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Erschienen in Ausgabe: No. 92 (10/2013) Letzte Änderung: 27.09.13

Linde Salber: Hermann-Kant-Biografie

von Jörg Bernhard Bilke

Es ist schon ein gewagtes Unterfangen, ein biografisches Buch über einen Autor zu schreiben, den man kennt, mehrmals getroffen hat und offensichtlich schätzt. Die Bewertungsskala verschiebt sich danach zugunsten dessen, über den man schreibt, und das entstehende Buch wird furchtbar langweilig. Erschwerend kommt in diesem Fall dazu, dass die Verfasserin keine Literaturwissenschaftlerin ist, sondern ausgebildete Psychologin, wenn auch mit Doktortitel. Was dabei herausgekommen ist, ist kein kritisch abwägendes Buch über einen politisch umstrittenen Autor und sein literarisches Werk, sondern eine Art von Gefälligkeitsgutachten im Umfang von 632 Seiten.
Schon beim Lesen des ersten Kapitels „Nach dem Kalten Krieg“ merkt man, dass die Biografin ihrem Stoff keineswegs gewachsen ist, weder als Wissenschaftlerin noch, was ihre DDR-Kenntnisse betrifft. Den Zugang findet sie nicht durch wissenschaftliche Analyse, sondern durch Sympathie für den Autor, die in Apotheose umschlägt.
Den 1926 in Hamburg geborene Hermann Kant, der seit 1940 in Parchim/Mecklenburg aufwuchs, entdeckte sie im Frühstücksraum eines Genesungsheims, wohin sie ihren Ehemann, den Kölner Professor Wilhelm Salber, nach einer Operation begleitet hatte. Dort im Bücherregal entdeckte sie des Autors dritten Roman „Der Aufenthalt“ von 1977, nahm ihn mit aufs Zimmer und las in einem Zug die 600 Seiten durch.
So steht es im ersten Kapitel, und der Leser fragt sich, ob er das alles auch wissen will, denn noch geht es nicht um Hermann Kant, sondern um die Befindlichkeiten seiner Biografin Linde Salber, 1944 in Tütz/Hinterpommern geboren, die nach der Flucht vor der „Roten Armee“ im Dörfchen Darchow/Mecklenburg am Ostufer der Elbe aufgewachsen ist, bis sie 1951 zum Vater nach Hamburg übersiedelte, und die Jahrzehnte später dieses Buch zu schreiben unternahm.
Der Erkenntnisgewinn, was Leben und Werk Hermann Kants betrifft, nur dieser 32 Seiten ist für den Leser denkbar gering. Wenig erfährt er, was er nicht schon gewusst hätte, und viel, was er überhaupt nicht zu wissen braucht. Was zum Beispiel soll er mit der halben Seite anfangen, wo die Biografin Anzüge, Hemden und Schuhe ihres Helden beschreibt? Was bringen ihm Sätze ohne jede Aussage wie „Ein seltsames Gespräch. Behaftet mit der Schwierigkeit, Wahrnehmungen so auszusprechen, dass nach dem Gespräch eine andere Wahrhaftigkeit in der Welt ist.“ Oder „Das Spannungsfeld sozialistischer und kapitalistischer Ideologie, die sich beide schwertun mit dem demokratischen Element, ist mit Vorurteilen vermint.“ Oder „Kants Geschichte zündelt, da sie Rückfragen an die Geschichte des Lesers impliziert.“ Das Auffassungsvermögen des Lesers ist hier hoffnungslos überfordert! Und eine letzte Stilblüte: „Kant behandelt die Worte dergestalt, dass sich am jeweils erzählten Geschehen kristallisiert, was das Leben der Leser im Ganzen treffen kann.“ Man schlägt das Buch zu und schüttelt verzweifelt den Kopf! Unweigerlich hat man den Eindruck, die Autorin, ohne jede kritische Distanz zu sich selbst, schreibt hemmungslos auf, was ihr zum Thema „Kant, Hermann“ alles so einfällt. Und man wundert sich auch, dass ein derart unbeholfenes Geschwafel von einem angesehen Verlag, der einen Ruf zu verlieren hat, angenommen wurde.
