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| Erschienen in Ausgabe: No 39 (5/2009) | Letzte Änderung: 10. Mai '09 |
von Angela Merkel
Freiheit und Einheit Deutschlands– ich glaube, für
dieses große historische Glück stehen stellvertretend zwei Tage: der
9.November des Jahres 1989 und der 3.Oktober des Jahres 1990.
Weniger Beachtung– umso besser, dass es diese Konferenz gibt–
erfährt dagegen der 7.Mai 1989. An diesem Tag machte unser Land einen
ganz wichtigen Schritt weg von der Teilung und staatlichen Bevormundung hin zu
Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie in ganz Deutschland. Es ist
richtig und wichtig, dass an diesen Tag erinnert wird. Es ist nicht übertrieben
zu sagen: Ohne 7.Mai kein 9.November und kein 3.Oktober, ohne
die Zivilcourage unabhängiger Bürgergruppen am Tag der Kommunalwahl auch keine
Protestwelle gegen die Wahlfälschung und ohne diese Proteste eben kein
Mauerfall und keine Wiedervereinigung.
Es war zwar von jeher klar, dass regelmäßig Wahlfälschungen der SED erfolgten.
Jedenfalls waren viele dieser Überzeugung. Ahnen konnte man es allemal. Aber
weil die Stimmenauszählung in den Wahllokalen im Jahr 1989 von den
Bürgergruppen kontrolliert wurde, konnte die SED für jeden nun auch ganz
offensichtlich der Fälschung überführt werden. Nur so kam es in Ost-Berlin und
anderen Städten am 7. jeden Monats zu Demonstrationen gegen die
Wahlfälschungen. Mit jeder dieser Demonstrationen eroberten sich die Menschen
ein Stückchen mehr öffentlichen Raum. Jedes Mal verlor die Staatsmacht ein
bisschen mehr Kontrolle des öffentlichen Raums; erst langsam und dann–
ich gebe es ganz ehrlich zu– mit einer auch von mir nicht geahnten
Beschleunigung. Zehn Monate später, mit der ersten freien Volkskammerwahl im
März 1990, hatten dann die Menschen ihr Schicksal in die eigenen Hände
genommen.
Heute ist uns im Rückblick klar: Die DDR-Kommunalwahlen am 7.Mai 1989
waren der Anfang vom Ende des SED-Systems. Das allerdings konnten jene nicht
wissen, die an diesem denkwürdigen Tag und in der Folgezeit ihre persönliche
Freiheit aufs Spiel setzten. Umso mehr verdient ihr Mut unser aller Respekt. Es
ist ganz wichtig, dass wir uns auch genau daran erinnern.
Heute ist Deutschland eins. Heute leben alle Deutschen in einem ungeteilten
Land, in dem von Rostock bis Passau und von Aachen bis Zittau Freiheit,
Rechtsstaatlichkeit und Demokratie herrschen. Ich glaube, dass wir
Deutschen– das können wir auch einmal einfach sagen– uns über
dieses unermessliche Glück richtig freuen dürfen. Denn es kommt in der Geschichte
nicht so häufig vor, dass aus Träumen Realität wird.
Uns sollte daraus auch Optimismus in Bezug darauf erwachsen, was in der
augenblicklichen Zeit vor uns liegt. Es gibt Herausforderungen, die wir zu
bewältigen haben, als eine Republik, die eine große Wirtschaftsnation ist und
die auch in Zukunft mit an der Spitze bleiben will. Lothar de Maizière hat
neulich an einer anderen Stelle gesagt: "Vielleicht ist die Bewältigung
der gegenwärtigen Krise die erste wirklich gemeinsame, eine als gesamtdeutsch
empfundene gemeinsame Herausforderung."
