Unterstützen Sie die Tabula Rasa mit einer Spende, wir würden uns freuen: Schreiben Sie eine Mail an: dr.stefangross@web.de
| Erschienen in Ausgabe: No 39 (5/2009) | Letzte Änderung: 19. Mai '09 |
Anmerkungen zur Annie Leibovitz-Ausstellung in Berlin
von Jan Löw
Intime
Familienfotos der Fotografin Annie Leibovitz sind noch bis 24. Mai 2009 in
Berlin zu sehen. Großes Aufsehen erregen die kleinformatig gehaltenen
Imaginationen der sterbenden Susan Sontag. Ihrer intensivsten Freundin und intellektuellen
Kritikerin. Man sieht es diesen Bildern an, dass sie aus der Not geboren
wurden. Einfach da zu sein hielt Annie Leibovitz nicht aus. Jedes Bild ein
Stemmeisen gegen den Tod. Sekunden die festgehalten werden, um neu erlebt zu
werden. Sie sammeln sich zu viert, und werden ein großes, neues Bild im
Betrachter. Versucht der Blick zur Seite auszuweichen, sind dazwischen
gehängte, riesige Glamourbilder als mentaler Kontrast eine enorme
Wahrnehmungsübung. Die kleinen Formate ziehen körperlich an. Hollywoodgrößen
brauchen Abstand. Sehr leicht entwickelt sich so die Frage, wie die Archivarin
der `Hall of Fame´ Nordamerikas diese Dynamikunterschiede in einem Leben
überhaupt aushält. Womit wir beim Titel der Präsentation angekommen sind. In `A
Photographers Life´ stellt sich eine Fotografin selbst aus. Alles was wir über
sie wissen müssen, können wir aus diesen Bildern lesen. Ein enormer Anspruch.
Tod war
Auslöser, Bilder für ein sehr privates Gedenkbuch zusammen zu stellen. Doch
dabei fanden sich auch fast unheimlich anmutend blaue Kinderaugen von Sarah,
der sie mit 51 das Leben schenkte. Dazu intensive Blicke ihrer eigenen Mutter,
die direkt durch die Kameralinse in die Seele der Tochter schaut. Für die
Aufnahme klappte der Spiegel in der Kamera für einen Sekundenbruchteil nach
oben. Sofort möchte man diese Frau kennen lernen.
Bilderstrecken
des Buches zur Ausstellung erzeugen so etwas wie scheinbare Anwesenheit bei der
Bildauswahl. In mehreren Reihen sind Abzüge übereinander geordnet. Hier kann
der Besucher sehr schnell neue Eindrücke verknüpfen.
Susan Sontags
Aufnahme der hochschwangeren Freundin erinnert auf den ersten Blick an das
berühmte Aktfoto von Demi Moore kurz vor deren
Entbindung. 1991 eine Sensation in den USA und nach Meinung der Herausgebervereinigung,
eines der beiden besten Magazincover der letzten vier Dezennien. Das andere
zeigt den sich um Yoko Ono schlingenden John Lennon, und ist auch von ihr.
Zu Stars hat
Annie Leibovitz ein sehr ambivalentes Verhältnis. Anfangs fotografiert sie im Geiste
der 68`er als reine Dokumentaristin Musiker `on the road´. John Lennon zeigt
der sehr Schüchternen den selbstbewusteren Umgang mit Showgrößen. Mit Musikern
geht sie auf Tour. Schießt noch Bilder, wenn Keith Richard nicht mehr stehen
kann. Dabei nimmt sie alles zu sich, was zum Lebensgefühl der Stones gehört.
Einzutauchen und als ein Teil des Ganzen unbemerkt zu arbeiten, wird zu einem
Stil. Gruppen unterschiedlichster Musiker zu einem kraftvollen Coverfoto zu
arrangieren eine weitere Leidenschaft. `Rolling Stone´ heißt die Bibel der
Jugendkultur in den Siebzigern. Ihre Bilder bestimmen die Auflage.
Inszenierungen bekommen Anfang der Achziger hollywoodeske Ausmaße. `Vanity
Fair´ ist bereit, auch mal einen Düsenjet auf der Spesenrechnung zu sehen. Dafür
bestimmt Annie Leibovitz das Licht, in dem die Modezaren erscheinen. Ein
bedeutender Schauspieler in Hollywood ist, wer von ihr fotografiert wird.
Susan Sontag
steht eines Tages vor der Kamera. Zieht bald darauf gegenüber der
Starfotografin ein. Kritisiert und drückt mit der Macht einer einflussreichen
Intellektuellen auch mal ein Bild auf die Titelseite, wenn die Herausgeber sich
nicht recht trauen. Lebensgefährlich wird ein gemeinsamer Aufenthalt in
Sarajevo. Die Kamera nimmt Entsetzen auf. Ein Junge wird neben dem eigenen
Fahrzeug von Granatsplittern getroffen. Sofort steigt sie aus, organisiert den
Transport ins Krankenhaus und reportiert das nur scheinbar auf einer Ölspur
ausgerutschte Fahrrad. Unweit davon vergräbt George W. Bush beim Fototermin seines
Führungsstabes auf bitten der Fotografin die Hände in den Hosentaschen.
Spannend zu sehen, wer sich spontan mit angesprochen fühlte.
Welche enorme
Stärke Tränen auszudrücken vermögen zeigt das Portrait von Colin Powell. Orden
und Ehrenzeichen auf der Brust sind bunt. Sorgfältige Ausleuchtung bringt das
Glänzen in den Augen zur Geltung. Fast möchte Sympathie aufkommen, doch bleibt
das Imago in der Repräsentation gefangen, weil keine weiteren Gefühle veräußert
werden und Annie Leibovitz lernen musste, nicht für jeden ihre Seele zu öffnen.
Weit geöffnet
ist die Blende ihrer Kamera heute für Gruppenportraits von Hollywoodgrößen.
Niemand beherrscht dieses Metier so brilliant. Sie gibt der Aura jedes
einzelnen Künstlers Raum zur Entfaltung, richtet Blicke und schafft so ein noch
größeres ganzes. Diese Bilder wird eine neue Ausstellung hoffentlich bald in
Deutschland zeigen.
Vor wenigen
Tagen wurde Annie Leibovitz vom `International Center of Photography´ in New
York für Ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Gratulation.
C/O Berlin
präsentiert die Ausstellung `A Photographers Life´ im ehemals Kaiserlichen
Postfuhramt an der Oranienburger Strasse, