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Erschienen in Ausgabe: No. 92 (10/2013) Letzte Änderung: 27.09.13

Lyrikós – das begleitende Spiel der Dichtung

von Georg Zetlmeisl

vBayan – die Wiederkehr

Für einen Augenblick fängt ein
mein Netz das Licht der Sternenkörper
und die Menschen drehen das Rad
doch liegen meine Hände nicht mitten
auf dem Reif
war es, dass ich sie nicht hatte
zurückgezogen, wandernd
bin ich allein der Blicke wegen
umgreife, so voll der Reden
sich an Sternenlicht tröstender Worte
die quellen
und versickern in der Furche
die drehendes Rad der Erde abgepresst

Sprache, die nicht einfängt
der Menschen ihr Lachen
sucht noch viel Flüchtigeres: etwa sich selbst
der nur sich selber umgibt, im Raum der Blicke
schon wird feuchter Boden das Unterste,
dass Kälte besitzt
dem meine Blicke immer wenig gedenken
und sprachlos
kehrt sich auch diese Nacht in ihre Form

Stammend von ihnen, sind die Sterne ohne Antwort
nichts, das dem Pfad eigne
gegeben von Hand zu Hand – der Menschen
gedrehtes Rad
bereits in der Nacht
tönt es, im Oberen dumpfe Gewalt
Aufschein, der die Sprache nicht kennt
regt sich da das Geschöpf
von neuem Tag zur Munterkeit
nun gar erlaub ich selbst den Sternen
ihr Bedürfnis nicht
sich zu verhalten, verwundet bin ich
es nimmt mich des Geschöpfes fremder Schlund
mich, unausweichlich meinen Blick gefangen

Von Brandungen geleitet in die Höhlung des Herzens
rötlicher Sinne bedenke ich mich:
was soll ich nur dieses Mal da hineingeben?
der Sterne Licht – so weit entfernt
drehendes Rad in meiner Hand
und um mich her fließen Hinwenden und Missachten langsam ineinander
was weiß ich mit dem Blickkörper
stille zu halten, wenn Schlund mich packt
wenn das Augenrund würde verdaut
-ein kleines Fenster in der Zeit
endlich umgeben und auf nichts zu warten

Wann ergriff wohl der Zenit meinen Blick
dem ich lang mochte weder Rede
noch Einwand führen
die Tage ließen sich bezeugen
und der Nacht gehörte Schlaf
unermüdlich sich bewegende Speichen
die Menschen drehten das Rad
das Herz eine Wucherung
aber das Leben der Sonne selbst
wird von ihren nie müßigen Händen eingefasst
umklammert, liegt ihr Werk befohlen

So erstaunt mich nicht
sinkt mir der Blick
dass die menschliche Hand mir gebrochen
von enthaupteter Gestalt, wie ich sie sehe
noch im Tag verborgen
rötlicher Sinne
ich mich erhebe
den wandernden Sternenhaufen befragend zu stellen
noch
bleibt die Hand das erste Glied
das Schlund mit zerkaute
noch
bleibt die Not, was geschieht, zu bedeuten
und ich lausche

Lausche, jedoch nicht seiner
dich Sternenhaufen werde ich ergreifen
wenn im vollen Schlummer
Licht beginnt zwischen den Stäben meiner alten Finger drängend zu reifen
und dass ohne meine Wiederkehr
die Sterne haben Antwort
wenn nicht sogar
dich


