Unterstützen Sie die Tabula Rasa mit einer Spende, wir würden uns freuen: Schreiben Sie eine Mail an: dr.stefangross@web.de
| Erschienen in Ausgabe: No. 35 (1/2009) | Letzte Änderung: 05. September '11 |
Konstanze von Schulthess Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg. Ein Porträt Pendo Verlag (April 2008) 240 Seiten, Gebunden ISBN-10: 3858426520 ISBN-13: 978-3866121591 Preis: 19,90 EURO
von Heike Geilen
Konstanze von Schulthess, die jüngste Tochter des
Hitlerattentäters Stauffenberg, räumt auf mit dem Klischee: hier die
glorreichen Männer, dort die schwachen, ängstlichen Frauen. Herausgekommen ist
ein wunderbares Porträt einer starken Frau; das ihrer Mutter: Nina Schenk
Gräfin von Stauffenberg.
Als der damalige vierfache Familienvater Claus Schenk Graf
von Stauffenberg am 20. Juli 1944 mit einer Aktentasche das Führerhauptquartier
in der ostpreußischen "Wolfsschanze" betrat, sollte das der Anfang
eines großangelegten Putsches werden. Doch es kam anders. Als die Bombe, die
Stauffenberg entsichert hatte, explodierte, wurden zwar vier Menschen getötet
und einige verletzt, Hitler jedoch überlebte. Die federführend von Generalmajor
Henning von Tresckow ausgearbeitete "Operation Walküre", deren
Ouvertüre der Tod Hitlers sein sollte, wurde im Keim erstickt. Der Putsch brach
in sich zusammen. Noch am selben Abend wurde Claus Graf Schenk von Stauffenberg
im Kreis seiner Mitverschwörer erschossen. Seine Frau Nina (geborene von
Lerchenfeld) war damals gerade mit seinem fünften Kind schwanger. Die Tochter
sollte ihren Vater nie kennenlernen.
Nun hat eben diese jüngste Tochter - Konstanze von
Schulthess - in der Biografie "Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg"
ein liebevolles Porträt ihrer Mutter gezeichnet.
Gestützt auf Gespräche, zahlreiche Dokumente, Briefe und
Interviews sowie eine bis dato nicht veröffentlichte private Familienchronik
resümiert sie deren Leben, das ihrer Familie und ihres engsten Umfeldes. Eben
diese - bis ins 18. Jahrhundert zurückreichende - Familienchronik, die Nina auf
Drängen ihrer Kinder in den 1960er-Jahren schrieb, erwies sich als "ein
wahres Füllhorn von Geschichten, nicht nur die tragischen und dramatischen -
auch Familienanekdoten, amüsante Szenen und Kolportagen, wie sie von Generation
zu Generation weitergegeben werden". Diese wirken wie das sogenannte
Salz in der Suppe, denn die Autorin weiß sie - trotz der Tragik der Familie
Stauffenberg - auflockernd in ihr leicht und sehr angenehm zu lesendes Buch
einzuweben. Sie machen es überaus lebendig, verströmen eine atemberaubende
Essenz aus "Duft und Farbe des gelebten Lebens", ganz nach dem Motto
ihrer Mutter, die durchaus selbstbewusst und ironisch in ihrer Chronik
vermerkte: "Ein Mann schreibt Geschichte, eine Frau neigt zu
Geschichten!"
Konstanze von Schulthess holt ihre Mutter vom Rand in die Mitte des
öffentlichen Bewusstseins und räumt auf mit dem Vorurteil, der naiven, "dumme[n]
kleine[n] Hausfrau mit Kindern und Windeln und schmutziger Wäsche",
als die Nina Stauffenberg in den Medien gern hingestellt wurde. Sie rückt ein
Klischee zurecht: das der treusorgenden, nichtsahnenden, apolitischen deutschen
Offiziersfrau, dem "Heimchen am Herd". Entstanden sicherlich aus
einer überlebenswichtigen Haltung, die im Nachhinein an ihr haften bliebt,
obwohl sie mit der realen Person nichts gemein hatte. Im Gegenteil, Nina
von Stauffenberg war eine außergewöhnlich selbstständige und starke Person.
