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Erschienen in Ausgabe: Ohne Ausgabe Letzte Änderung: 27.10.16

Leidensweg einer Königs-Mätresse - Matthew Polenzani – Superstar des Saison-Auftakts 2016/17 der Bayerischen Staatsoper

von Hans Gärtner

Die eine hat in Salzburg „erst begriffen, was Musiktheater für einen Reichtum hat“, die andere lieferte im dortigen Großen Festspielhaus ihre erste „Favorite“ ab, vor zwei Jahren, konzertant (s. Foto). Zwei starke Frauen mittleren Alters des zeitgenössischen Opernmetiers: Amélie Niermeyer und Elina Garanca. Zu Gaetano Donizettis Belcanto-Werk „La Favorite“, 1840 in Paris uraufgeführt und vor gut 100 Jahren am Münchner Nationaltheater zuletzt inszeniert, trafen sich beide, um damit hier die Spielzeit 2016/17 zu eröffnen. Als Regisseurin die Deutsche, als Titelheldin die Lettin, ihr Gatte am Pult des Bayerischen Staatsorchesters.

Der fällt gleich als sportiver, wenige Finessen bereithaltender Taktschläger in Aug und Ohr: Karel Mark Chichon. Alexander Müller-Elmaus verschwommene, spannungslos ewiggleiche Bühne mit hohen beweglichen Stellwänden – mal Königspalast, mal Kloster – wird vier Akte drei Stunden lang trüb bleiben. Abgesehen von unablässigem Stuhl-Gerücke und gespenstisch mobiler angestrahlter Heiligenfiguren um einen blutüberströmten zentralen Kruzifixus. Da hätte sich der Zuschauer gern an einen befeuernden Dirigenten gehalten, der den ganzen Abend durchgehaltene Dynamik und Energie verströmt. Donizettis politisch aufgeladenen Belcanto versuchte Chichon mühsam zum Leuchten zu bringen, pastos einzufärben und der Düsterheit des Leidenswegs einer schuldbewussten schönen Frau Kolorit und Klarheit zu schenken.

Erzählt wird, in Kirsten Dephoffs Gewändern von 2016, die mittelalterliche Geschichte der mythischen Léonor de Guzman, Mätresse Alfonsos XI. von Kastilien. Im Ränkespiel um die Macht im katholischen Spanien des 14. Jahrhunderts wird des Königs favorisierte Mätresse zermalmt. Drückender Pessimismus liegt über der von Donizetti meisterhaft musikdramatisch umgesetzten Grand Opéra, die im französischen Original gesungen wird. Der junge Fernand entsagt seinen Mönchs-Gelübden, um die angehimmelte Léonor zu besitzen. Das Intrigenspiel, so wenig bis ins Detail durchschaubar wie die nebulose Szenerie, nimmt bald groteske, bald lyrische, endlich Todessehnsuchts-Züge an, im Machtkampf von Staat und papistisch getränkter Kirche. Auch wenn Fernand am Ende – Léonor ist längst tot – das Kloster nach links hinten verlässt, ist auch er ein unerlöstes Opfer dieses Ränkespiels.

Für die mit Familie in Südspanien lebende große Elina Garanca birgt das historische Thema gewissermaßen hautnah nachempfindbaren Zündstoff. Sie hält sich, blendend bei Stimme, von hohem Wuchs und apartem Adel, stark zurück. Den Erfolg fährt dieser Neuinszenierung aber der US-Amerikaner Matthew Polenzani ein: ein angenehmer lyrischer Charaktertenor von Flair und Frische eines jungen Pavarotti. Super! Mit verzaubernd schönen Kantilenen, bis hinauf in schwindelnde Höhen. Er gibt einem zerrissenen Novizen glaubhafte Gestalt, der sich ein Leben an der Seite einer Frau wünscht statt ein Leben lang auf dem Betschemel zu knien. Den Polen Mariusz Kwiecien, der in München schon einen gefeierten Don Giovanni gab, erleben wir als gerissenen, sich heillos selbstüberschätzenden Alphonse – ein baritonal draufhauendes, kindisch-königliches Choleriker-Scheusal. Grandios, auch als Regie-Einfall, seine Szene mit Garanca vor dem imaginären Film der der Mätresse zu Ehren gegebenen Festlichkeit! Als Léonor-Vertraute Inès erfreute Sopranistin Elsa Benoit, als Balthazar Edelbass die Abend-Entdeckung Mika Kares, als Gaspard fügte sich Joshua Owen Mills perfekt ins Niermeyer-Konzept. Sören Eckhoff polierte seinen erneut hochpräsenten Staatsopernchor – die Herren mal Mönche, mal Höflinge, die Damen immer Spielbälle eines verwöhnten Herrschers – auf Hochglanz. Mäßiger Premieren-Applaus.

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