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Erschienen in Ausgabe: No. 37 (3/2009) Letzte Änderung: 06.04.09

Adolf Meyer (1881-1929) - die rechte Hand von Walter Gropius (1883-1969)

von Annette Seemann

Wieso hat man den Namen Adolf Meyers, wenn vom Bauhaus die Rede ist, im Grunde nicht parat? Immerhin arbeitete dieser wohl ausgebildete Architekt, Designer und Möbeltischler zusammen mit Walter Gropius schon von 1910 bis zum Ersten Weltkrieg und dann wieder in der gesamten Weimarer Bauhauszeit 1919-1925. Er war der sogenannte zweite Mann und außerordentlicher Professor am Bauhaus, und bereits hier sollte man aufmerken. Wieso außerordentlich? Zwischen Walter Gropius und Adolf Meyer lagen Welten, was ihre Herkunft, ihr Auftreten, ihren Anspruch anging, und das ist der erste Schlüssel zum Verständnis von Adolf Meyers „unscheinbarer“ Existenz am Bauhaus: Aus einer Handwerkerfamilie in der Eifelstadt Mechernich, einem streng katholischem, fest gefügten Milieu stammend, war Adolf Meyer von dem sich aus einfachen Verhältnissen zum Hüttenchemiker heraufgearbeitet habenden Vater, dessen gesellschaftliches Leben höchstens im Kirchenvorstand und Gemeinderat stattfand, geprägt und für eine Handwerksausbildung vorgesehen worden. Aufgrund seines besonderen Zeichentalents sollte dies die Kunsttischlerei sein. Der Junge begann nach 8 Jahren Volksschulbildung – er war dreizehn -- eine ungeliebte Lehre, doch zum Glück bewilligte ihm der Vater zusätzlichen Unterricht bei einem technischen Zeichner am Ort.
Dagegen und ganz anders Walter Gropius kam aus einer Familie, die über Generationen in Berlin ansässig war, Vermögen angesammelt hatte, die bildungsbewußt war, liberal sogar (und dies zur Kaiserzeit), die zu verschiedenen Zeitpunkten Architekten hervorgebracht hatte, darunter Walters Großonkel, den Erbauer des „Gropius-Baus“ Martin Gropius, aus einer Familie, in der man reiste und die gesellschaftliche Kontakte pflegte. Walter besuchte erst ein private Grundschule, dann ein renommiertes humanistisches Gymnasium. Daß er Architekt werden wollte, gehörte quasi-genetisch zu ihm. Dumm nur war eines: Der junge Mann hatte mit der Hauptfertigkeit eines künftigen Architekten massive Schwierigkeiten, nämlich mit dem Zeichnen. Er verkrampfte sich, sobald er einen Stift in der Hand hatte und nicht schreiben sondern zeichnen sollte, es gelang ihm noch nicht einmal, ein einfaches Regal auf ein Blatt zu bringen. Wenn er jedoch seine Entwurfsideen erklären sollte, in freier Rede, darüber referieren sollte, wie er sich die Behausungen von Arbeitern oder ihre Arbeitsplätze künftig vorstellte, dann war seine Eloquenz so mitreißend, daß andere die Häuser und Fabriken förmlich schon vor sich sahen. Gropius begeisterte nicht nur sich selbst, sondern alle Zuhörer durch seine zunächst utopischen, auch an sozialen Idealen orientierten verbalen Entwürfe. Das Studium der Architektur jedoch, das er in München begonnen hatte, empfand er im Vergleich zu den wahren Bauaufgaben, die schon dem Erstsemesterstudenten sein Onkel, Gutsbesitzer in Pommern, übertragen hatte, als fade und wirklichkeitsfremd. Daher war es nur natürlich, daß der ehrgeizige, kämpferische Heißsporn die Hochschule schon 1907 verließ. Standesgemäß trat er zunächst einmal eine Studienreise nach Spanien an.
