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| Erschienen in Ausgabe: Ohne Ausgabe | Letzte Änderung: 07. Dezember '11 |
von Roberto Simanowski
Nach der Feuilletonschlacht und dem IM-Vorwurf war es lange Zeit ruhig
um Christa Wolf. Sie hatte Zeit, sich neu zu Wort zu melden. Dies geschieht nun
mit ihrem Roman "Medea. Stimmen". Schon vor seinem Erscheinen stand die Frage
im Raum, ob damit der deutsch-deutsche Literaturstreit, der ein Streit
deutsch-deutscher Intellektueller war, erneut aufflammen würde. Ein Blick
auf die Rezensionen zu "Medea" im westlich geprägten "Spiegel" und in der
"Zeit" sowie im östlich verwurzelten "Freitag", in der "Wochenpost" und im
"ndl" scheint die Vermutung zu bestätigen: Lob oder Schonung hier,
Verriß dort. Man wußte es ja. Aber so einfach ist das nicht. Die
Karten sind neu gemischt; es geht nicht mehr darum, Christa Wolfs Rolle in der
DDR zu kommentieren, sondern ihre erste literarische Veröffentlichung im
"Gesamtdeutschland" zu beleuchten.
Das Konzept des Buches besteht in einer neuen Sicht auf den antiken Mythus. Man
erinnert sich: Medea ist die Kolcherin, die dem Korinther Jason hilft, den
Kolchern das "Goldene Vlies" zu stehlen, die dem Geliebten nach Korinth folgt
und dort, als Jason sie seiner Ambitionen auf den Thron wegen
verläßt, dessen Braut Glauke, König Kreon sowie Jasons und ihre
Kinder tötet. Der Kindsmord ist Zutat von Euripides. Aber auch ohne ihn
bliebe das Bild einer Frau, die der Schmerz zur Mörderin aus Haß und
Liebe werden läßt. Der Tenor der literarischen Bearbeitungen: vor
einer solchen "Rasenden" (und stand sie nicht für alle Frauen?)
sollte man sich in Acht nehmen. Es war nicht anders zu erwarten gewesen, wenn
Männer (es waren immer Männer) den Stoff aufgreifen. Die
Neuschreibung der Geschichte aus weiblicher Sicht stand also auch hier an.
Christa Wolf hat sie auf sich genommen.
In Christa Wolfs Roman nun bringt Glauke, die depressive Königstochter und
Halbfreundin Medeas, sich selbst um, als die Korinther das Verbannungsurteil
über Medea aussprechen. Die Kinder, die Medea sich erbittet, aber nicht
bekommt, werden vom aufgebrachten Mob gesteinigt. Noch etwas: der Staat Korinth
gründet auf einem Verbrechen, über das keiner spricht - die Opferung
(sprich: Tötung) der kleinen Königstochter Iphinoe, um den Wechsel
der Krone in weibliche Hände zu vermeiden. Diese unbewältigte
Vergangenheit ist deswegen so skandalös, weil das reiche Korinth sich
kultiviert und zivilisiert gibt, Kolchos aber als das zurückgebliebene
Land der Barbaren, wo man zudem noch vagen Utopien von einer gerechten
Gesellschaftsordnung der Eintracht und Besitzgleichheit nachhängt,
disqualifiziert. Wenn dann andererseits Kolchos von einem senilen Alten regiert
wird und ebenfalls seine (Kinder-)Leiche im Keller hat, weiß man, worum
es in diesem Text auch geht. Ein Deutschlandroman also im Gewand der
Geschichte. Das erstaunt keineswegs - der ehemalige Leser der DDR weiß,
daß das Wort "Gegenwartsroman" ein Pleonasmus ist, wie Volker Braun
einmal formulierte. Wenn klar ist, woher der Wind durch den Mythus weht, liest
man anders. Der Text wird zur Allegorie, zum Schlüsselroman, zum
Selbstfindungsangebot. Daß dieses Angebot seine ostdeutsche und weibliche
Herkunft keineswegs verschweigt, kann man der Autorin nicht zum Vorwurf machen.
