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Erschienen in Ausgabe: No 94 (12/2013) Letzte Änderung: 10.12.13

Homophobie in Russland – im Gespräch mit zwei jungen Russinnen

Das Gespräch führte ich im August bei einem Italien-Aufenthalt. Ich habe zwei Russinnen kennengelernt, mit unterschiedlichen Hintergründen und Religionen, und dachte mir, es wäre eine Schande, mit diesen kein kritisches, konfrontatives Gespräch aufzuzeichnen – insbesondere über die Homophobie und die “neue” Hetze gegen Homosexuelle in Russland. Auch über Putin und die dort massiv eingeschränkte Meinungsfreiheit. Herausgekommen ist ein Zeugnis des manipulierten Denkens und des Schwulenhass, aber auch der Angst und der Verzweiflung junger Russinnen in ihrem Land.

von Nora Knobloch

N: Wie erlebst du den Umgang mit Homosexualität in Russland? S: Ich denke, die Einstellung gegenüber Homosexualität ist abhängig von deinem kulturellen Lebensumfeld. Demnach ist es für mich ein sehr schwieriges Thema. Es gibt aktuell viele soziale Probleme in Russland. Es wird Frauen schwer gemacht, Kinder zu gebären und Glück zu finden, denn viele von ihnen bleiben alleine, da Männer sich entscheiden, andere Männer zu lieben. Das ist für mich und meine Freunde schwer zu akzeptieren.
N: Redest du mit deinen Freunden über das Thema?
S: Ja, das tue ich. Zum Beispiel, eine Freundin hat einen 1-jährigen Sohn. Ich besuchte sie dieses Jahr in Barcelona. Zu der Zeit war dort das Gay-Pride-Festival, was eine Woche dauerte. Einen Tag sah ich mir das Spektakel an, es war eine große Feier. Ich erwartete dort nur schwule und lesbische Menschen zu sehen - aber da waren Familien mit kleinen Kindern und 'normale' Paare! Es ist für mich kaum vorstellbar, dass sich normale Männer schwule Männer ansehen. In Russland ist es nicht normal, dass normale Männer schwule Männer anschauen, es ist unbehaglich für sie.
N: Betrachtest du es als normal,homosexuell zu sein?
S: Nein. Meine Freunde und ich sind der Ansicht, dass es eine Krankheit im Kopf ist.
Zum Beispiel, auf dieser Gay-Pride-Party in Barcelona sah ich viele Paare mit Babies. Ich dachte mir, dass ich nie mit meinem Baby auf eine Gay-Pride-Party gehen würde. Natürlich ist es ihr Leben und sie haben das Recht zu entscheiden, ob sie homosexuell sein wollen. Aber ich will nicht, dass mein Kind denkt, das sei normal. Es ist nicht normal und es wird nie normal sein. Ich will mein Kind nicht Männer in Frauenkleidern tanzen sehen mit langen Haaren und Brüsten und...
N: Warum glaubst du, dass es nicht normal ist?

S: (denkt lange nach) Wegen der Natur.Für mich ist es nicht normal. Für mich ist es wie ein dritter Arm. Und ich denke, dass 80% der Menschen in Russland denken, es sei nicht normal. (Tatsächlich sind es über 70%: http://www.taz.de/!116389/) Ich lebe in einer Kleinstadt. In St. Petersburg sind die Menschen aufgeschlossen, sind sie mehr offen für alles. Wenn du nackt auf die Straße gehst - sie werden es akzeptieren. Es leben viele Künstler in St. Petersburg, sie sind offen für alles, was du machst. In einer Kleinstadt hingegen, in der die Menschen seit langer Zeit leben, herrscht kein offener Geist, du findest keinen Homosexuellen, der seine Sexualität offen zeigt.
N: Jetzt ist es zudem gesetzlich verboten. Was die Spitze eurer politischen Entwicklung ist: 1933-1993 gab es ein Gesetz, dass Homosexualität mit 5 Jahren Haft oder einer psychatrischen Anstalt bestrafte.
S,V: (überrascht) In Russland, bist du dir sicher?
