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Erschienen in Ausgabe: No 96 (02/2014) Letzte Änderung: 24.01.14

"Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein" (W. Benjamin)

von Heike Geilen

Wenn man einen Blick in die so überaus geschichtsträchtige Region zwischen Euphrat und Tigris wirft, von denen die Bibel erzählt, sie würden im Paradies entspringen, so wird diese vor allem durch kriegerische Handlungen, dem Kampf um Öl und einer islamischen Bevölkerung geprägt, die ihre neue Rolle im Weltgeschehen nicht finden und den historisch gesehenen Bedeutungsverlust ihrer Region und Kultur nicht verarbeiten kann. Haftet diesem Gebiet zwischen Taurusgebirge im Norden und Persischem Golf im Süden, dem heutigen Syrien und Irak, dem Garten Eden und der Geburtsstätte Abrahams, ein allgemeingültiger "Fluch" an? Entspringt das labile Gleichgewicht zwischen Schöpfung und Zerstörung, das unsere Zivilisation offensichtlich bis heute bestimmt, vielleicht gar aus dem Erbe "der Anfänge in Sumpf und Schlamm"?
Wolfgang Korn versucht diesem scheinbar über uns schwebenden Damoklesschwert in seinem Buch auf den Grund zu gehen. Wer sind die Iraker eigentlich, und was wollen sie wirklich? Haben die inzwischen so stark verfeindeten religiösen und ethnischen Gruppen überhaupt eine gemeinsame Vergangenheit - und wie weit reicht diese zurück? Warum fällt hier der "islamische Dschihad" gegen den Westen auf so fruchtbaren Boden? All dies sind Fragen, die er aufwirft und zu deren Beantwortung er die überaus reiche und komplexe Geschichte des Zweistromlandes und seiner Kulturen zu Rate zieht.
Hier lag die Quelle, aus der über die Griechen und Römer das Wissen der damaligen Zeit zu uns gelange und unsere eurasische Zivilisation prägte. Hier bildeten sich erste Gesellschaften, denen wir die Schrift, das Rad, das Rechtssystem und den Fernhandel verdanken. "Und hier tradierten islamische Kulturen das Wissen der Antike nach deren Untergang und entwickelten es weiter.", so Korn. "All das bildet unser mesopotamisches Erbe - in guten wie in schlechtem Sinne, denn auch das heute so ausufernde Finanzsystem, das auf Schuldverschreibungen und Zinseszins beruht, nahm seinen Anfang in den frühen Hochkulturen Mesopotamiens.", wie der Autor folgerichtig feststellt. Doch die Geschichte des Landes wurde auch immer wieder von Kriegen und Zerstörungen bestimmt. "Alle kulturellen Errungenschaften bleiben demzufolge ambivalent - dies scheint in besonderer Weise für Mesopotamien zu gelten.", so Korn.
In zehn Kapiteln unternimmt der Wissenschaftsjournalist eine Reise durch Fruchtbarkeit und Ödnis, Kultur und Krieg, Erinnern und Vergessen. Er holt die vom Wüstensand begrabenen, wieder zu Staub zerfallenen Städte und die von Sumpflandschaften überlagerten, untergegangenen Gesellschaften der Sumerer, Perser, Babylonier, Assyrer, Hethiter, Amurriter oder Kassiten erneut hervor und zeichnet ein anschauliches und hochinformatives Bild. Zahlreiche Abbildungen, die dennoch nicht dominieren und den überaus wissenswerten, gut lesbaren Text überlagern sowie von Zeit zu Zeit eingestreute, vertiefende Sachthemen, spannen einen aufschlussreichen und weiten Bogen vom ersten Sesshaftwerden der Menschheit im 9 Jahrtausend v. Chr. bis in die Gegenwart. Dabei scheut sich Korn auch nicht, die Gründe der Anschläge vom 11. September 2001äußerst kritisch und keineswegs USA-konform zu betrachten.
Fazit: "Mesopotamien" gestaltet sich als ein beeindruckender Parcours durch über 6000 Jahre wechselnder Hochkulturen und deren Kampf um das bis heute ständig bedrohte Gleichgewicht zwischen Schöpfung und Zerstörung. Wolfgang Korns Buch gestaltet sich als zeitkritisches, geschichtsträchtiges, hochinformatives und zudem auch optisch sehr ansprechendes Kompendium.



Wolfgang Korn
Mesopotamien
Wiege der Zivilisation und aktueller Krisenherd
Theiss Verlag (März 2013)
174 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3806225354
ISBN-13: 978-3806225358
Preis: 39,95 EUR

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