Der subjektive Blick macht ja den Reiz von Literatur aus und markiert die
Authentizität eines Textes. Und trotzdem besteht darin auch das Problem
dieses Buches.
Christa Wolf nennt ihren Roman im Zweittitel "Stimmen". Damit verdeutlicht sie,
daß hier nicht ein auktorialer Erzähler spricht, der aus einer
über den Dingen stehenden Position das Geschehen sichtet und dem Leser
neutral darstellt. Diese Erzählhaltung würde aufgrund ihrer externen
Stellung implizite einen Wahrheitsanspruch postulieren, der heute
unaufgeklärt wirkte. Zumindest wäre das so, wenn der auktoriale
Erzähler keiner gegensteuernden Ironisierung unterläge. Ironie aber
ist nicht Christa Wolfs Sache, man weiß, sie setzt auf eine besinnliche,
geradezu `verernstete' Sprache. Andererseits erhebt sie durchaus Anspruch auf
Wahrheit, denn sie will, wie sie im Vorwort sagt, von einer Lüge befreien:
"Falsche Fragen verunsichern die Gestalt, die sich aus dem Dunkel der
Verkennung lösen will. Wir müssen sie warnen. Unsere Verkennung
bildet ein geschlossenes System, nichts kann sie widerlegen." Das zielt auf
"unser" offizielles, männliches Geschichtsbild, vor dem Medea gewarnt,
gerettet werden muß, indem nun die richtigen Fragen gestellt
werden. Aber ist damit das geschlossene System der Verkennung zu durchbrechen?
Antwortet ein Gegenstand nicht immer nur auf die Fragen, die man ihm stellt?!
Der hermeneutische Zirkel wird gesprengt, indem man/frau nicht fragt,
sondern zuhört. Und so endet das Vorwort mit dem Satz: "Jetzt hören
wir Stimmen."
Die erzähltechnische Konsequenz ist das Auftreten verschiedener Personen,
die, als Beteiligte des Geschehens, dieses in mehr oder weniger langen
Monologen schildern und kommentieren. Im Gesamt der unverhohlenen
Subjektivität dieser Figuren kann der Text dann wieder eine gewisse
Objektivität beanspruchen: schließlich kommen alle, auch Medeas
Feinde, zu Wort. Ein demokratisches Verfahren der Meinungsbildung also - und
wenn es auch die Wahrheit nicht geben kann, so gibt es sie in einer
Demokratie doch eher als in der Diktatur, welche mittels Zensur und anderer
Maßnahmen unliebsame Stimmen zum Verstummen bringt. Die Crux der im Roman
zusammengeführten Stimmen ist freilich, daß sie alle von
Christa Wolf ausgehen. Das liegt in der Sache, ist kaum zu vermeiden. Man fragt
sich also, wie viele verschiedene, gegensätzliche Herzen und Seelen die
Autorin in sich auszuhalten und zu nähren vermag, man fragt sich, wie es
ihr gelingt, jeder ihrer Figuren tatsächlich eine eigene Stimme zu
geben.
