Unterstützen Sie die Tabula Rasa mit einer Spende, wir würden uns freuen: Schreiben Sie eine Mail an: dr.stefangross@web.de
| Erschienen in Ausgabe: No. 13 (1/1997) | Letzte Änderung: 19. Mai '09 |
von Roman Herzog
Ich
freue mich, heute abend im Hotel Adlon zu Ihnen zu sprechen. Vor
90 Jahren wurde das alte Adlon von Kaiser WilhelmII. eingeweiht. Ich
für meinen Teil weihe heute nicht ein, sondern ich bin eine Art
republikanischer Vorkoster, der sich allerdings nicht weniger darüber
freut, daß dieses Traditionshaus an alter Stelle wieder entsteht. Das
neue Adlon steht in gewisser Weise auch für das neue Berlin: Gebaut ist
es an einer Stelle, an der über Jahrzehnte die Wunden des Krieges
klafften: am Pariser Platz, wo während der Zeit der DDR das
gespenstisch leere Sichtfeld auf das unerreichbare Brandenburger Tor
gähnte. Heute werden in Berlins Mitte, der größten Baustelle Europas,
die Konturen der neuen deutschen Hauptstadt sichtbar.
In
Berlin wird Zukunft gestaltet. Nirgendwo sonst in unserem Land entsteht
soviel Neues. Hier spürt man: Wir können etwas gestalten, ja sogar
etwas verändern. Einen neuen Aufbruch schaffen, wie ihn nicht nur
Berlin, sondern unser ganzes Land braucht. Ich wünsche mir, daß von
dieser Berlin-Erfahrung Impulse auf ganz Deutschland ausgehen. Denn was
im Laboratorium Berlin nicht gelingt, das wird auch in ganz Deutschland
nicht gelingen.
Ich komme gerade aus Asien zurück.
In vielen Ländern dort herrscht eine unglaubliche Dynamik. Staaten, die
noch vor kurzem als Entwicklungsländer galten, werden sich innerhalb
einer einzigen Generation in den Kreis der führenden Industriestaaten
des 21.Jahrhunderts katapultieren. Kühne Zukunftsvisionen werden dort
entworfen und umgesetzt, und sie beflügeln die Menschen zu immer neuen
Leistungen.
Was sehe ich dagegen in Deutschland?
Hier herrscht ganz überwiegend Mutlosigkeit, Krisenszenarien werden
gepflegt. Ein Gefühl der Lähmung liegt über unserer Gesellschaft.
Dabei
stehen wir wirtschaftlich und gesellschaftlich vor den größten
Herausforderungen seit 50Jahren: 4,3 Millionen Arbeitslose, die
Erosion der Sozialversicherung durch eine auf dem Kopf stehende
Alterspyramide, die wirtschaftliche, technische und politische
Herausforderung der Globalisierung.
Lassen wir uns
nicht täuschen: Wer immer noch glaubt, das alles gehe ihn nichts an,
weil es ihm selbst noch relativ gut geht, der steckt den Kopf in den
Sand.
Ich will heute abend kein Blatt vor den Mund nehmen, sondern die Probleme beim Namen nennen.
Was ist los mit unserem Land? Im Klartext: Der Verlust wirtschaftlicher Dynamik, die Erstarrung der Gesellschaft, eine unglaubliche mentale Depression -das sind die Stichworte der Krise. Sie bilden einen allgegenwärtigen Dreiklang, aber einen Dreiklang in Moll.
In
der Tat: Verglichen mit den Staaten in Asien oder -seit einigen Jahren
wieder- auch den USA ist das Wachstum der deutschen Wirtschaft ohne
Schwung. Und: In Amerika und Asien werden die Produktzyklen immer
kürzer, das Tempo der Veränderung immer größer. Es geht auch nicht nur
um technische Innovation und um die Fähigkeit, Forschungsergebnisse
schneller in neue Produkte umzusetzen. Es geht um nichts Geringeres als
um eine neue industrielle Revolution, um die Entwicklung zu einer
neuen, globalen Gesellschaft des Informationszeitalters. Der Vergleich
mit Amerika und seinem leergefegten Arbeitsmarkt zeigt: Deutschland
droht tatsächlich zurückzufallen.
Wer Initiative
zeigt, wer vor allem neue Wege gehen will, droht unter einem Wust von
wohlmeinenden Vorschriften zu ersticken. Um deutsche Regulierungswut
kennenzulernen, reicht schon der Versuch, ein simples Einfamilienhaus
zu bauen. Kein Wunder, daß es -trotz ähnlicher Löhne -soviel billiger
ist, das gleiche Haus in Holland zu bauen.
Und
dieser Bürokratismus trifft nicht nur den kleinen Häuslebauer. Er
trifft auch die großen und kleinen Unternehmer und er trifft ganz
besonders den, der auf die verwegene Idee kommt, in Deutschland ein
Unternehmen zu gründen. Bill Gates fing in einer Garage an und hatte
als junger Mann schon ein Weltunternehmen. Manche sagen mit bitterem
Spott, daß sein Garagenbetrieb bei uns schon an der Gewerbeaufsicht
gescheitert wäre.