Der Mensch steckt in der Sprache, wendet er sein Sein umschlossen von einer Haut aus Zeichen. So kann die Sprache nicht anders, als sein Leben in Mitleidenschaft zu ziehen. Sie ist ein Außen, das bald als eine Gewalt auftritt, wenn das Individuum auf das Netz ihrer Formen zugerichtet wird. Schon von Anfang an, noch bevor der Einzelne selber zu sprechen anhebt, wird er bereits von anderen besprochen und auf die Gestalt eines bestimmten Seins hin gesprochen. Die gesellschaftliche Welt, in welche der Mensch hineingeboren wird, ist zunächst nicht sein, wenngleich er mit dem, das nie ganz zu fassen sein wird, zu paktieren beginnt. Eigenes und Fremdes mischen sich bald in undurchsichtiger Weise und ähnlich ist die Sprache ein Gewebe aus fremden Äußerungen mit Anteilen von Eigenheit. Die Sozialisation, die das Individuum sein Leben lang erfährt, lässt sich daher als ein Besprechungszusammenhang begreifen und die Rede als deren Technik, die an der Gewöhnung baut, Stabiles durch Einreden von Merkmalen, die festzuhalten wären, sowie durch Ausreden von anderem, zu generieren. Die Kommunikationen sind Orte gesellschaftlicher Regulation. Menschen finden sich in einer Welt vor, deren Sinnzusammenhänge nicht von ihnen stammen, in deren Zwischenräumen sie jedoch unabdingbar ihr Leben einzurichten haben. Doch dieses Außen der Sprache faltet sich auch in das Individuum hinein, das sich als Hort von Eigenarten erlebt, die eine Wirkung über es ausüben, welche ihm aber ebenfalls von anderen her zukommen. Was sich darin zu bezeichnen gibt, sind nicht lediglich Dinge in ihrer Verteilung und ihrer Art der Darstellung in der Welt, sondern oft halb ersichtliche, halb implizite Praktiken im Umgang mit den Dingen, unter denen sich auch der Körper einreiht, in dessen mehrschichtigem Gefilde nicht zuletzt das Sprechen anhebt. Im Reflex auf sich selber, in der Rückkehr des Gesprochenen auf das Doppelte des eigenen Seins, findet sich das Individuum vorübergehend als entfremdetes vor. Es ist in diesem Moment mit dem Zweifel verbandet und vor keinem Scheitern bewahrt. So verwundert es auch nicht, dass sich die Erfahrung der Einsamkeit mit der Begründung des Seins in der Sprache umwindet zu einer Form. Wenn sich das Subjekt in der Rede nicht auffindet, wo das Bewusstsein keine Intimität mir sich selber gewinnen kann, dort sind Einsamkeit und Sprechen dasselbe.
Zugleich kreist ein jeder um das Potenzial, um die Möglichkeit, etwas aus dem zu machen, zu was man ihn gemacht hat. Es scheint, als müsste der Mensch seine Gefühle auf die diversen Begegnungssituationen seines Lebens hin erproben. Die Dichtung wird oft als eine Variante eines freieren Bezugs zu sich selbst und dem anderen angesehen, einerseits weil in ihr ein Bewusstsein anwesend sei, das auf die Bildung des eigenen Sprechens blickt und versucht ist, dieses von seiner Wurzel ausgehend zu leiten, andererseits vermöge ihrer Kraft. jene gewonnene Distanz im Ausgesagten zu bearbeiten, sich mit dieser Form in Entfernung sowohl zur Ordnung der Sprache als auch zum individuellen Sein zu setzen. In ihr geschieht und bezeugt sich eine Reflektion: der Weg nach Außen – zum schriftlichen Abdruck –, den eine Äußerung bemisst, wird soviel als möglich abgekürzt und auf den Sprechenden zurückgewendet, sodass ein Spannungsgeflecht einsteht, an der eine singuläre Innerlichkeit ihren Halt findet, in dem ihr Begehren sich in den Zeichen andeutet, ohne sogleich der völligen Bedeutung durch sie überantwortet zu sein. „Warum wollen Sie mir nicht zugestehen, dass ich in der Poesie wie in einem Spiegel mich zu sammeln, mich selber zu sehen, durch mich hindurch und über mich hinaus zu gehen, suche. Unsern Wert im Urteil der andern, […] haben wir nicht in der Hand […]. Aber alles, was wir aussprechen, muss wahr sein, weil wir es empfinden“(Christa Wolf). Die Wahrheit der Empfindung sucht sich manchmal in der Ordnung der Dinge, andermal in der Abwendung von ihr, sodass es nicht erstaunt, wenn das Bewusstsein zwischen beiden Tendenzen schwankt. Im poetischen Sprechen der Dichtung löst man Intentionen soweit es geht von den Äußerungen ab. Der Sprechende verwandelt sich selbst zu dem Anderen, an den oder an das er sich mehr oder weniger direkt richtet. Die Rede stellt weniger eine Beziehung her, als dass sie nun die Beziehung dem Zugriff der Sprache entzieht – „sich sprechend der bestehenden Sprache zu entziehen“(Bernhard Waldenfels). Das setzt jedoch voraus, dass das Individuum nie vollständig der sprachlichen Ordnung inbegriffen ist, beziehungsweise dass etwas in ihm verbleibt, das nie ganz zur Sprache gebracht werden kann. Ist es zugleich der Fluktuationspunkt, um dessen rotierende Kraft die Beschreibungen kreisen und von der sie sich speisen, bleibt es doch immer der Veräußerung unerreichbar. Die wirkungsmächtigen Diskurse einer Gesellschaft produzieren und reproduzieren semiotische Raster, die in einem mehrfach gefalteten Bezug zur Wirklichkeit stehen, und das umso vehementer, als sie Realität autoreferentiell in ihrem Aussagesystem beschließen. Sie definieren dadurch die kulturellen Gesichter des Wahren, des Rechten und des Schönen. Diese drei Funde, wenngleich sie sich in diesen Codierungen wiederspiegeln, lassen sich dennoch nicht auf sie reduzieren. Vielmehr begleiten sie die Aussagen als deren Problematik, deren Klarheit ihres Gehalts eine Sprache zu erwirken versucht. Wirklicher erscheinen sie im individuellen Empfinden. Die Dichtung, im Sinne einer Verdichtung und zugleich im Sinne eines Zerreißens von Bedeutung, drängt dahin, die Feste gewisser Codierungen einerseits aufzulösen und andererseits sich einen Ort im Spektrum der Wahrnehmung zu verschaffen. Die Welt ist ein Mehr, selbst Dickicht aus Anfängen von Symbolen, die aus ihr herausragen und sich dem Individuum in seiner Eigenheitshäre zu bezeichnen geben. Schreiben bedeutet insofern ein Pirschen, ein Umlaufen und Warten oder anders formuliert, sollte Schreiben als ein Ausdruck solcher Suche aufgefasst werden.
Die Dinge sind nicht einfach an sich gegeben und können darum auch nie tatsächlich ausgedrückt werden, jedoch evoziert. Es gilt der Dichtung, die Kraft eines unbändigen Sprechens aufzufinden und kurzzeitig in Besitz zu nehmen, das solches vermag. Darum ist Dichtung eine Wendung, eine gebogene Figur auf die Sprache selbst, um sie zu entautomatisieren und in ihrem phraseologischen Charakter aufzubrechen. Ihre Kraft kommt ihr von der Potenzialität zu sprechen her, von jenen konnektiven Lücken in und zwischen den Wörtern, dem UND möglicher Verbindungen von symbolischen Bezügen. Es sind Orte, bald beliebige, aber individuell und situativ hochgradig bestimmte, in welche Objekte eingehen oder innerhalb derer sie voneinander abfallen. Sie machen die Kluft der Sprache nahbar, da der Rezipient nicht länger überbrückt wird. Vielmehr lebt die Dichtung, dort wo man sie vernimmt und in einem anderen Bewusstsein aufgreift, von der in sie investierten Aufmerksamkeit, einem Verweilen. Dieser Kraft korrespondiert das Vermögen zum Interesse, diesem Sein zwischen den Dingen. Vernimmt und befragt ein Individuum in der Dichtung sich selbst, so ist es andernorts der Rezipient, der dem Gedicht ein Ordnungssystem schaffen muss. Dichtung ist insofern musikalisch, bewahrt sie in sich die Affinität zur Stimme in der ihr eigenen Selbstbezüglichkeit. Als Stimme begleitet das Subjekt zunächst sich selbst. Die Welt ist weniger gegeben, als dass die Situationen uns zufallen. Was wir festhalten können sind affektive Szenen ausgewählter, weil eindringlicher Objekte, die uns – vielleicht auf wunderbar Weise – heimsuchen und uns mitunter ein Heim geben. Der Welt teilhaft werden, sie ihrer Äußerlichkeit entkleiden und anerkennen in ihrer schieren Vielheit. Was bliebe dem Rezipienten anderes zu interpretieren als seine eigene Gewissheit? Die Dichtung flicht einen Ort, innerhalb dessen Umrandung sie sich bestimmt. Er ist das Andere des sichtbaren Textes, auf den sich die Sinngebung bezieht. Die Gewissheit des Anderen ist darum nicht, was das Gedicht bedeutet, sondern im Zusammenfall mit dem Bewusstsein des Rezipienten jene Gewissheit, die er sich an sich selber erstreitet, und möglicherweise zugleich seine Beziehung zu dem Anderen. Nichts davon muss sich zwingend einstellen. Es ist immer möglich, dass man einen Ort nicht auszumachen weiß, sei es der eigene oder der eines anderen, oder gar die Beziehung im Miteinander. Darüber hinaus beklemmen Äußerungszusammenhänge die Aufmerksamkeit, die an sich schon ein derartiges Nachspüren von Orten beschneiden, gegebenenfalls anfeinden. Dem hat der Mensch Rechnung zu tragen und seine Wertschätzung zu erweisen.
