Unterstützen Sie die Tabula Rasa mit einer Spende, wir würden uns freuen: Schreiben Sie eine Mail an: dr.stefangross@web.de
| Erschienen in Ausgabe: No. 35 (1/2009) | Letzte Änderung: 19. Oktober '11 |
Bodo Ramelow (MdB) ist der Ministerpräsidenten-Kandidat der Thüringer Linkspartei. Welche Inhalte hat linke Politik im Jahr 2009 den Wählern anzubieten? Würde eine stärkere SPD den Linken Stimmen kosten? Kann es der Linkspartei in Thüringen gelingen, die CDU-Regierung abzulösen?
von Bodo Ramelow im Gespräch mit Jens Mende
Dieses Interview von Jens Mende verdanken wir jenanews.de
Bodo Ramelow (MdB) ist der Ministerpräsidenten-Kandidat der
Thüringer Linkspartei. Welche Inhalte hat linke Politik im Jahr 2009
den Wählern anzubieten? Würde eine stärkere SPD den Linken Stimmen
kosten? Kann es der Linkspartei in Thüringen gelingen, die
CDU-Regierung abzulösen? jenanews.de fragte nach.
Herr Ramelow, welche Inhalte hat Ihre Partei den
Wählern zur Landtagswahl in Thüringen, aber auch auf Bundesebene im
September anzubieten?
Wir wollen einen Politikwechsel in Thüringen und mit
diesem Politikwechsel wollen wir auch im Bund deutlich machen, dass
eine Veränderung zum Sozialeren nur dann realisiert werden kann, wenn
wir auf Länderebene Regierungsverantwortung tragen.
Ein konkretes Beispiel
dazu: Wir stehen für die Regierungsübernahme in Thüringen und sagen
damit, dass im Bundesrat endlich Mehrheiten geschaffen werden für einen
gesetzlichen Mindestlohn, der deutlich über den Sozialhilfe-Sätzen
liegt. Bis jetzt war es so, dass die SPD im Bund Unterschriften
gesammelt hat für einen gesetzlichen Mindestlohn und anschließend im
Bundestag dagegen gestimmt hat!
Diesen Veränderungsprozess werden wir also nur über die Bundesländer
gehen können, und das bedeutet in den drei Bundesländern, in denen wir
heute schon rot-rote Regierungen bilden können, müssen wir das auch tun
und in den Ländern, in denen Landtagswahlen bevorstehen wie dem
Saarland und Thüringen, müssen wir dafür stehen, dass im Bundesrat eine
Mehrheit entsteht für gesetzlichen Mindestlohn, für längeres
gemeinsames Lernen, für Bildungskooperation, gegen Studiengebühren –
das sind alles Themen, bei denen ich sage, es gibt erkennbare
Schnittmengen zwischen der SPD, den Grünen und uns. Und nun sollten wir
diese Gemeinsamkeiten auch zu parlamentarischen Mehrheiten führen und
deshalb werden wir im Landeswahlkampf den Bürgern ein
Regierungsprogramm anbieten, in welchem wir klar formulieren, was
unsere Ziele sind und welche Themen wir anfassen werden: Schulpolitik -
längeres gemeinsames Lernen, eine Offensive in der Bildung.
Verwaltungsneuordnung - heißt eine zweistufige Verwaltung, heißt das
Landesverwaltungsamt abschaffen, heißt auch die Strukturen so zu
organisieren, dass die Bürger überall flächendeckend ein
Bürgerservice-Büro bekommen und die gewerbliche Wirtschaft einen
Investorenlotsen als Prinzip bekommt.
Das wären Maßnahmen, bei denen wir im Rahmen der gesamten
Bundesrepublik Deutschland, im Rahmen aller 16 Bundesländer endlich
klare Akzente setzen: Thüringen will sich aus dem Mittelmaß
herausheben. Wir haben die modernste Bildung und wir haben die
modernste Verwaltung.
Ist es das, weshalb ich als Wähler dem Ministerpräsidenten-Kandidaten Bodo Ramelow meine Stimme geben soll?
