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| Erschienen in Ausgabe: No. 35 (1/2009) | Letzte Änderung: 03. Maerz '09 |
Frido Mann Achterbahn. Ein Lebensweg Rowohlt Verlag, Reinbek (Mai 2008) 383 Seiten, Gebunden ISBN-10: 3498045105 ISBN-13: 978-3498045104 Preis: 19,90 EURO
von Heike Geilen
- Der Lieblingsenkel des "Zauberers" schildert
sein unstetes Leben im Bann eines allmächtigen Namens - den seines Großvaters
Thomas Mann -
Am Ende der jüngst erschienenen Autobiografie des ersten
Enkels Thomas Manns, des 1940 im Kalifornischen Exil geborenen Fridolin Mann,
ist ein Gespräch mit seinem Sohn Stefan wiedergegeben. Auf die Frage, ob er
gegenüber seinem Großvater - dessen ausgesprochener Lieblingsenkel er war - große
Dankbarkeit empfindet, antwortet Frido: "Ich weiß nicht, was ich ohne ihn wäre. Denn für mich war er
offensichtlich ein sehr viel größerer Segen als für seine drei Söhne,
möglicherweise auch mehr als für seine Töchter. Aber es sind eigentlich nur er
und meine Großmutter Katia, denen ich bis heute dankbar bin."
In diesen Worten schwingt eine große Liebe, aber auch
Verbitterung und Wehmut mit. Drei Sätze, die eigentlich das gesamte Leben Frido
Manns umschreiben, vergleichbar mit einer Fahrt auf der Achterbahn: ein
permanenter Wechsel zwischen Hoch und Tief, ein Auf und Ab zwischen Himmel und
Erde und ständig versuchen die Fliehkräfte, den eigenen Wagen aus der Bahn zu
werfen. Und genau dieses spektakuläre Gefährt hat er zum Titel seiner
Autobiografie erkoren.
Seinem Buch voran stellt er ein Gedicht von Karl Kraus -
"Traum vom Fliegen", das man erst nach der Lektüre in seiner vollen
Tragweite erschließt und dann auch versteht, warum es Frido Mann gewählt hat,
ist es doch prägnant für seinen ganzen bisherigen Lebensweg:
Traum vom Fliegen
Und wieder mir
träumte, ich wäre geflogen,
und diesesmal war es
doch sicherlich wahr,
denn ich hatte so
leicht wie die Luft ja gewogen
und hatte die Knie an
den Körper gezogen,
und es ging wie im
Flug, im beherztesten Bogen
hoch über
schwergewichtigen Schar,
es war keine
Täuschung, ich war nicht betrogen,
es flogen die Stunden,
die Tage, das Jahr.
Mit fliegenden
Hoffnungen vollgesogen,
so wach' ich mit müden
Gliedern auf.
Zu Lande ist Leben;
und angelogen,
vom leichtesten Trug
an der Nase gezogen,
aus allen Himmeln zur
Erde geflogen,
da lieg' ich, da
liegen die Lügen zuhauf.
Und trotzdem bleib'
ich dem Traume gewogen,
so läuft er sich
leichter, der Lebenslauf.
Steter Wechsel von
Licht und Schatten
Hatten bereits die Kinder des "Zauberers" allesamt
Probleme ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, so ging diese schwere Bürde
- das sogenannte Enkel-Klischee - auch auf Frido über, der zeitlebens immer - jedoch
einseitig - an seinem übermächtigen Großvater gemessen wurde und immer noch
wird und dementsprechend überhöhte Erwartungen weckt.
Nach den ersten - wohl augenscheinlich glücklichsten -
Jahren in Kalifornien, aber schon damals mit einem völlig unberechenbaren und
extremen Stimmungsschwankungen unterlegenen Vater Michael Mann und der
gleichmäßig unterkühlten und eher desinteressiert wirkenden Art seiner Mutter
Greta, beginnt ein Leben mit ständig wechselnden Wohnsitzen und Bezugspersonen,
in dem das Wort Elternliebe kaum auftaucht.
Dieses Unstete setzt sich gleichfalls in Frido Manns
späteren Jahren fort. Sein Berufsweg reicht vom Dirigenten über den
katholischen Theologen zum klinischen Psychologen (um "etwas über die 'Seele' meiner Familie,
meines Vaters, und damit auch etwas über mich selbst zu erfahren"). Letztlich
wurde er zum freien Schriftsteller. Auch einige Semester Medizin studierte er.
Dabei war ihm das Gutbürgerliche stets suspekt. Ja, er
entdeckte sogar die DDR für sich und pendelte eine zeitlang zwischen West und
Ost, lehrte Psychologie in Leipzig, habilitierte an der dortigen Karl Marx
Universität - ganz zum Entsetzen seines Onkels Golo.
Ein ständiges Suchen und auch Weglaufen vor seiner
allmächtigen Familie. Ein steter Wechsel von Licht und Schatten, Hoffnung und
Verzweiflung, Schuld und Vergebung - auch seine Frau sollte er zweimal heiraten.
Zeitreise,
Bestandsaufnahme und therapeutische Verarbeitung
Nicht stringent chronologisch durchschreitet der Leser Frido
Manns Lebensweg, sondern es ist eher ein Ineinanderschwimmen von Gegenwart und
Vergangenheit, beinahe protokollartig, aber immer ungeheuer lesenswert. Viele
berühmte Namen kreuzen seine Bahn: so zum Beispiel der Dirigent Bruno Walter,
der katholische Theologe Karl Rahner, der Psychologe Reinhard Tausch und auch
der Physiker und Philosoph Werner Heisenberg, dessen Schwiegersohn er wurde.
Man liest über Erika und Klaus Mann, über Golo, Fridos
Patenonkel oder die familiäre Außenseiterin Monika. Doch Klatsch und Tratsch
erwartet man vergeblich. Frido Mann verschweigt zwar nicht alle Macken, Ecken
und Kanten seiner Verwandtschaft, doch er erzählt sie stets unprätentiös und
weiß sie geschickt in den ganz normalen Alltag zu integrieren.
Dieses Buch ist nicht nur eine Zeitreise, sondern
gleichfalls eine Bestandsaufnahme und eine therapeutische Verarbeitung seiner
traumatischen Erlebnisse in der Großfamilie Mann.
Bei dem eingangs erwähnten Gespräch mit seinem Sohn wirft dieser
noch eine andere Frage auf: wo er - Frido Mann - nun seinen Platz auf der Welt
sieht, als Theologe, als Psychologe oder als Schriftsteller. "Ich möchte mich nicht gern ausschließlich
auf eines dieser Gebiete festlegen lassen.", antwortet dieser, "Aber mein Wunsch ist es, bei jeder möglichen
Gelegenheit engagierte und verantwortungsbewusste Menschen aus den Bereichen
Religion und Ethik, Kunst, Naturwissenschaft und Naturschutz an einen Tisch zu
bringen und sie dazu zu ermutigen, einen allgemeinen Nenner zu finden."
Fazit:
Ein wirklich bemerkenswertes Leben schildert Thomas Manns
Lieblingsenkel.
Nun ist sicherlich schon jede Menge über die "amazing
family" geschrieben worden, aberFrido
Mann fügt ein ganz eigenes, schonungslos offenes und zudem spannendes Kapitel
hinzu, mit jeder Menge durchaus noch unbekannterbiografischer
und zeitgeschichtlicher Details.
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