Wir können davon ausgehen, dass viele Länder auf uns schauen, weil es natürlich
auch für sie von Bedeutung ist, wie Deutschland mit den Folgen der
Globalisierung klarkommt. Wir haben allen Grund zu Selbstbewusstsein und zu
Optimismus. Ich bin auch sehr optimistisch, weil die Befragungen dieser Tage
zeigen: Die Menschen haben ein Stück Selbstbewusstsein in Bezug auf die
deutsche Geschichte gewonnen.
Diese Krise, die wir jetzt, nach dem Aufbau Ost und der Solidarität West, zu
bewältigen haben, die also unsere gemeinsame Bewährungsprobe ist, wollen wir
auch nicht einfach nur überstehen, sondern wir wollen uns gemeinsam aus ihr
heraus gestärkt in die Zukunft entwickeln.
Die friedliche Revolution in der DDR und das Gelingen der Einheit in Freiheit
bergen dafür aus meiner Sicht unglaublich wichtige Erfahrungen, auf die wir
auch heute auf unserem Weg aus der Krise heraus zurückgreifen können und aus
denen wir Kraft schöpfen können. Ich möchte drei davon nennen.
Die erste Erfahrung heißt: Wahrheit ist das Fundament der Demokratie. Mit der
Wahrheit beginnt jede Veränderung und jede Erneuerung. Auch 20Jahre nach
dem Mauerfall können und wollen wir nicht vergessen, welches Unrecht zu
DDR-Zeiten geschehen ist. Wie könnten wir vergessen, was es heißt, in einem
Staat der Überwachung und Bespitzelung zu leben, in einem Staat, in dem der
Nachbar, der Freund, der Kollege ein Mitarbeiter der Stasi sein konnte–
es waren nicht alle bei der Staatssicherheit, das ist richtig, sondern es ging
um einProzent; aber mit diesem einenProzent gab es in der DDR
immerhin das weltweit dichteste System an Überwachung–, in einem Staat,
in dem ein zu offenes Wort das Ende der Karriere bedeuten konnte–
perfiderweise nicht nur der eigenen, sondern gleich der ganzen Familie–,
in einem Staat, in dem es Gefängnisse gab, in denen die Stimmen der Wahrheit
immer wieder und zum Teil mit unmenschlicher Brutalität zum Schweigen gebracht
wurden?
Die Konsequenz dieser Angst war ein Leben in Lüge. Ob in der Schule, am
Arbeitsplatz oder am Feierabend– nie war man sich ganz sicher, wie weit
man mit der eigenen, unverfälschten Meinung gehen konnte, ohne sich
Schwierigkeiten mit der staatlichen Obrigkeit einzuhandeln. Das variierte von
Zeit zu Zeit in den einzelnen Phasen der DDR. Das variierte vielleicht ein
bisschen von Region zu Region. Das hing von Menschen ab, die alles aufschrieben
und weitergaben. Aber die Grundstruktur war klar: Verängstigung und die Sorge,
dass man es schwer hat, wenn man die Wahrheit sagt.
Auch das SED-System selbst fußte auf einem alles durchdringenden Leben in Lüge.
Es schuf sich seine eigene Wahrheit. Man nannte sich "demokratische
Republik"– dabei wurden die Grundzüge von Demokratien, nämlich
demokratische Wahlen und freie Willensbildung der Menschen, mit allen Kräften
verhindert. Die Mauer hieß "antifaschistischer Schutzwall"– und
dabei waren die Stolperdrähte und Selbstschussanlagen nach innen, auf die
eigene Bevölkerung, gerichtet.
Die Bürgerrechtsbewegung riss am 7.Mai 1989 diesem System für alle
sichtbar die Maske vom Gesicht. Sie setzte dem "Leben in der Lüge"
den "Versuch" entgegen, "in der Wahrheit zu leben", wie es
Vaclav Havel einmal formuliert hat. Das entsprechende Buch– 1980 im
Westen veröffentlicht, während der Autor im Gefängnis saß– trägt den
Untertitel "Von der Macht der Ohnmächtigen". Was für eine Voraussicht
der Geschehnisse im Jahr 1989.
