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Erschienen in Ausgabe: No 94 (12/2013) Letzte Änderung: 10.12.13

Der Medienkritiker Sören Kierkegaard

von Stefan Groß

Ist Kierkegaard ein toter Hund, dem man nichts mehr für die Gegenwart abgewinnen kann, einer jener Philosophen und christlichen Denker, die ihr Pathos verspielt haben?
Ein toter Hund ist der Däne auf keinen Fall. Ganz im Gegenteil: Kierkegaard ist aktueller denn je. Und die Antwort, warum gerade ein Existentialist, der sich gegen das Gros, die Menge und die Massenmedien wendet, immer noch zeitgemäß ist, bleibt sein Individualismus und Subjektivismus. Der Einzelne ist unvertretbar, und die Masse bloßes Surrogat durch die sich jede Individualität in einen blassen und konturlosen Kollektivismus verschiebt. Löst sich der Einzelne auf, so ist alles aufgelöst, einzig der Einzelne stiftet Bindung. Oder anders gesagt: „Die Subjektivität ist die Wahrheit“, im Subjekt fallen Wahrheit und Existenz zusammen.
Damit sind wir inmitten von Kierkegaards Existentialismus angelangt, bei der Unvertretbarkeit des Einzelnen, eine Unvertretbarkeit, die nicht durchbrochen, die christlich religiös höchstens in Beziehung zu Gott gesetzt werden kann. Aber dieser Gott ist eben nicht der der Staatskirche, des Protestantismus, sondern derjenige Punkt innerhalb des Subjekts, vor dem es allein Rechenschaft ablegt. Und dieser Gott ist nicht irgendein Absolutes, das als absolutes Bewußtsein über sich und die Welt Auskunft gibt. Kierkegaards Dialektik ist und bleibt eine andere. Sein Ich springt in den Glauben, und dies ist sein existentieller Sprung, mit dem es auch das ihm so lieb gewonnene Ästhetische und Ethische überwindet.
So verstanden kann der religiöse Mensch nie ein Massentyp werden, da es der Augenblick ist, durch den er seine Freiheit gewinnt, der ihn vor aller Verzweiflung rettet. Wer keinen Gott hat, hat kein Selbst. Er will dann entweder verzweifelt er selbst sein, oder er will, total in seine von Gott wegführende Denkfigur verstrickt, verzweifelt nicht er selbst sein. Der Verzweiflung, dies weiß Kierkegaard, ist aber nur zu entgehen, wenn man kommentarlos zu glauben anfängt. In der „Die Krankheit zum Tode“ heißt es dazu: „Der Glaubende besitzt das ewig sichere Gegenmittel gegen Verzweiflung: Möglichkeit. Denn für Gott ist in jedem Augenblick alles möglich. Dies ist die Gesundheit des Glaubens. Gesundheit ist das Vermögen, Widersprüche zu lösen.“
Kierkegaards Mensch bleibt immer auf sich geworfen, seine Existenz ist unmittelbar an eine nach innen sich wendende Reflexion gebunden, die ihm Sinn und Eigentlichkeit verleiht. Diese Wendung nach Innen schließt mit ein, dass das Weltwissen in seiner Objektivität, sei es in der Politik, den Weltläuften, der Wissenschaft, dem Fortschritt, der spekulativen Philosophie und den Medien, stets zufällig uneigentlich und dem Subjekt ein gleichgültiges Wissen bleiben muß, ein Abstraktum. Anders formuliert: Jedwede Form objektiver Reflexion oder objektiven Wissens sind scharf und schneidend von der subjektiven Reflexion zu unterscheiden. Der Weg der objektiven Reflexion im Sinne des Deutschen Idealismus in seiner Spätausprägung bei Schelling und Hegel führt vom Subjekt weg.
Gegen diese objektive Geistdialektik Hegels setzt Kierkegaard eben jene subjektive Dialektik von Mensch und Gott – sie ist für ihn die einzig wirkliche und damit wahrhaftige Dialektik. Der schuldige, der in die Existenz „geworfene“ Mensch, wie es in der „Krankheit zum Tode“ heißt, der seine Beziehung zu Gott als unentrinnbar und unaufhebbar, aber auch als Existenz allererst begründend empfindet, protestiert gegen die Auflösung seiner Substanz in der spekulativen objektiven Philosophie, welche völlig gleichgültig ist gegenüber dem Einzelwesen. „Systematiker und objektive Philosophen“, schreibt Kierkegaard im „Der Begriff der Angst“, „haben aufgehört, menschliche Wesen zu sein und sind spekulative Philosophie in einem sehr abstrakten Sinne geworden, eine Wesenheit, die dem Reiche des reinen Seins angehört“.
Kierkegaard ist wie Friedrich Nietzsche ein Geistesaristokrat, der die Masse eben nicht nur verachtet, sondern in ihr – mehr noch – eine erstrangige Bedrohung für jedes eigentliche Denken sieht. 1846, in einem Zeitungsartikel, äußert er sich ausführlich über die Gefahren der „Nivellierung“. Diese entsteht nicht durch die nivellierende Handlung von einzelnen Subjekten, sondern ist ein Reflexionsspiel in der Hand einer abstrakten Macht – ein Effekt der Entfremdung also.