Doch in ihrer ausweglosen Situation - als Frau eines Hitlerattentäters - war
sie zwangsläufig gezwungen, das "kleine Dummchen" zu inszenieren und
zum Beispiel ihren beiden älteren Kindern mitzuteilen: "Der Papi hat
sich geirrt, deshalb hat man ihn erschossen." Zum Schutze ihrer Kinder
prägte sie ihnen einen weiteren Satz ein: "Die Vorsehung schütze
unseren geliebten Führer." Es sind Worthülsen für das Verhör. Sie
rechnete fest damit, dass die Kinder verhört werden würden und sich verplappern
könnten. Genau wie ihre vorgespielte Naivität ihr wohl das Leben rettete.
Denn nach dem 20. Juli 1944 wurden die Familien im Rahmen der Aktion
"Gewitter" von der sogenannten "Sippenhaft" der
nationalsozialistischen Machthaber getroffen. Die Gestapo verhaftete auch die
schwangere Nina von Stauffenberg. Sie wurde zuerst nach Rottweil, dann nach
Berlin, am Ende für fünf Monate ins Konzentrationslager Ravensbrück gesteckt,
ständig in Isolationshaft und ohne zu wissen, was aus ihrer Familie, den
Kindern geworden war. Die Zeiten überstand sie nur, weil die Schwangerschaft
sie zum Durchhalten zwang, sie imaginäre Musik- und Literaturabende in ihrer
Zelle veranstaltete und Gedichte rezitierte.
Die Kinder wurden übrigens in ein Heim nach Bad Sachsa in Thüringen verschleppt
und unter falschem Namen festgehalten. Derweil musste Nina von Stauffenberg ihr
fünftes Kind, Konstanze, während der Haft am 17. Januar 1945 in einem
NS-Frauenentbindungsheim in Frankfurt an der Oder zur Welt bringen. Von Seiten
der NS-Führung bestanden auch Pläne, die jüngsten Kinder
nationalsozialistischen Familien zur Adoption zu überlassen.
Das baldige Kriegsende verhinderte dieses Schicksal, und die Kinder konnten
sich - gemeinsam mit einigen überlebenden Freunden der Familie - nach
Kriegsende auf dem Stauffenbergschen Familiensitz in Lautlingen wieder mit
Mutter und Großmutter zusammenfinden.
Dass das Buch mit sehr viel Empathie für die Mutter der Autorin geschrieben
ist, spürt man permanent, schadet jedoch keineswegs dem durchweg positiven
Gesamteindruck. Konstanze von Schulthess zeichnet ein stimmiges Bild einer
starken Persönlichkeit ("Schwach habe ich meine Mutter nie
erlebt."), die keinesfalls nur ein ahnungsloses Opfer und relativ
intensiv in die Pläne ihres Ehemannes eingeweiht war.
Auch nach dem Krieg war Nina von Stauffenberg ein engagiertes Mitglied der
Gesellschaft. Sie lebte fortan von ihrer Witwenrente und engagierte sich für
den Denkmalschutz und die Verbesserung des Verhältnisses zwischen
us-amerikanischen Offizieren und Deutschen. Heiraten sollte sie nicht noch
einmal. Nina Gräfin von Stauffenberg starb im Jahr 2006.
Zum gelungenen Gesamteindruck dieser Biografie tragen gleichfalls 42
Fotografien bei, die die Eltern, die Familie und vor allem den Weg des jungen
Mädchens aus gutem Hause bis hin zur alten, immer noch würdevollen Frau,
zeigen, einer Frau, die ihrem Mann eine ebenbürtige Partnerin war, "in
guten und in schlechten Tagen", auch wenn sie dafür einen hohen Preis
zahlen musste.
Fazit:
Neben einer gelungenen Einbettung in den jeweiligen historischen Horizont ist
dieses Buch vor allem eine neuerliche Annäherung an die Mutter. "Was
gelebtes Leben zwischen Mutter und Tochter war, ist so zu einem Porträt
geworden, das meiner Mutter - so hoffe ich - eine eigene Gestalt verleiht. Ein
Porträt, das eine eindrucksvolle Frau zeigt, deren Leben mit einem der
dramatischsten Kapitel unserer Zeitgeschichte verknüpft war. Zugleich ist es
durchaus auch als etwas sehr Persönliches gemeint: nämlich als eine
Liebeserklärung an meine Mutter."
Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen.
>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<
Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.