Das Bekanntwerden des Wahlbetrugs gab der Bürgerrechtsbewegung Auftrieb. Immer
mehr Menschen kamen zu dem Ergebnis: Es muss ein Ende haben mit dem
unerträglichen Leben in der Lüge. So gingen immer mehr Menschen zu den
Bürgerrechtlern, schlossen sich zusammen, gründeten weitere Bewegungen und
sprachen in immer größeren Freundeskreisen miteinander. Es begannen Überlegungen,
wie man das Land ändern könnte: Wie kann man eine offene politische Debatte mit
Streit und öffentlicher Kontroverse möglich machen? Wie kann Wahrheit
selbstverständlicher Teil des politischen Alltags werden?
An diese Zeit haben viele Menschen heute nur noch wenige oder gar keine
Erinnerungen mehr. Doch auch die junge Generation hat mehr Wissen und mehr
Erkenntnis verdient, als wir ihr heute oftmals zukommen lassen. Ich habe das
gerade bei meinem Besuch in Hohenschönhausen erlebt. Die Geschichtsunterrichts-
oder Sozialkundeunterrichtspläne ordnen das alles, was doch deutsche
Lebenswirklichkeit für einen großen Teil der heutigen deutschen Bevölkerung
ist, in wenige Geschichtsstunden oder Sozialkundestunden ein. Man muss froh
sein, wenn sie denn wirklich gegeben werden. Erinnerung muss aber nach den
Maßstäben der Wahrheit fester Teil unseres öffentlichen Lebens sein–
nicht nur in Gedenkstätten, sondern eben auch in den Schulen, in den Medien und
eigentlich in jeder Veranstaltung zu unserer jüngeren Vergangenheit.
Wahrheit bedeutet auch, Verklärung entgegenzuwirken. Sicher: Es gab auch in der
DDR Einsatz für eine bessere Zukunft. Es gab engagierte Arbeit, kluge Ideen,
lesenswerte Bücher und sehenswerte Theateraufführungen. Es gab gut und schlecht
gelaunte Eltern und schöne Weihnachtsfeste. Es gab viel Normales und
Rechtmäßiges. Kriminelle wurden zu Recht verurteilt, Ehen wirksam geschlossen,
Kinder mit viel Liebe großgezogen. Freundschaften und glückliche Ereignisse
ziehen sich durch jede einzelne Biographie jedes Menschen, der in der DDR
gelebt hat. Das darf man sagen und das kann man sagen. Ansonsten würden wir
hier gar nicht so vor Ihnen stehen und zu Ihnen sprechen können.
Aber das ändert nichts daran, dass die DDR ein Unrechtsstaat war. Sie war auf
Unrecht gegründet. Es gab keine legale Opposition. Es gab keine unabhängige
Justiz. Es gab keine kritischen Medien. Bevormundung, Unterdrückung von
Widerspruch, Überwachung und Bespitzelung waren ständig anwesende Begleiter des
täglichen Lebens. Hinter dem Schießbefehl stand nichts anderes als pure
Menschenverachtung.
Deshalb können die Geschehnisse in der DDR 1989 vor dem Hintergrund dieser
Staatswirklichkeit auch zu Recht eine friedliche Revolution genannt werden. Sie
markierten nicht einfach nur eine Zeit der Wende und des Wandels, sozusagen
eine evolutionäre Entwicklung von hier nach dort, sondern sie führten zu einer
echten Umkehrung der Machtverhältnisse. Sie verliefen glücklicherweise
friedlich und mit dem Sieg der Freiheit.
Als ich vor wenigen Tagen das ehemalige Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen
besucht habe, habe ich noch einmal gesagt, dass der Bund und das Land Berlin
alles tun werden, damit Gedenkstätten wie die in Hohenschönhausen erhalten
werden und offen für alle Besucher sind. Denn dort wird auf authentische Weise
deutlich, welchen Charakter eine Herrschaft hat, die die Würde von Menschen
verletzt.