Wie anders Adolf Meyer, der nach Abschluß seiner Tischlerlehre mit 16 Jahren Mechernich verließ, um auf der Handwerkerwanderschaft im Rheinland Erfahrungen in verschiedenen Werkstätten zu sammeln, wobei er sich klug immer solche aussuchte, die moderne Arbeitsgeräte und Techniken einsetzten sowie neue Gestaltungsstile ausprobierten. Gleichzeitig lernte er in den Abendklassen der jeweiligen Fachschulen weiter. In der Freizeit zeichnete er schon jetzt bereits Architektur.
Ebenso wie Walter Gropius hatte damals auch Adolf Meyer begriffen, daß der freiwillige Militärdienst eine Sprosse im sozialen Aufstieg bedeutete. Anders aber als Gropius, dem es 1904 sogar gelang, in einem eigentlich nur Adligen vorbehaltenen Husarenregiment ausgebildet zu werden, leiste Meyer (1901-1903) seinen Dienst beim Gardepionier-Eisenbahnregiment Berlin-Schöneberg, das stark mit Freiwilligen durchsetzt war. Die dortige technische Ausbildung (es ging um den Bau von Feldeisenbahnen, den Brückenbau und Einsätze bei der Eisenbahn selbst) gefiel Meyer, denn er lernte dort erstmals zu konstruieren: Dies war die Richtung, in die es für ihn gehen sollte. Doch zunächst versuchte er sich auf einem Mittelweg: Um die Kunsttischlerei nicht völlig beiseite zu schieben, schrieb er sich bei der Kunstgewerbeschule in Köln ein und nahm dort 1903/04 das Studium auf. Er war auf die Klasse der Möbel- und Bautischlerei verwiesen worden, denn nur diese erkannte ihnals vorgebildeten Studenten an. Diese Ausbildung war wiederum sehr auf das Zeichnen in allen Facetten orientiert, auf Fach-, Ornament, und geometrisches Projektionszeichnen, wobei zahlreiche weitere Fächer wie auch Raum- und Konstruktionslehre den Unterricht ergänzten. Meyer leckte Blut, er war sehr fleißig und begabt, strebte jetzt an, Architekt zu werden und schrieb sich daher an der damals avantgardistisch ausbildenden Düsseldorfer Kunstgewerbeschule ein, wo er 1904-1907 unter Peter Behrens als Direktor und unter Jan L. M. Lauweriks als inspirierendem Lehrer studieren sollte. Durch ihn beeinflußt begann sich Meyer auch für mystisch-spirituelle Grundlagen des Bauens zu interessieren. Speziell die Theosophie in der Nachfolge Helena P. Blavatskys war der Fundus, aus dem der Holländer Lauweriks schöpfte und für seine Arbeit nutzbar machte. So war Bauen für ihn ein quasi-heiliger Akt, einer kosmischen Ordnung verpflichtet und daher fast heilig. Entsprechend unterrichtete er „geistiges Bauen“, das sich in der Anwendung von „natürlichen“ Proportions- und Entwurfslehren widerspiegelte, so der Triangulations- und der Quadratur-Methode. Meyer lernte hier etwa, wie alle Einrichtungsgegenstände eines Raums in Harmonie mit dessen eigenen Proportionen zu stehen habe, damit eine allgemeine Harmonie der Verhältnisse dadurch entwickelt würde.
Das Frappierende, das sich aus dieser knappen Gegenüberstellung der Bildungsgänge der beiden späteren Architekten am Bauhaus Weimar für Meyer ergibt, ist sein absoluter Bildungswillen, begründet sicherlich in der Verweigerung von mehr als rudimentärer Ausbildung durch den Vater, dagegen eine fast arrogant erscheinende Verweigerung der akademischen Bildung bei dem in dieser Hinsicht wahrscheinlich übersättigten jungen Walter Gropius -- die Tatsache, daß er nie einen vollwertigen Hochschulabschluß erworben hatte, ließ er in der Zukunft vornehm immer unter den Tisch fallen.
