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| Erschienen in Ausgabe: No. 34 (4/2008) | Letzte Änderung: 13. Januar '09 |
von Stefan Groß
In
Krisenzeiten wünscht man sich Krisenmanager. Helmut Schmidt, der am
23. Dezember seinen 90. Geburtstag feierte, war und ist dies in aller
erster Linie gewesen – einer, der standhält, der sich gegen den
Mainstram und die Political Correctnes durchsetzte, auch und oft
gegen den Willen der eigenen Partei. Daß ihm dieser Rigorismus, sein
oftmals zelebrierter Alleingang, obwohl sich Schmidt selbst als
Teamplayer versteht, auch Feindseligkeiten bescherte, ist
letztendlich nur zwingend für einen charismatischen Politiker, der
nicht den Lobbyisten wohlgefällig das Wort redet, sondern gerade im
Lobbyismus, den er auf Schärfste kritisiert, den zu bekämpfenden
Gegner Nummer Eins sieht.
Krisen,
die der Altkanzler während seiner Regentschaft als „leitender
Angestellter“, wie er sich gern bezeichnete, in unruhigen Gewässern
durchfahren mußte, gab es viele: die Sturmflut, die Ölkrise, die
festgefahrene Ost-West Politik, den RAF-Terrorismus und den
NATO-Doppelbeschluß. Auch heute geht Schmidt keineswegs mit dem
Zeitgeist konform. So hält er mit aller Nachdrücklichkeit daran
fest, daß das Prinzip der Nichteinmischung in die Angelegenheiten
souveräner Staaten nicht verletzt werden darf, die Verweigerung
Deutschlands beim Irak-Krieg ist aus seiner Sicht daher moralisch
tadellos. Deshalb wirft er der Außenpolitik der USA und ihren
ständigen Invasionen weltweit, Doppelmoral vor. Einerseits kämpfen
sie gegen die Achse des Bösen, gegen die Zellen des Terrorismus,
andererseits arrangieren sie sich mit jenen ölfördernden Staaten,
die letztendlich auch die Terrornetze finanzieren. Auch ist der
Gründer der G 7 skeptisch, was die Resultate der G 8 Gipfel
betrifft, die er als reine „Medienspektakel“ begreift, deren
vordringliches Ziel es vielmehr sein müßte, China, Indien, die
großen Erdöl-Exporteure und Entwicklungsländer mit einzubeziehen.
Zu den dringenden Fragen und zu den größten Herausforderungen, die
die Politik heutzutage zu bewerkstelligen habe, zählt der
Altbundeskanzler die Bewältigung von Ernährungs- und Energiefragen,
wenngleich er der derzeit in den Medien immer wieder schlaglichtartig
zum Thema Nummer Eins erhobenen Klimapolitik, die den ökologischen
Gau als Horrorszenario beschwört, eine klare Absage erteilt. Wenn
Schmidt die Debatte um die globale Erwärmung als „reine Hysterie“
abtut heißt aber nicht, daß er diese Thematik zur randständigen
Sache erklärt. Das Gegenteil ist der Fall, wenn er fordert, daß die
Europäische Union es sich zur Pflicht machen muß, den CO 2 Ausstoß
zu verringern. Ebenfalls betrachtet er die Erweiterung der
Europäischen Union und die Einbeziehung der Türkei als
nicht besonders geschickt. Das Ideal einer multikulturellen Gesellschaft
bleibt für ihn eine „Illusion von Intellektuellen“.
Schmidt,
der 1918 in ärmlichen Verhältnissen geboren wurde und der die Zeit
des Nationalsozialismus als Offizier erlebte, maßgeblich am
demokratischen Neuaufbau der Bundesrepublik beteiligt war, ist ein
Urgestein parlamentarischer Demokratie. Wie einst Hans Georg Gadamer
zum lebenden Symbol einer ganzen Philosophieepoche wurde, ist Schmidt
ein medialer Lichtpunkt unter den sonst so traurigen
Politikgestalten. Der Politiker ist aus anderem Karat als Angela
Merkel und Frank-Walter Steinmeier. Er ist ein Kämpfer, der auch
unliebsame Maßnahmen für die Mehrheit der Bürger in Kauf nahm,
einer, der immer wieder Themen wie Verantwortung, Gewissen und
Vernunft glaubwürdig und ohne Emotionalität äußerte. Von allen
Bundeskanzlern war er sicherlich der philosophischste, der auf die
Kraft der Vernunft, der kritischen Vernunft, vertraute, die mit dem
unbedingten inneren Gewissen gleich zu gehen habe. So nimmt es nicht
wunder, daß ihm der Königsberger Kosmopolit Immanuel Kant zum
Leitbild politischer Verantwortung wurde, denn von ihm übernahm er
nicht nur das kategoriale Gebot sittlichen Handelns, das sich die
selbstgesetzgebende praktische Vernunft auferlegt, sondern auch Kants
Idee eines ewigen Friedens, den dieser als zu verwirklichendes
Idealbild und politische Maxime seiner politischen Philosophie
voranstellte. Daß die Realisierung dieser Idee nicht gegeben,
sondern aufgegeben ist, daran hält auch Schmidt mit allem Nachdruck
fest. Friedenssicherung war daher eine der politischen Leitlinien
seiner Amtszeit, dies nicht und zuletzt auch resultierend aus seinen
Erfahrungen an der Ostfront.