Es ist natürlich so, dass eine starke Erinnerungskultur das Bewusstsein für die
Bedeutung des Wertefundaments schärft, auf dem die Gesellschaftsordnung der
Bundesrepublik heute aufgebaut ist. Dieses Schärfen des Bewusstseins kann nun
wirklich weder Ost noch West schaden. Denn so scharf ist dieses Bewusstsein
heute, 60Jahre nach Entstehung der Bundesrepublik Deutschland, leider
auch nicht mehr ausgeprägt. Es ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden.
Das ist schön. Aber wenn die Selbstverständlichkeit zum Schluss so wesenhaft
ist, dass man die Grundlagen gar nicht mehr erklären und den Unterschied zu
anderen Möglichkeiten gar nicht mehr aussprechen kann, dann ist etwas in Gefahr
geraten. Deshalb wird das Wertebewusstsein wieder von Generation zu Generation
weitergeführt werden müssen. Eine starke Erinnerungskultur stärkt eben auch die
aktive Bürgergesellschaft, die dafür eintritt und bürgt, dass Extremismus, ob
von rechts oder links– den haben wir eben leider auch–, dass Hass
und Gewalt keine Chance in diesem Land haben.
Deshalb glaube ich auch, dass ich widersprechen muss, wenn von namhafter Stelle
gesagt worden ist, irgendwann müsse die Stunde kommen, in der man aufhört, die
Linkspartei an ihrer Haltung zur DDR-Vergangenheit zu messen. Ich finde schon:
Wir dürfen damit nicht aufhören. Wir müssen Parteien, egal welche, an ihrer
Haltung zu Diktatur und Unrecht messen. Für mich ist das eine Grundsatzfrage.
Das ist sozusagen die Wasserscheide dafür, wem man die Hand zur Kooperation
reicht oder nicht reicht.
Denn so gefestigt unser Land in seinen Grundüberzeugungen auch ist, so bleibt
es auch richtig: Demokratie, Freiheit und Menschlichkeit sind auch nach 1989
keine Selbstverständlichkeit. Diese unermesslich wichtigen, wertvollen Güter
müssen wir hegen, pflegen und vor allen Dingen leben. Ich habe in
Hohenschönhausen in einer Diskussion mit einer Schulklasse gesagt: Mut ist auch
eine Frage des gegenwärtigen Lebens. Mut muss man in jeder Zeit beweisen. Man
kann nicht nur zurückblicken und sich darüber freuen, dass man ein paar Mutige
in der eigenen Geschichte hatte. Es gibt so viele kleine Stellen im Leben, an
denen man selbst Mut und eigene Entschiedenheit beweisen muss. Das sollte man
sich immer wieder vor Augen führen.
Ich bin der Überzeugung: Menschlichkeit kann nur eine politische Ordnung für
sich reklamieren, die dem Einzelnen das Recht auf Selbstbestimmung
einräumt– im Kleinen wie im Großen, im Alltäglichen wie im
Grundsätzlichen. Das ist es, was es heißt, frei zu sein. Darauf müssen die
Konstruktionen, sozusagen die Statik eines Staates, vorbereitet sein. Die
Ordnung ist im Grunde die Sicherheit, aus der heraus wir die Freiheit des Individuums
garantieren können. Es ist immer wieder gut, auf die Hoffnung zu setzen, dass
die Menschen die Freiheit schon pflegen werden. Aber letztlich sind es die
Strukturen– die Demokratie, die Rechte der Opposition, die Freiheit der
Medien, die Unabhängigkeit der Justiz–, die das garantieren. All das muss
gepflegt und gehegt werden.
Damit komme ich zur zweiten Erfahrung aus der friedlichen Revolution: Der
Glaube an eine politische Allmacht ist ein Irrglaube. Wir müssen uns immer
wieder gegen die Versuchung der Allzuständigkeit von Politik und Staat wappnen.