Ja, das ist der Inhalt und es ist hoffentlich auch das
Zutrauen der Wähler in die Dynamik der Person Bodo Ramelow, die
genannten Dinge anzufassen. Ich bringe viel Energie mit, um in der
Landespolitik klare Akzente zu setzen.
Wenn 55% der Wähler sagen, die SPD sei keine Partei mehr
für den kleinen Mann: Glauben Sie, die SPD hat sich mit der Hartz
IV-Gesetzgebung in gemeinsamer Koalition mit den Grünen ein Eigentor
geschossen?
Unstrittig! Und das wird erst beendet werden, wenn die
SPD das korrigiert. Wenn bei der SPD nicht nur Ankündigungen gemacht
werden, sondern diese dann auch entsprechend umgesetzt werden. Zum
Beispiel der Hamburger Parteitag: Da wird gesagt, die
Bahnprivatisierung wollen wir nicht, um dann drei Tage später die
Bahnprivatisierung mitzutragen. Das ist unglaubwürdig! Und genau das
ist die Schwierigkeit: Die SPD besteht aus zwei Parteien. Wenn man
heute SPD wählt, weiß man nicht, was man hinterher bekommt. Man will
das eine, bekommt aber dann das Gegenteil! Der Ypsilanti-Faktor in
Hessen hat das auf tragische Weise gezeigt und ich finde es eine
schwierige Situation, dass die älteste deutsche Partei in ein solches
Dilemma geraten ist, in welches sie Herr Schröder gebracht hat und
jetzt keiner die Kraft hat, das zu korrigieren. Ich hoffe, dass in den
Ländern Alternativprojekte entstehen, die soviel Ausstrahlungskraft
haben, dass die SPD wieder sozialdemokratischer - und zwar mit der
Betonung sozial – wird.
Würde das dann aber nicht bedeuten, dass das gesamte
linke Lager in Deutschland weiter – und dann wohl noch tiefer -
gespalten wäre und Ihre Partei Wählerstimmen verlieren würde?
Glaub’ ich gar nicht, davor habe ich keine Angst. Ich
bin überzeugt, dass der Tanker SPD, der im Augenblick auf tragische Art
Leck geschlagen scheint, nur durch einen Kurswechsel wieder flott zu
machen ist. Und da sehe ich uns gesamtdeutsch als Linke als starken
Anker. Ich sehe uns ja nicht als Mehrheitspartei gesamtdeutsch. Ich
sehe uns im Feld zwischen 10 und 15%, da wollen wir gesamtdeutsch
liegen. In Thüringen sehe ich uns bei deutlich 30%, da sehe ich uns als
Volkspartei. Da muss die SPD sich anstrengen, den Anspruch Volkspartei
auszustrahlen.
Hat die Linkspartei durch die Turbulenzen in Hessen an
Ansehen bei den Wählern eingebüßt, obwohl sie nicht der Hauptakteur
dieses politischen Theaters war?
Ja, ganz sicher. Frau Ypsilanti hatte vor einem Jahr
einen extrem linken Wahlkampf gemacht und zugleich die Kooperation mit
uns ausgeschlossen. Darüber ist sie gestolpert.
Wir hatten mit unserer Partei in dieser Phase keine Zeit, den
notwendigen - auch kritischen Gedankenaustausch - unter uns zu führen.
Während wir uns auf die Minderheitsregierung orientiert haben,
investierten wir da soviel Kraft und Energie hinein, dass der eine oder
andere Widerspruch, den wir beim Parteibildungsprozess haben, nicht
wirklich ausgeräumt wurde und die Öffentlichkeit konnte das haarklein
mitverfolgen. Das hat uns als Partei nicht gut getan.
Jetzt haben wir in Hessen einen Wahlkampf in nicht einmal 17 Tagen
machen müssen. In dieser Zeit haben uns 30 Querulanten die Reputation
angeknackst, während wir knapp 700 neue Mitglieder verzeichnen konnten.
