Drucken -

Die aktuelle Juli-Ausgabe 2016 ist da!

Anzeige
Erschienen in Ausgabe: No 97 (03/2014) Letzte Änderung: 04.03.14

„Wir alle haben die Sehnsucht nach einem Miteinander und müssen den Mut haben, Utopien zu leben" - Konstantin Wecker im Interview

von Konstantin Wecker

Herr Wecker: Inwieweit haben Sie ihr Freund und Lehrer Carl Orff und die klassische Musik beeinflußt?

Carl Orff hat mich musikalisch stark geprägt. Dies ist interessant, wenn man meine Lieder hört, und sich nicht gut wirklich gut mit Orff auskennt. Es würde keiner glauben, daß mich Orff mehr beeinflußt hat als alle anderen. Das ist ganz faszinierend – auch im Rückblick für mich selbst. Natürlich hat mich auch Schubert geprägt; insofern bin ich völlig anders als viele meiner höchstgeschätzten Kollegen sozialisiert, als Hannes Wader beispielsweise, den ich über alles liebe, der aber vom amerikanischen und der englischen Folkmusik herkommt, oder viele von der französischen Musik. Bei mir war es die Klassik, denn mein Vater war Opernsänger und hat klassisches Liedgut gesunden. Als Knabe habe ich selbst Schumann, Schubert und Verdi gesungen. Dies ist meine Herkunft. Und dann hat mich Orff mit seinen Instrumentierungen erwischt, der Orff ist für mich ein bayerischer Blues, ich selbst mache auch einen bayerischen Blues. Zwar war ich nicht Baumwollpflücken, aber den bayerischen Blues, den können Carl Orff und ich besser.

Meine Musik ist also von der Klassikund der Instrumentierung Orffs beeinflußt. Ich hatte in den 80ern, was man sich heute gar nicht vorstellen kann, ein Kammerorchester dabei, das war damals völlig unpopulär. Und dennoch hatte ich ein großes Publikum um mich sammeln können. Also, mit einem Kammerorchester, dies war für die Art, bei den Liedermachern in dieser Zeit völlig untypisch.
Ich werde nie vergessen wie ich Ende de 70er, als ein höchst politischer Sänger, der ich immer war, kritisch darauf angesprochen wurde, daß ich ein Cello auf der Bühne hatte. Auf den damaligen Vorwurf, das Cello sei ein bourgeoises Instrument konnte ich nur lakonisch antworten, daß dies die Gitarre eben auch sei. Hannes Wader, der mich früher nie möchte, wir haben uns erst spät lieben gelernt, hat einmal gesagt: „mir waren immer sechs Saiten einer Gitarre zu viel“, ihm hätten drei genügt, mehr war Wader nicht puritanisch genug“. Und dann kam so ein kulinarischer Bayer wie ich mit Cello daher, was vielen damals überhaupt nicht gepaßt hat.

In Ihrem Film mit Hannes Wader spürt man, daß Sie eine kraftvolle Ausstrahlung haben, woher nehmen Sie diese kraftvolle Energie?

Das ist eine schöne Frage. Auf diese gibt es eine Antwort, die sich jeder selbst geben könnte, wenn er nicht einen Fehlgedanken hätte. Viele Menschen denken, Energien sind etwas, die man mit der Geburt mitbekommen hat und je älter man wird, werden diese immer weniger, ist das Faß quasi irgendwann einmal leer.Der eine kriegt mehr, der andere weniger. Energie ist etwas, was da ist, was existiert. Die einzige Möglichkeit, Energie zu bekommen, ist offen zu sein und dies zu bleiben. Man merkt es an Bekannten und Freunden, je verschossener jemand ist, desto unenergetischer ist; vielleicht ist einer gemein, vielleicht mächtig, vielleicht bösartig, das kann auch eine gewisse Energie sein, aber es ist nicht eine wirkliche energetische Ausstrahlung. Das geht nur durch Offenheit; man muß neugierig sein und den Mut haben, sich auf Neues einzulassen. Das gibt eine wahnsinnige Energie. Und bei Orff, der damals schon weit über achtzig war und kaum mehr gehen konnte, weil er körperlich ziemlich gebrechlich war, er hatte Augen, die leuchteten. Und man dachte, hier sitzt einem ein Siebzehnjähriger gegenüber. Das war diese Wachheit, die er bis zum Schluß hatte. Energie kann jeder haben und Orff hatte er sie in einem ganz besonderen Maße.