Der
römische Stoiker und Kaiser Marc Aurel, dessen Selbstbetrachtungen
millionenfach gelesen wurden, war Schmidts Ratgeber in
lebensweltlich brisanten Lebenssituationen, so im Zweiten Weltkrieg.
Auch bei Aurel wird die alles bestimmende Vernunft zum absoluten
Paradigma sittlicher Selbstbestimmung, sie erweist sich als das
Beständigste in der Welt, denn ihr dringlichstes Gebot es ist, sich
gegen die anstürmenden Leidenschaften und Gefühle zu behaupten.
Gleichmut und Gelassenheit im Aufscheinen des Absurden – diese
Gelassenheit zu lernen und sich zu bewahren, darin wird Schmidt Aurel
folgen. Bei allen Widrigkeiten des Lebens besteht, so Schmidt die
Aufgabe, daß der Mensch verantwortlich für die Erfüllung seiner
Pflichten ist. Ein bloßes anything goes bleibt ihm ein Greuel. Eine
reine Gesinnung, die nicht auf die Folgen der Handlung abzielt, diese
nicht kritisch beleuchtet und abwägt, lehnt er wie der Philosoph
Hans Jonas ab. Es verwundert daher nicht, daß Schmidt sich als
moralischen Politiker begreift, der, wie er selbst bekennt, viel von
Max Webers einschlägiger Schrift Politik als Beruf aus dem
Jahr 1919 gelernt hat. Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und
Augenmaß, Qualitäten, die Weber dem Idealbild des Berufspolitikers
vorausgestellt hat, sind für Schmidt zu Tugenden geworden, zu
Primärtugenden, die er gern um die drei Grundwerte der deutschen
Sozialdemokratie, Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, wie sie
im Godesberger Grundsatzprogramm von 1959 verankert wurden, erweitert
wissen will. Lautere Gesinnung verträgt sich nicht mit dem
moralischen Anspruch des verantwortlichen Politikers, dem das eigene
Gewissen oberste Instanz ist. Die Generation der 68er hat er damals
als reine Gesinnungsethiker kritisiert.
So heißt
es bei Schmidt: „Je mehr ein Politiker sich ‚gesinnungsethisch’
von einer vorab fixierten Theorie oder Ideologie leiten läßt, je
mehr er bei einer Entscheidung dem Machtinteresse seiner Partei
folgt, je weniger er im Einzelfall alle erkennbaren Faktoren abwägt,
desto größer ist die Gefahr von Irrtümern, von Fehlern und
Fehlschlüssen. In jedem Fall trifft ihn die Verantwortung für die
Folgen – und oft genug kann die Verantwortung durchaus bedrückend
sein. Eine gute Absicht oder eine lautere Gesinnung allein kann ihn
von seiner Verantwortung nicht entlassen. Also muß der Politiker
seine Vernunft anstrengen, um sein Handeln und dessen Folgen vor
seinem Gewissen verantworten zu können. Deshalb empfinde ich Max
Webers Plädoyer für die Verantwortungsethik im Gegensatz zur
Gesinnungsethik immer noch als gültig.“
Über
sein kritisch-distanziertes Verhältnis zur Religion und
Religionsgeschichte, seine kritischen Äußerungen zum Christentum
hat Schmidt nie einen Hehl gemacht. „Gott gehört nicht ins
Parlament“. Was ihm die Religion an sich verbrämt, ist die erlebte
Geschichte und die Frage Hiobs: Wie kann Gott das zulassen? „Denn
konnte der Krieg wirklich Gottes Wille sein? Und wieso hatte Gott den
in meinen Augen größenwahnsinnigen ‚Führer‘ als Obrigkeit
geduldet?“ Gerade vor dem Hintergrund seiner Kriegserfahrungen, des
Holocausts, den Schmidt zu den grausamsten Verbrechen der
Menschheitsgeschichte zählt, mag er sich nicht mit der
Rechtfertigungslehre anfreunden und abfinden. So begreift er es auch
als eine große Errungenschaft der Demokratie, daß Kirche und Staat
getrennt sind, denn einer Instrumentalisierung der Religion zur
Legitimation der Macht mißtraut Schmidt aus tiefstem Herzen, was ihm
