| Erschienen in Ausgabe: No. 23 (3/2005) | Letzte Änderung: 06. Februar '11 |
von Stefan Groß
Die Kirchen in
Deutschland leeren sich, die evangelischen mehr noch als die
katholischen. Immer mehr Gotteshäuser werden „umgewidmet“,
werden Kulturstätten und Austellungsräume. Der
Kirchgang wird zum kulturellen Event, entleert jeder Form des
religiösen Bekenntnisses. Gebaut werden nur noch Moscheen.
Der Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden war die große
Ausnahme, und er war kein christlich-religiöses, sondern ein
kunsthistorisches, bzw. kulturpolitisches Ereignis. Die christlichen
Kirchen im Osten fristen nur noch eine gesellschaftliche
Randexiszenz, vergleichbar mit der SPD im sächsischen Landtag.
Nirgendwo in Europa ist die Zahl der Kirchenzugehörigkeit so
dramatisch gesunken wie in der DDR und im Osten nach der
Wiedervereinigung. Während in Amerika über 80 Prozent an
einen persönlichen Gott glauben, sind es in Ostdeutschland nur
14 Prozent.
Das Gespenst der Säkularisierung geht um. Nichts
hält sich hartnäckiger als das bewußte Eingeständnis
zum A-Religiösen. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall,
zwanzig Jahre in einer – auch in religiösen Dingen –
freien Demokratie bleibt zumindest dieses Phänomen konstant –
der bewußte Verzicht zum religiösen Bekenntnis. Vierzig
Jahre Totalitarismus, vierzig Jahre Zwangsideologie, all dies ist
verloren, dem Zeitstrom zum Vergessen gereicht. Doch: Die Ideologie
hat gewirkt – der deutsche Osten bleibt in Sachen Religion
protestantisch, er protestiert in aller Nachhaltigkeit. Fast, so
könnte man glauben, kämpft er gegen jede neue
Zwangsvereinnahmung. Die neue Freiheit, selbst wenn diese durch
Arbeitslosigkeit und Depression zerrüttet ist, gilt es zu
retten. Im frenetischen Freiheitstaumel wird das Religiöse,
zumindest in seiner christlich-kirchlichen Ausprägung,
ignoriert. Die Angst ist die Angst vor dem Zwangskorsett, vor einer
domestizierten Vereinnahmung, wie sie der pragmatische Sozialismus
praktizierte. Man fürchtet Übereinstimmungen mit dem alten
System. Alles, so der neue Imperativ der Freiheit, was sich einer wie
auch immer geprägten Autonomie andersartig verpflichtend
gegenüberstellt, schadet dem Subjekt.
Die Politikverdrossenheit, die Depression – all
dies reicht zu einem Strukturwandel der Öffentlichkeit in Sachen
religiöse Einkehr nicht aus. Statt dessen versteift man sich auf
einen Pseudo-Kommunismus, der sich nachhaltig in der
Links-Wählerschaft hält, und glaubt mit ihm die geistige
Situation der Zeit umzuprogrammieren. Das klassische Religiöse
hat dabei keine Chance, es ein Stück weit zurück zu
erobern, das kann und soll – dies haben Feuerbach aus
philosophischer Sicht und Marx und Engels aus einer antidokrinär
soziologischen Sichtweise „wissenschaftlich nachgewiesen“
– nicht gelingen.
Insbesondere an ostdeutschen Schulen hält sich der
Antireligionseffekt stoisch. Hier wird jede Resozialisation in Sachen
Religion verweigert. Ohne das eineindeutige Zugeständnis
des Lehrers, keine Überzeugungsarbeit zu leisten, an derem Ende
ein Taufbekenntnis steht, „Sie machen uns nicht religiös“,
läuft nichts. Ja, die ausdrückliche Rückversicherung
im Religionsunterricht nur geschichliche Daten zu liefern, ist
geradezu die Voraussetzung, um überhaupt Wissen zu vermitteln,
was in Anbetracht des schlechten Abschneidens bei der Pisa-Studie
auch tatsächlich notwendig ist. Die Vermittlung religiöser
Sinn- und Wertvorstellungen wird zum Kampf mit einer
Schülerschaft, die dieses Wissen radikal ablehnen, der
Mathematik- oder Sportlehrer hat es da einfacher.