Freiheit ist eben die Zumutung, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und für
sein Tun und Lassen auch Verantwortung zu übernehmen. Erst Freiheit schafft den
Raum dafür, das Bestehende auch wirklich kontinuierlich zu verbessern. Es war
ja so, dass es viele nach dem Fall der Mauer manchmal als Zumutung empfunden
haben, sich plötzlich andauernd entscheiden zu müssen. In diesem Prozess ist
einem erst bewusst geworden, wie weit diese Unfreiheit sozusagen schon Eingang
in das individuelle Leben gefunden hat. Aber es wäre ganz falsch, wenn wir den
Teil, der die Freiheit sozusagen zu einer Zumutung werden lässt– im
Übrigen ist das ein sehr schönes Wort: Mut zu haben, jemandem einzuräumen, dass
er sich entscheiden kann–, fallen lassen und versuchen würden, wieder
alles zu regeln. Genau daran, an einem nicht vorhandenen Raum der Freiheit, ist
die DDR gescheitert. Die Politik eines totalitären Systems hat zunehmend
versucht, die Menschen zu entmündigen und die Entscheidungsfreiheiten immer
weiter zu beschneiden.
Deshalb ist es auch kein Zufall, dass der Impuls des Aufbegehrens und letztlich
auch der friedlichen Revolution stark vom kirchlichen Raum ausging. Denn
Freiheit ist auch die Essenz des christlichen Verständnisses vom Menschen.
Dieses Menschenbild zieht der Politik grundsätzliche Grenzen. Es befreit vom
Glauben an die Überlegenheit kollektiver Lösungen und es befreit zum Glauben an
die Kraft des Menschen. Es ist allerdings auch ein Freiheitsverständnis, das
nicht beliebig ist, sondern ein Freiheitsverständnis in Verantwortung für
andere und im Hinblick auf andere. Ich glaube, dass es deswegen auch die
Kirchen waren, die den Menschen in der DDR die größten Freiheitsräume bewahrt
haben.
Das Aufbegehren– das war auch wichtig– ging von Anfang an mit einer
klaren Absage an jede Form von gewalttätigem Protest einher. Diese
Friedfertigkeit ist in der Geschichte der Revolutionen ja nun alles andere als
eine Selbstverständlichkeit. Aber ich glaube, auch das hängt mit den Werten und
Idealen zusammen, mit denen die kirchlichen Initiativen und Bürgerrechtsgruppen
die Auseinandersetzung mit dem SED-Regime auf sich nahmen. Gerade in der
Friedlichkeit– das ist eine dieser ganz wichtigen Erfahrungen– lag
keine Schwäche, sondern eine besondere Stärke. Volkskammerpräsident Horst
Sindermann resümierte damals den für die SED verheerenden Verlauf im Herbst
1989 mit den Worten: "Wir hatten alles geplant. Wir waren auf alles
vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete." So gelang den Deutschen
eine Revolution; wahrscheinlich konnte sie gerade deshalb friedlich bleiben.
Deshalb möchte ich hier allen ein herzliches Dankeschön aussprechen, die daran
beteiligt waren, ganz besonders eben auch den Kirchenmännern und Kirchenfrauen.
Sie haben Schutzräume geöffnet, sie haben ermutigt und getröstet und dem Ruf
nach Wandel, nach Dialog und Freiheit eine kräftige Stimme verliehen. Ich
möchte die Gelegenheit dazu nutzen, auch denen zu danken, die auf der Seite der
Staatsmacht standen und im entscheidenden Augenblick nicht zur Waffe gegriffen,
sondern den Weg frei gemacht haben, zum Beispiel am 9.Oktober auf dem
Ring in Leipzig oder am 9.November an der Bornholmer Straße in Berlin.
Auch sie haben ihren Beitrag zum friedlichen Verlauf der Revolution geleistet,
obwohl ihr Auftrag und ihr Selbstverständnis eigentlich anders aussahen.