Maurice Merleau-Ponty benennt die eigentliche Kraft der Dichtung als das Schweigen des Bewusstseins, als die Fähigkeit zu einer grundlegenden Stille, welche durchaus sehr beredt sein kann. Allein in einer Erfahrung seiner selbst durch sich selbst gelangt das Individuum dazu, die Welt als eigene zu umfassen. Solche Stille ist aber keine einfache Leere, sondern eher von sehr dichtem Gehalt. Sie trägt in sich die Stimmung des Aufbruchs, einen Drang, sich in Formen zu verwirklichen. Etwas ist nun möglich. Die Sprache erscheint im Verhältnis zum Sprechenden als ein horizontales Gebilde der Überlagerung von Schichten unterschiedlicher Qualität. Darunter mag das individuelle Bewusstsein nur eine sein, dessen Figuration je nachdem variiert, mit welchen Schichten es kommuniziert und von welchen es überlagert wird. Dichtung arbeitet daher an Zuständen der Bewusstheit, beziehungsweise an der Raumtiefe des Erlebens. Das zu Bedeutende liegt nicht restlos in der Sprache, das heißt in dem Sagbaren verworren. Das Leben ist kein verwohntes Haus. Und wenn schließlich das Unthematische dazu in der Lage wäre, mittels eines eigenartigen Sprechens zum Vorschein zu kommen, dann ist es nichts anderes als der Körper, der eigene sowie der anderer. Der Körper kann zwar thematisch erfahren werden, was aber noch nicht besagt, dass seine volle Realität darin aufgehen würde. Vielleicht ist der Körper ja noch ohne Thema anzutreffen. „In diesem Augenblick befreite ich ihn von der Last des Kommentars. [Er] widersteht […] der Beschreibung, der Definition, der Sprache […] als Klassifikation. [Der andere lässt] die Sprache erbeben: man kann nicht von ihm, über ihn sprechen; jedes Attribut ist falsch, […]. Ich errate, dass der wahre Ort der Originalität weder der Andere noch ich selbst bin, sondern unsere Beziehung“(Roland Barthes). Ist es wohl möglich, etwas jenseits des Kommentars auszusagen? Lassen sich Orte und Beziehungen nur mithilfe der Destruktion von kommentierenden Einheiten bezeichnen? Die Dichtung geht das Wagnis ein, den Inhalt der erfahrenen Stille, wenn nicht zu kommunizieren, so doch zu sagen und auszudrücken. Im poetischen Sprechen erkennt das Subjekt – wohlmöglich versteht es – ein Anderes in Gestalt einer Sinnverschiebung. Die Dichtung ist ein Modus der Sprache im Konflikt mit ihren eigenen Bedingungen, anstatt lediglich Erzeugnis einer künstlerischen Bearbeitung zu sein. Man geht deshalb fehl, möchte man die Mittel, derer sie sich bedient, einfachhalber als Metapher ausweisen, als gäbe es einen verborgenen Sinn, das eigentliche Signifikat, das auf richtige Weise mit Ausdrücken zu versehen, der Sprechende nicht in der Lage wäre. Dichtung erfordert Geduld, nicht Verrenkung. Die Idee der Metaphorik ist im Gegenteil sogar sehr verheerend. Handelt es sich doch hierbei gerade um die Bemühung einer Zerstörung der gängigen Signifikationen, was häufig über morphologische und syntaktische Abänderungen bewirkt wird, die einem Erleben, vielleicht einem Affekt zugeschnitten werden. Das poetische Sprechen nimmt fürwahr und gebracht die Sprache als Körper, als eine körperliche Tätigkeit, die sich an weitere Körper bindet, in diese eingreift und sich der eigenen Ergriffenheit hingibt. Es ist dem Menschen auf diese Weise zum Beispiel möglich, einen anderen auf dem Weg des Sprechens zu kosen. Immer, wenn Sprache berührt. Wollen wir verstehen, so setzt das das Vorhandensein einer gewissen Andersartigkeit voraus, weniger aber die Wiederentdeckung eines bereits vorgefassten Sinns. Dichtung mag ihren Ort allegorisch darbieten, in Form eines Anderssagens. Die konstituierenden Elemente mögen sich einer Erklärung vorenthalten, aber nicht dem Bemühen verwehren, als Ereignis zwischen einem Fragenden, der etwas öffnet, und einem Antwortenden (der etwas abrundet) zur vernehmbaren Sprache zu bringen. So existiert demnach eine Intersubjektivität im Schweigen. „Einmal in meinem Leben […] möchte ich dem Menschen begegnen, der mir ohne versteckten Vorwurf erlaubt zu sein, der ich bin. Wie soll zurechtkommen, wer sich in das Gegebene nicht zu schicken weiß. […] Nicht ohne gewisse Genugtuung denkt Kleist an den Augenblick, da der Doktor [ihn] fragte, was einer fühlt, der seine kostbarsten Papiere verbrennt. Ohne zu zögern, […] erwiderte Kleist: nun lag das Nichts offen vor mir. Da brach der [Doktor] das Gespräch ab. Er gab es auf, [Kleist] begreifen zu wollen. Dem war es recht“(Christa Wolf). Dichtung achtet das Ereignis. Die Reden nehmen sich wie Sprachspiele um widerstreitende Begehren aus, man meint ein Kampf darum, dass sich endlich gegenüber all den Zuweisungen etwas Unbesetztes ereignen möge. Aussagen finden so häufig ihre Aufgabe darin, Sinn im Vorhinein wie Nachhinein zu besetzen und bieten sich der Übernahme durch andere an. Es muss folglich einen Unterschied machen, ob ein Individuum seine Bleibe in einem Ort oder einer sinnhaften Besetzung sucht. Insofern aber Orte dem Sprechen anteilig sind, werden Reden vom Schweigen durchdrungen, das sie als Sinnbildung, Sinnverdunklung und Sinnverwandlung heimsucht. Jede Rede vermag darum ihrer Sprecher über sich selbst belehren. Sie wird ihm nie vollkommen gehören und sich noch weniger seinen Intentionen im Geist des anderen fügen. In erfahrener Verwirrung und Unsicherheit liegt demnach ein Quantum Möglichkeit. Die Worte eines Gedichts sind nichtdestotrotz vor nichts gefeit. Nicht müssen sie wahrgenommen werden. Nichts muss geschehen. Nichts sichert ihnen, nicht im Strom eines Textes zu verblassen, als wären sie nicht geschrieben. Mag das Gedicht auch noch nicht dagewesen sein bis zu jener Punkt, wo jemand es liest, heißt das noch nicht, dass es sogleich in Anwesenheit übertrete. Es zu erkennen, auch wenn es scheitert, verweist weniger auf seine Faktizität als auf den grundlegenden Zustand einer Schwebe, auf deren Potenzial das Ereignis pendelt, und zwar deswegen, weil sich ein Objekt einem anderen Objekt an sich nicht ereignen kann, sondern das Ereignis selbst ein Konglomerat, eine Zusammenfassung und Inbezugnahme einer Mehrzahl von Objekten und von Elementen derselben ist. Auch die Wahrnehmung des Einzelnen stellt ein solches Element dar, die aus diesem Grund nicht einfach besteht, sondern in eine Bewegung involviert ist, die ein Ereignis eventuell einfängt oder gerade blockt. Aber auch die Sprache kann in den Strudel der Ereignisse hineingezogen werden. Nicht nur verändert sie dann durch die ihr widerfahrenden Kontexte, sondern beginnt ebenfalls die Kontexte zu gestalten. Die Dinge werden dem Sprechenden zu jenen Zeichen, die sie ihm sind, und ein solches Sprechen erhebt seine Objekte in einem Gefüge des Miteinanders und in ihrer Bewegtheit aufeinander zu oder voneinander weg, wie sie dem Einzelnen als seine Welt erscheinen. Die Sprache wird fast wörtlich, sobald eine Äußerung nicht mehr für etwas anderes genommen wird denn als Affekt eines bestimmten Moments. Im Schreiben werden Affekte sodann aufgegriffen und in eine Form gegossen.