N: 1993 wurde dieses Gesetz endlich verabschiedet und seit 1999 steht Homosexualität in Russland nicht mehr auf der Liste der psychischen Erkrankungen. Am 30.Juni diesen Jahres hat - wie ihr wisst - Putin das Gesetzt gegen "homosexuelle Propaganda" unterschrieben. "Homosexuelle Propaganda" impliziert jede Art von Zeigen oder Reden über Homosexualität - sowohl von Homosexuellen und von Bisexuellen, als auch von Heterosexuellen, wenn diese beispielsweise Respekt aussprechen oder einfordern wollen. Von dem vermeidlichen Recht der freien Meinungsäußerung in Russland Gebrauch zu machen, wird somit unmöglich gemacht. Die Strafe variiert von mind. 2300 Euro bis 15 Tage Haft.
86% der Einwohner Russlands begrüßen anscheinend dieses Gesetz, 5% der Bevölkerung würde einen homosexuellen Menschen töten.
S: Ja, aber ich denke mehr als 5%.
V: Nein, ich denke nicht, dass sie direkt töten würden, sie sagen es nur so.
N: Es ist ein Ausdruck des starken Hasses und der Angst, was Hand in Hand geht.
74% betrachten es als eine Geisteskrankheit. 15% akzeptieren es mehr oder weniger als eine alternative Form der Sexualität. In vielen europäischen Ländern sehen Politiker dieses Gesetz als Verstoß gegen die Menschenrechte an. Russland kriminalisiere Teile der Bevölkerung und nehme immer mehr Züge einer Diktatur an.
V: Ich denke nicht, dass uns dieses Gesetzt zu einer Diktatur führt...
N: Es sagt aus, dass Russland in vielen Bereichen ein unfreies Land ist. Meinungsfreiheit und die persönliche Freiheit eines Menschens sind Merkmale einer Demokratie.
S: Ich mag die Vorstellung nicht, dass mir jemand den Mund verbietet. Aber ich begrüße das Gesetzt. Denn ich möchte nicht, dass sich Information verbreitet, die sagt, es sei normal. Es ist nicht möglich für Menschen in Russland, ihre Sexualität zu zeigen. Wenn du deine Homosexualität zeigt, wirst du höchstwahrscheinlich krankenhausreif geschlagen, das passiert jeden Tag. Denn in Russland gibt es viele engstirnige Menschen.
N: Du selbst sagtest, du würdest Homosexualität nicht akzeptieren.
S: Mhh... Ich akzeptiere Schwule nicht. Aber für mich ist es eine Art von Geisteskrankheit. Es geschah etwas, noch bevor seine Mutter ihn geboren hat. Es ist nicht normal - so ist es einfach.
N: Warum hast du Angst? Angst, dass es deine Kinder beeinflusst? Um ein Beispiel zu geben: In vielen Ländern ist es Homosexuellen möglich, zu heiraten. Du siehst sie als ein Paar an, das nicht anders ist als jedes andere Paar. In wenigen Ländern wie England oder Holland ist auch Adoption möglich. ( In Deutschland ist es nur möglich, wenn das leibliche Kind einer Partners mit in die Ehe genommen wird. Es ist klar, dass ein homosexuelles Paar biologisch nicht in der Lage ist, auf klassischem Wege ein Kind zu zeugen und zu bekommen - aber was spricht gegen das Recht zur Adoption?
V: Selbst wenn ich Homosexuelle akzeptieren würde, sähe ich es als unmöglich an, dass sie Kinder haben. Die Kinder würden nicht Mutter und Vater haben, sondern Vater und Vater oder Mutter und Mutter und in Zukunft werden diese Kinder ebenfalls schwul oder lesbisch werden.
N: Was denkt ihr dann, wenn populäre Menschen wie Elton John oder Neil Patrick Harris heiraten und Väter sind?
S: Natürliche Instinkte existieren, ein Baby will Milch aus der Brust der Mutter trinken. Das Kind braucht seine biologische Mutter und mit zwei Vätern glaube ich nicht, dass das Kind fähig sein wird, eine Frau zu lieben. Nur Mütter können Kindern beibringen, wie sie Frauen akzeptieren, sie lieben und mit ihnen leben. Ich weiß nicht warum , aber mit Lesben ist es für mich eine vollkommen andere Sache - ich akzeptiere Lesben.