Mit der Deutschen Einheit bekamen dann endlich auch die Menschen in den neuen
Bundesländern die Chance, etwas Neues zu bauen, mitzugestalten und den Aufbruch
zu wagen. Ich bin damals auch mit Begeisterung in die Politik gegangen. Warum
habe ich, wie viele andere, meinen Beruf gewechselt? Warum habe ich einen
eingefahrenen Weg verlassen– das, was ich gelernt hatte, wofür ich
ausgebildet war und woran ich gearbeitet hatte, was ja auch Spaß gemacht hat?
Für mich war die Antwort ganz schlicht und sehr einfach. Ich hatte das Gefühl:
Jetzt kann ich gestalten. Ich hatte den Eindruck: Ja, jetzt kann man die Dinge
verändern, es ist nicht alles nur ferngesteuert oder unlenkbar, es hängt vom
Land und seinen Bürgern selbst ab, wie die Zukunft aussehen wird.
Man merkte natürlich, dass man als Einzelner nicht die Macht hatte, von der man
manchmal träumte. Die interessanteste Erfahrung war damals, dass viele
Menschen, mit denen man einer Meinung darüber war, wie man die DDR und das
System zu beurteilen hatte, plötzlich zu völlig verschiedenen Antworten darauf
kamen, wie man denn nun die Zukunft bauen sollte. Das hatten wir nun natürlich
auch nicht 40Jahre lang unentwegt diskutiert, weil wir nicht jede Minute
mit dieser Möglichkeit gerechnet hatten. Aber es zeigte sich sehr schnell, dass
die Vorstellungen doch weiter ausgebildet waren, als man dachte. Aber ich sage
auch: Als ich im "Demokratischen Aufbruch" an der ersten Parlamentswahl
teilnahm und das "Superergebnis" in Höhe von 0,9Prozent am
Wahlabend aufblitzen sah– obwohl Rainer Eppelmann und ich der festen
Überzeugung waren, dass wir in unseren Überzeugungen eigentlich völlig
alternativlos waren–, hat mir das auch gezeigt, wie schwierig Demokratie
sein kann und wie tolerant man sein muss, um zu akzeptieren, dass es eben
verschiedene Meinungen gibt.
Meine Damen und Herren, die Soziale Marktwirtschaft gibt uns heute den Rahmen
dafür, uns mit unseren eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten entfalten zu
können. Freiheit und Wettbewerb auf der einen Seite, aber auch Verantwortung
und Solidarität auf der anderen Seite– dieser Gedanke hat sich bewährt.
Deshalb war die überwiegende Mehrzahl auch der Meinung, dass wir dem Geltungsbereich
des Grundgesetzes beitreten sollten. Aber auch dabei haben wir dann wieder die
Erfahrung gemacht, dass es ab und an wichtig war, dass man auch die eigenen
Erfahrungen eingebracht hat. Deshalb ist es wichtig– gerade auch jetzt in
Krisenzeiten–, noch einmal auf die verschiedenen Erfahrungswelten zu
schauen, um daraus etwas Gutes, Gemeinsames für unser ganzes Land zu machen.
Die dritte Lehre, die mir mit Blick auf Deutschlands weiteren Weg wichtig ist,
lautet: Wir dürfen nicht über unsere Verhältnisse leben. Wir müssen den
Verbrauch von Zukunft beenden und Substanz aufbauen. Was es bedeutet, wenn man
das nun überhaupt nicht mehr tut, konnte man in der DDR wahrlich besichtigen.
Im Übrigen ist das auch ein Bestandteil der Erinnerung, der gerne verdrängt
wird. Substanz wurde dort unentwegt und in einem atemberaubenden Tempo
abgebaut. Glücklicherweise ist heute wieder so viel Substanz aufgebaut, dass
man das gar nicht mehr ganz nachvollziehen kann. Aber ein Blick zurück lohnt
sich schon.