Affekte durchsetzen das Sprachmaterial. Es gibt ein Individuum, das in dem Moment des Schreibens einem bestimmten Ort angehört. Sein Sprechen ist wohl metaphorisch zu nennen, bevölkert es sich doch mit einer Anzahl an Dingen, die sein sind, insofern sie der Sprechende selbst sind. Bei all dem geht es nicht einfach um Bilder, auch wenn sicherlich das Sprechen nie frei von gewissen Bildern vonstatten geht. Dichtung entwirft sich als Narrativ von Affektlinien und mindestens zwei Ereignissen, wovon eines der Moment des Schreibens selber ist. Die geläufige Einteilung der Affekte, wie sie in der Psychologie kursiert, ist uns hinreichend bekannt: Freude, Zufriedenheit, Dankbarkeit, Euphorie, Traurigkeit, Depressivität, Hoffnungslosigkeit, Enttäuschung, Ärger, Eifersucht, Hass, Verachtung und so weiter. Doch sie beschreiben allein das Interieur eines Subjekts, nicht aber seine Eingelassenheit in die Welt, welche ihn in ihrer Fülle immer übersteigt. Es ist nicht wahr, dass unsere Sprache auf innere Regungen nur verweisen, nicht aber sie beschreiben könnte. Dem Menschen gibt sich eine ganze Welt als Beben seiner Innerlichkeit anheim. Von sich aus hat diese Innerlichkeit keine andere Zugänglichkeit zu eigen als Gegenstände in ihrer Materialität. Sicherlich werden wir von einer Orientierungsebene bedingt, welche die Sprache uns in Bezug auf die Dinge vorgibt, von der Gewöhnung an den Einfallsbereich unserer Existenz in die Welt der Dinge. Die Menschen beharren auf die Sachlichkeit ihrer Beschreibung. Möglicherweise sind wir aber als bewusste Wesen dem Abstrakten viel ehe verwandt als den konkreten Referenzen und ihrer Verbindlichkeit im Gemeinsinn? Vielleicht – das wäre zu erfahren – lösen sich die gesprochenen Silben niemals von dem Atem, der sie haucht sowie von der Reibung in unserem Körper, die von unserem Leben kündet. Vielleicht hängt unsere Fähigkeit, zu erkennen, davon ab, was wir zuvor mit unserem Atem aufnahmen, bevor wir es bekennen können? Wer kennt die eigentliche Größe unseres Zusammenhangs? Befindet sich nicht bereits schon alles in einer Hand – die Sensationen des Körpers, die geatmete Sprache, ein persönlicher Lebensentwurf, die Umgangsweisen und all das, womit der Einzelne sein Wohlgefühl zu erhalten sucht? Dichtung ist ein Aufgeben dessen, Dinge und Affekte aufeinander abbilden zu müssen und sie voneinander getrennt zu halten.
Man kann nicht alles verstehen. Manchen Orten stehen wir außen vor, sind innerhalb heterogener Ordnungen von Verschiedenem ausgeschlossen. Und das ist nicht zu bedauern, da wir selber Zugang zu dem haben, das uns umgibt, Anteil an jenen Dingen, die unsere Welt ausmachen. Sprache kann sich entleben, wenn sie versucht, dort hinzugreifen, wohin ein Menschenleben nicht reicht, wenn ein Sprechender ohne Begehren für das Andere ist, das er sich zum Thema verpflichtet. Aber wir sind ja nicht stumpfsinnig und wissen manchmal Anfänge, bevor wir zu sprechen anheben. Die Bedeutung einer Äußerung oder eines Wortes ergibt sich in dem angestrebten Moment eines Beieinanderseins von Welt und Subjekt, nicht länger aus den jeweiligen Relationen, welche die Äußerung zu anderen besitzt, sondern gewinnt ihre Bedeutung durch das Hineingezogensein in die individuelle, ungleich reale Beziehung zu einem Begehren. In dieser Weise können Affekte zu Wurzeln eines Ensembles von Aussagen (dem Gedicht) werden. Insofern ist ein Objekt in diesem Ort das Objekt eines Sprechenden, man könnte auch sagen, nun für ihn seinend. Daraus folgt aber nicht gleich, dass in diesem Moment die Singularität eines Objektes völlig im Kosmos eines Individuums aufgelöst wäre. Vielmehr wird das Objekt zu sich selbst gebracht, indem jemand es bezeugt. Und das muss nicht immer eine freundliche Welt sein, die sich einem dann zu spüren gibt. „Man versteht nicht, was man nicht mit andern teilt“(Christa Wolf) – auch nicht sich selbst oder auf welche Weise man selber in anderen oder in anderem anteilig vorhanden ist. Blieben die Objekte in ihrem Gehalt ausschließlich auf jene gesellschaftliche Ordnung bezogen, deren Stütze sie sind, würde der Diskurs das Individuum förmlich verschlucken, sodass es dann nicht umhin käme, sich in der Rede zu zerstreuen. „Die Ideen, die folgenlos bleiben. So wirken auch wir mit an der Aufteilung der Menschen in Tätige und Denkende. Merken wir nicht, wie die Taten derer, die das Handeln an sich reißen, immer unbedenklicher werden? Wie die Poesie der Tatenlosen den Zwecken der Handelnden immer mehr entspricht? […] Müssen wir […] nicht fürchten, [uns] in einen Anspruch[zu verrennen], den auf Erden keiner je erfüllen kann: tätig zu werden und dabei wir selber zu bleiben? Wer spricht“(Christa Wolf)? Wohin würden wir wohl geworfen, wenn wir diese Frage „Wer Spricht?“ ernstnähmen? Die Dinge sind offen für die Verbindung mit unterschiedlichsten Bedeutungen. Die Ebene der Wahrnehmung und jene der Wahrheit liegen nicht einfach deckend aufeinander. Sie werden vielmehr selber von einem Raum des Innen (des Denkens) und von einem Raum des Außen (das Handeln) gebrochen und zueinander in Beziehung gesetzt. So ist die Räumlichkeit „das Medium der Intersubjektivität […], wobei es natürlich sich nicht nur um den wirklichen Erscheinungsraum handelt […] oder den absoluten Raum [der Objektivität eines Sachverhalts], die ganz bestimmte Wirklichkeitsaussagen fordern, […] sondern um die Möglichkeit der Ausbreitung, die Räumen jeden Stils notwendig zugrunde liegen.“(Helmut Plessner) Man kann somit zwei Bewegungsformen von Aussagen unterscheiden, die in Bezug auf ihre Ausdehnungsverhältnisse innerhalb eines diskursiven Raums voneinander abweichen. Zunächst kann sich eine Aussage als Kraft veranschaulichen, das heißt als ein Horizont an Möglichkeit. Ihre Bewegung gleicht der einer Welle, die von Zonen einer Verstärkung und Zonen einer Schwächung gezeichnet ist, da sie sich mit den Wirkungen anderer Aussagen vermischt. Dieses Ereignis wird jedoch durch den Diskurs beschränkt und in bestimmte Terme transformiert. Daraus ergibt sich der eindeutig segmentierte sowie selektierte Raum einer Aussage, wobei die einstige Ausdehnung nochmals nach unterschiedlichen Aktivationsmustern segmentiert wird. Der Ort und die Dauer, in diesem zu verweilen, ist auf das einem Individuum mögliche bezogen. Inwieweit vermag ein Ort sich wohl in der Wahrnehmung des Einzelnen auszudehnen und inwieweit gelingt es einem Sprechenden, immer wieder mit seinen Äußerungenzu sich selbst zurück zu gelangen? Es scheint, als müsste jeder Sprechende in seiner Rede die eigene Singularität festhalten und auf sie beharren. Doch gegen wen? Zwischen wem oder was besteht eigentlich dieser Konflikt?