N: Habt ihr schonmal von dem Wort Homophobie gehört? Es ist der Ausdruck für die Angst vor homosexuellen Menschen. Viele Männer und Frauen - insbesondere Männer - haben dieses Problem. Kann es sein, dass viele russische Männer nur davor Angst haben, selbst als schwul zu gelten, sobald sie Akzeptanz für homosexuelle Mitbürger zeigen?
S: Bezogen auf Psychologie, wenn du hasst oder über einen Charakterzug einer anderen Menschen richtest, heißt es eigentlich, dass du es selbst in dir hast. Du schaust quasi in den Spiegel und akzeptierst es an dir selbst nicht.
N: Das impliziert, dass du, wenn du Hass oder Angst vor Homosexuellen hast, schlichtweg Angst vor deiner eigenen potenziellen Homosexualität hast oder offen in der Hinsicht sein könntest.
S: Ich denke, dieser kleine Prozentsatz der 5%, die schwule wirklich hassen, diese haben etwas tief in sich, sie fühlen, dass sie selber schwul sein könnten. Wenn es einen starken Hass gibt, ist vieleicht etwas in ihnen, dass sie nicht akzeptieren können.
N: Du sagtest, dass du homosexuelle Frauen akzeptierst, aber keine homosexuellen Männer. Wo ist der Unterschied? Ist das ein Produkt von gesellschaftlicher Konditioniereung und Beeinflussung?
S: Ich denke nicht, dass ich eine Lesbe sein könnte. Aber ich fühle manchmal, dass Männer Frauen so oft und stark verletzen. Als ich 18 war, dachte ich, ich könnte vielleicht lesbisch sein. (V. guckt schockiert) , es war die Verwirrung eines Teenagers. Aber natürlich weiß ich, dass ich nicht lesbisch bin. Ich akzeptiere es, wenn Frauen zu verletzt sind und nicht mehr mit Männern leben wollen. Denn Männer sind von einem anderen Planeten - sie können unsere Gefühle und unseren Schmerz nicht verstehen.
N: Wo ist der Unterschied zwischen homosexuellen Frauen und Männern?
S: Ich weiß es nicht. Ich bin eine Frau, deswegen ist es einfach so für mich. Vielleicht kannst du mir helfen, das zu verstehen?
N: Ich denke, oft sind Lesben mehr oder in anderer Weise gesellschaftlich akzeptiert als Schwule. Von oben betrachtet werden Homosexuelle oft über die Art, wie sie Sex haben, verurteilt. Stellt euch vor, morgen wacht ihr auf und eure Sexualität ist die Minderheit oder wird als diese angesehen. Die Mehrheit würde euch ansehen und euch verurteilen nach der Art und Weise, wie ihr Sex habt. Wenn ihr euch vorstellt, auf diese Weise beurteilt zu werden, wie fühlt sich das an?
S: Ich verstehe deine Frage, aber jeder wird in einer Phase seines Lebens mal verurteilt. Mich zum Beispiel haben sie in der Schule verurteilt, da ich nicht aus Russland stamme, ich bin Sibirienrin, also wurde ich verurteilt, nur weil ich eine andere Nationalität habe.
N: Und das glaubst du, ist gerecht/fair?
S: Nein, aber...(denkt lange nach)...Ich verstehe ja deine Frage. Ich will keinen homosexuellen Menschen töten. Es macht mir nur keine Freude, sie zu sehen.
N: Wovor hast du Angst, wenn du homosexuelle Menschen siehst?
S: Ich fühle etwas gleichgültiges, es ist mir egal, ich möchte es nur einfach nicht sehen. Es ist unangenehm. Sie können Doktoren oder Krankenhäuser aufsuchen, aber ich möchte sie nicht sehen.
N: Wenn ihr mit eurem Freund 'rausgeht, ist es für euch möglich, euch eure Liebe zu zeigen, indem ihr Hände haltet, euch umarmt oder küsst. Warum dürfen das andere nicht? Was ist es, das euch ein unangenehmes Gefühl macht, wenn ihr zwei Frauen oder zwei Männer seht, die ihre Zuneigung zeigen?
S: Nein. Homosexuelle sind keine normalen Personen. Du kannst ihnen nicht die selben Rechte geben, die andere Menschen haben. Wie viele Menschen sind homosexuell in Russland, vielleicht 2-3%?