Doch was geschah, als diese beiden Männer, die man sich unterschiedlich gar nicht denken kann, wie es der Zufall so wollte, im Jahr 1907 im Berliner Büro just des Peter Behrens, der die Düsseldorfer Stelle aufgegeben hatte, aufeinandertrafen? Adolf Meyer, dem endgültig das Geld ausgegangen war, der aber schon ein fertiger Architekt war, was das technische Entwerfen anging jedenfalls, und Walter Gropius, der genau das nicht konnte, aber die tollsten Ideen hatte, was und wie zu bauen wäre und der ja wirklich schon einige Gutshäuser etc. in Pommern sozusagen gebaut, bzw. den Bau derselben geleitet hatte.
Es kam, wie es kommen mußte: Gropius war sofort Intimus des Meisters Behrens und ging auch privat bei ihm ein und aus, spielte etwa mit Tochter Petra Tennis. Da der Meister aber gleich merkte, worin Gropius aber Schwierigkeiten hatte, spannte er ihnmit dem ebenfalls ehrgeizigen, verbal sehr zurückhaltenden und ernsthaften Meyer zusammen, und so begann die für Gropius ab sofort typische Zusammenarbeit. Er sprach, entwickelte verbal die Ideen, Meyer machte eine Skizze, die Gropius kommentierte, verbal verbesserte, worauf Meyer die Skizze überarbeitete und Gropius dies wiederum zum Ausgangspunkt nahm, um wieder verbal Veränderungen anzuberaumen, die Meyer einfügte – sowie seine eigenen Gedanken…ein schier unendlicher Prozeß, der nur durch den Fleiß und die ZuverlässigkeitMeyers jemals zu Ergebnissen führte.
Kurz und gut: im Büro von Peter Beehrens wurde die Methode geboren, die zeitlebens für Walter Gropius, den berühmten Architekten des „Neuen Bauens“ oder „Internationalen Stils“ gelten sollte. Die Entwurfspraxis als reinen Diskurs gedacht, umgesetzt durch geduldig hinhörende und mit dem Zeichnebrett vertraute „Mitarbeiter“, die später so wie Marcel Breuer oder Konrad Wachsmann anders als Adolf Meyer, zum Glück auch als Partner angesehen wurden. Damals, in seinen arroganten Anfangsjahren, hat Faust-Gropius Meyer wahrscheinlich als seinen Wagner angesehen, unwürdig, bei einem Entwurf aus „Seiner“ Feder genannt zu werden.
Dies lies sich Meyer lange gefallen, aber es verstörte den redlichen Architekten mit der Zeit gewaltig. Denn wenn es immer heißt: Gropius baute 1911 das Fagus-Werk in Alfeld an der Leine mit der innovativen curtian wall, einer mit Glas inEisenrahmen hochgezogenen Wand über alle drei Stockwerke, die sogar um eine Gebäudeecke herumschwingt, denn Gropius wollte den Arbeitern Licht in die bislang zu dunklen Fabrikhallen bringen, ein Symbol für ihre Würde als Arbeiter, so war dies gut und schön und hatte eine perfekte Außenwirkung, aber die Würde von Adolf Meyer als Architekt, dessen Name auch genannt werden sollte, stand nicht zur Debatte. Andererseits: Gropius wußte, daß er alleine nie in der Lage gewesen wäre, seine Ideen zu Papier zu bringen. Später wiegelte er diesbezüglich ab: ein Zeichner sei eine austauschbare Figur und Meyer sei immer sein Angestellter gewesen, Atelierleiter wohl, aber nie ein Partner.