Wenn ein Individuum in seiner Rede bei sich zu bleiben vermag, dann kann die Bedeutung des Gesprochenen weniger rigoros im Raum des anderen verlöschen. Den Objekten bleibt ihr Wesen erhalten. In einer Rede bei sich zu bleiben, hieße wohl, die Momente ihrer Hervorbringung mit zu umfassen, und das heißt, wahrzunehmen. Der Sprechende ist immer in Bewegungen verwickelt, nicht immer in die eigenen. Bei sich selbst angekommen, setzt der Sprechende lauter Diesheiten, zu denen er sich als Andersheit reflektiert. Aber auch er selbst ist zugrundeliegende nichts anderes als eine solche Diesheit, ein sinnliches HierJetzt, auf das er sich in der Dichtung beruft, das gleichsam von dem Ergreifen durch Aussagen nicht erreicht werden kann, weil es einem Bewusstsein angehört, das sich in sich selber spiegelt. „Schreib dich nicht zwischen die Welten, komm auf gegen der Bedeutungen Vielfalt, vertrau der Tränenspur und lerne leben“(Paul Celan). Der gesellschaftliche Raum genereller Bedeutungen ist dem Affekt gegenüber sozusagen lose, insofern er keine Orte von Gewissheit bereitstellt, deren Kraft es wäre, Bedeutungen als Leben zu heißen. Die Zerstreuung, in der sich Individuen vorfinden können, wenn sie von etwas in ihrer Rede ein Stück weit mitgerissen werden, solche bald physische Ablenkung könnte man dem Terminus Zeit nennen, das Herausfallen aus einem Augenblick in der Fluchtbewegung zu einer anderen Gegenwart. Die Stärke der Bestimmung einer Äußerung hängt darum auf engste mit dem Beharrungsvermögen des Einzelnen zusammen, aufmerksam zu sein. Von hier aus lässt sich aber auch das Vorhandensein von Orten denken, denn diese Bewusstheit kann nicht mehr einfach etwas sein, über das der Einzelne als seine persönliche Eigenschaft verfüge. Sie hängt vielmehr von jenem Maß an Druck ab, den die Dinge nach dem Grad ihrer erscheinenden Andersartigkeit, durch das Spürbare ihrer Präsenz auf ein Bewusstsein ausüben. Es ist der Ort, der sie miteinander umfasst. Dichtung sucht nach jenen Öffnungen, in denen sich ein Anderes ereignen kann. Möglicherweise stimmt die Behauptung, die Leistung der Sprache läge in der Möglichkeit, die Isolation der Individuen untereinander und die gewisse Distanz zu sich selbst zu überbrücken, sodass dementsprechend die Ausbreitung interindividueller Bedeutungen ein Wachstum an Freiheit hieße, sowie die Vergrößerung der Chance, nach eigenem Belieben mit anderen in Kommunikation und Austausch zu treten. Dieser Linie folgend müssten sich die begrenzteren Gemeinschaftsbindungen nach und nach in den Raum einer weiten Gesellschaftlichkeit befreien. Aber gerade die in einer Gesellschaft herrschenden Diskurse bergen keine Garantie für den Einzelnen, in Nähe mit den ihn umgebenden Objekten zu gelangen und in Beziehung zu ihnen als die seinen treten zu können. „Wir leiden nicht an Kommunikationslosigkeit, sondern unter all den Kräften, die uns zu Äußerungen verpflichten, auch wenn wir nichts Besonderes zu sagen haben.“(Gilles Deleuze) Vornehmlich in der Verpflichtung, zu reden, wird das Individuum von zerstreuenden Momenten erfasst und von dem eigenen Ort abgelenkt.
Die bisherige Betrachtung hat wiederholt den Begriff des Ortes für sich ins Feld gezogen. Werfen wir zum Ende noch einen genaueren Blick darauf. Der Ort verweist auf eine Genealogie, in welche das Individuum als Dasein eingeschrieben ist und die ihn als integrativen Bestandteil eines umfassenderen Gefüges ausweist. Der Ort begegnet dem Subjekt als Raum von eigenartiger Ausdehnung, der nicht einfach eine Struktur beinhaltet, sondern von dem als morphogenetischem Feld eine eigenwillige Belebung ausgeht. Was der Einzelne seiner Wahrnehmung gegenüber vermag und was ihm andererseits darin widerfahren kann, kommt ihm von den Orten zu, die er mit sich einnimmt und die auch ihn gebunden halten. Man könnte den Ort als ein eigenständiges Phänomen begreifen, das sich aus der Gravitation der Begehren oder aus der gegenseitigen affektiven Anziehung zweier (oder mehrerer) Linien ergibt. Solche Linien sind nichts anderes als Sprechende, die sich als Diesheiten durch Raum und Zeit bewegen; es sind Linie, die einander beeinflussen und dadurch umgelenkt werden oder Brücke erfahren. Kommt es zwischen den Linien zu einer Annäherung, zu einem umeinander Kreisen und Fluktuieren, dann werden sie sich ab einer Stärke ihres Drifts aufeinander eindrehen und sich dabei beschleunigen, wodurch schließlich ein neues Gebilde entsteht; nämlich eine dritte Linie, die sich um die anderen herum faltet und sie einem zylindrischen Raum ähnlich umgibt. Das ist der Ort, in den Partikel sinnlicher Erfahrung geraten und aus welchem sie austreten; wimmelnde Partikelhaufen, die sich zu gewissen Linien, das heißt zu Objekten verbinden können. Orte bevölkern und entvölkern sich ununterbrochen, wodurch ihnen eine gewisse Ausdehnung zukommt als auch eine bestimmte Dauer in der Ordnung der Dinge. Orte besetzen einen Raum. Man könnte sagen, es sei das Schicksalwerden einer Anzahl zufälliger Ereignisse, die für sich genommen und ohne eine gewisse Wiederholung mittels eines Ortes vielleicht völlig bedeutungslos, beziehungsweise folgenlos füreinander geblieben wären. Das Besondere des Ortes aber ist seine Existenz als Double. Selbst eine der für ihn konstitutiven Linien kann sich von ihm entfernten und einen Abstand zu ihm einnehmen, ohne dass er dadurch sogleich zerfiele oder ohne, dass dieser Sprechende sogleich seinen Ort verlieren müsste. Das erlaubt es uns, die Zerstreuung eines Individuums zusammen mit der Möglichkeit zu denken, es wieder zu sich selbst rufen zu können. Das Sein innerhalb eines Ortes kann nicht einfach als Zustand beschrieben werden oder als gewisse innere Verfassung, die man besäße. Orte verstricken Sprechende inmitten eines Ensembles von Ausrichtungen, eben weil der Sprechende stets von seinem Double im Ort angezogen wird. Vielleicht sollte man das Double auch als ätherischen Körper des Individuums bezeichnen. Wer kann das begreifen?
In der Dichtung werden Bestimmungen manifest, die einem Individuum von seinem Ort her zukommen. Was geschieht, ist dem gewahr zu werden, auf welche Weise man sich in einen Ort eingeschrieben findet. Und solche Ausrichtungen umfassen zugleich auch die Momente innerer Abwesenheit, beziehungsweise die Felder sich zu spüren gebender Zerstreuung. Innerhalb von Orten bleiben auch diese Flugkräfte auf die Idee der mehr oder weniger starken Anwesenheit bei sich selbst bezogen. Das Bewusstsein in seiner topologischen Fundamentierung gleicht einer Landschaft und so verfügen und experimentieren wir mit verschiedenen Verfahrensweisen, um diese Landschaft zu begehen, dabei das Komfortable ebenso wie die Widerstände, die wir erfahren, gleich Wert zu achten. Auch Sprechen ist eine solche Praktik, die den Sprung von Möglichkeitsfeldern in ihre Manifestation hinleitet, insofern Erscheinungen vor dem Blick anderer Realität und Geltung erlangen. Durchaus im Grunde eine körperliche Übung, wobei der Einzelne sich in Verhältnis zu dem Maß ihrer Wirksamkeit setzen kann. Und da solche Möglichkeitsfelder, wie sie sich zum Beispiel in der Dichtung ausdrücken, bereits immer schon etwas Nahendes zu ahnen geben, entwirft sich das Individuum innerhalb von Orten auf etwas Zukünftiges hin, das als Werden in seine Gegenwart eintritt und darin seinen Einfluss ausbreitet. Orte treten vor das Gesichtsfeld wie Ferngläser und tatsächlich operieren Gedichte mitunter mit Vergrößerungen und der Fixierung auf Punkte, die man für gewöhnlich schneller in den Hintergrund zurücksinken lässt. Die Beziehung zwischen dem Individuum und einem Ort könnte man als Aktions- und Ereignisraum des Wunsches beschreiben. In jedem Sprechen betonen sich Wünsche. Weil der Einzelne aber Orten teilhaft ist, befindet er sich nicht wahllos in die Fülle des Seins gelagert. Letztlich: warum sollte man sich an Orte begeben, die man nicht benötigt, auf deren Plateau man nichts entfalten kann, wo kaum etwas wäre, das sich verwenden ließe? Vor allem aber: warum sollte man Orten zureichen, die man nicht wünscht!