Betrachtet man die einzelnen Figuren, scheint ihrer Subjektivität
zunächst durchaus Gerechtigkeit zu widerfahren. Hört man genauer zu,
bleibt statt der eigenen Stimme bloß der eigene Sprachstil. Alle Figuren
erweisen sich schließlich als Anwälte Medeas; ihre Sätze dienen
nur dazu, deren Gutsein hervorzuheben. Auch wenn sie über sich sprechen,
sprechen sie niemals für sich. So sind Medeas Feinde mit einer
erstaunlichen Lust an der Sebstdenunziation ausgestattet. Das geschieht
scheinbar ganz folgerichtig und nebenbei im Reflektieren über ihr Denken
und Tun; das Böse (respektive die Wahrheit) spricht sich eben von alleine
aus. Aber es wirkt auch, als habe jemand sie hypnotisiert, vor allem gegen sich
auszusagen. Das tun sie dann mitunter so eifrig, daß sie sich selbst
widersprechen. Agameda etwa (bereits in Medeas Monolog eindeutig als Wendehals
typisiert) schildert sich als charakterlose Konvertitin, die nur eines will: im
neuen System Karriere machen. Klar, daß sie sich also an der
Verschwörung gegen ihre frühere Lehrerin beteiligt. Als sie
später ahnt, welchen Brocken sie mit ihrem Handeln auf Medea gewälzt
hat, fragt sie sich nur kurz, ob sie auch mit diesem Wissen so gehandelt
hätte. Die Antwort ist Ja und offenbart die ganze Kaltblütigkeit
dieser Frau. Wenn Agameda jedoch anschließt: "Und sogar dann, wenn dieser
Brocken mich erschlagen würde" (S. 83), zerbricht die Logik der Figur
zugunsten der Darstellung einer doppelten Schlechtigkeit. An die Stelle des
Kalküls tritt nun blinder Haß, und gedacht war es vielleicht so,
daß der Leser beides addiert. Aber es schließt sich gegenseitig
aus, denn ein Wendehals besitzt nicht in Ansätzen jene Leidenschaft eines
Kamikaze. (Wenn Jason später von Agameda sagt, sie sei Medeas
überzeugendste Anklägerin, weil sie "sich hütete, ein einziges
Wort der Verdächtigung oder gar Bezichtigung gegen die Todfeindin
fallenzulassen" [S. 216], gleich darauf aber hinzufügt, Agameda habe
"Medeas Sorge um Glauke ein besonders perfides Mittel [genannt], an ihr Ziel zu
gelangen" [S. 217], will die Addition beider Aussagen erneut nicht gelingen.)
Zugegeben, das sind Details, die man überlesen könnte. Aber in diesen
Details verrät sich der Text. Sie lassen die Parteilichkeit der Richterin
erkennen und vermitteln dem Leser den Eindruck, Zeuge eines Schauprozesses zu
sein. Dieser Eindruck wird durch anderer stilistische Mittel gestärkt,
etwa wenn Turon (der Yuppi, dessen Skrupellosigkeit selbst Akamas, den
Fädenzieher in Korinth, anwidert) als Mensch mit "langen knochigen Fingern
und einem klebrigen Blick" und mit dem "Geruch nach fauligem Schweiß" (S.
139) geschildert wird, der sein Gegenüber aus "engbeieinanderstehenden
Augen" "anglumert" (S. 158), mit einer "Grimasse, die er für ein
Lächeln hält" (S. 160). Auch das ist etwas zuviel des Guten. Weniger
Ekelattribute hätten den Lesers vielleicht nicht so leicht auf den
Gedanken gebracht, diese Art, gegen eine Figur einzunehmen, möge nicht
ganz lauter sein.
Weniger wäre jeweils mehr gewesen. So aber spürt man zu stark ein
bestimmtes Interesse der Autorin im Blick auf die Geschichte. Christa Wolf hat
nicht wirklich jede ihrer Figuren sprechen lassen. Sie hat sie zu Marionetten
gemacht, die das gewünschte Bild der Geschichte stützen. Statt ihnen
zuzuhören, wie im Vorwort versprochen, hat sie ihnen ihre Wörter
diktiert. Das ist der Betrug, auf dem das Buch gründet. Gut und Böse
sind dadurch so sauber getrennt worden, daß Wertungen (nun von der
anderen Seite her) leicht fallen. Auch Jason, eine halbwegs ambivalent
gezeichnete Figur, erhält noch seinen Stempel, als er im Roman
schließlich Medea vergewaltigt. An dieser Schwarz-weiß-Malerei
ändert auch nichts, daß Leukon sagt, er finde "keine einzige der
Untaten der letzten Zeit, deren Zeuge ich war, bei der ich nicht beide Seiten
verstanden hätte." Denn er fügt hinzu: "Nicht entschuldigt, das
nicht, aber verstanden. Die Menschen in ihrer Verblendung." (S. 224) - und
damit hat es wieder seine Richtigkeit: hier das Recht, dort die Verblendung.
