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Erschienen in Ausgabe: Ohne Ausgabe Letzte Änderung: 08.04.13

350. Geburtstag von August Hermann Francke

von Joachim Gauck

Exzellenzen, Herr Ministerpräsident, sehr geehrter Herr Professor Obst, meine sehr verehrten Damen und Herren, insbesondere Herr Dr. Genscher, ich könnte und wollte jetzt noch viele namentlich nennen, protokollarisch korrekt - auch das habe ich gelernt in einem Jahr Ausbildung zum Bundespräsidenten. Vor allem aber habe ich in diesem Jahr dies noch mal neu erfahren: Es gibt richtig viele Menschen in vielen Ecken unseres Landes, die mich sagen lassen: Wir leben mit großartigen Bürgern im besten Deutschland, in dem jemals Deutsche lebten.
Und Halle ist nun ein besonders geeigneter Ort, gerade dies festzustellen. Ich meine also nicht, dass hier alles unverbesserlich getan sei. Aber ich meine wohl: Wir haben so gute Voraussetzungen wie nie zuvor, mitzugestalten – viele in unserem Land tun es und überdurchschnittlich viele davon scheinen in Halle zu wohnen.
Und doch kann ich mir vorstellen – auch dies nehme ich aus dem ersten Jahr mit –, dass in unserem Land noch mehr Menschen sagen: Oh ich sehe, die Hindernisse sind ja richtig groß, aber ich habe Zutrauen zu meinen Möglichkeiten und Netzwerken, ich will nicht nur „user“ sein, sondern mitmachen. Vielleicht auch das: Ich übernehme eine Führungsaufgabe. Oder vielleicht auch dies: Ich vertraue auf Gott dabei. Halle ist für solches Denken und Handeln ein unvergleichlicher Standort, sozusagen eine historische Produktionsstätte pietistischer, pragmatischer, politischer Mitbürger. Also, liebe Bürgerinnen und Bürger, ich bin einfach gerne hier.
Ich kenne kaum einen Ort in unserer Republik, wo die Erinnerung an unter Gefahren Gelingendes, diese Einstellung, anzupacken, historisch so tief verwurzelt ist. Und ich weiß wohl, gerade Sie könnten lange und eindrucksvoll von in den Weg gelegten Steinen reden. Mir persönlich sind in den vergangenen Jahren – wie vielen anderen – August Hermann Francke und seine Nachfolger zu einer Wiederentdeckung geworden.
Darum werden wir heute nicht nur die wahrlich museumswürdigen Impulse würdigen, die von Francke ausgegangen sind, von dem großen Mann des Pietismus, dem Pädagogen, dem Unternehmer, dem Pfarrer und Professor. Ich will mit Ihnen den Tag auch nutzen, um ausdrücklich den vielen Danke zu sagen, die hier nach 1989 Geschichte weiter geschrieben haben, sich aufgerieben haben, sich eingebracht haben, so viel beigetragen haben zur positiven Identität und Kraft unseres Landes.
In den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts waren hier auf diesem Gelände die Weichen gestellt auf Verfall und Vergessen. Unter uns sind viele, die nach der Wiedervereinigung in die Fußstapfen von August Hermann Francke getreten sind und so an historischer Stelle wiederum Historisches geleistet haben. Ohne Sie, ohne Ihr Ehrenamt, ohne Ihre innere Haltung und praktische Wirkung, ohne ihren Mut könnten wir heute nicht in dieser großartigen Umgebung 350 Jahre August Hermann Francke feiern. Sie haben den Staffelstab der Stiftung unter schwierigsten Bedingungen gesucht, wieder gefunden und weiter getragen. Sie haben Archivalien gesucht und Zukunft gefunden, Sie haben sich nicht entmutigen lassen, von dem frustrierenden Zerfall, dessen Fotos aus den Jahren nach 1989 einen heute noch erschaudern lassen, Sie haben sich nicht entmutigen lassen von vorgefundener Nachlässigkeit, Gehässigkeit und Aggression. Sie haben wieder hergestellt, was in Halle entstand und Weltkulturerbe genannt zu werden verdient. Sie alle haben aus Abbruchjahren Aufbruchjahre gemacht. Ihnen gebührt der Dank unseres Landes! Wir eröffnen heute nicht nur eine Jubiläumsausstellung mit dem Titel „Die Welt verändern“, wir freuen uns auch über all diejenigen, die unserem Land ein Beispiel geben, in dem, was sie hier neu auf den Weg gebracht haben.