Und der Verlust der wirtschaftlichen Dynamik geht Hand in Hand mit der Erstarrung unserer Gesellschaft.
Die
Menschen bei uns spüren, daß die gewohnten Zuwächse ausbleiben, und sie
reagieren darauf verständlicherweise mit Verunsicherung. Zum ersten Mal
werden auch diejenigen, die bisher noch nie von Arbeitslosigkeit
bedroht waren, von Existenzangst für sich und ihre Familien geplagt.
Das amerikanische Nachrichtenmagazin "Newsweek" sprach schon von der
"deutschen Krankheit". Das ist gewiß übertrieben. Aber so viel ist doch
richtig: wer heute in unsere Medien schaut, der gewinnt den Eindruck,
daß Pessimismus das allgemeine Lebensgefühl bei uns geworden ist.
Das
ist ungeheuer gefährlich; denn nur zu leicht verführt Angst zu dem
Reflex, alles Bestehende erhalten zu wollen, koste es was es wolle.
Eine von Ängsten erfüllte Gesellschaft wird unfähig zu Reformen und
damit zur Gestaltung der Zukunft. Angst lähmt den Erfindergeist, den
Mut zur Selbständigkeit, die Hoffnung, mit den Problemen
fertigzuwerden. Unser deutsches Wort "Angst" ist bereits als Symbol
unserer Befindlichkeit in den Sprachschatz der Amerikaner und Franzosen
eingeflossen. "Mut" oder "Selbstvertrauen" scheinen dagegen aus der
Mode gekommen zu sein.
Unser eigentliches Problem
ist also ein mentales: Es ist ja nicht so, als ob wir nicht wüßten, daß
wir Wirtschaft und Gesellschaft dringend modernisieren müssen. Trotzdem
geht es nur mit quälender Langsamkeit voran. Uns fehlt der Schwung zur
Erneuerung, die Bereitschaft, Risiken einzugehen, eingefahrene Wege zu
verlassen, Neues zu wagen. Ich behaupte: Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.
Während die Auswirkungen des technischen Wandels auf dem Arbeitsmarkt
und die Folgen der Demographie für die sozialen Netze auch andere
Industrieländer, etwa Japan, heimsuchen, gibt es für den
Modernisierungsstau in Deutschland keine mildernden Umstände. Er ist
hausgemacht, und wir haben ihn uns selbst zuzurechnen.
Dabei
leisten wir uns auch noch den Luxus, so zu tun, als hätten wir zur
Erneuerung beliebig viel Zeit: Ob Steuern, Renten, Gesundheit, Bildung,
selbst der Euro -zu hören sind vor allem die Stimmen der
Interessengruppen und Bedenkenträger. Wer die großen Reformen
verschiebt oder verhindern will, muß aber wissen, daß unser Volk
insgesamt dafür einen hohen Preis zahlen wird. Ich warne alle, die es
angeht, eine dieser Reformen aus wahltaktischen Gründen zu verzögern
oder gar scheitern zu lassen. Den Preis dafür zahlen vor allem die
Arbeitslosen.
Alle politischen Parteien und alle
gesellschaftlichen Kräfte beklagen übereinstimmend das große Problem
der hohen Arbeitslosigkeit. Wenn sie wirklich meinen, was sie sagen,
erwarte ich, daß sie jetzt schnell und entschieden handeln! Ich rufe
auf zu mehr Entschlossenheit! Eine Selbstblockade der politischen
Institutionen können wir uns nicht leisten.
Innovationsfähigkeit
fängt im Kopf an, bei unserer Einstellung zu neuen Techniken, zu neuen
Arbeits- und Ausbildungsformen, bei unserer Haltung zur Veränderung
schlechthin. Ich meine sogar: Die mentale und die intellektuelle
Verfassung des Standorts Deutschland ist heute schon wichtiger als der
Rang des Finanzstandorts oder die Höhe der Lohnnebenkosten. Die
Fähigkeit zur Innovation entscheidet über unser Schicksal. 20Jahre
haben wir gebraucht, um den Ladenschluß zu reformieren. Die zentralen
Herausforderungen unserer Zeit werden wir mit diesem Tempo ganz gewiß
nicht bewältigen. Wer 100Meter Anlauf nimmt, um dann zwei Meter weit
zu springen, der braucht gar nicht anzutreten.
Allzuoft
wird versucht, dem Zwang zu Veränderungen auszuweichen, indem man
einfach nach dem Staat ruft; dieser Ruf ist schon fast zum allgemeinen
Reflex geworden. Je höher aber die Erwartungen an den Staat wachsen,
desto leichter werden sie auch enttäuscht; nicht nur wegen knapper
Kassen. Der Staat und seine Organe sind der Komplexität des modernen
Lebens -mit all seinen Grenz- und Sonderfällen- oft einfach nicht
gewachsen und sie können es auch gar nicht sein.
