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| Erschienen in Ausgabe: No 39 (5/2009) | Letzte Änderung: 10. Mai '09 |
von Gesine Schwan
Unser Land ist in eine tiefe Krise geraten. Diese Krise betrifft jedoch
nicht nur die Finanzmärkte oder die Wirtschaft, wie es auf den ersten Blick den
Anschein haben könnte. Ihre Ursachen liegen meiner Auffassung nach wesentlich
tiefer. Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise ist für mich in ihrem
Kern eine Kulturkrise, weil die Gründe für ihre Entstehung in fast allen
Gesellschaftsbereichen zu finden sind. Zusammengefasst lautet meine Diagnose: Wir
haben in unserem Land über Jahre hinweg einer Kultur der entfesselten
Konkurrenz und der daraus folgenden Verantwortungslosigkeit die Herrschaft
überlassen. Marktradikalität, Deregulierung und Entstaatlichung, das wissen wir
heute, sind nur andere Worte für eine unverantwortliche Laissez-faire-Politik.
Deren Folgen bekommen wir nun eindringlich vorgeführt.
Wir haben in unserem Land über Jahre hinweg einer Kultur der
entfesselten Konkurrenz und der daraus folgenden Verantwortungslosigkeit die
Herrschaft überlassen.
Einen wirklichen Ausweg aus der Krise finden wir nur, wenn wir es wagen,
ihre Ursachen ganzheitlich in den Blick zu nehmen. Von einer solchen
systemischen Betrachtung sind wir momentan noch weit entfernt, denn wir
konzentrieren uns auf die Zukunftsfähigkeit einzelner Branchen oder die Fehler
einzelner Akteure. Individuelles Fehlverhalten und auch die individuelle
Haftung steht bei vielen Managern außer Frage, doch wir müssen sehen, dass sie
in einem System „funktioniert“ und gemäß dessen Regeln agiert haben.
Handlungen, die aus heutiger Sicht zum Kollaps des globalen Finanzsystems
geführt haben, wurden in diesem System jahrelang begünstigt und honoriert.
Deswegen ist auch die Gier, die jetzt überall angeprangert wird, das falsche
Stichwort für die Aufarbeitung der Krise. Auch künftig kann und wird es in der
Finanz- und Wirtschaftspolitik nicht um die moralische Verdammung menschlicher
Gier gehen. Wir müssen stattdessen politisch die Einhaltung von Regeln
durchsetzen, welche die Transparenz und damit die Funktionsfähigkeit der Märkte
sicherstellen. Und wir müssen dabei wieder für mehr Gerechtigkeit sorgen. Denn
die Privatisierung der Gewinne bei gleichzeitiger Sozialisierung der Verluste
ist ein Vorgang, den die Menschen nicht ewig hinnehmen werden.
Auch künftig kann und wird es in der Finanz- und
Wirtschaftspolitik nicht um die moralische Verdammung menschlicher Gier gehen.
Wir müssen stattdessen politisch die Einhaltung von Regeln durchsetzen, welche
die Transparenz und damit die Funktionsfähigkeit der Märkte sicherstellen.
Wenn also Analyse statt „Moralin“ gefragt ist, richtet sich diese Forderung
zunächst an die Verursacher der Krise selbst. Das Vertrauen in die Finanzwelt
kann erst wieder hergestellt werden, wenn sich die Verantwortlichen ihren Fehlern
stellen und diese auch offen legen. Wir brauchen ernsthafte Beiträge aus dem
Kreis der Finanzindustrie darüber, wie es eigentlich zur Krise kam und mit
welchen Änderungen im System man einer Wiederholung vorbeugen kann. Die
Minimalstandards sind hierfür schon häufig benannt worden: Dringend nötig sind
Transparenz in den Bilanzen, das Verbot von Scheinbanken, die Austrocknung von
Steueroasen, eine bessere Kontrolle der Finanzmärkte sowie eine
Managervergütung, die sich auch an Prinzipien der Nachhaltigkeit orientiert.
Eine Aufarbeitung der Krise darf aber nicht bei den Banken und der
Finanzwelt halt machen. Wir müssen fast alle gesellschaftlichen Bereiche einer
Revision unterziehen: Im Zentrum steht für mich hier die Bildung. Leider setzen
wir auch bei der Bildung seit langem nur noch auf die entfesselte Konkurrenz:
gefördert wird vor allem, wer sich im Wettbewerb gegen die anderen durchsetzt.
