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Erschienen in Ausgabe: Ohne Ausgabe Letzte Änderung: 27.09.16

Schlachtenfeuerwerk im Hörsaal 101 - „Rienzi“ – die „Opera Incognita“ gibt Wagners Werk europapolitische Dimension

von Hans Gärtner

Für seine „separaten“ Orte von Bühnenwerken ist das Ensemble „Opera Incognita“ seit gut einem Jahrzehnt berühmt-berüchtigt. Diesmal wählten Regisseur Andreas Wiedermann und sein musikalischer Leiter Ernst Bartmann mit 13 Spielenden den Hörsaal 101 des Hauptgebäudes der Münchner Ludwig Maximilians Universität. „Rienzi“ von Richard Wagner (uraufgeführt 1842) stand auf dem Programm – und steht nach der Premiere am 27. August – noch dreimal drauf: am 3., 7. und 9. September jeweils um 19 Uhr.

Das Premierenpublikum brüllte vor Begeisterung. Gut 300 Fans – ob nun Wagners oder Wiedermanns – erlebten eine ebenso exzeptionelle wie experimentelle Aufführung der von Richard Wagner vertonten, hochdramatischen Geschichte vom „Letzten der Tribunen“. Dass unter ihnen so prominente „Hörer“ saßen – außer einem Ex-Staatsminister (Kurt Faltlhauser) ein Wittelsbacher (Herzog Franz von Bayern), eine Kulturmanagerin (Lydia Hartl) und eine Wagner-Urenkelin (Eva Wagner-Pasquier; s. Foto) – gab der ohnehin „speziellen“ Performance eines der drei Frühwerke des Bayreuther Meisters den letzten Kick.

Passte auch partout zum Inhalt der bombastischen, gut drei Stunden Spielzeit kostenden deutschen „Grand Opéra“ mit ihrer „Doppelbesetzung“: hier der Plebs, da die Nobili. Vor deren Vormacht im Rom des 14. Jahrhundert wollte der päpstliche Notar, einer aus dem Volk, die Ewige Stadt befreien: Rienzi, wie ihn Wagner nannte. So leicht aber, wie sich der taffe Volksführer das dachte, ging`s halt nicht – und das ziemlich verwickelte Drama nimmt seinen Lauf, letztlich zum Verderben beider Seiten. Bei Andreas Wiedermann entwickelt sich das Geschehen eigenartiger Weise, ganz anders, nämlich aus einem Ringvorlesungsprojekt der Universität zum Thema „Demokratie – schlägt Europas Herz rechts?“, pantomimisch geleitet vom Inhaber der Rolle des Orsini (Torsten Petsch).

Die Bezüge zur aktuellen Europapolitik – die Banner der einzelnen EU-Staaten bilden beidseitig die Flankierung des nicht ganz einfach zu kapierenden Geschehens in den ersten sechs für den Riesenchor und dessen Aktionen frei gehaltenen Hörsaalreihen – sind mal klar, mal etwas weit hergeholt. Vor allem ist eine Unmenge an die Frontwand projizierter Text zu bewältigen. Im Nu aber hat sich das „Volk“ geteilt, vermischt, mit Hütchen versehen und am Ende mit „Steinen“ aus Papierkugeln, die ihrem „Führer“ galten. Vom Brand des Kapitols, vom „Weltenbrand“ überhaupt, ist weniger zu sehen als zu hören gewesen. Das Ganze war, was Adolf Hitler 1929 über den Nürnberger Reichsparteitag notierte, an dem die „Rienzi“-Ouvertüre erscholl: ein „großes Schlachtenfeuerwerk“.

Gottlob ließ der zu Recht vielbewunderte und mit „irrem“ Applaus bedachte Rienzi-Darsteller Anton Klotzner (das Foto zeigt ihn bei seiner Bravour-Arie, dem Gebet „Allmächt`ger Vater…“) nur hin und wieder an Hitler denken, der bekanntlich als „Pimpf“ vom Stehparkett der Linzer Oper aus den „Rienzi“ erlebt und ihn zu seiner Lieblingsoper erklärt hatte. Klotzner verdient alle Achtung ob seiner grandiosen tenoralen Heroik, auch wenn er, der nur eine Woche Zeit hatte, sich in die ungewöhnliche Inszenierung einzufinden, seinen eigenen Text sang. Rienzis Schwester Irene, verbandelt und verstrickt mit dem Sohn des Adeligen Colonna (Martin Summer), wurde von Tanja Christine Kuhn mit überwältigender Akkuratesseund glühendem, sattem Sopran gesungen und hinreißend gespielt. Morgen muss die junge Dame nach Bayreuth, um die Senta zu geben! An stimmlicher und darstellerischer Intensität war ihr Carolin Ritter (Colonna-Sohn Adriano) mit herrlich rundem, zündendem Mezzosopran ebenbürtig. Die von allerlei akademischen Overhead-Folien-Botschaften illustrierte Friedensbotschaft vernahm man von der angenehmen Inger Torill Narvesen.

Wie der Kontakt des sechzig „Mann“ starken, aus voller Kehle und mit hohem Körpereinsatz alles gebenden Chores zum oben seitlich sitzenden, mit orchestraler Wagner-Feierlichkeit nicht sparenden, ihrem Leiter Ernst Bartmann treu ergebenen Orchester(lein) gelang, ist wohl das Geheimnis derer, die das Wagnis „Opera Incognita“ eingingen. Für jeden Theaterkenner ist allein dieses Kontakt-Moment ein Wunder für sich. Hoffentlich findet man in Straubing bzw. Dorfen (wo es einen Freundeskreis Opera Incognita e. V. gibt) noch weitere unsägliche Ortstermine für Opern-Raritäten und Stücke-Ausgrabungen. ( Fotos: Hans Gärtner)

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