Der
Staat leidet heute besonders unter dem Mythos der Unerschöpflichkeit
seiner Ressourcen. Man könnte das auch so sagen: Die Bürger überfordern
den Staat, der Staat seinerseits überfordert die Bürger. Je höher die
Steuerlast, desto höher die Erwartungen an den Staat. Dem bleibt dann
nichts anderes übrig, als sich weiter zu verschulden oder erneut die
Steuern zu erhöhen. Bei überhöhter Verschuldung bleibt nur noch die
Roßkur der Haushaltssanierung mit schmerzhaften konjunkturellen Folgen.
Ein Teufelskreis!
Mit dem rituellen Ruf nach dem
Staat geht ein -wie ich finde- gefährlicher Verlust an Gemeinsinn
einher. Wer hohe Steuern zahlt, meint allzuleicht, damit seine
Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft abschließend erfüllt zu
haben. Vorteilssuche des Einzelnen zu Lasten der Gemeinschaft ist
geradezu ein Volkssport geworden. Wie weit sind wir gekommen, wenn
derjenige als clever gilt, der das soziale Netz am besten für sich
auszunutzen weiß, der Steuern am geschicktesten hinterzieht oder der
Subventionen am intelligentesten abzockt? Und jeder rechtfertigt sein
Verhalten mit dem Hinweis auf die anderen, die es -angeblich- ja auch
so machen.
Führen wir angesichts dieser Probleme
überhaupt noch die richtigen Debatten? Ich will ganz unten ansetzen:
Die Welt um uns herum ist hochkompliziert geworden, der Bedarf an
differenzierten Antworten wird infolgedessen immer größer. Aber gerade
bei den Themen, die am heftigsten diskutiert werden, ist der
Informationsstand des Bürgers erschreckend gering. Umfragen belegen,
daß nur eine Minderheit weiß, um was es bei den großen Reformen derzeit
eigentlich geht. Das ist ein Armutszeugnis für alle Beteiligten: die
Politiker, die sich allzuleicht an Detailfragen festhaken und die
großen Linien nicht aufzeigen, die Medien, denen billige Schlagzeilen
oft wichtiger sind als saubere Information, die Fachleute, die sich oft
zu gut dafür sind, in klaren Sätzen zu sagen, "was Sache ist".
Statt
dessen gefallen wir uns in Angstszenarien. Kaum eine neue Entdeckung,
bei der nicht zuerst nach den Risiken und Gefahren, keineswegs aber
nach den Chancen gefragt wird. Kaum eine Anstrengung zur Reform, die
nicht sofort als "Anschlag auf den Sozialstaat" unter Verdacht gerät.
Ob Kernkraft, Gentechnik oder Digitalisierung: Wir leiden darunter, daß
die Diskussionen bei uns bis zur Unkenntlichkeit verzerrt werden -
teils ideologisiert, teils einfach "idiotisiert". Solche Debatten
führen nicht mehr zu Entscheidungen, sondern sie münden in Rituale, die
immer wieder nach dem gleichen Muster ablaufen, nach einer Art
Sieben-Stufen-Programm:
1. Am Anfang steht ein Vorschlag, der irgendeiner Interessengruppe Opfer abverlangen würde.
2. Die Medien melden eine Welle "kollektiver Empörung".
3. Spätestens jetzt springen die politischen Parteien auf das Thema auf, die einen dafür, die anderen dagegen.
4.
Die nächste Phase produziert ein Wirrwarr von Alternativvorschlägen und
Aktionismen aller Art, bis hin zu Massendemonstrationen,
Unterschriftensammlungen und zweifelhaften Blitzumfragen.
5. Es folgt allgemeine Unübersichtlichkeit, die Bürger werden verunsichert.
6. Nunmehr erschallen von allen Seiten Appelle zur "Besonnenheit".
7. Am Ende steht meist die Vertagung des Problems. Der Status quo setzt sich durch. Alle warten auf das nächste Thema.
Diese
Rituale könnten belustigend wirken, wenn sie nicht die Fähigkeit, zu
Entscheidungen zu kommen, gefährlich lähmen würden. Wir streiten uns um
die unwichtigen Dinge, um den wichtigen nicht ins Auge sehen zu müssen.
Erinnert man sich heute noch an den Streit über die Volkszählung, der
vor ein paar Jahren die ganze Nation in Wallung brachte?
Scheinsachverständige mit Doktortitel äußern sich zu beliebigen Themen,
Hauptsache, es wird kräftig schwarzgemalt und Angst gemacht.
Wissenschaftliche und politische Scheingefechte werden so lange
geführt, bis der Bürger restlos verwirrt ist; ohnehin wird die Qualität
der Argumente dabei oft durch verbale Härte, durch Kampfbegriffe und
"Schlagabtausche" ersetzt. Und das in einer Zeit, in der die Menschen
durch die großen Umbrüche ohnehin verunsichert sind; in einer Zeit, in
der der Verlust von eigenem Erfahrungswissen durch äußere Orientierung
ersetzt werden müßte. Ich mahne zu mehr Zurückhaltung: Worte können
verletzen und Gemeinschaft zerstören. Das können wir uns nicht auf
Dauer leisten, schon gar nicht in einer Zeit, in der wir mehr denn je
auf Gemeinschaft angewiesen sind.