Damit haben wir eine Kultur geschaffen, die Bereicherung mit Leistung
verwechselt und Egoismus zum Zentralprinzip allen Handelns erklärt. Egoismus
ist aber nur dann moralisch zu rechtfertigen, wenn er im Ergebnis allen und
nicht nur dem Einzelnen nutzt. Wir brauchen einen Neuanfang in der Bildung, der
auf das Miteinander der unterschiedlichen Talente und Charaktere zielt. Unsere
Institutionen müssen wieder echte Verantwortungsträger ausbilden. Dafür gilt
es, das vorherrschende Effizienzprinzip in Bildung und Ausbildung zu
durchbrechen und auf allen Ebenen wieder Freiräume für Nachdenken und
spielerische Experimente zu schaffen. Nur so gewinnen wir Potenziale für
Innovationen.
Eine Aufarbeitung der Krise darf aber nicht bei den Banken
und der Finanzwelt halt machen. Wir müssen fast alle gesellschaftlichen
Bereiche einer Revision unterziehen.
Handlungsbedarf sehe ich auch bei den Wirtschaftswissenschaften, die bei der
Vorhersage der Krise versagt haben. Wir brauchen dringend eine Pluralisierung
der Wirtschaftswissenschaften. Die Vielfalt der Ansätze und
Betrachtungsperspektiven, welche gerade die deutsche Wirtschaftswissenschaft
einst ausgezeichnet haben, muss sich auch bei der Besetzung von Lehrstühlen und
im Ausbildungskanon widerspiegeln. Gerade viele der gängigen MBA-Programme sind
reine „Karriere-Turbos“, die ihre Absolventen vielleicht in Unternehmen
handlungsfähig machen, ihnen aber keine ethische oder politische Verantwortung
nahebringen. Auch das hat zur Entstehung der gegenwärtigen Krise beigetragen.
Insgesamt gilt: Gemeinsam müssen wir gegen die Kultur der entfesselten
Konkurrenz und der kollektiven Verantwortungslosigkeit angehen, die gerade die
Eliten erfasst hat. Die laxen Haftungsregeln für Manager etwa sind schwer
vermittelbar, wenn man sich überlegt, wie weit ein Hartz-IV-Empfänger sein
Vermögen aufzehren muss, bevor er staatliche Unterstützung bekommt. Auch dies
zeigt: Wir haben die Solidaritätsgefühle in unserer Gesellschaft in den
vergangenen Jahren vielerorts durch eine Ethik der Leistung ersetzt, in der
sich jeder selbst der nächste ist. Eine Klima des Egoismus aber schlägt schnell
in eine Kultur der Verantwortungslosigkeit um. Wir müssen dieser die Prinzipien
der Solidarität und der Gerechtigkeit entgegensetzen. Eigenverantwortung
sollten wir künftig als Selbstbestimmung, nicht als Leistungszwang definieren.
Doch auch unser Denken müssen wir verändern und es wieder für die Vielfalt
möglicher Zukunftsentwürfe öffnen. Durch die Orientierung an vermeintlichen
Sachzwängen haben wir das Denken in Alternativen verlernt. Antizipierende
Krisenbewältigung aber kann nur funktionieren, wenn man unterschiedliche
Entwürfe und Modelle abwägt. Die Komplexität unserer globalisierten Welt
verlangt, Ursachen und Wirkungen zu einem größeren Bild zusammenzusetzen, statt
sich auf einzelne Mechanismen zu konzentrieren.
Wer das Land zu neuen Spitzenleistungen führen will, muss
für eine neue Gemeinsamkeit sorgen. Hierzu gehört ein erneuerter Zusammenhalt
der Menschen, aber auch eine neue, integrale Sichtweise auf Phänomene wie die
momentane Krise.
Dies sind für mich die tieferen Ursachen der gegenwärtigen Krise. Wir haben
gute Chancen sie zu bewältigen. Denn verletzt ist nicht die technologische
Basis des Landes, auch nicht sein hohes Qualifikationsniveau in den
akademischen und Facharbeiterberufen, zerstört sind auch nicht die Bande des
kulturellen Kapitals. Viele Menschen sind allerdings verstört darüber, wohin
wir und sie selbst geraten sind. Sie suchen nach Orientierung.
Wer das Land zu neuen Spitzenleistungen führen will, muss für eine neue
Gemeinsamkeit sorgen. Hierzu gehört ein erneuerter Zusammenhalt der Menschen,
aber auch eine neue, integrale Sichtweise auf Phänomene wie die momentane
Krise. Die Schaffung und Bestärkung dieser Gemeinsamkeit ist das leitende Thema
meiner Kandidatur. Sie in diesem Land zu verwirklichen würde ich auch als
Bundespräsidentin als meine Aufgabe betrachten.
Mit freundlicher Genehmigung von Gesine Schwan
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