Sie beschreiben, daß Sie jeden Abend ihre Lieder neu und mit Freude interpretieren, ist das ein Ausdruck dieser Energie?

Ja natürlich. Der Austausch zwischen dem Publikum und dem, was auf der Bühne passiert, ist etwas sehr liebevolles. Man ist nicht dauernd gleicher Meinung, das muß man auch nicht sein, aber man hat die gleiche Sehnsucht. Dies ist etwas, was den Künstler so sehr mit seinem Publikum verbindet. Das macht dann wirklich Spaß.

„Sie glauben an den Menschen, das Mitgefühl, die Liebe, an das Gute im Menschen, sie glauben an eine liebevolle, gewaltfreie Gesellschaft des Miteinanders“. Was ist darunter zu verstehen?

Das ist eine Utopie. Das ist genau alles, was wir in unserer Gesellschaft nicht haben, leider. Aber wir haben komischerweise die Sehnsucht nach einem Miteinander, wir haben die Sehnsucht, daß keiner den anderen unterdrückt. Jeder von uns hat diese Sehnsucht, auch wenn wir sie nicht leben. Wir denken, wir dürfen die Sehnsucht nicht leben, weil wir sonst keine Karriere machen können, weil wir sonst in der Gesellschaft, in dieser Ellenbogengesellschaft, nicht weiterkommen. Ich meinerseits glaube, wir müssen den Mut haben, Utopien in uns leben zu wollen und auch zu dürfen. Jeder von uns hat diese Sehnsüchte. Es gibt nur ganz wenige gestörte Menschen, die der Meinung sind, auf den anderen einzutreten, wenn dieser am Boden liegt. Aber es ist eine Minderheit, die zwar immer gern hochgehoben wird, wann man sagt, daß der Mensch so sei, doch meiner Meinung nach ist er nicht so. Aber wir sind in einer Gesellschaft, die uns diese Sehnsüchte nicht erlaubt, weil sie uns vorgaukelt, daß wir dann nicht leistungsfördernd sind. Laßt uns, so denke ich, diese Sehnsucht leben. Man sollte sich keineswegs von Menschen fertigmachen lassen, die meinen, man müsse gegen den Gutmenschen schimpfen. Was ist denn das Gegenteil vom Gutmensch, der Schlechtmensch? Will ich ein Schlechtmensch sein? Ich behaupte, es ist besser ein Gutmensch als ein Schlechtmensch zu sein, schlechte Menschen hatten wir in der Nazizeit.

Wie hat sich die Zusammenarbeit mit der Bayerischen Philharmonie ergeben?

Ich habe Mark Mast vor fünf Jahren kennengelernt. Und ich finde die Zusammenarbeit sehr spannend, weil er aus einer ganzen anderen Ecke kam, er war Jazzer, und hat Saxophon, Blues gespielt, ist dann zur Klassik gewechselt. Diese Lebensgeschichte finde ich toll, alles was grenzüberscheitet musikalisch überschreitend ist, interessiert mich sehr, viel mehr als diejenigen, die in ihren festen Gebieten starr bleiben. Ich war von seiner Idee überzeugt, mit jungen Musikern zu arbeiten.

Das Interview führten Sophie Adell und Dr. Dr. Stefan Groß, herzlichen Dank an Frau Claudia Schnauffer von der Bayerischen Philharmonie.

>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<

Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.

Neueste Artikel ▲

Meist gelesene ▼

  •  
  • Anzeige
  •  
  • Anzeige
  •  
  •  
  •  
Zum Seitenanfang zurück