Können unsere
Eliten über die dogmatischen Schützengräben hinweg überhaupt noch
Entscheidungen treffen? Wer bestimmt überhaupt noch den Gang der
Gesellschaft: diejenigen, die die demokratische Legitimation dazu
haben, oder jene, denen es gelingt, die Öffentlichkeit für ihr Thema am
besten zu mobilisieren? Interessenvertretung ist sicher legitim. Aber
erleben wir nicht immer wieder, daß einzelne Gruppen durch die
kompromißlose Verteidigung ihrer Sonderinteressen längst überfällige
Entscheidungen blockieren können? Ich mahne zu mehr Verantwortung!
In
Amerika hat man Interessengruppen, die durch die Mobilisierung der
öffentlichen Meinung ihre Sonderinteressen verfechten, "Veto-Gruppen"
genannt, wahrlich eine treffende Bezeichnung. Sie führen dazu, daß über
Probleme nur noch geredet, aber nicht mehr gehandelt wird. Die Parole
heißt dann: Durchwursteln, unter angestrengter Suche nach dem kleinsten
gemeinsamen Nenner. Folge ist der Verlust der großen Perspektive.
Ich
vermisse bei unseren Eliten in Politik, Wirtschaft, Medien und
gesellschaftlichen Gruppen die Fähigkeit und den Willen, das als
richtig Erkannte auch durchzustehen. Es kann ja sein, daß einem einmal
der Wind der öffentlichen Meinung ins Gesicht bläst. Unser Land
befindet sich aber in einer Lage, in der wir es uns nicht mehr leisten
können, immer nur den Weg des geringsten Widerstands zu gehen.
Ich
glaube sogar: In Zeiten existentieller Herausforderung wird nur der
gewinnen, der wirklich zu führen bereit ist, dem es um Überzeugung geht
und nicht um politische, wirtschaftliche oder mediale Macht - ihren
Erhalt oder auch ihren Gewinn. Wir sollten die Vernunft- und
Einsichtsfähigkeit der Bürger nicht unterschätzen. Wenn es um die
großen Fragen geht, honorieren sie einen klaren Kurs. Unsere Eliten
dürfen den notwendigen Reformen nicht hinterherlaufen, sie müssen an
ihrer Spitze stehen!
Eliten müssen sich durch
Leistung, Entscheidungswillen und ihre Rolle als Vorbild rechtfertigen.
Ich erwarte auch eine klare Sprache! Wer -wo auch immer- führt, muß
den Menschen, die ihm anvertraut sind, reinen Wein einschenken, auch
wenn das unangenehm ist. Ich mache den 35jährigen Kohlekumpeln, die in
Bonn für den Erhalt ihres Arbeitsplatzes demonstriert haben, keinen
Vorwurf. Ich weiß, daß den Bergleuten jetzt viel abverlangt wird, und
ich fühle mit ihnen. Mein Vorwurf gilt aber denjenigen, die vor zwanzig
Jahren die damals 15jährigen ermutigt haben, diesen Beruf zu ergreifen,
indem sie ihnen wider besseres Wissen erzählt haben, er habe
uneingeschränkt eine Zukunft.
Die einfache
Wahrheit ist heute doch: Niemand darf sich darauf einrichten, in seinem
Leben nur einen Beruf zu haben. Ich rufe auf zu mehr Flexibilität! In
der Wissensgesellschaft des 21.Jahrhunderts werden wir alle lebenslang
lernen, neue Techniken und Fertigkeiten erwerben und uns an den
Gedanken gewöhnen müssen, später einmal in zwei, drei oder sogar vier
verschiedenen Berufen zu arbeiten.
Das
Problempanorama ließe sich beliebig vervollständigen. Aber ich habe
vorhin gesagt, es fehlt uns nicht an Analysen, sondern am Handeln.
Deshalb will ich mich jetzt der Frage zuwenden: Was muß geschehen?
Ich
meine, wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag zugunsten der
Zukunft. Alle, wirklich alle Besitzstände müssen auf den Prüfstand.
Alle müssen sich bewegen. Wer nur etwas vom anderen fordert -je nach
Standort von den Arbeitgebern, den Gewerkschaften, dem Staat, den
Parteien, der Regierung, der Opposition-, der bewegt gar nichts.
Zuerst müssen wir uns darüber klar werden, in welcher Gesellschaft wir im 21.Jahrhundert leben wollen. Wir brauchen wieder eine Vision. Visionen sind nichts anderes als Strategien des Handelns. Das ist es, was sie von Utopien unterscheidet.
Visionen
können ungeahnte Kräfte mobilisieren: Ich erinnere nur an die Vitalität
des "American Dream", an die Vision der Perestroika, an die Kraft der
Freiheitsidee im Herbst 1989 in Deutschland.
Auch
die Westdeutschen hatten einmal eine Vision, die sie aus den Trümmern
des Zweiten Weltkrieges emporführte: die Vision der sozialen
Marktwirtschaft, die Wohlstand für alle versprach und dieses
Versprechen gehalten hat. Die Vision, das im Krieg geschlagene und
moralisch diskreditierte Deutschland in die Gemeinschaft demokratischer
Staaten und nach Europa zurückzuführen. Und schließlich die Vision der
Vereinigung des geteilten Deutschlands.