Medea aber, so Leukon weiter, ist das "unschuldige Opfer, frei [...] von
innerem Zwiespalt" (S. 224). Sie ist nicht einmal insofern problematisch, als
sie aus unüberwindlicher Liebe zu einem Fremden diesem gegen ihr eigenes
Vater- und Mutterland zum Goldenen Vlies verholfen hätte - Christa Wolfs
Medea verläßt, da der König ihren Bruder, den Thronnachfolger,
töten ließ, mit gutem Grund ihre Heimat.
Die Reinwaschung Medeas zum makellosen Opfer wurde in verschiedenen Rezensionen
Christa Wolf zum Vorwurf gemacht. Völlig zu recht, denn sie bedeutet einen
Rückfall hinter den inzwischen erreichten Diskussionsstand bezüglich
Verblendung und Verkennung. Sie ist im Grunde (feministische) Ideologiekritik,
die selbst nicht der Kritik unterzogen wird. Mit anderen Worten: aus dem Mythus
ist ein Märchen geworden.
Märchen sind gefallene Mythen, sagte Franz Fühmann in den 70er Jahren
und wandte sich mit dieser Unterscheidung gegen die groben Denkmuster
realsozialistischer Demagogen. Während der Mythus durch die
Widersprüche seiner Figuren gekennzeichnet ist (Angst und
Verlangen, gerecht und ungerecht, teuflisch und rein), sind diese
im Märchen gelöscht, indem "ihre Einheit ins Gegeneinanderstehen von
zwei autonomen und in sich homogenen Gestalten auseinanderdrieselt: der gute
Prinz da, der böse Zauberer dort" (Fühmann, Essays, Gespräche,
Aufsätze 1964-1981, Rostock 1986, S. 94). Dieser Gegensatz bedeutet nicht
mehr Widerspruch, denn die Akteure sind ganz mit sich im Reinen, und wenn der
Gute gewonnen hat, hat auch schon das Gute gesiegt. Im Märchen gibt es
immer eine Lösung ohne Rest; es vermittelt nicht die Wahrheit des Lebens,
sondern dessen Wunschvorstellungen, man kann auch sagen: Utopien. Im
vorliegenden Fall provoziert das die These, die Rückkehr zum Märchen
deute auf einen nicht überwundenen Verlust der marxistischen Ideologie
hin. Von der Demontage der alten Ideale in eine beängstigende
Orientierungslosigkeit entlassen, wird der Versuch unternommen, eine neue
Wahrheit zu finden - Medea als reines Opfer bietet die Projektionsfläche
dafür. Das ist nicht etwas, das man nicht verstehen könnte. Man
bedauert es trotzdem, denn an die Stelle der alten Verkennung und
Selbstverkennung tritt damit nur eine neue.
Das Buch, das durch seine sprachliche Eleganz, seinen flüssigen
Erzählstil sowie die in vielen Nebensätzen ausgewiesene
Beobachtungsschärfe und Lebenserfahrung der Autorin besticht,
enttäuscht zugleich, weil es im Umgang mit dem Stoff die billigere
Lösung wählt und die abgründige Medea zur lieben Frau
entschärft. Dies enttäuscht umsomehr, als Christa Wolf zu DDR-Zeiten
(auf der Basis einer `kritischen Identifikation') gerade gegen solcherart
Reduktionismus vielfach dem Sowohl-als-Auch zum Ausdruck verhalf. Man mag
Christa Wolfs Text angriffslustig nennen und in Medea die "Alice Schwarzer von
Korinth" (Volker Hage im "Spiegel") sehen. Die Entscheidung für das
Märchen ist andererseits Zeichen der Schwäche: sie bedeutet Flucht
vor den gesellschaftlichen und individuellen Widersprüchen, die im
Zeitalter postmoderner Skepsis gegen simple Antworten gerade den Mythus zum
Modell des Seins werden lassen.
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