„Wie man die Diagonale im Parallelogramm der Kräfte berechnet, so kann man das Gesetz des Nivellements berechnen. Während der einzelne zu wissen scheint, was er tut, muß man von allen zusammen sagen: Sie wissen nicht, was sie tun. Man beschwört einen Dämon herauf, den kein Einzelner bewältigen kann; und während der einzelne im kurzen Augenblick der Nivellierungslust selbstisch die Abstraktion genießt, unterschreibt er zugleich seinen eigenen Untergang. Das Vorwärtsstürmen von Begeisterten kann mit Untergang enden, aber der Sieg des Nivellierenden ist eo ipso Untergang. Kein Zeitalter, und darum auch das unsere nicht, kann die Skepsis der Nivellierung hemmen, denn in dem Augenblick, wo sie ihr Einhalt tun will, wird diese wieder ihr Gesetz entwickeln. Sie kann nur dadurch aufgehalten werden, daß das Individuum in individueller Aussonderung die Unerschrockenheit der Religiosität gewinnt.“
Und zur selben Zeit heißt es im Tagebuch: „Gegen Prinzen und Päpste zu kämpfen ist leicht, verglichen mit dem Kampf gegen die Massen, gegen die Tyrannei der Gleichheit, gegen die Fratze der Oberflächlichkeit, des Unsinns, der Niedrigkeit und der Bestialität“. Immer wieder äußerte sich Kierkegaard kritisch gegenüber den Meinungsmachern und Meinungsgläubigen, über jene, die meinen im Trend zu liegen, die Diskurse zu bestimmen, obgleich sie nur mit abgelegten Meinungen herumlaufen; und er ist dabei fest davon überzeugt, daß die „Masse der Menschen keinerlei Meinung“ hat.
Die Presse bleibt für Kierkegaard gefährlich, eine Gefahr, die dazu beiträgt, den Einzelnen in seiner Individualität zum Herdenvieh, zum Herdenmenschen Nietzsches, zu machen. Die Diktatur der öffentlichen Meinung wird somit zu einer, wo – durch die Presse initiiert – das Publikum über den Einzelnen regiert. Für den Philosophen läuft dies darauf hinaus, daß sich der Einzelne an das Publikum verliert. Als Teil dieses Publikums, oder wie der Däne in Anspielung auf Shakespeare erläutert, spielen auf der Bühne des bürgerlichen Daseins „die Menschen ihre Rolle wie auf ein Stichwort hin, das ihnen zu Teil wird. Das aber ist nur das Bühnenspiel, die wahre Existenz liegt dahinter.“ Die Einzelnen, oder die philosophische Kategorie des Einzelnen, die im Gegensatz zu Hegel für Kierkegaard eine zentrale Rolle spielt, werden so zur undefinierbaren Masse, die sich keiner Verantwortung zu stellen braucht. Die Masse bleibt damit ein anonymes Phantom, das nur Mitleid erregen kann. „Ein wahres Martyrium ist da, wo man mit der Menge zu tun hat.“ Diese Menge triumphiert in den Hochzeiten der Stumpfheit, denn dort lanciert die Presse und gewinnt Deutungshoheit über die Herde, hinter der sich das Ich bequem verstecken kann. „Je stumpfer die Zeit, um so mächtiger die Presse. Die Presse ist der niedrigste Versuch die Gewissenlosigkeit als Prinzip der Menschheit zu konstatieren.“ Die bloße Masse ist korruptionsanfällig, läßt sich vom Zeitgeist diktieren, und die Resultate dieses im Außen-gefangen-Sein sind Sinnlosigkeit, Unsicherheit und der Zweifel an der Existenz.
Für Kierkegaard ist die Presse der große Nivellierungsmeister und mit und durch sie enthüllen sich die Mechanismen der Massenpsychologie. Weder Macht noch Masse als nivellierende Kräfte vermögen den Menschen, so Kierkegaard, in seiner Einzelheit (er)setzen, dies gelingt weder dem Ästheten noch dem Ethiker, sondern allein dem religiösen Menschen. Eigentlichkeit ereignet sich jenseits der Gesellschaft. „Wie man in der Wüste in großen Karawanen reist aus Furcht vor Räubern und wilden Tieren, so haben die Individuen jetzt ein Grauen vor der Existenz. Nur herdenweise wagt man noch zu leben und klammert sich zusammen in der Masse, um doch noch etwas zu sein.“
Bereits vor Heidegger kritisierte Kierkegaard damit die Diktatur des „Man“; schon er wußte, wo das „Man“ regiert, verliert der Einzelne sein Alleinstellungsmerkmal. „Man“ will nicht man selbst sein. Das Resultat ist die uniformierte Menge. Statt Freiheit als Ausdruck menschlicher Möglichkeiten wird das Individuum in die Abhängigkeit von anderen gesetzt und bestimmt sich als das Produkt dieses Gesetzseins.
Kierkegaard weiß auch, daß der Vermassung und Massengesellschaft nur entgegenzutreten ist, wenn der Einzelne seine konkrete Existenz wieder zum Schwerpunkt seines Denkens macht. Denn hinter allen Masken, hinter dem Spiel mit den Kulissen, jenseits von Publikum und Bühne, wird die nackte Existenz sichtbar, und schlimmer noch – die Erfahrung des Nichts. Allein durch dieses stößt der Mensch auf seine Grenze und gewinnt dadurch Selbstbestimmung. Und da er in dieser Reflexion des Nichts sich als existierende Subjektivität erfährt, ist er als ewiges Selbst bestätigt. Dieser Glaube an die unverlierbare Existenz ist der einzige Garant des Selbstseins.
Diese Individualität wieder neu zu entdecken, jenseits von Internet und multimedialer Welt, sich auf diese einzulassen, ist die Aufgabe des Subjekts in einer Zeit, wo es, wie im 21. Jahrhundert, immer mehr verobjektiviert, zum Spiel der Massen- und Medienindustrie wird – dies können wir von Kierkegaard lernen.

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