Niemand
darf von mir Patentrezepte erwarten. Aber wenn ich versuche, mir
Deutschland im Jahre 2020 vorzustellen, dann denke ich an ein Land, das
sich von dem heutigen doch wesentlich unterscheidet.
Erstens:
Wäre es nicht ein Ziel, eine Gesellschaft der Selbständigkeit
anzustreben, in der der Einzelne mehr Verantwortung für sich und andere
trägt, und in der er das nicht als Last, sondern als Chance begreift?
Eine Gesellschaft, in der nicht alles vorgegeben ist, die Spielräume
öffnet, in der auch dem, der Fehler macht, eine zweite Chance
eingeräumt wird. Eine Gesellschaft, in der Freiheit der zentrale Wert
ist und in der Freiheit sich nicht nur durch die Chance auf materielle
Zuwächse begründet.
Zweitens: Wäre es nicht ein
Ziel, eine Gesellschaft anzustreben, die nicht mehr wie heute strikt in
Arbeitsplatzbesitzer und Menschen ohne Arbeit geteilt ist? Arbeit wird
in Zukunft anders sein als heute: Neue, wissensgestützte Berufe werden
unqualifizierte Jobs verdrängen und es wird mehr Dienstleistungen als
industrielle Arbeit geben. Statt Lebensarbeitsplätzen wird es mehr
Mobilität und mehr Flexibilität geben, auch zur besseren Vereinbarkeit
von Beruf und Familie. Arbeit dient nicht nur dem Lebensunterhalt,
Arbeit kann und soll auch Freude machen und Stolz vermitteln.
Niemandem, der sich mit voller Kraft engagiert, darf deswegen ein
schlechtes Gewissen eingeredet werden.
Drittens:
Wäre es nicht ein Ziel, eine Gesellschaft der Solidarität anzustreben -
nicht im Sinne der Maximierung von Sozialtransfers, sondern im
Vertrauen auf das verantwortliche Handeln jedes Einzelnen für sich
selbst und die Gemeinschaft? Solidarität ist Hilfe für den, dem die
Kraft fehlt, für sich selbst einzustehen. Solidarität heißt aber auch
Rücksicht auf die kommenden Generationen.
Viertens:
Ich erwarte eine Informations- und Wissensgesellschaft. Das ist die
Vision einer Gesellschaft, die jedem die Chance einräumt, an der
Wissensrevolution unserer Zeit teilzuhaben. Das heißt: bereit zum
lebenslangen Lernen zu sein, den Willen zu haben, im weltweiten
Wettbewerb um Wissen in der ersten Liga mitzuspielen. Dazu gehört vor
allem auch ein aufgeklärter Umgang mit Technik.
Fünftens:
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die die europäische Einigung nicht
als Technik des Zusammenlebens versteht, sondern die Europa als Teil
ihrer politischen und kulturellen Identität empfindet und bereit ist,
diese in der bunter werdenden Welt zu bewahren und zu bewähren.
Sechstens:
Ich wünsche mir deshalb eine Gesellschaft, die die internationale
Verantwortung Deutschlands annimmt und sich für eine Weltordnung
einsetzt, in der die Unterschiedlichkeit der Kulturen nicht neue
Konflikt- und Kampflinien schafft. Auch im Inneren muß eine offene
Gesellschaft entstehen, eine Gesellschaft der Toleranz, die das
Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen möglich macht.
Wir
brauchen aber nicht nur den Mut zu solchen Visionen, wir brauchen auch
die Kraft und die Bereitschaft, sie zu verwirklichen. Ich rufe auf zur
inneren Erneuerung! Vor uns liegt ein langer Weg der Reformen. Wir
müssen heute mit dem ersten Schritt beginnen.
Da sind zunächst die Reformen, über die wir schon viel zu lange reden:
- Beispiel Lohnnebenkosten:
Daß
die Lohnnebenkosten zu hoch sind, weiß mittlerweile wirklich jeder.
Wann endlich werden die Kosten der Arbeit von versicherungsfremden
Leistungen befreit?
- Beispiel Arbeitsmarkt:
Wann finden Arbeitgeber und Gewerkschaften endlich die Kraft zu Abschlüssen, die Neueinstellungen möglich machen?
- Beispiel Subventionen:
Statt
Subventionen mutig zu kürzen, fallen uns immer wieder neue Vorschläge
für staatliche Leistungen ein. Dabei hat manches Förderprogramm längst
seinen guten Sinn verloren.
- Beispiel öffentliche Verwaltung:
Ich
frage mich manchmal, ob mancherorts bei öffentlichen Baumaßnahmen ein
Wettlauf zwischen Ausbau und Rückbau stattfindet. Und überall gilt: die
vielen kleinen Fälle öffentlicher Verschwendung ergeben zusammen
Milliardensummen. Wo bleibt ein modernes Haushaltsrecht, das Sparen
belohnt und Verschwendung bestraft?
- Beispiel Deregulierung:
Ist
es wirklich ein Naturgesetz, daß man in Deutschland bis zu 19Behörden
fragen muß, wenn man einen Produktionsbetrieb errichten will, obwohl
der neue Arbeitsplätze schafft?