N: Du kannst keine realistische Prozentzahl mehr angeben, denn weil es hoch gesellschaftlich sanktioniert wird, verstecken natürlich viele Menschen ihre Sexualität. Wie willst du eine Zahl nennen können, wenn homosexuelle Menschen ihr Leben riskieren, wenn sie auf die Straße gehen?
V: Vor 100 Jahren wurde es diskreditiert, wenn Mann und Frau auf der Straße Hand hielten. Mittlerweile kannst du es natürlich als 'normales' Paar tun, aber nicht als Homosexuelle. Du kannst es zuhause machen. Und adoptiere keine Kinder, denn es wird deine Kinder in der Zukunft verletzen.
N: Warum sollten sich homosexuelle Menschen ihre Liebe nur zu Hause zeigen?
S:Wenn sie schon wissen, dass sie nicht akzeptiert werden - warum müssen sie dann noch kämpfen? Warum können sie sich nicht Zuhause lieben, warum wollen sie es auf der Straße zeigen? Wenn sie nur etwa 5-10% der Bevölkerung Russlands ausmachen, und die Mehrheit Russlands glaubt, es sei nicht normal - es ist, als würden sie provozieren wollen, geschlagen zu werden.
N: Stelle dir den Anteil von Menschen mit grünen Augen vor, sagen wir 10% der Weltbevölkerung hat grüne Augen (es sind 2%). Du könntest diese nun auch einschränken, warum sollte diese Minderheit auf die Straße gehen, das ist einfach provokativ!
S: Denn das ist natürlich!
N: Warum kann es nicht natürlich sein, einen Mann oder eine Frau zu lieben?

S: Sie müssen es aber doch nicht zeigen! Sie können vor die Türe gehen, aber warum wollen sie sich auf der Straße küssen, das ist nicht notwendig für einen lebenden Organismus!
N: Lebende Organismen wie menschliche Wesen wollen ihre Gefühle ausdrücken.
S: Wenn ich mitten auf die Straße kacken will aus Ausdruck meiner Gefühle - ist das angenehm für dich, zuzuschauen? Und das ist natürlicher als der Kuss zweier Männer.
V: Manchmal finde ich es schon unangenehm, meinen Freund auf der Straße zu küssen, denn vielleicht ist eine alte Frau in der Nähe und kann es nicht tolerieren. Ich werde es dann nicht tun, denn ich sorge mich um die Menschen meines Umfeldes. (...)
N: Wem schaden sie mit Liebe?
V: Sie schaden insbesondere Kinder, wenn diese es jeden Tag sehen. Oder ein Paar, was ein paar Jahre verheiratet ist und plötzlich beschließt der Mann, schwul zu sein.
S: Ich denke, es ist etwas, das in den Chromosomen und Genen des ungeborenen Kindes passiert. Für Frauen ist das ein großes Problem: Frauen wollen die Männer nicht mit den Hüften schwingen sehen, wie sie es eigentlich machen sollten oder ein Mädchen in einem Männerkörper.
V: Wenn sie sich im falschen Körper geboren fühlen, sollen sie einen Psychologen besuchen, denn es ist eine Geisteskrankheit.
S: Ich sehe es eher in den Chromosomen verwurzelt, weniger psychologisch. Was ist mit dir, akzeptierst du es wirklich in jedem?
N: Ja, natürlich tue ich das. In einem Lied einer deutschen Band heißt es "das ist genau so normal wie Kaugummi kauen(...)", auch geben Medien teilweise Aufklärung bezüglich dieser Themen der Sexualität, du hast die Möglichkeit, dich selbst darüber zu informieren - im Gegensatz zu der Restriktion, wenn die Gesellschaft daraus ein künstliches Tabu macht. Zudem bekennen sich Politiker und Personen des öffentlichen Lebens als homosexuell - wie der (ehemalige) Außenminister Guido Westerwelle-er ist schwul und verheiratet. Aber auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern ist Homophobie ein großes Problem(...) Offensichtlich definieren deine Erziehung durch Eltern und Manipulation durch Gesellschaft und Medien - am Tag wirken hunderte mediale Reize auf dich ein - wie du über dieses Thema denkst.
Stellt euch vor, die Medien hätten euch von Anfang an vermittelt, dass euch nichts unterscheidet?
S: Genau deswegen mag ich das Gesetzt, das Putin diesen Sommer unterschrieb. Europa ist zu offen - alles wird toleriert. Ich will nicht, dass mein Land denkt, Homosexualität sei normal.