zum kritischen Imperativ führt, der da lautet: „Mißtraue jedem
Politiker, jedem Regierungs- oder Parteichef, der seine Religion zum
Instrument seines Machtstrebens macht, und halte Abstand von allen,
die eine auf das Jenseits orientierte Religion mit sehr diesseitigen
politischen Interessen zu verbinden suchen.“ Um richtig zu handeln,
bedarf es weder einer Religion noch einer christlich fundierten
Ethik, wenngleich er auch betont, daß die moralischen Grundwerte der
Demokratie ohne das Christentum undenkbar wären, sondern eben der
gesetzgebenden Vernunft und dem inneren Gewissen als oberster
Gerichtshof. Hier folgt er Kant, der „sein Leben lang über die
Grundwerte des Gewissens nachgedacht hat, ohne daß die Religion
dabei eine Rolle spielte.“ Die im Grundgesetz verbriefte
Unantastbarkeit der Würde des Menschen ist als Leitbild sittlichen
Handelns richtungweisend und grundlegend. Auch plädiert Schmidt
immer wieder für wechselseitige Toleranz. Wer diese mißachtet,
verstößt gegen die Freiheit und Würde des Andersgläubigen. Auf
die moralische Kraft der Religionen – gerade im Kampf der
verschiedenen Religionen und Zivilisationen, dem clash of
civilizations Huntingtons – gibt er wenig, auch dies wieder aus
seiner eigen erlebten Geschichte heraus. So schreibt er rückblickend
auf das Jahr 1945: „Jedenfalls war 1945 der christliche Glaube bei
weitem nicht so fest in der Seele des Volkes verankert, daß die
Kirchen in der Lage gewesen wären, eine neue, moralisch fundierte
Gesellschaftsordnung ins Leben rufen. Das hat sich bereits im Laufe
der späten vierziger Jahre deutlich gezeigt und bedeutete für mich
eine empfindliche Enttäuschung.“
Die
Notwendigkeit der Toleranzausübung, des interreligiösen Dialoges,
ist es dann, die Schmidt für das Projekt Weltethos des
Tübinger Theologen Hans Küng emphatisch werden läßt. Diese
Sympathie gegenüber dem Reformtheologen des Zweiten Vatikanischen
Konzils veranlaßt Schmidt im Jahr 2007 dazu, die 7. Weltethosrede in
Tübingen zu halten. Auch Schmidt bekennt, daß kein Zusammenleben
auf unserem Globus ohne ein globales Ethos, daß kein Frieden unter
den Nationen ohne Frieden unter den Religionen, daß kein Frieden
unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen, daß kein
Dialog zwischen den Religionen und Kulturen ohne Grundlagenforschung,
daß kein globales Ethos ohne Bewußtseinswandel von Religiösen und
Nicht-Religiösen möglich ist.
Schmidt
als Gewissen der Nation zu betrachten, ist keine Übertreibung. Auch
in Krisenzeiten, wie der derzeitigen Wirtschaftsrezession, die von
Schmidt lange schon vorausgesagt wurde, die sich mit Notwendigkeit
aus einem uferlosen „Raubtierkapitalismus“ ergeben mußte, behält
Schmidt Überblick, benennt Fakten und führt keine
Verschleierungstaktiken, wie die regierende Kanzlerin, die aufgrund
ihres unentschlossenen Auftretens in der Rezession auch viele
Wählerstimmen derzeit verliert. Schmidt war es, der einem rein am
Profit sich orientierenden Kapitalismus anprangerte, der den
finanziellen Kollaps der USA und die Probleme der Bundesrepublik
Deutschland, des deutschen Absatzmarktes, frühzeitig
diagnostizierte. „Wenn wir alle anfangen Geld zu drucken“, wie
Schmidt in einem Interview betonte, ist die sich daraufhin
abzeichnende Rezession eine notwendige Folgeerscheinung einer aus dem
Ruder gelaufenen Finanzpolitik. So verwundert es nicht, daß er
„Verkehrsregeln“ für die Wirtschaft unter dem Dach des
Internationalen Währungsfonds fordert.
