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Erschienen in Ausgabe: No 90 (08/2013) Letzte Änderung: 31.07.13

Spielfilm über Heinrich George:
Der Schauspieler aus Stettin ist 1946 verhungert

von Jörg Bernhard Bilke

Am 22. Juni 1945, während der vierten Verhaftung durch die Sowjetische Besatzungsmacht in Berlin innerhalb von sechs Wochen, rief der berühmte Schauspieler Heinrich George (1893-1946) seiner voller Angst zurückbleibenden Familie zu: „Ich bin bald wieder da!“ Das aber war eine trügerische Hoffnung: Er starb, zu Tode gehungert, am 25. September 1946 im Alter von nur 52 Jahren im Speziallager Sachsenhausen bei Berlin, einem von den Sowjetrussen übernommenen und bis 1950 weitergeführten Konzentrationslager der Nationalsozialisten!
Heinrich George war schon in der Weimarer Republik ein bekannter Schauspieler, der 1921 seinen ersten Film drehte, dem Jahr um Jahr weitere folgen sollten, insgesamt 80 bis zum Kriegsende 1945. Auch die Nationalsozialisten setzten ihn ein und nutzten seinen Ruhm für ihre Zwecke: So trat er in Filmen auf wie „Hitlerjunge Quex“ (1933) oder in dem antisemitischen Machwerk „Jud Süß“ (1940) nach einem Roman (1925) des in Kalifornien lebenden Emigranten Lion Feuchtwanger (1884-1958) und schließlich in „Kolberg“ (1945), der die kriegsmüden Deutschen zum Durchhalten bewegen sollte. Auch Filme mit russische Themen tauchten mit seiner Besetzung auf wie „Stjenka Rasin“ (1936) über den Aufstand der Donkosaken 1670/71 und „Der Postmeister“ (1940) nach Alexander Puschkins (1799-1837) berühmter Novelle von 1831. Hier wie auch im Film „Der Biberpelz“ (1937) nach Gerhart Hauptmanns (1862-1946) beliebter „Diebskomödie“ von 1893 konnte er sein große Begabung zeigen jenseits aller Ideologien.
Heinrich George, am 9. Oktober 1893 als Georg Schulz in der pommerschen Hauptstadt Stettin geboren, nahm, nachdem er die Oberrealschule vor dem Abitur verlassen hatte, Schauspielunterricht in Stettin und bekam seine erste Rolle im Sommer 1912 im pommerschen Kolberg. Nach weiteren Stationen in Bromberg in der preußischen Provinz Posen und im mecklenburgischen Neustrehlitz nahm er als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teil und wurde im Winter 1915 schwer verwundet. Nach dem Krieg trat er der Kommunistischen Partei bei und spielte unter Erwin Piscator(17893-1966) und Bertolt Brecht (1898-1956). Nach 1933 hatte er zunächst Spielverbot, wurde dann aber in die UFA-Filmindustrie eingebunden bis zum Kriegsende. So wurde er auch Intendant des Schiller-Theaters in Berlin, wo er auch politisch „unerwünschte“ und verfolgte Künstler unter Vertrag nahm. Noch 1933 hatte er die Schauspielerin Berta Drews (1901-1987) geheiratet, mit der er zwei Söhne hatte: Jan (1931) und Götz George (1938). Während der Schlacht um Berlin floh er mit Frau und Kindern im Ruderboot über den Kleinen Wannsee und kam nach einer Woche zurück in die einstige Reichshauptstadt. Zwischen 14. Und 26. Mai wurde er dreimal festgenommen und wieder freigelassen, bekam sogar von den Russen Lebensmittelkarten geschenkt, weshalb er auch die vierte Verhaftung für ein pures Missverständnis hielt: Sie war tödlich! Erst 1994 wurden seine sterblichen Überreste in einem Waldstück bei Sachsenhausen gefunden und auf dem Städtischen Friedhof von Berlin-Zehlendorf beigesetzt.
Jetzt ist das Leben des Schauspielers Heinrich George, dem die Deutsche Bundespost 1993 zum 100. Geburtstag eine Briefmarke widmete, verfilmt worden. Die Titelrolle wurde mit seinem 1938 geborenen Sohn Götz besetzt, der seit 1997 als Kommissar Horst Schimanski in einer Serie des „Tatort“ bekannt wurde. Seine Frau Berta Drews spielt die 1972 in Salzburg geborene Schauspielerin Muriel Baumeister. Regisseur ist der Dokumentarfilmer Joachim Lang vom Südwestrundfunk in Stuttgart. Heinrich George wurde nach der Verhaftung in den Kellern des Gefängnisses Berlin-Hohenschönhausen, das heute wegen seiner Stasi-Vergangenheit Gedenkstätte ist, von NKWD-Offizieren verhört. Die Protokolle dieser Verhöre sind erhalten geblieben und in den Film übernommen worden.
Es gibt noch heute, außer den 80 Spielfilmen 1921/45, eine Fülle von Material über Heinrich George, das die beiden Söhne in einem eigenem Archiv aufbewahrt haben, mit dessen Hilfe auch mehrere Biografien, darunter die des angesehenen Historikers Werner Maser (1922-2007)„Heinrich George. Mensch aus Erde gemacht“ (1998), geschrieben wurden. Außerdem gibt es die Erinnerungen der Witwe Berta Drews „Wohin des Wegs“ (1986). Es wird Zeit, diesen exemplarischen Lebenslauf von den Legenden zu befreien, die ihn seit 1945 überwuchert haben. Der Arzt ihn Sachsenhausen, der 1946 den Tod des Schauspielers zu bestätigen hatte und bedrängt wurde, als Todesursache einzutragen, er wäre „an den Folgen einer Blinddarmoperation“ verstorben, hatte schon damals damit begonnen: Er hat sich geweigert!
(Aufführung des Films: 22. Juli: ARTE, 24. Juli: ARD)

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