von Georg Zetlmeisl
begleitet von Gedichten des Autors


vhin an

Hinan
Dich Ader such heim
entsteht eine Haut aus Abdruck
in ihr bin ich Frucht, versetzt
und löse zum Reich der Ohnen

Auf mir, geschieht heim
aber im Innersten deute sich selber ein Laib Holz
schwächer noch träumt es
in Dich zurückzusinken
dürstet Nach halt jedes
vor denen mein Blick sich wünschte
zu schließen

Als geregnet sah ich mich
trübe Füllen sprangen von Strecken
umher zeugen die Kreise
die all in meiner Haut eingefangen
zu dem Gezwirn des Echo sind
Stimmgewirre perlten dann und
unwegsam labend
trank mein Holzlaib nicht

Als Einfall dem Tropfen
sein Fleisch bin ich den Vögeln
der seltene Samen wirkt Zögern
bis ich ihn verliere an eigenen Hunger
widerspricht mich dieses Bewusstsein
bis ich alle erschöpfe – stumm Unendliche


vbinnen

Auf deiner ‘haupten entglitt das Sandkorn
dich behauptet, zuunterst
zu finden in Brüchen zwischen dem Eis
anheim des selben Klanges, hinein mitten
deines Reifs sich sehnender Fäden
von Traum volle Perlen –
durch die Muschel gewahr
vergiss meiner, den ich, so ihn rief
mit der Ferse aufhob auf meinem schönen
Verschlungensein
her zu der Hand des Ihren
an dem einen Morgengrauen, da ich Sand ward
berührt, mit Löchern um mich aufhebender Himmel
und dein Arm blieb leis mit den Wolken

Dieser Nebel –
du mich wuchst, ein verhangenen Fels
nach dessen Meerestiefe gab ich Abschied
dich aber trank es unabscheidbar
sank je eine Schwelle an der vürten Welle
leicht wohl nebelt‘ ich
als sie müde lag und mit Nelken eingerieben
deren Schwangerschaft sich neigte gen
‘im ersten Haus ist dein Schlaf gelegen‘ – es flüsterte
‘dort kehre ein‘
warfen die Sonnen meine Finger
ich teilte ihr das sprengende Leuchten
so der Blicke drei sich erinnert‘
und einzeln nimmer Stein
ein Verglühen – alt
und einzeln nimmt er den Stein
eine naht
seitlich in ihrem dünnen Hemde
leidet
mein Sehen schließt in den Krumen von Erde sich
im Winter als das Kleid erfror
von Eden


vEthnos Pan

Umflossen mit blassem Dunkel
schon selber deines gerührt
und es ist nimmer ein Raum
mich verführt, sondern auf
nimmt mein ihn Vergessen
Gerüche, die ich eilend verlor
schon selber deines Schnees
umhauptet
den das Fenster nicht länger schied
sobald
ich mich mied

Stak gern dir ungestalten
Feder im Gramhaar
sobald ich dich schwieg
so rann streichend eines hinab
den Nadir aufhebend
an zu deinem Munde
welcher nun – ein schwarz Geflochtenes
jene Erdhöhle barg
der ich dahinträumte