Um es auf den Punkt zu bringen, an dem die Biografin Linde Salber hätte ansetzen müssen mit ihrer Analyse: Die Tragik des gelernten Elektrikers Hermann Kant, dem es nach Krieg und vier Jahren Gefangenschaft vergönnt war, 1952 an der Arbeiter- und Bauernfakultät in Greifswald das Abitur abzulegen und in Berlin bei Alfred Kantorowicz vier Jahre Germanistik zu studieren, bestand darin, dass er, der seit 1962 Schriftsteller war, 1978 in der Nachfolge von Anna Seghers (1900-1983) zum Präsidenten des DDR-Schriftstellerverbands aufstieg. Damit war ein ständiges Spannungsfeld zwischen Hermann Kant, dem Schriftsteller, und Hermann Kant, dem Kulturfunktionär, eröffnet, das bis zum Mauerfall 1989 nicht entschärft werden konnte. Denn nun war er verpflichtet, die Anweisungen der Partei, die der Literatur einen „gesellschaftlichen Auftrag“ zugewiesen hatte, auszuführen.
Das hatte praktische Folgen: Hermann Kant musste, um es so auszudrücken, wie es war, willfähriger Büttel der Staatsmacht sein und gegen seine Kollegen die politischen Forderungen der Partei mit aller Härte durchsetzen. Er musste, um ein Beispiel zu nennen, die Ausbürgerung Reiner Kunzes betreiben, der übrigens in diesem Buch nirgendwo erwähnt wird, wobei er ihm noch das Schmähwort nachrief: „Kommt Zeit, vergeht Unrat!“, wofür er sich nicht entschuldigt hat, auch nach dem Mauerfall 1989 nicht.
Selbstverständlich war Hermann Kant, was schon zu DDR-Zeiten sämtliche sozialistischen Spatzen von den volkseigenen Dächern pfiffen, vom 5. März 1963, ein Jahr nach Veröffentlichung seines ersten Buches, bis 9. April 1976 „inoffizieller Mitarbeiter“, also Zuträger der „Staatssicherheit“ gewesen, unter dem Decknamen „Martin“. Das war karrierefördernd, wird aber von ihm bis heute bestritten, obwohl die Beweislast erdrückend ist. Warum nur? Sollte es ihm nicht eine Ehre gewesen sein, dem „Arbeiter- und Bauernstaat“ zu dienen bis zur Selbstverleugnung? Karl Corino hat in seinem Buch „Die Akte Kant“ (1995) auf 509 Seiten entlarvendes Material versammelt, und Joachim Walther führt in seinem Dokumentarband „Sicherungsbereich Literatur“ (1996) über 50 Belegstellen an.
Das alles freilich ficht die Schönrednerin Linde Salber nicht an! Für sie sind alle Anschuldigungen bedeutungslos, weil frei erfunden. Im Kapitel „Spitzellegende“, dessen Titel dem Leser schon , bevor er diese Ausführungen überhaupt gelesen hat, Exkulpierung suggeriert, versucht sie auf 29 Seiten eine Reinwaschung ihres Helden. Sie leugnet einfach oder interpretiert um, wenn das nicht reicht. Im Juni 2011 besuchte sie die Gauck-Behörde in Berlin und langweilte sich furchtbar beim Lesen von 2000 Aktenseiten. Hermann Kant hatte ihr großzügig, nachdem ihm bewusst war, dass die harmlose Biografin eine Hagiografie zu schreiben gedenke, Akteneinsicht gewährt. Danach zog sie freudig Bilanz, sie habe lediglich „Einblick in die Verfestigung der Legende“ erhalten, ihr Idol und „Martin“ wären identisch gewesen. Mitnichten! In Wirklichkeit hätte nämlich der angebliche Führungsoffizier Rolf Pönig zwei verschiedene Vorgänge mit dem Decknamen „Martin“ besetzt. Bei diesem Unsinn kann der Leser jetzt nur noch in brüllendes Gelächter ausbrechen! Linde Salber kann nicht einmal Täter- und Opferakten unterscheiden. Als sich nämlich 1976 abzuzeichnen begann, der zweifache Nationalpreisträger werde 1978 die Nachfolge von Anna Seghers antreten, wurde er als „inoffizieller Mitarbeiter“ abgeschaltet, aber selbstredend wurde seine Akte weitergeführt, die ihn nun als „Opfer“ ausweist.
Am 25 April 2012 ließ Hermann Kant seine Verehrerin in einem Telefongespräch wissen, was er ursprünglich über sie gedacht hatte: „Die hat doch keine Ahnung, die weiß ja nicht einmal, wie der Himmel hier schmeckt.“ Dem kann man nur zustimmen!

Linde Salber „Hermann Kant. Nicht ohne Utopie. Biographie“, Bouvier-Verlag, Bonn 2013, 632 Seiten, Euro 29.99

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