Ich rede bewusst von unserem Land: Denn bereits vor der Wiedervereinigung wurde hier begonnen, konkret und unkonventionell Ost-West-Geschichte zu schreiben. Noch bevor der Einigungsvertrag in Kraft trat, gab es in Halle Arbeitsverträge zwischen Wessis und Ossis, für manche rechtlich waghalsig, aber eben pietistisch und politisch wegweisend. Und dass auch noch der eine der Außenminister der friedlichen Vereinigung der beiden deutschen Staaten aus Halle kommt, dass er seine internationalen Gäste hierher geführt hat, all das hängt mit der Anziehungskraft jenes August Hermann Francke zusammen, die wir in unserem ganzen Land noch mehr bekannt machen können. Halle und diese Stiftung sind mit ihren historischen Wurzeln, mit ihren Möglichkeiten und Aufgaben durch Bürgerengagement zu einem Vorbild geworden - auch für den Westen unseres Landes.
„Gott zur Ehre, den Menschen zu Nutzen“ – so hieß das Motto von August Hermann Francke. Wie bedeutsam in einer sich säkular gebenden Welt, in einer Zeit gewisser Gottvergessenheit. Gerade in seinen großen Leistungen war Francke sich stets bewusst: Menschliches Handeln kann viel bewirken, aber das praktische Gelingen liegt in Gottes Hand. So war er beides: praktisch und fromm. Diese zugleich entlastende wie motivierende Erinnerung wach zu halten, tut auch uns heute gut. Hier spüren wir das tiefe Wissen, dass das Gelingen unserer Anstrengungen, unseres Lebens, eben nicht allein in unserem Vermögen liegt. Unser Gemeinwesen und die Demokratie leben von Voraussetzungen, die sie nicht selber schaffen können, so müssen wir uns zu Recht immer wieder klar machen.
Wer hätte am Anfang gedacht, dass dieses große Werk aus den bescheidenen 4 Talern, 16 Groschen erwachsen würde, die sich in der in Franckes Wohnraum aufgehängten Spendendose eines Tages fanden und die er in großer Schnelligkeit und noch größerem Gottvertrauen ausgegeben hat – besser sollte ich sagen: investiert hat, in die Erziehung und Ausbildung von Waisenkindern.
Mit seiner Betonung von Bibel und Bildung hat Francke die Kernanliegen der Reformation aufgenommen; durch seine weltweiten Netzwerke hat er das Luthertum globalisiert und weltgeschichtliche Wirkungen entfaltet.
So hat die Hochschätzung und Begabung des Individuums, die für unser Leben so wichtig ist, hier in Halle eine ihrer stärksten Wurzeln. Die „Erziehung des Menschengeschlechts“ wurde hier als Emanzipation von Benachteiligung, von Vorurteilen und Bevormundung organisiert, als Aufbruch in die Selbstständigkeit, als bis heute vorbildliches pädagogisches Reformwerk.
Wenn es darum ging, so nachhaltig wie möglich auf diese Weise Gott zu ehren und den Menschen zu nutzen, dann können wir uns die damit verbundene pietistischen Präzision heute kaum noch vorstellen. Im Grunde wollte Francke, dass wir über jede Viertelstunde unseres Lebens Rechenschaft ablegen können. Besser als Spaziergang, gar Tanz war dann der Ausgleich durch Gartenarbeit. Das ist sehr puristisch. Wir müssten, wäre es bei dieser Linie geblieben, wohl auch sehr streng fragen, wie lange dürfen uns Grußworte an Festtagen von der Arbeit abhalten?
Über Wege und Mittel des Herrn gab es – kein Wunder – unter den Anhängern Franckes Diskussionen, über das Herzensanliegen selber aber nicht: das Wissen um Gott ganzheitlich fördern – eben mit Bibel und Bildung mit Musik und Sozialarbeit, mit Konsequenz und Tatkraft, mit Mut und Empathie.
Francke hat dabei gleichsam als frommer Unternehmer, wie wenig andere nicht nur das Wissen um Gott gefördert, sondern Gott gleichsam selbst gefordert. Er sah klar: Wer Gutes tun will – den Menschen zum Nutzen – der braucht auf dieser Welt Kapital. Ich kenne in der Kirchengeschichte wenige, die diesen Zusammenhang von frommer Tat und finanzieller Transaktion so tabulos, hellsichtig und segensreich gesehen und praktisch umgesetzt haben.