Substanz aufbauen, das bedeutet für uns natürlich, uns um unser Bildungssystem
zu kümmern, damit wir diese Republik zu einer Bildungsrepublik machen. Jeder
muss eine Chance auf Bildung und auch auf Arbeit haben. Substanz aufbauen heißt
natürlich, an Innovationen zu arbeiten und dieses Land weiterhin stark zu
machen. Wir, die wir aus der früheren DDR kommen, wissen: Wenn man von der
Substanz lebt und der Substanz nichts mehr hinzufügt, dann wird man das auf
Dauer nicht durchhalten.
Es kommt dabei auf jeden Einzelnen, auf alle an. Ohne ein Gefühl der
Zusammengehörigkeit– ich glaube, auch das ist eine Erfahrung– kann
Demokratie auf Dauer nicht gelingen. Demokratie und das Zusammenleben in einem
Land sind eben mehr als die einfache Summe der Einzelteile. Deshalb brauchen wir
auch einen pfleglichen Umgang mit dem inneren Zusammenhalt. Dafür braucht man
vieles, unter anderem natürlich die Erinnerung daran, dass es die gemeinsame
Leistung der Deutschen war, die Einheit in Freiheit erreicht zu haben. Es war
auch die gemeinsame Leistung– auch wenn das unter völlig
unterschiedlichen Bedingungen stattgefunden hat–, dieses Deutschland nach
dem Zweiten Weltkrieg wieder aufzubauen.
Heute ist der 8.Mai. Dieses Datum erinnert uns auch an das Ende des
Zweiten Weltkriegs und die Befreiung vom Nationalsozialismus. Wir vergessen an
einem Tag wie heute deshalb nicht: Die Deutsche Einheit wurde 45Jahre
später nur möglich, weil unsere Nachbarn, unsere Partner und unsere ehemaligen
Gegner uns Vertrauen schenkten– Vertrauen, dass wir mit der Einheit in
Freiheit sorgsam und verantwortungsvoll umgehen würden. Dieses Vertrauen ist
über viele Jahrzehnte hinweg Schritt für Schritt erarbeitet worden. Wir dürfen
nicht vergessen: Freiheit und Einheit unseres Landes wären ohne unsere Nachbarn
und Partner in Europa und weltweit unmöglich gewesen.
Ich denke dabei nicht nur an den Beitrag der so genannten Vier Mächte. Denn
ohne die Befreiungsbewegungen in anderen mittel- und osteuropäischen Ländern
wäre die Deutsche Einheit kaum gelungen. Ich bewundere noch heute den Mut der
Polen, im Winter 1988/1989 trotz der Erfahrung des Kriegsrechts erneut gegen
die kommunistische Staatsführung aufzubegehren. Der Weg von Solidarność kann in
seiner Ermutigung auch für viele in der DDR gar nicht überschätzt werden. Ich
weiß das aus meinem eigenen Leben. Ich denke auch an zwei Menschen, die jeder
auf seine Weise die scheinbar festzementierten Verhältnisse in Bewegung
gebracht haben: an den polnischen Papst, Johannes PaulII., und den
letzten sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow. Beiden sind wir Deutsche
zu großem Dank verpflichtet. Unvergessen bleibt natürlich auch, dass die Ungarn
am 2.Mai vor 20Jahren damit begannen, den Eisernen Vorhang zu
öffnen. Das waren bewegende Momente. Ich werde in diesem Sommer, am
19.August, nach Ungarn reisen.
Aus der Geschichte Lehren für heute zu ziehen, heißt, auf dem Weg der
Integration und der Partnerschaft voranzugehen. Rainer Eppelmann hat eben
gesagt: "Wir sind zu Dank verpflichtet." Wir waren nicht übereilig,
als es um die Aufnahme in die Europäische Union ging. Das ist sicherlich
richtig. Aber heute halten wir manchmal schon wieder die Luft an, zum Beispiel,
wenn es darum geht, ob die Tschechische Republik den Lissabonner Vertrag
ratifiziert. Ich habe gestern denen, die das sehr mutig und unter nicht
einfachen Bedingungen vorangetrieben haben, meinen großen Dank ausgesprochen.