- Beispiel Arbeitslosigkeit bei den Niedriglohngruppen:
Alle
wissen heute, daß Löhne und Sozialhilfeleistungen so weit auseinander
liegen müssen, daß es sich für den Einzelnen auch lohnt zu arbeiten.
Dabei geht es mir nicht um die vielzitierte Mutter mit vier oder fünf
Kindern. Aber warum ist es so schwierig, das Lohnabstandsgebot für die
durchzusetzen, die wirklich arbeiten könnten? Und sei es auch um den
Preis öffentlicher Lohnzuschüsse, die immer noch billiger wären als die
vollen Sozialhilfeleistungen?
- Beispiel Krankenversicherung:
Warum
finanzieren die Krankenkassen immer noch Erholungskuren, während auf
der anderen Seite das Geld für lebenserhaltende Operationen knapp wird?
Ständig steigende Beiträge sind hier gewiß kein Ausweg, denn sie
gefährden Arbeitsplätze.
- Und schließlich Beispiel Steuerreform:
Dazu fällt mir nach der Entwicklung der letzten Tage überhaupt nichts mehr ein.
Der
Weg in die von mir skizzierte Gesellschaft beginnt mit dem Nachholen
all der Reformen, die bislang liegen geblieben sind. Wir müssen endlich
die Reform-Hausaufgaben machen, über die wir schon so lange reden.
Wir
müssen aber ebenso schon heute den Blick darüber hinaus richten. Die
angesprochenen Reformen werden für sich allein genommen nicht
ausreichen, die Zukunft zu gewinnen.
Ich möchte dazu etwas grundsätzlicher werden.
Wir
erleben heute, daß dem Menschen ein Zuwachs an Sicherheit durch
staatliche Vorsorge oft wichtiger ist als der damit einhergehende
Verlust an Freiheit. Wir fordern Freiheit -aber was ist, wenn die
Bürger ihre Freiheit als kalt empfinden und statt dessen auf die
Geborgenheit staatlicher Für- und Vorsorge setzen?
Diese
Frage läßt sich nicht mit dem Federstrich eines Gesetzestextes
beantworten. Wir müssen also tiefer ansetzen: bei unserer Jugend, bei
dem, was wir mit unserem Erziehungs- und Bildungssystem vermitteln. Wir
müssen unsere Jugend auf die Freiheit vorbereiten, sie fähig machen,
mit ihr umzugehen. Ich ermutige zur Selbstverantwortung, damit unsere
jungen Menschen Freiheit als Gewinn und nicht als Last empfinden.
Freiheit ist das Schwungrad für Dynamik und Veränderung. Wenn es uns
gelingt, das zu vermitteln, haben wir den Schlüssel der Zukunft in der
Hand. Ich bin überzeugt, daß die Idee der Freiheit die Kraftquelle ist,
nach der wir suchen und die uns helfen wird, den Modernisierungsstau zu
überwinden und unsere Wirtschaft und Gesellschaft zu dynamisieren.
Deswegen gebe ich der Reform unseres Bildungssystems so hohe Priorität:
Bildung
muß das Megathema unserer Gesellschaft werden. Wir brauchen einen neuen
Aufbruch in der Bildungspolitik, um in der kommenden
Wissensgesellschaft bestehen zu können.
Das ist
nicht primär eine Frage des Geldes. Zuerst brauchen wir weniger
Selbstgefälligkeit: Wie kommt es, daß die leistungsfähigsten Nationen
in der Welt es schaffen, ihre Kinder die Schulen mit 17 und die
Hochschulen mit 24 abschließen zu lassen? Es sind -wohlgemerkt-
gerade diese Länder, die auf dem Weltmarkt der Bildung am attraktivsten
sind. Warum soll nicht auch in Deutschland ein Abitur in zwölf Jahren
zu machen sein? Für mich persönlich sind die Jahre, die unseren jungen
Leuten bisher verloren gehen, gestohlene Lebenszeit.
Auch
die Ausbildungsinhalte gehören auf den Prüfstand. Es geht in Zukunft
noch weniger als bisher nur um die Vermittlung von Wissen. Mit dem
Tempo der Informationsexplosion kann der Einzelne sowieso nicht mehr
Schritt halten. Also müssen wir die Menschen lehren, mit diesem Wissen
umzugehen. Wissen vermehrt sich immer schneller, zugleich veraltet es
in noch nie dagewesenem Tempo. Wir kommen gar nicht darum herum,
lebenslang zu lernen. Es kann nicht das Ziel universitärer Bildung
sein, mit dreißig einen Doktortitel zu haben, dabei aber keine
Perspektive auf dem Arbeitsmarkt. Unsere Hochschulen brauchen deshalb
mehr Selbstverwaltung. Ich ermutige zu mehr Wettbewerb und zu mehr
Spitzenleistungen. Ich weiß, daß solche Vorschläge schon lange auf dem
Tisch liegen. Auch hier ist das Tempo der Umsetzung das Problem. Wir
dürfen nicht so tun, als könnten wir die Schul- und Hochschulreform den
Spezialisten überlassen. Es geht um eine zentrale Aufgabe. Sie betrifft
die Zukunft unserer Gesellschaft insgesamt.