Um Nichts
mich greifen kann
und Spiegel, der unversehens
war, mich zu fangen
das Unwirklichste
war, mich zu scheiden


vOrakel

All bei der Düne
in ihrem Haar krame
so recke deinen Mund
und teile

Eile nach dem Fach
närrisch wie der Nebel
doch neide
dem Orkan seinen Tod


vKörperwehen

Auf gefundenen Tagen
drängt dicht ein Bündel Strahlen
auf die Tage wie ein Heim
fällt mich lang umso näher
dem Schritt ist auch Verklang

Möchte wohnen in deinem gebundenen Haar
und birgt gar
ein schöner Stoff das weiche Tal inner
der Schultern, hebe Blattwerk
das Garn von meiner Hand
zum Nest der Verhaltungen dann

Soll sein
mir eine Sprache gerinnt
an jenem was mit mir spricht

Was all sie an gebundenem Haar
einmal geerntet
zusammen ermüdet neben den blinden Zehn
einstmals lege ich ein Feuer daran
ist es, ihre Blicke wissen sich nicht
so dunkel schläft das Haar jener
manches Jahr, bis wann
ich eines verliere, was mit mir sprach

Funkelndes Getage
wird sich bald neigen, drängen ja die Metalle
sie gleich mir nach dem Lichtsich regen
nimmt ballt sich das Müde doch
den ganzen Tag aus Kreidewegen
welch Kinder riefenmich in den Morgen
sang hinaus dem Rausch den Schlaf
wachte den Geistern dem Ort hiernach
wovon in welche ich geraten
und nun sind all die Wunder
dem Munde nicht mehr Freund noch
wollen seiner Wärme mehr wissen

Dunkelndes Gesage
würde sich gar erträumen, beugt sich nicht der Wald
sie gleichen, wenn Licht nicht wäre, dem alt
Erwartenden
dass sich eines erschreckt
von dem Herzen eines
der die Augen hatgeschlossen
hat starr in der Hand
seit jeher meinen Schatten vergossen
die Wurzel
euch Geistsame mit meiner Brust zu blenden

Ach wie oft habt mich schon in diesen Morgen gerufen
sah er alles, was auch ich habe gesehn
und was weiß die Nacht an mir
es ist, wenn nicht deine Blicke wärensich Getage
gar wenn nicht deine Rede wäresich Gesage
ein Dämmerregen würde meine Mitte suchen
vielleicht einen Traum, wie ich mich begebe

Die Sprache zuletzt
wird zum Zorn mich zwingen
wofür jedes Wort stündeund keines
ist Schweigen


vNahe dir

Bei dir nah am Tau der Quelle
gab ich mich in deinem Gewande auf
in dein Ohr drang als ein Staub
unter all den Rufen
brannte in der Sonne
was der Welt wir schufen
sei’st du nicht gestorben, dem Tau der Quelle gleich
ein Blatt Liebe der Erde
Altern, nun sei
fand ich mich in deinem Gewande auf
nahe dir bei


vEin Same des Onshi Baums

Dehnen die Kiefer um mich im längsten Atemzug
verhindert dem Boden diese meine Rückkehr,
ihre Heimfahrt
dass ich sehe: wie behäbig ans ferne Nass gelehnt, drückt es, Tonnenform der Stadt
ins grüne Polster des Flusses sich
in ihr verlaufen brennt, was Ruß ihn schmecken lässt
der längste Atemhauch schwebt auf dieser Zunge,
ein Tod
klappt Köpfe hintenan und unlängst starre
wie aufgerissen sie äugen

Was glaubtet ihr doch der Türme im Osten,
der immer wispernden Pfahlorte
und nach welcher Stückzahl ihrer Dächer
zu ehren Wert
sie lagerten in Mondes Schatten, Schar Bewohntes
hält euch nicht sein Schein die niederfallnen Lider, seht:
wie der Nasenwurzeln ganze Gesichter nun obstrahlen
ein weißes Licht solang, dass ichs betaste, beinah
und ähnlich dieser bedachten Tore Zulauf,
das immer abrupte Ende
erregt wie rötliche Blütenkissen

Wider unsere Erde gestemmt, bald behauptet
endlich richten sie sich, das Haupt gen Süden
ihr Haar das sonnenwarme Ähren liebt
wenn ein Blick sich legt zu deren Füßen,
Furcht erregendes, sich Bewegendes ruht
wie einst sie Ängste umeinander Schlangen, Nattern,
hernieder zahnen, nicht ohne Schrei zu häuten,
so neiden sie, das stürzende Beil
jagt mir den blauen Wind
wie kraftvoll er sie auch hebe vom Stein-Grund
ist was Blutzeichen werden
überall an den Brustwölbungen sich erschrickt

Habt nun Weile, die Himmel
geraten in des anderen Reich nachher,
ihre Straßen zu verfolgen und
wo ineinander gekommen
diese Gefieder das westliche Kreuz andeuten
nicht umhin den Rücken an Finsternis gelehnt,
glühen Spuren schon bald zu Sand
um nach alldem vollgesogenen grauen Brand
aufzusteigen, bedürftig nicht der Feuerscheibe mehr, welche übern Augenrand
zu weiterem Korne rollt, nimm der Not an
zu haben das Lichte gleich,
dass es sich in den Leibern bräche
Erinnerungen mich meines Gehörs erinnern
so dünn, als der Fliege Schwarz lautere Ketten

, o ihr Toten


vZurückströmen

Ihre Augen sind verschieden
ein plötzliches Glitzern, wenn sie sich blinzelnd häuten
spürbar Unbekanntes
worauf ihr Blick auch weilte
Berührungen an einem schmalen Ort
nahe unter der bebenden Haut

Verstummen und
ich sinke dem Körper der Erde hinab – sie blickt
unerreichbar für meine Schritte
sich abwechselnder Orte
in der Erinnerung
erstrecke ich mich, den Körper der Erde zu bespannen
mit Häuten wie von damals

Und ich begann zu genießen
während meiner Augen Licht im Trüben verfloss
sieh nichts
ja, weitet sich der Spalt nur gering
flutet der Schmerz – greifen, aber nie
festhalten zu können
das Wahre

Endlich ertrunken, weich wie am Anfang des Weges
wilder Augen – haben sie die Landschaft des Körpers verschlungen
sind lange Jahre verflogen nun
doch unterdessen:
an diesem Ort habe ich gewohnt

Sie
im Schemen berührt mich eine Unbekannte
öffnet mir die Brust
entströmt ihr ein Lab von Raum
ich fühle Ankunft
noch verharrend berührt mich ein Schemen –
fallend in unbekannte Räume

Ahnung von den Lippen gelesen
schmal am Rande stehend
deine Hand jetzt greifen
aber kaum lässt sie sich fassen
bekannt wie wir uns sind

Im Dunkel kämm ich mir mein Haar
Spuren sind in den Wind geschrieben
und in allem ein Gesang von Abschied
finde ich mich in Erinnerung
nachts die Straße bis zu ihrem Ende gehen


vAbwehr

Trennwände um ein Gewöll von Wärme
was wir berühren,
gibt sich getrocknet, erkaltet, angeraut
nie im Rücken haben!
bald sind es Tunnel,
in den Raum niedergelegte Bahnen
wo sonst als in den Gängen
wüssten wir Orte und Verläufe,
tuen wir ahnen
eines Abends
glaubte ich Schritte im durchscheinenden Nebel

