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Erschienen in Ausgabe: No 96 (02/2014) Letzte Änderung: 24.01.14

"Die untergehende Sonne hing wie ein Blutklumpen über dem Horizont."

von Heike Geilen

"Der Krieg wollte uns im Frühling töten."
So beginnt Kevin Powers Debütroman über einen jungen Mann, der zwischen 2004 und 2005 als Maschinengewehrschütze im Irak-Krieg stationiert ist. Der Krieg tötet allerdings im Herbst, im Oktober. Jedoch nicht ihn, sondern seinen Freund. Das erfährt der Leser bereits auf den ersten Seiten dieses beeindruckenden, schockierenden, ja, sprachlos machenden Buches. Und eigentlich gibt es auch gar keine Jahreszeit, an die man seine zerstörerische Wucht festzurren könnte. Denn jener Krieg tötete immer. Jeder Krieg tötet. Permanent. Und: Er nimmt nicht nur Leben, sondern zerstört auch Seelen.
"Ich merkte damals nicht, wie grausam meine Abgebrühtheit war. Der Tod von Menschen war etwas ganz Natürliches. (...) Ich musste durchhalten. Und um durchhalten zu können, musste ich einen klaren Blick bewahren, mich auf das Wesentliche konzentrieren. Unsere Aufmerksamkeit gilt meist dem, was selten ist, und der Tod war keine Seltenheit." Man liest diese stilistisch auf hohem Niveau geschriebenen Zeilen des US-amerikanischen Autors über eine der sinnlosesten und bis heute nicht erklärbaren Offensiven mit angehaltenem Atem und gleichzeitig großer Faszination. Wie Faust zu Wagner so möchte man rufen: "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust...". Denn wie Powers die Schrecken und die Anspannung, die Gräuel, die Schönheit von Landschaften beschreibt, wie er einen Blick in die Seele seines Protagonisten zeichnet, ist faszinierend und bestürzend zugleich.
Über einen Zeitraum von sechs Jahren, beginnend ab 2003 bis 2009, begleitet der Leser Private (Soldat) John Bartle auf seinem "Ritt durch die Hölle". In elf Kapiteln und wechselnden Zeitebenen zeichnet Kevin Powers trotz feiner und sensibler Pinselstriche, schonungslos ehrlich, plastisch und drastisch, die hässliche Fratze des Krieges und den Irrweg seines aus Richmond, Virginia stammenden "Helden", der in Al Tafar, in die so geschichtsträchtige Region des Zweistromlandes, mitten in den bürgerkriegs-ähnlichen Zustand nach dem Sturz seines Diktators, geworfen wird. Dort, im sonnenverbranntem Staub von Ninive, bei Patrouillengängen in den Irrgärten finsterer Gassen, bei Schlachten in den "pockennarbigen Tälern aus Backsteinen und Beton" mit sprengstoffgefüllten "Körperbomben" und dem immer wieder vor Augen geführten jämmerlichen Verrecken, erlebt er Dinge, die den besseren Teil seines Selbst zurückzulassen scheinen.
Nach seinem knapp zehnmonatigen Einsatz ist er nur noch ein Schatten seiner selbst: ein erodierter Stein, der langsam verwittert und in seine Bestandteile zerfällt - ein Wrack. Wieder zu Hause will er den Beweis für sein "Noch-Am-Leben-sein", im Gegensatz zu seinem getöteten Freund Daniel Murphy, möglichst klein halten. Er kapselt sich ab, verwahrlost. Das Krächzen der heimatlichen Krähen wird in seinen Ohren zum ohrenbetäubenden Lärm einschlagender Mörsergranaten und der Wunsch, einfach nicht mehr aufzuwachen, allgegenwärtig. "Es war, als hätte ich die Welt, die ich gerade hinter mir gelassen hatte, auf diese übertragen." Die Gespenster des Krieges haben sein Innerstes fest im Griff. John Bartle ist zu einem seelischen Krüppel geworden, beladen mit einer Schuld um den Tod des Freundes.
Was war passiert?
"Was passiert war? Was verdammt nochmal passiert war? Darum geht es doch gar nicht, dachte ich. Warum diese Frage? Wie das Unerklärliche erklären? Die Ereignisse zu beschreiben, die banalen Fakten, die Chronologie - das wäre gewissermaßen Verrat gewesen. Wenn die fein säuberlich aufgereihten Dominosteine der Momente durch die Wucht einer vagen, undefinierbaren Ursache umgestoßen werden, zeigt das ja nur, dass alle Dinge einmal fallen werden. Das ist ihr Schicksal. Die Schilderung dessen, was geschah, reicht nicht aus. Alles geschah. Alles fiel."

Mehr möchte auch ich nicht sagen. Außer: Danke an Kevin Powers für dieses Buch. Dank auch an Henning Ahrens für die Übertragung ins Deutsche!
Fazit: Ein Buch, das in seiner Eindringlichkeit schmerzt. Lesen!



Kevin Powers
Die Sonne war der ganze Himmel
Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens
Titel der Originalausgabe: The Yellow Birds
S. Fischer Verlag (März 2013)
240 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3100590295
ISBN-13: 978-3100590299
Preis: 19,99 EUR

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