N: Was würde passieren? Wo ist das Problem? Was würde sich in deinem Leben verändern?
S: Es würde viele Schwule geben.
V: Nicht für unsere Leben - in der Zukunft.
V: Not for our lifes - in the future.

S: Frauen werden keinen Mann finden, weil die Männer entscheiden, schwul zu sein. In Russland gibt es 10 Frauen auf 7 Männer, quantitativ zu wenig.Stell du dir doch mal vor, ich gebe meinen Kindern grünes Licht dafür, schwul und lesbisch zu sein, wenn sie es wollen!
N: Dann wirst du vielleicht Großmutter werden, denn wenn das Recht zur Adoption existieren würde, könntest du Enkelkinder bekommen, es ist kein Unterschied.
V: Generell akzeptiere ich homosexuelle Menschen - aber, dass sie Kinder adoptieren, darin sehe ich das größte Problem.
N: Kennt ihr das Wort Diversität? Dass in dem Umfeld eine hohe Vielfalt der Menschen, ihren Eigenschaften und Denkweisen. Könnt ihr euch vorstellen, diese Vielfalt als Bereicherung zu sehen? Zu sagen : "Du lebst auf diese Weise, ich auf eine andere und wir beide haben das Recht, so zu leben, wie wir wollen, wenn wir niemandem schaden." Ohne diese Diversität sähen wir alle gleich aus und wären gleichgeschaltet. Wie rechtfertigt ihr eure Freiheit, wenn das gleiche Gesetz die Freiheit anderer nimmt?
S: Wenn du sagst, du akzeptierst jede Art von Sexualität...
N: Solange es niemandem schadet. Mir ist bekannt, dass Homosexualität in Russland auf ein Level mit Pädophilie und Nekrophilie gesehen wird...
S: Es schadet den normalen Leben von normalen Frauen - es schadet, denn normale Frauen können keinen Mann finden und bleiben ihr Leben lang allein. Es gibt keinen Unterschied zwischen zum Beispiel Pädophilie und Homosexualität - beides schadet.
V: Sobald ein homosexuelles Paar ihre Liebe öffentlich zeigt, schaden sie mir, denn ich will es nicht sehen. Es verletzt meine Vorstellung von richtiger Liebe.
S: Willst du sehen, wie ein Mann eine Frau auf der Straße verprügelt? Ist das etwas für dich?
N: Wie kannst du diese Dinge vergleichen?
S: Für uns ist es in gleichem Maße nicht normal, einen Mann eine Frau schlagen zu sehen, wie ein sich küssendes homosexuelles Paar in der Öffentlichkeit. So ist es nunmal!
N: So. Ihr habt euro eigene Vorstellung davon, wie eine Familie und Liebe auszusehen hat und wollt nicht, dass diese gestört wird.
V: Unnormale Dinge auf der Straße zu sehen stört mein Denken.
N: Könnt ihr euch vorstellen, anders zu denken - wenn die Information der Medien und Politik Homosexualität nicht als verrufen darstellen würde, wie es in Russland der Fall ist.
S: Für mich würde sich nichts ändern, denn ich habe in den letzten zwei Jahren kein Fernsehen geschaut oder Nachrichten gelesen. Ich möchte nicht, dass mich jemand beeinflusst. Ich bin keiner, in dessen Kopf du einfach hereinsteckst, was ich denken soll. Die Nachrichten in Russland sind schrecklich - sobald du den Fernseher anschaltest, ist irgendetwas eingestürzt, Terroristen, Krankheiten...Alles scheint schlecht zu sein. Aber das ist nicht der Fall.

V: Die Meinung zu Homosexualität ist nicht durch Medien gemacht, sondern durch die Natur.
S: Durch meinen Vater, meine Mutter, meine Familie - mein Umfeld. Ich toleriere nur diese Art Beeinflussung und nicht, dass die Medien ein paar Knöpfe in meinem Kopf drücken.
V: Ich sehe jeden Tag die Nachrichten auf BBC, denn ich studiere Weltpolitik.