So ging es weiter. Gropius, so sagte er selbst, nachdem er zahllose Möbel entworfen, Innenräume designt, Schlafwagen, Schiffsausstattungen kreiert hatte (aber immer war dieselbe Arbeitsgemeinschaft Gropius-Meyer am Werk!), baute 1914 für die Kölner Werkbundausstellung mit der Vorgabe einer aus Berlin angekauften Maschinenhalle eine Musterfabrik im Stile seiner „Monumentalbaukunst“. Im Klartext: Adolf Meyer hatte das Wunderwerk entworfen, was Gropius denn auch zeitlich das Luftloch bot, als Hans Dampf in allen Gassen in Köln rebellische Thesen in der Gruppe der Gestalter und Architekten zu äußern, und das katapultierte ihn gleich noch eine Stufe höher in der Wertschätzung aller, so auch Henry Van de Veldes, den er in Köln damals kennenlernte. Eine folgenschwere Begegnung. Adolf Meyer war vermutlich nicht dabei, weil er wie immer am Reißbrett saß und im Namen von Gropius entwarf…
Eine Ungerechtigkeit? Ja. Eine Ungerechtigkeit vor allem, die im diametralen Widerspruch zu dem stand, was Gropius für jeden Menschen proklamierte: Würde, Gleichberechtigung, Platz und Licht. Adolf Meyer sollte jedoch keinen Platz haben, kein Licht, im Rampenlicht wollte Gropius alleine stehen.
Dann kam der Erste Weltkrieg und Gropius wurde gleich zu Anfang für sein feines Husarenregiment reklamiert. Bescheiden wickelte daher Meyer das Büro Gropius ab, als Gropius im August 1914 ins Feld zog und schon bald, nachdem er drei Tage verschüttet gewesen war, mit dem Eisernen Kreuz zu dem Ritter geschlagen wurde, der er schon ohnehin war. Bescheiden begab Meyer sich, wie schon in seiner Kriegsdienstausbildung, zu einer technisch orientierten Einheit auf die Insel Borkum und baute Befestigungsanlagen, 1916 wurde er wegen seiner Kenntnisse in Verdun beim Eisenbahn-Bau-Büro eingesetzt. Er kehrte im November 1918 nach Berlin zurück und etablierte sich dort zunächst als freier Architekt.
Es war Walter Gropius, erneut, der im Februar 1919 auf Meyer zuging, weil er den Ruf nach Weimar annehmen wollte, um dort das Bauhaus zu bauen und um gleichzeitig das private Architeketurbüro Walter Gropius weiterführen zu können. Wie sollte das eine gehen und das andere dazu, das ohnehin bisher nur mit Adolf Meyer gegangen war? Hier begriff Meyer erstmals, daß er am längeren Hebel saß. Und anders als früher, als er noch nicht genug Leidensdruck angesammelt hatte, sprach er es trotz seiner extremen Bescheidenheit endlich auch einmal aus: Daß er nicht mehr unterschlagen werden wollte, daß auch die Vorkriegsarbeiten, die er mit Gropius gemeinsam entwickelt hatte, in Zukunft unter Walter Gropius und Adolf Meyer“ publiziert werden sollten, etc.
Und Gropius, der keine andere Möglichkeit hatte, mußte akzeptieren, denn einen anderen Wagner-Meyer in Reichweite, der verstand, was er meinte und es kongenial umsetzen konnte, gab es damals nicht. Gropius stimmte also zu, aber er dachte sich eine subtile Gemeinheit aus, indem er nämlich ab sofort alle bisherigen und neuen Arbeiten unter „Walter Gropius mit Adolf Meyer“ statt, wie Meyer es vorgeschlagen hatte „und“ als Konjunktion zu verwenden, publizierte, ganz als wäre Meyer ein Arbeitsinstrument oder ein unmündiges Kind.
Meyer seinerseits aber fand die Weimarer Bauhausidee so interessant, daß er sich erneut auf den schwierigen Partner, der eigentlich nur Meister sein wollte, einließ und in Berlin die Zelte abbrach. Ab nach Weimar, in das Bauhaus, wie ab sofort das Kunstschulgebäude, das Henry Van de Velde 1904 und 1911 in zwei Bauphasen errichtet hatte, zusammen mit dem Werkstattgebäude ebenfalls von Van de Velde hieß.