Sie vernehmen, gerinnen, richten
Entblätterung der Dunkelheit, sie lichten
unter meinen Schritten
welkt sich ertränkende Wärme
ereilen befiederte Pfeile
die Wulst der Gedankendärme
Dunstkreise und Dürren
wie sie sich im Körper verlängern würden
eines Abends
plötzlich eine Riss in den Wänden
die Welt ist zuvorgekommen jedem Wort
wendet Fleisch und Erde in einen Hort

Benommen unter der Hülle von Haut
ein Schwarmkörper, in ihm ein Abgrund
ihm graut vor Traurigkeit
ließe er sich nur nicht verletzen
wenn Schmelzkuppeln brächen
wenn Blutspuren sprächen
sind Augen ohne Anhalt, sie lechzen
hallt Angst, Stimmen vernetzend
im Zwischenraum wie Fraß


vKleines Tagebuch eines Piraten

I
Wer diesem Arm folgt, gelangt zu einem Land
das liegt bereits hinter dem Fall
den meine Finger mit der Weite haben
dort war ich einst vergraben
indem, wo man sich erstreckte
mit Wolkenfahrt weckte seinen eigenen Leib
durch einen Regenschauer tat man’s bald
zu oft
doch kein Glas, sich dahinter zu verbergen
vermag die Witterung, die da kommt, abzuhalten
davon, uns zu schmausen
und dadurch mit einem aufflauenden Wind
einmal zerstäuben
so wie man es bei Wolken beobachten kann
an manchen Tagen
dass sie sich in einem anderen Element auflösen
ohne Behagen
wenn wir solchen vermittelt gegenüberstehn

Gar ein Ruhelager trage ich bei mir
in der geschlossenen Hand, das ist rötlich und zart
und umschließt eine reisefeste Tasche,
das Glas darin zu halten
dass es dem Griff bereit ist, trete ich ins Lichte nach
aus dem Verband des Regens geschieden
wo ich mich rücken sehe, gleich dem Mittag
Klarheit um Klarheit in dieser Ferne auszufalten
die aber verharrt, unerklärliches Grau
und ich frage mich: haben wir sie zu wenig gemieden
wenn hinauf zur Aussicht ich mich bemühe
um sie ganz im Umblick zu erschauen
was traue ich mich, ein Finsteres,
das mich dann kühl umschlägt
schärft mich dieser Weise, aber leise bemerk ich
das Verschwimmen all dessen,
was ich anzusehen weiß
und mir ist, als müsste ich mit dem Himmelhaften
dort untergehen
da, meine Hand kennt diesen Ort,
wo es hinter dem Landhaften
niederbetastet-
aus meinem Wissen

II
Das mich ruft, ist in all meinen Gesten
heißt mir, wenn jedes Mal der Leib abgezogen;
diese Bewegung zeigt, worin du dich begeben musst
und das ist wie, sich einer Träne, die nirgends
anders sich befinden können, anzunähern
schmerzlich nah
so findet man einen Schlund darinnen
der vergleicht sich mit der Schwäre ringsum
und wendet man alle Paar Schatten ein Stück
schon binden Erinnertes weise Gehäuse
dass der Gesichtskörper entsteht
ohne den wird ausstürben und
der auch uns Vergehen verspricht

Alt ist, ihn nicht anders als schreiend zu erblicken
ihn nicht anders als in Erde sich zu verwandeln
ihn nicht anders als träumende Blüten;
es sind Rosen wie damals mein Herz
neuartig aus dieser wachsend zu denken
darunter tauchen die Geistermeuten umringend
der Fläche entlang, wie um ein Schiff zwingend
es blaut zu Wassers Ahnung durch deren Hand
nach einem Land, das sich öffnet und einer vergisst
aber wende es nur nicht

III
Wachend meiner, durchfällt wärmend Lichtes
mein Auge, als ob es im Meere stünde
zerspringt an Fasern, die erkaltet
erblicke sobald der Gehölze kristall‘ne Bünde
und mein Lid, waldig und voll Brandung
nimmt sich an dem Auftauen dämmriger Blätter Schlaf
hervor zu schwärmender Fischbewegung
durchstreifen sie sogleich stammartig‘ Wimpern
mit dem Einzug des Lichts zu klingen
und funkeln unter seiner Berührung empfänglichst
ich weiß, sie wollen ihn umschließen
sich junggestalten einzudrehen
bis als ein Zweig sie in ihm sprießen
dieser Ort öffnet sich, wieder ein Auge
wie die Auge, ein wandernder Tor
Wanderer am Torgrund, bis das Laub sich sammelt
zu bestimmten Tagen
um darin einer zu übernachten
die es wagten, das Lichte zu speisen
mit dem Dunkel der Zwischenräume

Dies ist ihr ureigener Hunger,
sich ganz in Erde umzuverwandeln
und deren Gesichter Ein-Munde weilt kesselrund
zur großer Rabenkrähe
auf und fliege geschwind,
bevor wir dich silbern durchqueren
gleich dem Licht verleidet-
es muss schön sein, diese Höhenorte erreichet
und mitten‘ Wuchs zu nisten
unendliche Geschichten

IV
Da bist du, trüber Grund
dahinter der Spiegelung meiner Feuchte
unbeweglich Flecken mitten auf
dem immer bewegten Strom
und dieses Mal daraus Behagen,
die Erde aus Nähereich zu schauen
bis von dem heimlichsten Wurzeln ausgehend
ein zweiter Strom in die Wirklichkeit einbricht
verwehend gleich, bahnt das unbekannte
Fortgelangen meine Sicht
hinein in das Spiegelnde selbst, dass auch ihr geschieht
die Teilung, hiernach Vorfinden einer Fläche
auf den Bächen, welche es gewiss zerreißt
beim Eintauchen, brechen
sind also mit eigener Gestalt zum Fleck geworden
und ist man solch‘ ganz, so ist dem bei Gefahr
in jenem halben Wohnplatz des Schattenen
zu schwinden

Alsbald wir zurückgewichen und umblicken
was uns lange angeblickt
so ein Geschöpf verglichen,
können wir nimmer werden
die keine Augen haben und beschweren
sich mit viel der Erde
das Rufen, bis ein Blatt sie bedeckt
entgegen
unsere ausgedörrten Füße, die Staubgleichen
mit dem Halt, der sie trägt,
bis zur Verzweiflung gar-
aus diesem stehenden Gewässer
lässt sich kein Gedanke entnehmen


vVerdichtung

Schwarz Perlne um Verwandlung
Flossen bin ich, umwoben da Samen
farbvoll erschienen in dem warmen
Anblicke, worinnen vergangen mir
Schwingungen dich entdeckten

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