Ich bin der tiefen Überzeugung: Diese Ratifizierung war ein wichtiger und
richtiger Schritt.
Unsere Erfahrung heißt doch: Die Bewahrung von Freiheit, Frieden und
Menschenwürde ist keine ausschließlich nationale Angelegenheit. Sie war es vor
20Jahren nicht und sie wird es auch in Zukunft nicht sein. Bei dieser
Frage sitzen wir in einem Boot. Im Übrigen haben wir in Europa auch zu
begreifen, dass die Menschenrechte unteilbar sind und nicht nur bis zu den
Grenzen der Europäischen Union und oder vielleicht noch bis zu ihren Nachbarn
gelten, sondern weltweit. An dem, was das auch für künftige Generationen
bedeutet, werden wir noch viele Jahre zu arbeiten haben.
Deshalb müssen wir innerhalb der internationalen Staatengemeinschaft immer
wieder Brücken bauen. Wieder ist es so wie mit der Erfahrung in Bezug darauf,
was der Einzelne ausrichten kann. 80 Millionen Menschen sind viel. Wir sind
schon immer froh, wenn wir untereinander– auf der Bundesebene und dann
noch mit den Ländern– einen Kompromiss gefunden haben. Wir sind dann
froh, wenn wir mit den 27Mitgliedstaaten der Europäischen Union einen
Kompromiss gefunden haben. Dann stehen dahinter aber wieder nur
500Millionen von über sechsMilliarden Menschen. Dann müssen wir
versuchen, wie auch jetzt in der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise,
mit anderen einen Kompromiss zu finden.
Ich glaube, dass es dabei auf zwei Dinge ankommt: zum einen natürlich auf die
Fähigkeit zur Toleranz, die Einsicht, dass unsere Art zu leben nicht die Art
aller ist und dass es verschiedene Lösungen für ein gedeihliches Miteinander
gibt, zum anderen aber auch darauf, dass man die Augen vor der Frage des
Schutzes des Individuums und der Wahrung der Menschenrechte nicht verschließt.
Es gibt Rechte, die nicht teilbar sind. In diesem Spannungsfeld wird auch
vieles von dem, was wir in Zukunft zu tun haben, zu lösen sein. Aber wir können
froh sein, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg eine große Anstrengung gab, als
die UN-Menschenrechtskonvention geschaffen wurde, die das international
vereinbart hat. Das ist also nicht etwas, das wir von Europa aus fordern,
sondern darüber gibt es eine weltweite Übereinkunft.
Die Aufgabe auch für die Zeit nach der friedlichen Revolution und nach der
deutschen Wiedervereinigung heißt wie auch schon immer zuvor: Überwinden der
Angst vor Veränderung. Manche haben damals gedacht, die Geschichte sei zu Ende;
einer hat sogar ein Buch darüber geschrieben. Das hat sich aber, bei allem
Respekt, glücklicherweise– ich war auch nie dieser Meinung– doch
als Unsinn erwiesen. Also, überwinden wir die Angst vor Veränderung und den
Hang, das Risiko immer ein Stück weit vor der Chance zu sehen. Überwinden wir
auch unsere Bequemlichkeit, uns mit Gegebenheiten einfach abzufinden, auch wenn
wir damit eigentlich nicht so ganz zufrieden sind.
Wir haben das unschätzbare Glück der Freiheit, uns das vornehmen zu können, was
wir uns bisher nicht zugetraut haben. Deshalb wäre es das Schlimmste, wenn wir
unsere Freiheit brachliegen ließen. Wir sollten unsere Freiheit nicht
brachliegen lassen und wir dürfen unsere Freiheit nicht brachliegen lassen,
sondern wir sollten das Glück beim Schopf packen. Ich bin optimistisch, dass
uns das gelingen kann.
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