Drucken -

Die aktuelle Juli-Ausgabe 2016 ist da!

Anzeige
Erschienen in Ausgabe: No 86 (04/2013) Letzte Änderung: 22.03.13

Im Interview – Mark Mast

von Mark Mast

Was hat Sie damals bewogen, die Bayerische Philharmonie zu gründen. Es gab doch zu diesem Zeitpunkt schon eine ganze Reihe von Orchestern in München?

Als ich 1987 nach München zu Celibidache kam, habe ich das Münchner Jugendorchester gehört. Damals war ich so von dieser Musizierkultur begeistert, die ich sonst nur von Celibidache kannte, dass es ein Traum für mich war, irgendwann einmal vor diesem Orchester zu stehen. Als ich dann sechs Jahre später zum Chefdirigenten gewählt wurde, war das schon die Erfüllung eines Traums. Ab 1993 begann dann eine sehr erfolgreiche gemeinsame Zeit, wobei ich das Glück hatte, den pädagogischen Eros, den ich bei Celibidache erlebt hatte, nun selbst zu leben. Aus dieser Fülle an Ideen, aus dieser sehr kreativen Zeit, ist zunächst die Junge Münchner Philharmonie und danach die Kinderphilharmonie München entstanden. Damit war zum einen die Keimzelle gelegt für das intergenerative, generationenübergreifende Musizieren, als zum anderen für den Anspruch sowohl pädagogisch als auch künstlerisch erstklassig zu sein. Bei Celibidache war jede Probe öffentlich, es gab keine Geheimnisse, es war alles transparent, die Proben waren voll. Heute wird es als große Erfindung gepriesen, Proben öffentlich zu machen – gegen Bezahlung selbstverständlich. Ich habe fünf Jahre bei Celibidache nichts bezahlt, weil es das Credo dieses Ausnahmedirigenten war, das das wichtigste menschliche Tun das Lehren sei. Damals hatte ich dies nicht verstanden, aber diese tiefe Wahrheit ist mir jetzt ganz bewusst geworden: Wenn wir das, was wir als Essenz erkannt haben in die nächste Generation weitergeben, dann wächst und reift die Menschheit von Generation zu Generation.

Was schätzen Sie an Ihrem Lehrer Celibidache, welche seiner vielen Tugenden hat Sie am meisten begeistert?


Die größte Tugend von Celibidache war, dass er dem Musizieren und damit dem Menschsein eine derartige Tiefe gegeben hat, wie sie den Dingen zusteht. Er war immer, ich habe ihn nie anders erlebt, spontan. Bei ihm habe ich gelernt, im-Moment-zu-Sein. Diese Fähigkeit im-Moment-zu-Sein, spontan auf das zu reagieren, was man hört, erlebt, sieht: Das ist eine Lebenskernkompetenz. Und vielleicht ist dies die größte Tugend Celibidaches. Dies war jedenfalls auch die größte Herausforderung für sein Umfeld. Denn dadurch war er sehr unbequem, er hat keine Routine und keine Wiederholung, keine Repräsentationskultur geduldet. Es ging ihm immer um den persönlich-direkten Kontakt mit seinem Gegenüber.

Was dirigieren Sie am liebsten, wer ist Ihr Lieblingskomponist?


Eine schwierige Frage. Wenn ich eine Bruckner Sinfonie dirigieren darf, ist das das Schönste, was es gibt. Wenn ich eine h-Moll Messe oder Werke von Carl Orff dirigiere, ist es ein Traum.Ich stehe insofern in der Tradition der Celibidache-Schule, denn durch die spontane Begegnung mit dem Klang wird jeder Klang wertvoll. Es ist meine Aufgabe als Dirigent, die Handschrift des jeweiligen Komponisten zu lesen, zu hören und zu verstehen. So klingt auch jeder Komponist anders, ist eine andere Persönlichkeit, die es herauszuarbeiten gilt. Wenn man meine Präferenzen als Kanon definieren wollte, dann stehen Bach, Haydn, Mozart, Brahms und Bruckner für mich an erster Stelle.

Sie legen den Schwerpunkt Ihrer Arbeit immer wieder auf Komponisten aus Bayern. Allerorts wird 2013 Wagner und Verdi gehuldigt, die Bayerische Philharmonie tut das nicht. Warum? Wollen Sie bestimmte Gegenakzente zum gängigen Kulturbetrieb setzen, oder mit dieser Präferenz auf die regionalen Künstler, deren Werk und Wirkung hinweisen, weil diese Künstler samt Werke im Kunstbetrieb oft nur eine untergeordnete Rolle spielen?

Ich bin 1987 ins „Exil“ nach München gekommen. Die bayerischen Komponisten und ihre Werke sind mir im Laufe der Jahre dann hier begegnet. 1995 hatte ich den Orff-Tag wesentlich mitgestaltet, 2001 war ich Protagonist des Werner-Egk-Jahres, und 2005 engagierte ich mich nachhaltig für Karl Amadeus Hartmann. Orff, Egk, Hartmann und Richard Strauss, um nur diese zu nennen, nächstes Jahr ist Strauss-Jahr, sind aus meiner Sicht, auch aus Respekt dem Ort gegenüber, dem genius loci, diejenigen Persönlichkeiten, die für die Bayerische Philharmonie eine zentrale Rolle spielen. Auf meinen Tourneen pflege ich grundsätzlich die zu ehren, die an diesen Orten Existentielles geschaffen haben und versuche mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Durch die Auseinandersetzung mit diesen bayerischen Komponisten leisten wir Essentielles für die Rezeption dieser Komponisten, denn außer der „Carmina Burana“kommen ihre Werke nicht im Lehrplan vor. Selbst an der Musikhochschule sind sie eher eine Randerscheinung. Bei uns hängen diese drei, Orff, Egk und Hartmann im Probenraum. Wenn sich die Bayerische Philharmonie, so unser Credo, nicht um diese Komponisten kümmert, wer soll es dann tun? Es ist unsere Selbstverpflichtung.

Ihre Orchester sind bunt gemischt, Vielsprachigkeit und Künstler aus allen Kontinenten versammeln sich bei Ihnen zur Probe, zum gemeinsamen Musizieren. Warum legen Sie den Schwerpunkt auf diese Polyphonie nicht nur der Stimmen, sondern auch der Menschen?


Andere sprechen von Globalisierung, aber für uns und für Musiker generell, ist es alltägliche Realität. Musik ist die internationale Sprache ohne Grenzen. In dieser Realität sind wird unterwegs. Diese Universalität, dass wir grenzübergreifend integrieren, ist eine Facette unserer Tätigkeit. Wir versuchen ganz gezielt, mit unserer Musik die Botschaft einer friedlichen Welt und eines harmonischen Miteinanders transparent zu machen.


Was sind Ihre Visionen für die Bayerische Philharmonie?


Zunächst sind wir sehr stolz und dankbar, was wir in den letzten 19 Jahren erreicht haben. Dies ist bemerkenswert und ein Lebenswerk zugleich. Es ist aber, ernst gesprochen, erst der Anfang. Ich wünsche mir für die Bayerische Philharmonie und für ihre Musiker, dass der Freiraum zum Musizieren und zur menschlichen Begegnung zur inspirierten friedlichen und liebevollen Begegnung führt, dass dieser Freiraum dauerhaft erhalten bleibt und institutionalisiert wird.


Herzlichen Dank für das Gespräch, das Dr. Dr. Stefan Groß führte.

>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<

Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.

Neueste Artikel ▲

Meist gelesene ▼

  •  
  • Anzeige
  •  
  • Anzeige
  •  
  •  
  •  
Zum Seitenanfang zurück