Für
viele ehemalige DDR-Bürger war Schmidt immer eine Lichtgestalt, um
dessen Gesundheitszustand 1981 gebangt wurde, als er aufgrund von
Adams-Stokes-Anfällen zweimal wiederbelebt werden mußte. Um den
westdeutschen Bundeskanzler hatte man hierzulande mehr Angst, als um
die Gesundheitszustände jener „kurzatmigen“ Gestalten des
Politbüros. Schmidt konnte selbst aus der Ferne überzeugen, im
Gegensatz zum autoritären Auftreten des vergreisten SED-Politbüros.
Das Charakterbild, das Schmidt über Honecker zeichnet, wenn er ihn
als verschüchterten und letztendlich uneigenständigen Politiker
vorstellt, der weder über die gebotene Vernunft noch über ein
gebotenes Freiheits- und Demokratieverständnis verfügt habe,
teilten viele DDR Bürger.
Schmidts
politisches Geschick, seinen Argumenten mit Kraft Nachhaltigkeit zu
verleihen, liegt nicht zuletzt daran, daß er ein glänzender
Rhetoriker ist, der mit seinem breit gefächerten Allgemeinwissen
nicht nur Zuschauer, sondern auch seine Leser begeistern kann. Er,
der große Vorzeige-Intellektuelle, der präzise argumentiert, hat
auch als älteres Semester seine Authentizität und seinen kühlen
Charme nicht verloren, er ist ganz hanseatisch geblieben.
Es
scheint, daß sich sein Charisma im Alter noch verstärkt. Dabei ist
der erfolgsverwöhnte Ex-Kanzler und Krisenmanager keineswegs
bescheiden. Schmitt bilanziert kühl, Fehler der anderen kann er
nicht verzeihen – in dieser Beziehung ist er rigoros und eitel.
Eigene Schwächen gesteht er ungern ein. Erst spät, wie er äußert,
lernte er, daß er die Leistung der anderen Mitmenschen und
Mitarbeiter in seinem Stab zu achten habe, daß ein Lob beflügeln
kann. Auch räumt er ein, daß er während seiner Zeit als
Bundeskanzler die großen Probleme der Gegenwart, die Globalisierung
und die demographische Entwicklung, nicht ausreichend bedacht hat.
Dies sei im nachhinein ein Fehler gewesen.
Nunmehr
hat er als Lebensrückblick sein politisches und persönliches
Vermächtnis vorgelegt. Daß Ausser Dienst die Bestsellerlisten
anführt, ist keineswegs verwunderlich, denn keiner prägte den Geist
der Bundesrepublik – neben Adenauer – so wie Schmidt, all seine
Publikationen, die er vor und nach seiner Amtzeit veröffentlichte,
wurden millionenfach gelesen. Der erste und der fünfte Kanzler
werden als Vorbilder auch die Seiten kommender Geschichtsbücher
ausfüllen.
Ausser
Dienst ist aber mehr als eine Retrospektive, es ist gerade in
Zeiten, wo eine Hiobsbotschaft die andere ablöst, wo das Jahr 2009
mit düsteren Prognosen angekündigt wird, von einem belebenden
Optimismus. Schmidts Alterswerk ist keineswegs resignierend, sondern
im höchsten Grade affirmativ. Was man von ihm lernen kann, und was
das Buch so lesenswert macht, ist Vertrauen in die Zukunft. Krisen,
so weiß der Manager Schmidt, sind Herausforderungen, ihnen
Standzuhalten, Tugenden wie Loyalität, Solidarität und
Zuverlässigkeit zu bewahren, ist nicht nur eine Pflicht für den
Verantwortungsethiker, sondern diese gehören zur Selbstbehauptung
des Politikers zwangsläufig dazu. Darin bleibt sich der
Altbundeskanzler treu, der in einem Interview auf die ihm gestellte
Frage, ob es das Amt des Bundeskanzlers gern ausgeübt hatte,
antwortete: „Eigentlich nicht sonderlich gern, nein“, ganz dem
römischen Staatsmann und Philosophen Marc Aurel verpflichtet. Auch
die Goldene Regel, die sich schon bei Konfuzius findet, dessen Lehren
er viel Aufmerksamkeit schenkt, verinnerlicht Schmidt wenn er
schreibt: „Ich soll mich so benehmen, daß die meinem Tun
unterliegenden Prinzipien jederzeit von allen anderen auch akzeptiert
werden können.“ Diese Maxime wurde für Schmidt stets zum Leitbild
seiner Verantwortung als Moralist.
Helmut Schmidt, Ausser Dienst, Eine Bilanz, München 2008.
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