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| Erschienen in Ausgabe: No 39 (5/2009) | Letzte Änderung: 10. Mai '09 |
von Gesine Schwan
Der Bundespräsident bzw. die Bundespräsidentin hat in meiner Sicht vor allem
politisch-kulturelle Aufgaben: Die Person soll die deutsche Demokratie stärken,
die Gesellschaft integrieren und Deutschland nach innen und nach außen
repräsentieren. Sie soll nicht in Konkurrenz zur ausübenden Politik treten und
keine parteipolitischen Vorlieben durchsetzen. Stärkung der Demokratie,
Integration der Gesellschaft und Repräsentation Deutschlands in seiner inneren
Vielfalt und staatlichen Einheit verlangen eine eigenständige, kohärente und
zukunftsorientierte Position des Amtsinhabers, die zureichend komplex ist und
zugleich durch konzeptionelle Schlüssigkeit Verlässlichkeit bietet.
Die geistige Stimmigkeit sollte sie sich auch anschaulich im persönlichen
Lebenslauf wiederfinden. Sonst gerät der Amtsinhaber in die Versuchung, um der
eigenen Popularität willen aktuellen gesellschaftlichen oder politischen
Stimmungen zu folgen, Integration als Anpassung an jeweilige Opportunitäten zu
deuten und den ursprünglichen Sinn von Repräsentation – nämlich
Vergegenwärtigung der komplexen gesellschaftlichen Vielfalt in der originellen
Einheit der in sich ebenfalls komplexen Person – zu verfehlen.
Die Chancen des Bundespräsidenten, die Demokratie zu
stärken, liegen insbesondere darin, aus eigener Kompetenz, unabhängig von
Parteiopportunitäten und Wahlperioden Diskussionen in der deutschen
Gesellschaft anzustoßen, damit sie Wege findet, freiheitlich, klug und mutig
die Herausforderungen der Zukunft anzunehmen und zu meistern.
Die Chancen des Bundespräsidenten, die Demokratie zu stärken, liegen
insbesondere darin, aus eigener Kompetenz, unabhängig von Parteiopportunitäten
und Wahlperioden Diskussionen in der deutschen Gesellschaft anzustoßen, damit
sie Wege findet, freiheitlich, klug und mutig die Herausforderungen der Zukunft
anzunehmen und zu meistern. Hier geht es vor allem um Voraussicht wichtiger
langfristiger Probleme.
Das erfordert den Mut, den eigenen Einsichten auch dann zu folgen, wenn sie
auf den ersten Blick noch nicht in die Zeit passen, deshalb eben „anstößig“
wirken, sich auf den zweiten Blick aber als zukunftsträchtig erweisen. Dadurch
vermag das Amt auch denjenigen Politikerinnen und Politikern zu helfen, die
schwierige bzw. unpopuläre, weil erst langfristig wirkende, politische
Entscheidungen treffen wollen und dazu die Aufgeschlossenheit, die Reife und
Unterstützung der Gesellschaft brauchen. Zugleich können damit zivilgesellschaftliche
Initiativen und Organisationen unterstützt werden, die sich gemeinnützig
ebensolchen Herausforderungen stellen wollen. Insgesamt geht es darum, aus dem
Amt des Bundespräsidenten nicht die autoritäre Sehnsucht nach einem, der „sagt,
wo’s lang geht“, zu bedienen, sondern die Bürgergesellschaft in Deutschland in
ihrer Eigeninitiative zu ermutigen. Nur so kann Demokratie gestärkt werden.
Integration einer pluralistischen Gesellschaft gelingt nicht dadurch, dass
man verschiedenen Seiten zum Munde redet oder Widersprüche zudeckt. Vielmehr
schließt sie Konflikt und Auseinandersetzung in der Sache ein. Ich möchte dazu
beitragen, solchen Streit in der Sache anstelle persönlicher Verunglimpfungen
und Unterstellungen, die in den Medien oft im Mittelpunkt stehen, zu beleben.
Aussprechen was uns trennt ist die Voraussetzung dafür, dass wir verlässlich
zusammen kommen. Das gilt insbesondere für das Verhältnis von Ost und West in
Deutschland. Es gibt auch andere Trennungslinien in Deutschland, aber für die
geistige Vereinigung unseres Landes zwanzig Jahre nach der politischen
Vereinigung bleibt noch besonders viel zu tun. Hier geht es um die fundamentale
Tugend der Gerechtigkeit, sich mit Phantasie wechselseitig an die Stelle des
anderen zu setzen. Neun Jahre als Westdeutsche an der Europa-Universität
Viadrina in Frankfurt (Oder) haben mir dabei geholfen, die Weltsicht unserer
ostdeutschen Landsleute besser zu verstehen.
Es kommt deshalb darauf an, mit viel Takt und politischer,
kultureller ebenso wie sozialer und ökonomischer Sachkunde zur
Gemeinwohlorientierung anzuregen und sie so zum Tragen zu bringen. Ein
wichtiges Kriterium für den Erfolg ist dabei immer die Achtung vor
Minderheiten, die es schwer haben, in der Gesellschaft zu Wort zu kommen.
Das Wort Repräsentation löst besonders viele Missverständnisse aus. Ich
meine damit nicht, auf zahllosen Empfängen das Cocktailglas zu schwingen. In
unserer repräsentativen Demokratie haben die Abgeordneten die Aufgabe,
einerseits die Interessen ihrer Wähler in die Entscheidungen des Parlaments
einzubringen und diese andererseits am Gemeinwohl Deutschlands zu messen, das
sie zu repräsentieren haben. Das verlangt oft eine schwierige Abwägung.
Repräsentation Deutschlands durch den Bundespräsidenten zielt auf die Vergegenwärtigung
des Gemeinwohls in unserem Land. Das kann ein Bundespräsident oder eine
Bundespräsidentin nicht einfach von sich aus bestimmen.
Es kommt deshalb darauf an, mit viel Takt und politischer, kultureller
ebenso wie sozialer und ökonomischer Sachkunde zur Gemeinwohlorientierung
anzuregen und sie so zum Tragen zu bringen. Ein wichtiges Kriterium für den
Erfolg ist dabei immer die Achtung vor Minderheiten, die es schwer haben, in
der Gesellschaft zu Wort zu kommen.
Meine Vorstellung vom Amt des Bundespräsidenten beruht zum einen auf dem
Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, zum anderen auf meinem Verständnis
von Politik und Demokratie. Dieses ist in meiner Grundüberzeugung über das, was
uns Menschen aufgetragen ist, über unsere Stellung in der Welt und über die
Rolle verankert, die Politik für ein gelungenes sinnvolles Leben spielt.
Mit freundlicher Genehmigung von Gesine Schwan
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