Zwar weiß man von Jesu Christus, nur man verlegt
seine Existenz auch gern einmal in das 19. Jahrhundert oder datiert
diese in die Zeit des alten Ägyptens vor. Schon auf die Frage,
wer denn dieser Jesus sei – fragende Gesichter und der
Informationskampf, mehr über diesen zu berichten, wird zum
Grabenkampf gegen die Bildzeitung, die eine größere
Faszination auslöst, und gegen die man permanent streitet
und natürlich verliert. Es ist für viele junge Ostdeutsche
überhaupt unschicklich, passt überhaupt nicht in ihr
Weltbild, sich mit dem klassischen Kanon abendländischer, und
dies heißt auch christlicher Kultur zu beschäftigen.
Spätestens beim Reformationsthema ist man schockiert,
Reformation, Novemberrevolution? Immerhin ist Luther bekannt, der ja
schließlich für die Bauernaufstände verantwortlich
gewesen sein soll und in Mühlhausen enthauptet wurde – so
die überzeugte Leer-Meinung.
Doch: Gelingt es dem Lehrenden, von der tradierten, rein
funktionalen Wissensvermittlung abzusehen, und Inhalte ohne
religiösen Hintergrund zu liefern, ohne den damit verbundenen
Glaubensbezug zur Bergpredigt beispielsweise, dann wächst
Interesse, dann entscheiden sich zumindest die in der Kernzeit des
Sozialismus Geborenen zu einem kurz geführten Stellungskrieg,
dann kommt soziales Engagement und das Interesse an einer sozialeren
Gesellschaft zum Ausdruck. So sehr die Rede vom Religiösen,
insbesondere die Generation zwischen 30 und 60 erschreckt, so sehr
läßt sich mit der Idee des Humanen zumindest kurzfristig
überzeugen.
Ja, der Sozialismus war revolutionär, war
revolutionär, was zumindest die Leugnung des religiösen
Wissens betrifft. Absorbiert wurde, zumindest in DDR-Zeiten aber
nicht nur das Religiöse, sondern auch die indoktrinierte Lehre,
über die Geschichte des Sozialismus und Kommunismus ausgiebig
informiert zu sein. Auch hier schreckte jeder Informationsgewinn ab,
der durch eine starre Wissensvermittlung erkauft wurde. Religion und
sozialistischer Parteipragmatismus waren beide verpöhnt, reizten
nicht, waren nicht en vogue.
Was vom sozialistischen Bildungskanon übrig blieb,
war ein Lippenbekenntnis, das bereits 1994, als die viel gehüteten
sozialen und familieären und freundschaftlichen Bünde
zusammenbrachen, erlosch. Für das Christliche kam das
unspektakuläre Aus schon viel eher. In polemischer Absicht hatte
bereits Kierkegaard auf das Phänomen der Säkularisierung in
Dänemark hingewiesen, als er schrieb: „Jederman ist heute
Christ, ohne daß irgend jemand wirklich Christ ist. Daß
Gott in Jesus Christus Mensch geworden und in der Welt erschienen
ist, was hat dieser Glaube, der dem Verstand ewig paradox, ja, absurd
erscheinen muß, der uns nur geschenkt werden kann als eine
Gnade von oben her, dann aber einen Sprung darstellt in einen Bereich
jenseits aller Vernunft, was hat dieser Glaube, frage ich, mit jener
lauen, äußerlichen Bürgerlichkeit zu tun, in der
unsere Bürger ohne die mindeste innere Bewegung durch Taufe,
Konfirmation, Trauung hindurchgehen?“
Die Religionsferne, so scheint es zumindest, ist
genetisch und geschichtlich codiert, ist einer ganzen Generation im
Osten in die Wiege gelegt, antrainiert. Nicht nur der Kommunismus
zeitigt sich für die Absorbierung des Religiösen
verantwortlich, auch ein Blick in die Geschichte belehrt über
antireligiöse Affekte. Der deutsche Osten war
lutherisch-protestantisch. Diese von Anfang an bestehende
„Staatstreue“ der evangelischen Kirchen hat zweifellos
viel zur inneren Entleerung des Protestantismus beigetragen, wie sie
nun heute in den neuen Ländern zu beobachten ist. Lange, allzu
lange galt eben auch „der Sozialismus“ als Staatsdoktrin
und Glaube der Herrschenden, inklusive der verbissene Atheismus, und
das Volk stellte sich wohl oder übel, meist widerwillig zwar,
aber früh resignierend, darauf ein, was offenbar nicht ohne
langfristige seelische Beschädigungen geblieben ist.