Es wurde wirklich spannend in Weimar, Gropius berief die interessantesten avantgardistischen Künstler, Feininger, Marcks, Itten, Klee, Schlemmer, später Kandinsky und Moholy-Nagy, und Meyer, der immer eine Nase für die Avantgarde gehabt hatte, kam dabei intellektuell, künstlerisch und als Pädagoge auf seine Kosten. Seine Arbeitsauslastung wuchs sich bald schon zu Überlastung aus, denn nicht nur leitete er das private Büro von Gropius ganz allein (der Meister hatte darin noch nicht mal einen eigenen Raum), sondern er erledigte auch Vorlesungsaufgaben, die Gropius zeitbedingt nicht wahrnehmen konnte, unterstützte die Studenten bei ihren Werkzeichnungen und organisierte, daß die Befähigten unter ihnen auch bei den privaten Aufträgen des Büros Gropius eingezogen wurden, denn: obwohl die ganze tolle Schule den Namen Bauhaus trug, fehlte ihr eines, nämlich die Architekturfakultät bzw. –Werkstatt, wie es am Bauhaus ja hieß. Und damit Meyer auch ja keine Begehrlichkeiten entwickelte, eine solche zu errichten, was ja Gropius wollte, der nur vor lauter Spendeneinwerbungen, Vortragsverpflichtungen etc. keine Zeit dazu hatte, war Meyer eben außerordentlicher Professor. Schon gegen 1923 war es so, daß Meyer nur nachts überhaupt dazu kam, die kreative Arbeit, sprich: Entwürfe zu machen. Der Tag zerrann ihm unter den Fingern, denn die große Bauhaus-Ausstellung 1923 stand vor der Tür, die große Leistungsschau des Bauhauses, die dem Land Thüringen, das ja Subventionsgeber war, demonstrieren sollte, daß es nicht nur vegetarisch-bolschewistische öder jüdische Nichtsnutze waren, die hier in seltsamen Trachten und mit Glatze (die Männer) oder Bubikopf (die Frauen) herumwirbelten und den ruhigen Weimarer Bürger aufmischten, sondern vielfach begabte Vorreiter in neuem Design und neuem Bau. Und jetzt baute das Bauhaus wirklich, nach einem Entwurf von Georg Muche, der eigentlich Maler war und zuvor noch nie ein Haus entworfen hatte. Meyer war der Koordinator all der Ausstellungsaktivitäten und darüber hinaus mußte er die inflationsbedingt schreckliche Buchführung zu der Errichtung dieses einzigen Bauhausbaus in Weimar, des sogenannten Versuchshauses am Horn (es steht noch! Es kann besichtigt werden!) bewältigen, das der launige Berliner Investor Adolf Sommerfeld zwar finanzierte, aber aufgrund der ständigen Verteuerung mit immer sarkastischeren Briefen begleitete… kurzum: Adolf Meyer hatte nicht nur einen, sondern gleich viele furchtbare Jobs zu bewältigen, und mehr und mehr wurde ihm (wie auch den übrigen Meistern am Bauhaus), deutlich, daß der politische Rechtsruck im Verein mit der Weltwirtschaftskrise nichts Gutes für die Avantgarde-Schule bedeutete.
So war es auch. Und Gropius, trotz all seiner vielfältigen Verbindungen, konnte es diesmal auch nicht richten. 1924 war es der Willen der neuen Thüringer Regierung, das Bauhaus nicht mehr mit neuen Verträgen zu verlängern, sodaß sich selbiges zum 1. April 1925 auflöste, jedenfalls in Weimar. Gropius hatte einen neuen Standort aufgetan, im damals noch fortschrittlichen Dessau, und lud alle Meister ein, mit ihm zu übersiedeln, den Namen Bauhaus erstritt er sich in einem Prozeß und nahm ihn mit.