Wenn
ich von der Zukunft unserer Gesellschaft rede, spreche ich -wie schon
gesagt- zwangsläufig von der Jugend. Unsere Jugend ist das größte
Kapital, das wir haben. Wir müssen ihr nur Perspektiven geben. Dazu
gehört nicht nur, daß wir keine Schuldenpolitik zu ihren Lasten
betreiben, mit der wir ihr alle Spielräume verbauen.
Ich
frage weiter: Warum gibt es so wenige Angebote für Jugendliche zu einem
freiwilligen sozialen Engagement? Es gibt sie doch wieder, die
Jugendlichen, die dazu bereit sind. Ich erlebe es in persönlichen
Begegnungen, und ich sehe durch die Umfragen bestätigt, daß wir längst
eine Trendwende in diesem Land haben: Die Pflichtwerte gewinnen wieder
an Bedeutung gegenüber dem, was die Soziologen so schön die
"Selbstverwirklichungswerte" nennen. Man könnte vermutlich auch einfach
sagen: Egoismus allein ist nicht mehr "in", gerade unsere Jugend ist
wieder bereit, sich für die Gemeinschaft einzusetzen. Wir müssen sie
dann aber auch gewähren lassen, ihr Spielräume geben, Erfahrungen
jenseits der materiellen Werte zu gewinnen.
Wir
müssen unserer Jugend zu mehr Selbständigkeit, zu mehr
Bindungsfähigkeit, zu mehr Unternehmensgeist und mehr
Verantwortungsbereitschaft Mut machen. Wir sollten ihr sagen: Ihr müßt
etwas leisten, sonst fallt ihr zurück. Aber: Ihr könnt auch etwas
leisten. Es gibt genug Aufgaben in unserer Gesellschaft, an denen junge
Menschen ihre Verantwortung für sich und das Ganze beweisen können.
Wir
Älteren aber müssen uns die Frage stellen: Was leben wir den jungen
Menschen vor? Welche Leitbilder geben wir ihnen? Das Leitbild des ewig
irritierten, ewig verzweifelten Versorgungsbürgers kann es doch
wahrhaftig nicht sein! Die Jungen beobachten uns Alte sehr genau.
Wirklich überzeugen werden wir sie nur, wenn wir ihnen unsere eigene
Verantwortung glaubhaft vorleben.
Und
schließlich: Wir müssen von dem hohen Roß herunter, daß Lösungen für
unsere Probleme nur in Deutschland gefunden werden können. Der Blick
auf den eigenen Bauchnabel verrät nur wenig Neues. Jeder weiß, daß wir
eine lernende Gesellschaft sein müssen. Also müssen wir Teil einer
lernenden Weltgesellschaft werden, einer Gesellschaft, die rund um den
Globus nach den besten Ideen, den besten Lösungen sucht.
Die
Globalisierung hat nicht nur einen Weltmarkt für Güter und Kapital,
sondern auch einen Weltmarkt der Ideen geschaffen, und dieser Markt
steht auch uns offen.
Die meisten traditionellen
Industriestaaten standen oder stehen vor ähnlichen Problemen wie wir.
Eine ganze Reihe von ihnen hat aber bewiesen, daß diese Probleme lösbar
sind.
- In Neuseeland hat man aus alten, ineffizienten Strukturen eine moderne Kommunalverwaltung aufgebaut.
- In Schweden hat man den überbordenden Sozialstaat erfolgreich modernisiert.
-
In Holland hat man im Konsens mit den Tarifpartnern die
Arbeitsbeziehungen flexibler gemacht. Folge: die Arbeitslosigkeit ist
in Holland drastisch gesunken.
- In den USA hat
eine gezielte Strategie neuartiges Wachstum ausgelöst, das Millionen
neue Arbeitsplätze geschaffen hat. Ich weiß, hier kommt gleich das
Argument, daß nicht alles, was in Amerika geschieht, auf uns
übertragbar ist und daß wir amerikanische Verhältnisse bei uns auch gar
nicht wollen.
Das ist sicher richtig, aber es darf
uns nicht hindern, einmal genauer hinzuschauen. Ich fordere auf, von
anderen zu lernen, nicht sie zu kopieren! Tatsache ist doch: die
Mehrheit dieser Arbeitsplätze ist in Zukunftsindustrien und
Zukunftsdienstleistungen wie Telekommunikation, Computer, Software,
Finanzdienstleistungen entstanden. Das sind keine Billigjobs. Die
Amerikaner haben nicht versucht, den Wandel aufzuhalten, sondern sie
haben sich an die Spitze des Wandels gesetzt: Durch Förderung von
Forschung und Technologie, durch Deregulierung, durch den Aufbau einer
Infrastruktur für das Informationszeitalter. Sie haben das Potential
der Durchbrüche in Mikroelektronik und Biotechnologie zur Schaffung
neuer Produkte genutzt, aus denen ganz neue Industrien entstanden sind.
Ein neues, wissensgestütztes Wachstum wurde zur Quelle für Millionen
neuer Arbeitsplätze.