Nur: Über die 30 wurde in den Medien intensiv berichtet, über die 670
neuen Mitglieder nicht.
Am 30. August wählt der Freistaat einen neuen Landtag. Was
darf Thüringen von einem Ministerpräsidenten Bodo Ramelow erwarten?
Im Kern die Umsetzung dessen, was wir im
Regierungsprogramm den Wählern zusagen: Soziale Gerechtigkeit,
Verwaltungsreform, Bildungsreform, Energiewende hin zu regenerativen
Energieträgern.
Wir müssen die soziale Verhältnismäßigkeit in den Vordergrund rücken,
Thema sind da der gesetzliche Mindestlohn, die Hartz-IV Regelsätze,
Zumutbarkeitskriterien. All das muss man landespolitisch aufgreifen, um
es bundespolitisch zu ändern.
Und wir müssen landespolitisch die Hausaufgaben machen, die dringend
erledigt werden müssen: 168 Abwasserzweckverbände sind einfach 160 zu
viel! Der Bürger muss das bezahlen! Das muss man auch klar sagen, dass
das zu verändern ist. Das wurde von Menschen leider in eine falsche
Richtung entwickelt, aber es kann von Menschen korrigiert werden.
Und das Thema mehr direkte Demokratie ist ein ganz wichtiges Symbol.
Das kostet kein Geld. Das kostet nur politischen Mut, dass wir den
Bürgern zutrauen, im Jahr 20 nach der Wende auf kommunaler und
Landesebene mitentscheiden zu können.
Die letzte Frage ist durchaus ketzerisch gemeint: Können
aus Ihrer Sicht Wahlen in einem kapitalistischen Staat etwas verändern?
In jedem Staat dieser Welt, der parlamentarisch
verfasst ist, können Wahlen etwas verändern. Die Frage ist, ob man den
kapitalistischen Staat abschaffen will. Da verweise ich auf das
Verfassungsgericht, das hat zu westdeutschen Zeiten entschieden, dass
die Wirtschaftsordnung keinen Verfassungsrang hat. Das heißt, es ist
nicht verboten, für eine Vision, wie man eine soziale Marktwirtschaft
sozial bändigt und was man generell unter sozialer Marktwirtschaft
versteht, zu kämpfen.
Eine Möglichkeit sehe ich in mehr Mitarbeiterbeteiligung. Staatliche
Initiative sollte nicht entfaltet werden, um Staatskonzerne zu gründen,
sondern um Mitarbeiterbeteiligungen bis auf 49% hochzufahren. Das wäre
eine Maßnahme, die unser Land stärken würde.
Ich bin überzeugt, wenn es in unserem Land mehr Mitarbeiterbeteiligung,
mehr direkte Demokratie und mehr Mitbestimmung in den Betrieben gäbe,
wenn wir also vom Wähler zum Staatsbürger übergehen würden, der als
Staatsbürger auch im Betrieb das umsetzen kann, was in der hessischen
und bayrischen Verfassung wie auch im Grundgesetz Artikel 14 (2)* und
Artikel 15** steht, wäre die soziale Marktwirtschaft deutlich
attraktiver und sozialer für alle.
Davon darf man träumen und ich werde diesen Traum nicht aufgeben.
Jeder trägt soziale Verantwortung, auch der, der über großes Kapital
verfügt. Und wenn er diese Verantwortung nicht ausüben will, muss man
ihm beim Kapital ein wenig zur Kasse bitten. Das ist über Steuern und
Abgaben regelbar. Stichwort Lastenausgleichsgesetz. Und das sage ich
jetzt mal biblisch: Einer trage des anderen Last. Wer mehr tragen kann,
sollte auch mehr Last tragen.
--------------------------------------------------------
*Artikel 14 (2) Grundgesetz: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
**Artikel 15 Grundgesetz: Grund und Boden, Naturschätze und
Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein
Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum
oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden. Für die
Entschädigung gilt Artikel 14 Absatz 3 Satz 3 und 4 entsprechend.
>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<
Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.