Seine Einstellung war: Wer sich für Bedürftige engagiert, der gibt nicht Geld aus, der investiert. Wer sich engagiert, der stellt Gott Kapital zur Verfügung für Investitionen in Bildung und gelingende Gemeinschaft auf Erden. Der Gläubige macht sich so gesehen Gott zum Schuldner. Das ist pietistisches Selbstbewusstsein. Das stellte Francke aber auch vor die so fromme wie unternehmerische Frage. Ist Gott ein guter Schuldner? Oder wie er dann eben befand: Kann es einen besseren Schuldner geben, für Investitionen in Kinder? So wurde Francke auch zum Vorbild eines keine Risiken scheuenden erfolgreichen Unternehmers. Das wird bis heute augenfällig mit der Einrichtung von Buchhandlung, Buchdruckerei, Buchbinderei, Apotheke und Laboratorien.
Und in den in seiner Druckerei gedruckten Werken konnten jene, die aus Bücherkäufern zu Bücherlesern wurden, über Banken, Gott und das für die Arbeit nötige Kapital nachlesen, wie sich das zusammenreimte: Investitionen Gott zur Ehre und den Menschen zum Nutzen. Ich zitiere:
„Es ist im Sternen – Saal ein Banko angeleget
Da ist manch Capital, das vil an Zinsen träget
Gott ist Capitalist, der keinen hat betrogen.“
Welch eine Richtungsansage für den Kapitalismus aus Halle, lange bevor Adam Smith oder Karl Marx sich auf ihre Art dem Thema widmeten. Als guter Ökonom und zugleich als guter Theologe verband Francke soziale Anliegen mit wirtschaftlichen Kalkulationen.
So kam es, dass im Lauf der Zeit von Halle aus nicht nur Kisten mit Bibeln aus der Druckerei, sondern auch Fässer mit hochgeschätzten Essenzen und Tinkturen aus der Apotheke in die Welt gingen. Und natürlich: Nicht nur zahlungskräftige, sondern auch Mittellose kamen an die teure Arznei, weil der Betriebswirt seines Herrn durch Preisdifferenzierung, Quersubventionierung und Marketing zu erreichen wusste, dass Wohlhabende sich für gute Ware gerne in besonderem Ausmaß zur Kasse bitten ließen. So wurde die Apotheke zu einem Schatzkasten Gottes, wie er sagte. Und was die Bibel und Druckerei betraf, war Francke der erste, der in Indien 1712 eine Druckerei errichtete, das Personal gleich mit aus Halle dorthin schickte und so – die Reformation gleichsam in diesem Geschäftsfeld vollendend – Druckkultur, innovative Technik und Bibelverbreitung beförderte.
Auch in der Pädagogik wusste er durch Qualität und zukunftsweisendes Profil zu überzeugen. Gäbe es eine Champions League der großen Innovatoren unseres Landes – Francke zählte zu den Rekordmeistern. Immer wieder setzte er Maßstäbe, die bis heute gelten. Er hat als erster systematisch die Mädchenbildung in Deutschland vorangebracht, indem er seine Bildungsreform immer für beide Geschlechter dachte und konzipierte. Er zählt zu jenen, für die Einzelne im Mittelpunkt stehen, gerade wenn sie aus der Gesellschaft gefallen sind, wie Waisenkinder. Für ihn ist das Individuum das denkbar Kostbarste, mit seinen Erfahrungen und Chancen. So wurde der hallesche Pietismus auch zu einem Meilenstein unseres modernen Freiheitsbewusstseins: Gehorsam gegen Obrigkeit reicht nie aus, das zeigen nicht zuletzt seine so diplomatisch wie eindringlichen Gespräche mit dem Soldatenkönig. Was für ihn zählt, ist Tatkraft, Werteorientierung, Nüchternheit – und so geht das, was Frankes Pietismus mit sich bringt, nie auf, in dem, was später Preußentum genannt wurde. Nicht Kadavergehorsam jedenfalls wurde in Halle ausgebildet, eher ist hier jene preußisch-pietistische Traditionslinie angelegt, die sich im Mut und dem Wertebewusstsein der Widerständler – etwa vom 20. Juli 1944 – verbindet.