N: Nahezu täglich werden Homosexuelle in Russland verprügelt.(Es gab einen Fall von zehn Menschen, die demonstriert haben für die Rechte von Homosexuellen. 50-100 Nazis kamen und verprügelten sie. Ein naheliegendes adidas-Geschäft formte die Arme der Schaufensterpuppen zum "Heil-Hilter"-Zeichen.) Auch wenn die Täter sie brutal verprügelt und bis zum Tode verletzen, werden sie gewöhnlich nicht strafrechtlich verfolgt. Wenn ein Fall vor Gericht kommt, verläuft er sich einfach. Die Regierung sieht Homosexuelle nicht als eine soziale Gruppierung.
Zur Religion: Der orthodoxe Patriarch Kirill sagte "Homosexualität ist wie eine Apokalypse", predigt es als "das Böse". Könnte die orthodoxe Kirche in Russland eine Hauptquelle der Homophobie sein?
V: Nein. Religion in Russland bewegt die Menschen nicht, so zu denken. Es hängt von der Person ab.
N: Über die islamische Religion in Russland: 2006 sagte der Großmufti Talgat Tadschuddin in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Interfax, Phophet Muhammed hätte selbst gesagt, Homosexuelle zu töten, denn ihr "Verhalten führe zu dem Ende der Menschheit". Aktiv rief er Muslime und Orthodoxe dazu auf, Homosexuelle zu verprügeln, sollte der CSD später in diesem Jahr stattfinden.
S: Wirklich? Es ist nicht möglich, dass Prophet Muhammed soetwas gesagt hat.
(...)
N: Zeigen Filme in Russland die Existenz von Homosexualität in irgendeiner Art und Weise?
S: Nur in manchen Arthouse-Filmen. Aber im Fernsehen wird es nie gezeigt. Es wird nicht beachtet, als wäre es nicht existent.
N: Die US-Serie "GLEE" wurde wöchentlich in Russland ausgestrahlt und Kussszenen von zwei Männern wurden herausgeschnitten.
S: Natürlich...
N: Dass der Prozentsatz berühmter Menschen und Politikern in Russland niedriger sein soll, als in anderen Ländern, ist sehr unwahrscheinlich. Scheinehen sind ein guter Weg, dies zu verschleiern.
S: Da mag sein. Aber sie zeigen es nicht - also schaden sie nicht. Wenn sich ein Schauspieler in Russlandbeispielsweise als homosexuell outen würde, würde er viele Fans verlieren.
N: Was ist eure Meinung zu Putin?
S:Ob er schwul ist?
N: Nein. Generell.
S: Darüber dürfen wir nicht sprechen!
N: Warum?
S: Unser Land ist kein demokratisches Land. Ich habe eine exemplarische Situation, hier in Italien: Das Auto eines Politikers samt vieler Sicherheitskräfte fuhr vorbei. Eine reich-aussehende Dame neben mir zeigt dem Auto den Mittelfinger. Ich war schockiert und fragte meinen Freund: "Wie kann sie sich soetwas trauen?", er antwortete: "wir leben in einer Demokratie." Wenn soetwas in Russland passiert wäre, würde die Person und ihre Familie umgebracht werden.
V: Nein, nicht umgebracht. Bestraft.
S:Nein. Es ist möglich, dass sie umgebracht werden.
N: Lokale Journalisten in Russland, die regierierungskritisch schrieben, wurden vergiftet und ermordet wie Alexander Walterowitsch Litwinenko .
V: Unsere russische Presse und unsere Medien - ist gemacht von der russischen Regierung. Wir wissen das. Kluge oder reiche Menschen haben andere politische Sichtweisen, Menschen, die an guten Unis studieren oder im Ausland sind, bilden sich andere Sichtweisen. Es ist eine sehr schlechte Situation.
N: Was ist eure persönliche Meinung von Putin? Wollt ihr mir das sagen, oder habt ihr vor etwas Angst?
V: Putin, er... Ich weiß nicht...Ich muss nachdenken...
S: Ja, ich habe irgendwie Angst. Ich möchte nicht noch mehr Probleme bekommen, als ich ohnehin schon habe.
N: Sprecht ihr über Putin ehrlich in der Öffentlichenkeit oder mit Familie und Freunden?
V: Nein.
S:Als er wiedergewählt wurde, existierte viel Opposition, viele Menschen waren bereit, jederzeit auf die Straße zu gehen, nur um "NEIN!" zu sagen. Denn: es war alles manipuliert. Niemand wollte, dass Putin wieder Präsident wird. Die Wahl war manipuliert. Du konntest wählen für wen du wolltest und es wurde geändert in eine Stimme für Putin.
