staatsstreich und seiner Proklamation zum Kaiser 1852 zu tun und Hugos Rolle als Volksaufrüher bei dem Staatsstreich. Genauer werden wir diese Ereignisse inn dem Vortrag V.H. als Staatsmann untersuchen.
Doch schon ein Jahr später, 1856, dann 1859, 1877 und 1880 erscheinen weitere Gedichtbände Hugos. Und auch aus dem Nachlaß veröffentlichten die Nachlaßverwalter etliche unvollendete Werke, etwa die Zyklen Dieu und La fin de Satan, die alle zeigen, dass Hugo sich lebenslang mit Lyrik beschäftigte, und speziell mit großen Gedichtzyklen, die Lebensphasen lyrisch nachempfinden und große menschliche Grundfragen immer aber auf einem religiösen Hintergrund und in einer manichäischen Sicht der Welt bearbeiten: Gut gegen Böse, Arm gegen Reich, Dichter gegen König. Dies etwa sind die schematisch vereinfachten Gegensatzpaare seines so großen und hier so unbekannten poetischen Reichs.


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Übersetzungen?

AFKovacs 01.11.2012 13:40

Gerne möchte ich Frau Seemann bitten, doch eine Buchempfehlung auszusprechen: Gibt es zur Zeit überhaupt eine gute deutsche Auswahl der Gedichte Hugos? Oder kann sie frühere Übersetzungen empfehlen?

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