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Erschienen in Ausgabe: No 89 (07/2013) Letzte Änderung: 25.06.13

Anna Seghers zum 30. Todestag am 1. Juni

von Jörg Bernhard Bilke

Am 4. Oktober 1965, vier Jahre nach dem Bau der Mauer in Berlin, las Anna Seghers in der Mainzer Stadtbücherei ihre autobiografische Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“ (1944). Der Raum war überfüllt, dichtgedrängt saßen die Zuhörer, einige Studenten hatten keinen Platz mehr gefunden und sich zu ihren Füßen niedergelassen. Rechts von ihr im Publikum saß Lore Wolf, ihre Exilgefährtin in Frankreich, die in Paris das Manuskript des Romans „Das siebte Kreuz“ (1942) abgeschrieben hatte.
Dass sich Anna Seghers drei Jahre zuvor für meine Freilassung aus dem DDR-Zuchthaus Waldheim eingesetzt hatte, wusste ich damals noch nicht. Das erfuhr ich erst Jahrzehnte später, als sie längst verstorben und der Staat, für den gekämpft hatte, untergegangen war.
Ihren Namen freilich kannte ich aus Berlin, wo ich zum Sommersemester 1958 ein Studium der Literaturwissenschaft an der Freien Universität aufgenommen hatte. In Ostberlin, wohin ich jeden Samstag fuhr, konnte man ihre Bücher kaufen, darunter den Exilroman „Das siebte Kreuz“ von 1942, gelesen aber hatte ich nichts, als ich im Herbst 1960 mein Studium an der Universität Mainz fortsetzte.
Die Werke von Anna Seghers wurden damals in den germanistischen Seminaren westdeutscher Universitäten nicht behandelt, nicht einmal in Mainz. Das sollte sich erst nach dem Bau der Mauer am 13. August 1961 in Berlin ändern, als der SED-Staat und seine Literatur stärker ins westdeutsche Blickfeld rückten. Ich aber las die Romane von Anna Seghers im Zuchthaus Waldheim, wo ich am 2. September 1962 eingeliefert worden war. Die dortige Zuchthausbibliothek war gut ausgestattet, nicht nur die deutschen Klassiker waren vertreten, auch Romane Heinrich und Thomas Manns konnte man ausleihen und, zur „Umerziehung“ der Häftlinge, reichlich DDR-Literatur. Die Werke der „sozialistischen Klassiker“ Karl Marx und Friedrich Engels aus dem Ostberliner Dietz-Verlag dagegen unterlagen strengen Restriktionen. Dafür benötigte man, wie mir der für Kultur zuständige Hauptmann der „Volkspolizei“ erklärte, eine Sondergenehmigung, weil manche Gefangenen, besonders die dialektisch geschulten, diese Schriften „falsch“ interpretierten und mit den Klassenkampfthesen von Marx und Engels die Politik Walter Ulbrichts zu widerlegen suchten, das aber sei „unwissenschaftlich“.
Im Sommer 1963 wurden vom Kulturhauptmann zwei Bücher konfisziert, die bei den Gefangenen außerordentlich beliebt waren und während des Lesens mit Randbemerkungen versehen wurden wie „Siehe Waldheim“ oder „Wie bei uns“ : Dostojewskis Bericht über seine sibirische Lagerhaft „Aus einem Totenhaus“ (1862) und der dem Konzentrationslager Buchenwald in Thüringen gewidmete Roman „Nackt unter Wölfen“ (1958) von Bruno Apitz.
Bei Anna Seghers war das anders, ihre Romane zu lesen war nicht nur erlaubt, sondern höchst erwünscht, weil sie „erzieherisch wertvoll“ zu sein schienen, um den gestrauchelten „Staatsverbrecher“ auf den rechten Weg zurückzubringen. Für mich aber hatte die Geschichte der Flucht Georg Heislers im Herbst 1937, die ihn bis in den Mainzer Dom führte, noch einen Nebenaspekt: Ich konnte gedanklich in die rheinhessische Landschaft zwischen Mainz und Worms zurückkehren.
Zehn Jahre später, im März 1973, als ich in Bloomington/Indiana lebte, flog ich für eine Woche nach Mexiko City, wo noch nie ein DDR-Germanist gewesen war, um den Spuren von Anna Seghers im Exil nachzugehen. Später berichtete ich Anna Seghers von dieser Reise und schickte ihr ein Foto des Hauses in der Calle Industria, worin sie bis 1947 gewohnt hatte. Und als ich 1974 im Mainzer Josefsstift Dr. Magdalene Herrmann (1888-1988), die Lehrerin von Anna Seghers, ausfragte, bekam ich die Anschriften dreier Mitschülerinnen, die mir in langen Briefen über ihre Jugendfreundin Netty Reiling erzählten. Daraus entstand dann das biografische Kapitel meiner Dissertation über das Frühwerk von Anna Seghers „Auf der Suche nach Netty Reiling“.
Aber erst zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall erfuhr ich, dass Anna Seghers auch um meine Freilassung bemüht war. Sie war von meinen Mainzer Freunden angesprochen worden und hatte daraufhin um ein Gespräch mit der „Staatssicherheit“ gebeten. Am 3. Dezember 1962, als ich schon ein Vierteljahr in Waldheim war, erschienen drei MfS-Offiziere in ihrer Wohnung in der Volkswohlstraße 81 und diskutierten mehrere Stunden mit ihr. Ein Reflex dieses Einsatzes war ein zweistündiges Gespräch, das am 5. Februar 1964 zwei hohe, aus Ostberlin angereiste Offiziere der „Volkspolizei“ in Waldheim mit mir führten. Genutzt hat es nichts, freigekauft gegen 40 000 Westmark wurde ich erst am 25. August 1964.

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