Auch die Aufklärung mit ihren Zentren in Berlin und
Halle war prägend; der deutsche Idealismus mit seiner Wiege in
Jena, für die philosophische Infragestellung des Religiösen
verantwortlich. Ebenfalls war die deutsche Klassik in Weimar nicht
dem Ideal des Glaubens, sondern einer strengen Geschichts- und
Naturwissenschaft verpflichtet. Die deutsche Klassik um Goethe und
Schiller hatte wesentliche Teile der christlich-protestantischen
Botschaft in einen, wenn nicht glaubenslosen, so doch
glaubens-indifferenten, allgemein „modern-humanistischen“
Geisteskanon überführt, und in den Bildungszirkeln der
Sozialdemokratie waltete eine entschieden atheistische, „streng
wissenschaftliche“ Weltanschauungslehre, wie sie der in Jena
lehrende einflußreiche Darwinist und „Monist“ Ernst
Haeckel vertrat. Die Aussichten für traditionell christlich
orientiertes Denken und Alltagsleben standen schlecht, und der Kampf
Bismarcks nach er Reichsgründung 1871 gegen den katholischen
„Ultramontanismus“ als Störfaktor für die
in Berlin praktizierte nationale Politik tat ein Übriges.
Man
kann die Feststellung wagen: Seit etwa 1880 war der weitaus größte
Teil der Bevölkerung auf dem Gebiet der späteren DDR, also
die (im Vergleich zu anderen Ländern) gut gebildeten Arbeiter-
und Kleinunternehmermassen in Berlin, Leipzig, Halle, Magdeburg,
Merseburg, Bitterfeld, im Erzgebirge und im Thüringer Wald,
bereits weitgehend entchristlicht. Das religiöse Gefüge
wurde immer wieder gesprengt, das Licht der Aufklärung
überwucherte den Glauben.
Im Grunde bedurfte es gar nicht der Dazwischenkunft
diktatorischer, streng atheistisch ausgerichteter Regimes wie
Nationalsozialismus und Kommunismus, um die heutigen Menschen auf dem
Gebiet der ehemaligen DDR gründlich von der christlichen Kirche
und ihrer Botschaft wegzurücken. Ihre Kirchenferne ist zur Zeit
vielleicht noch etwas prononcierter als etwa in Bayern oder im
Rheinland, sie ist aber habituell dieselbe wie dort und wie in
anderen Ländern Westeuropas.
Doch, was ließe sich fragen, ist das Prinzip der
Verweigerung noch heute? Die Gründe für das ausgeprägte
Religionsdefizit sind vielfälig. Das sogenannte kollektive
Sozialgefüge, das die Idee der christlichen Nächstenliebe
sakulärisiert hat, der blinde Glaube an die Rettung durch den
Kommunismus, an ein Wertesystem, das sich zumindest vordergründig
einer sozialen Utopie verschrieb, sind zerbrochen. Der Ostdeutsche
bleibt, was soziale oder religiöse Versprechen und
Heilserwartungen betrifft, indiffernt. Was bleibt ist
Gesinnungsleere und altbewährte Alltagsflucht. Ohne es zu
wissen, stellt man sich apodiktisch auf den Standpunkt, um es mit
Hegel zu formulieren, daß man aus der Geschichte nichts lernen
kann; was bleibt ist der Versuch bescheidener Selbsterfahrung, der
sich jeder Form von Verbindlichkeit verweigert. Die neue Form des
Religiösen kulminiert in der Bindungsunfähigkeit,
im Single-Sein, denn hier muß man sich auf nichts Verbindliches
einlassen, hier ist man Mensch, hier darf man sein. Anything
goes – so auch die vielverbreitete Gesinnung im Osten. Man
flüchtet sich also lieber in Dance Floors, Events und in den, so
es möglich ist, Konsumrausch.
Doch, wie Hölderlin meinte, „Wo Gefahr ist,
wächst das Rettende auch“. Im Kleinen keimt Hoffnung.
Neben der Fitness-Religion, die als pseudokultureller Ersatz über
die Tage der Einsamkeit hinweghilft, neben dem zunehmenden Interesse
an einer mystischen Sektenkultur, die „Erlösung“
verspricht, zeigen sich gegenläufige Tendenzen. Es fällt
auf, daß sich neuerdings gerade in den neuen Ländern im
Raum der evangelischen Kirche spontan „christliche
Bruderschaften“ und „christliche Orden“
zusammenfinden und formieren, die ein von Grund auf erneuertes
Christentum anstreben, eine leidenschaftliche, aus tiefer
Lebenserfahrung gespeiste Erneuerung des Glaubens und eine
„Refom an Haupt und Gliedern“, wie sie einst auch Luther
ins Auge gefaßt hatte.
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