V: Nein, da stimme ich nicht zu. Wir hatten keine alternative Person, die das Land hätte regieren können. Mit Putin haben wir Stabilität. Wir haben eine schlechte Situation, aber sie ist stabil.(...)
S: (unterbricht aufgebracht) Was, Stabilität?Die Stabilität einer schlechten Situation? (lacht)
V:In 30 Jahren wird sich nichts verändern.
S: Doch, es wird immer schlechter und schlechter werden. Es ist nicht stabil. Stabil ist, wenn ein Land Zukunft hat. Mit Putin haben wir keine Zukunft. Wir haben viele Menschen gehabt, die bereit waren, für eine bessere Situation zu kämpfen, aber wenn diese sich getraut haben, wurden sie verprügelt oder eingesperrt. Sie können nichts tun, denn es ist keine Demokratie, sie werden für eine andere Meinung bestraft. Ich bin besorgt, denn tief in mir liebe ich mein Land und ich kann nichts an der Situation ändern.

N: Die Unterdrückung der Meinungsfreiheit kann man schon alleine an Fällen wie "pussy riot" sehen...
V: Das ist etwas anderes. Sie nutzten die Kirche, das ist blasphemisch. Sie verletzten die Gefühle religiöser Menschen.
N: Sie nuzten Musik, um ihre Meinung auszudrücken und sie machten Gebrauch von ihrer Meinungsfreiheit.
S: Sie benutzten den Ort, um die Aufmerksamkeit zu bekommen. Es war wie eine Bombe. Anders hätten sie nie diese Aufmerksamkeit bekommen. Sie wollen für Freiheit und Demokratie kämpfen und dafür brauchen sie Aufmerksamkeit. Indem Putin sie einsperren lies, untermauert er nur ihre Argumente. Ich liebe mein Land tief, aber ich will es verlassen. Es funktioniert für ein paar Menschen. Aber es funktioniert nie für die Menschen, die Hilfe brauchen. Wenn du das Geld hast, hast du das Leben. Wenn du kein Geld hast, bekommst du keine Hilfe von der Regierung, nichts. Wenn du in die Kirche gehen und deine Brüste zeigen musst, damit die Leute dir zuhören, musst du in die Kirche gehen und deine Brüste zeigen.
V: In Russland kannst du jetzt nichts verändern.
S: Jedoch wenn keiner mehr kämpfen würde, wäre unsere Situation noch schlechter. In Russland ist jeder Tag ein Überleben.
V: Nein. Für arme Leute, ja, Leben ist Überleben. Aber für uns ist das Leben ok. Für mich ist das Leben ok, denn ich habe alles. I denke 30-40% der Einwohner Russlands leben gut. Wenn du hart arbeitest, wird deine Zukunft ok sein.Wenn du eine Zukunft willst, kriegst du sie.
S: Das ist ein Märchen. Menschen, die Tag und Nacht arbeiten können grade so überleben oder werden nie die Chancen und Lebensumstände haben, die wir haben. Ich denke etwa 80% der Menschen in Russland arbeiten hart, werden unfair bezahlt und bleiben arm - egal, wie hart sie arbeiten. Viele Menschen arbeiten unfassbar hart und werden wahrscheinlich nie die gleiben Möglichkeiten bekommen, die wir haben. Vielleicht können wir sogar faul sein und werden trotzdem immernoch in einer besseren Situation sein. Das ist schlichtweg unfair.In Russland bist du nichts, bist du Dreck, wenn du kein Geld oder Beziehungen hast. Ich liebe mein Land, meine Kultur, meine Literatur, ich bin stolz auf mein Land. Aber ich möchtedort nicht mehr bleiben, ich bin es leid, zu kämpfen.Ich bin eine junge Frau - ich will leben, nicht kämpfen.
N: Wo willst du hingehen?
S: Ich hoffe, irgendwo nach Europa. Denn ich will in auf der Straße stehen und schreien können:"Fuck everything!" Ich brauche es vielleicht nicht, aber ich brauche die Möglichkeit. Ich fühle, ich hätte in Europa geboren werden sollen, nicht in Russland.



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