Auch wir müssen rein in die
Zukunftstechnologien, rein in die Biotechnik, die
Informationstechnologie. Ein großes, globales Rennen hat begonnen: die
Weltmärkte werden neu verteilt, ebenso die Chancen auf Wohlstand im 21.
Jahrhundert. Wir müssen jetzt eine Aufholjagd starten, bei der wir uns
Technologie- und Leistungsfeindlichkeit einfach nicht leisten können.
Die
Aufgaben, vor denen wir stehen, sind gewaltig. Die Menschen fühlen sich
durch die Fülle der gleichzeitig notwendigen Veränderungen überlastet.
Das ist verständlich, denn der Nachholbedarf an Reformen hat sich bei
uns geradezu aufgestaut. Es wird Kraft und Anstrengung kosten, die
Erneuerung voranzutreiben, und es ist bereits viel Zeit verloren
gegangen. Niemand darf aber vergessen: In hochtechnisierten
Gesellschaften ist permanente Innovation eine Daueraufgabe! Die Welt
ist im Aufbruch, sie wartet nicht auf Deutschland.
Aber
es ist auch noch nicht zu spät. Durch Deutschland muß ein Ruck gehen.
Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen. Alle sind
angesprochen, alle müssen Opfer bringen, alle müssen mitmachen:
- die Arbeitgeber, indem sie Kosten nicht nur durch Entlassungen senken.
- die Arbeitnehmer, indem sie Arbeitszeit und -löhne mit der Lage ihrer Betriebe in Einklang bringen.
- die Gewerkschaften, indem sie betriebsnahe Tarifabschlüsse und flexiblere Arbeitsbeziehungen ermöglichen.
- Bundestag und Bundesrat, indem sie die großen Reformprojekte jetzt rasch voranbringen.
- die Interessengruppen in unserem Land, indem sie nicht zu Lasten des Gemeininteresses wirken.
Die
Bürger erwarten, daß jetzt gehandelt wird. Wenn alle die vor uns
liegenden Aufgaben als große, gemeinschaftliche Herausforderung
begreifen, werden wir es schaffen. Am Ende profitieren wir alle davon.
Gewiß:
Vor uns liegen einige schwere Jahre. Aber wir haben auch gewaltige
Chancen: Wir haben mit die beste Infrastruktur in der Welt, wir haben
gut ausgebildete Menschen. Wir haben Know-how, wir haben Kapital, wir
haben einen großen Markt. Wir haben im weltweiten Vergleich immer noch
ein nahezu einmaliges Maß an sozialer Sicherheit, an Freiheit und
Gerechtigkeit. Unsere Rechtsordnung, unsere soziale Marktwirtschaft
haben sich andere Länder als "Modell Deutschland" zum Vorbild genommen.
Und vor allem: Überall in der Welt -nur nicht bei uns selbst- ist man
überzeugt, daß "die Deutschen" es schaffen werden.
John
F. Kennedy hat einmal gesagt: Unsere Probleme sind von Menschen
gemacht, darum können sie auch von Menschen gelöst werden. Ich sage:
Das gilt auch für uns Deutsche. Und ich glaube daran, daß die Deutschen
ihre Probleme werden lösen können. Ich glaube an ihre Tatkraft, ihren
Gemeinschaftsgeist, ihre Fähigkeit, Visionen zu verwirklichen. Wir
haben es in unserer Geschichte immer wieder gesehen: Die Deutschen
haben die Kraft und den Leistungswillen, sich am eigenen Schopf aus der
Krise herauszuziehen - wenn sie es sich nur zutrauen.
Und
wieder glaube ich an die jungen Leute. Natürlich kenne auch ich die
Umfragen, die uns sagen, daß Teile unserer Jugend beginnen, an der
Lebens- und Reformfähigkeit unseres "Systems" zu zweifeln. Ich sage
ihnen aber: wenn ihr schon "dem System" nicht mehr traut, dann traut
euch doch wenigstens selbst etwas zu!
Ich bin
überzeugt: Wir können wieder eine Spitzenposition einnehmen, in
Wissenschaft und Technik, bei der Erschließung neuer Märkte. Wir können
eine Welle neuen Wachstums auslösen, das neue Arbeitsplätze schafft.
Das
Ergebnis dieser Anstrengung wird eine Gesellschaft im Aufbruch sein,
voller Zuversicht und Lebensfreude, eine Gesellschaft der Toleranz und
des Engagements. Wenn wir alle Fesseln abstreifen, wenn wir unser
Potential voll zum Einsatz bringen, dann können wir am Ende nicht nur
die Arbeitslosigkeit halbieren, dann können wir sogar die
Vollbeschäftigung zurückgewinnen. Warum sollte bei uns nicht möglich
sein, was in Amerika und anderswo längst gelungen ist?
Wir
müssen jetzt an die Arbeit gehen. Ich rufe auf zu mehr
Selbstverantwortung. Ich setze auf erneuerten Mut. Und ich vertraue auf
unsere Gestaltungskraft. Glauben wir wieder an uns selber. Die besten
Jahre liegen noch vor uns.
>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<
Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.