Was im Zweifel zählt, was Gott ehrt und den Menschen nutzt, das ist und bleibt immer wieder Bildung, Pragmatismus und Werteorientierung. Auch und gerade darin ist Francke ein Innovator ab ovo, indem er den Waisenkindern so hervorragend guten Unterricht zu organisieren wusste, dass die Fürstenkinder auf Geheiß ihrer hochwohlgeborenen Eltern auch zu ihm geschickt werden sollten. Der fromme Unternehmer erkannte mit dem praktischen Pädagogen: Je mehr Fürstenkinder zahlen, desto mehr Waisenkinder profitieren. Der Unternehmer in ihm erkannte: Guter Unterricht beginnt – nein, nicht mit dem Morgengebet, sondern Jahre vorher mit der Investition in eine erfolgreiche Lehrerausbildung. So geht auch das erste Lehrerbildungsseminar – er nannte es Seminarium Praeceptorum – auf Franckes Rechnung. Damit nicht genug: Für unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten und Voraussetzungen erfand Francke auch das dreigliedrige Schulsystem. Dass es heute in die Diskussion geraten ist, würde ihn nicht anfechten, war doch die Pointe der Dreigliedrigkeit für ihn ihre Durchlässigkeit. Hier in Halle konnte ein Waisenkind in die Fürstenschule aufsteigen. Entscheidend ist die Wirksamkeit für jeden und jede Einzelne – so wurde Francke, der pragmatische Pietist gleichsam nebenher zum Beförderer eines werteorientierten neuzeitlichen Nützlichkeitsdenkens.
Und wenn wir in Franckes Gedankenwelt so viel finden über das, was in den folgenden Jahrzehnten der Sozialethik und Bildungspolitik diskutiert wurde als Personalität und Subsidiarität, als Solidarität und Teilhabegerechtigkeit und Freiheit – so bekommen wir doch hier in Halle den Eindruck, dass der, dessen 350. Geburtstag wir heute feiern, statt dessen einfach Haus an Haus zu einem langen Hof gereiht hat und von hier aus die Welt als Gabe und Aufgabe wahrgenommen hat. So ist es schließlich auch kein Wunder, dass auf diesem Gelände sich heute Bildungseinrichtungen für alle Generationen finden. Freuen wir uns, dass an diesem Ort die Ideen und der Geist Franckes im besten Sinne Schule machen – für unser Land.
Wenn wir auf all dies zurückblicken, wird offenbar, wie unglaublich vorausblickend dieser Mann war. Und wie menschlich er wohl blieb. Er war kantig, er provozierte Widerspruch, stark bei seiner Ehefrau, sehr stark bei seinem bekanntesten Schüler Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf. Aber sein Handeln und Denken, der von ihm provozierte Widerspruch hatte immer eine Richtung: Nicht eine Franckesche Orthodoxie zu perpetuieren, keinen Heiligen zu konservieren, sondern sich selber zu fragen, getreu seinem Motto: Was ist heute zu tun: Gott zur Ehre und den Menschen zu Nutzen? Diese Frage wirkte tief hinein in die deutsche Philosophie- und Geistesgeschichte, sie trifft uns hier und sie begleitet jeden, der sich ansprechen lässt und von hier aus weiter seinen Weg zieht.
Es gibt wenige Persönlichkeiten, die nicht nur so produktiv, so zukunftsweisend, so fromm und dann noch so global und bis heute für jede Innovation inspirierend gehandelt haben. Weltveränderung durch Menschenveränderung – das bleibt Auftrag für uns Geschöpfe. Das bleibt immer wieder zu konkretisieren in unternehmerischen Entscheidungen, in stiftungspolitischen Visionen, in pädagogischen Konzepten und kirchlichen Profilen.
Und es gibt wenige Orte, an denen wir dies so intensiv und dankbar erleben können, wie Bildung, Kultur und Wissenschaft einander bereichern, an denen wir inspiriert erleben, wie das zusammengehen kann: Tradition und Zeitgenossenschaft, Ermächtigung und Ermutigung des so wertvollen einzelnen Menschen.
Die Franckeschen Stiftungen erleben wir heute in Gestalt der Traditionsbewahrung, die aktiv macht. Hier spürt man den Mut, aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen anzupacken, und man staunt, dass die frappierenderweise dieselben sind wie zu Franckes Zeiten: Bildung, Teilhabe und ein sozialer Ausgleich, der lehrt, die eigenen Möglichkeiten zu nutzen.
So kann man hier stehen: staunend und dankbar, manchmal verwundert, aber immer wieder mit neuer Lust, anzupacken. Hier verstehen wir, dass es heute an uns ist, für unsere Zeit die Ziele zu nennen und um die besten Mittel und Wege zu ringen. Das ist das lebendige Erbe von August Hermann Francke. Das heute hier zu feiern haben wir guten Grund.
Quelle: http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2013/03/130323-Francke.html

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