Jetzt lehnte Adolf Meyer ab. Er wollte nicht mitgenommen werden, er hatte einfach genug und stellte sich vor, zunächst als Architekt in Weimar privat tätig werden. Doch innerhalb eines halben Jahres konnte er keinen einzigen Auftrag aquirieren, was auf den schlechten Ruf des ultramodernen Bauhauses in der provinziellen Stadt zurückzuführen war, sodaß selbst bauwillige Menschen, wenn der Name des Architekten und „früheren Bauhausmeisters“ fiel, keine Baugenehmigung erhielten.
So sah sich Meyer gezwungen, Weimar den Rücken zu kehren. Frankfurt, die Stadt am Main, in der das „Neue Bauen“ dank solch fortschrittlicher Geister wie Ernst May, Ludwig Landmann und Bruno Asch, sollte sein neuer Standort sein, Adolf Meyer wurde dort 1926 im Hochbauamt der Stadt Baurat, im Nebenberuf war er Lehrer an der Frankfurter Kunstgewerbeschule.
Die Bauten, die er jetzt schuf, unterschieden sich sehr von denen, die er in Zusammenarbeit mit Gropius entworfen hatte: sie besaßen weniger künstlerische Allüre, waren funktional, sehr solide und immer mit den neusten Werk- oder Baustoffen und neuen Techniken entwickelt.
Gropius seinerseits machte nun auch eine neue Entwicklung durch: Als ob er es Meyer beweisen wollte, daß er auch mit einer anderen „zweiten Hand“ hervorragende, ja bessere Bauten als in der Phase der Zusammenarbeit mit Meyer errichten könne, (sein neuer zweiter Mann war der ehemalige Mitarbeiter des Weimarer Büros Carl Fieger, auch er ebenso wie Meyer ein außergewöhnlich guter Zeichner) gelangen ihm mit den Meisterhäusern in Dessau sowie dem dortigen noch exisiterenden Arbeitsamt für die Architektur des 20. Jahrhunderts maßstäbliche und auch künstlerisch bedeutende Gebäude, während die Bauten, die Meyer schuf, die Kokerei des Gaswerks in Frankfurt oder das Elektrizitätswerk dort, zwar notwendige Nutzbauten waren, aber keinerlei künstlerischen Anspruch stellten. Dies unterschied die beiden Männer ab sofort.
Leider hatte Meyer nicht mehr viel Zeit, um zu zeigen, wie es bei ihm weiterging: Sein Lebensende kam abrupt, viel zu früh, tragisch zu nennen: Er ertrank 1929 während eines Sommerbadeurlaubs auf der Insel Baltrum, als er in eine Strömung geraten war. Beklagenswerterweise sind auch zahlreiche wichtige Dokumente seines Schaffens, die 1926 noch vorhanden waren, etwa die Mappe mit all seinen Vorkriegsentwürfen, verschwunden, und auch sein Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof ist in den 1970er Jahren eingeebnet worden, sodaß von dieser im wahrsten Sinne des Wortes „rechten Hand“ von Walter Gropius wirklich nicht mehr allzu viel übrig zu bleiben scheint, gäbe es nicht die vielen wegweisenden Gebäude, Inneneinrichtungen, Möbel, Öfen, Türklingen etc., allen voran die mit Gropius vor dem Krieg entwickelten Gebäude der Fagus-Fabrik und des Werkbundgebäudes in Köln (leider wurde es schon in den 1930er Jahren abgerissen), die von Adolf Meyers großem Talent, seinem Fleiß und seiner Ernsthaftigkeit Auskunft geben.
Auch die Literatur zu Adolf Meyer ist natürgemäß rar. Die Bauhaus-Forscherin Annemarie Jaeggi hat das einzige monographische Werk zu diesem Meister der Weimarer Zeit des Bauhauses verfasst:Adolf Meyer – Der Zweite Mann. ein Architekt im Schatten von Walter Gropius, Bauhaus-Archiv Berlin, Argon Verlag, Berlin 1994.

Von Annette Seemann erschien zuletzt: Aus Weimar in alle Welt - Die Bauhausmeister und ihre Wirkung, Seemann Verlag, Leipzig 2009. ISBN: 978-3-86502-183-0.

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