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Erschienen in Ausgabe: No 96 (02/2014) Letzte Änderung: 24.01.14

IM REPERTOIRE DER MÜNCHNER BÜHNEN (1)
Suff und Seele: Münchner Kammerspiele: Anton Cechovs „Onkel Wanja“

von Hans Gärtner

1899 – was war das für ein Jahr für den 39-jährigen Anton Cechov! Da kam sein Drama „Onkel Wanja“ in Moskau heraus. Da war er, der gelernte Arzt mit Tbc-Problem (das 1904 zum frühen Tod führte), schon berühmt in ganz Russland. Seine „Szenen aus dem Landleben“ sieht man meist in opulenter Ausstattung mit altrussischem Flair: Samowar und Pelzmütze. Keines dieser Requisiten hatte Muriel Gerstner (Bühne) nötig, und Klaus Bruns steckte die Akteure einfach in Kleider, die jeden Mitspieler typisieren. Die genialische Regie von Karin Henkel und Johan Simons lockte ein verdutztes Publikum trotz nebelschwadengleich verbreiteter Cechov-Langeweile als unabdingbar zu nehmendes Lebensgefühl aus der Reserve, das schon zu des Autors Lebzeiten Depression hieß.
So befremdlich wie beklemmend, so abstrahiert wie magisch war kaum jemals ein „auf modern“ gemachter Cechov zu erleben wie der neue „Onkel Wanja“ der Münchner Kammerspiele. Die Bühne: schmal, schwarz, schlicht. Die Darsteller, inklusive der leise zur Laute singenden Polina Lapkovskaja, nahmen durch unterschiedlich geäußerte Fadheits-Attacken und verkniffen weggesteckte Lustgefühle für sich als Verlierer im lautlosen Gerangel ums Lebensglück ein. Cechovs Text, da und dort neckisch verändert und durch Leuchtschrift-Begleitung pessi- bis nihilistischer Beckett-Zitate erweitert, ging dem Ensemble – Stephan Bissmeier als gichtig-wichtigtuerischem Kunst-Prof, seiner schön knöchernen Zweitliebe (Wiebke Puls), Anna Drexler (zu Recht als „Schauspielerin des Jahres 2013“ gefeiert), Hans Kremers herrischer Großmutter, dem Cechov-Alter Ego Astrow (glänzend verkommen: Maximilian Simonischek) und dem zierlichen Ilja (Stefan Merki) – so sonderbar über die Lippen, dass es am Zuschauer lag, die Balance zwischen Komödie und Tragödie zu halten.
Dem Titel-Anti-Helden lieh der großartige Benny Claessens seine teigig-träge, verschlafen-wissende Gestalt und kindliche Ausstrahlung – bis hin zum finalen, von einer Tränenflut ausgeschwemmten Klagelied über den eigenen Suff- und Seelen-Zustand, den des Gutshofs und überhaupt der ganzen nichtigen Welt und verlogenen Gesellschaft. Man sehe diesen „Onkel Wanja“ als fabelhaft psychologisch fundiertes Theater. Ohne Samowar, aber mit Seufzern.

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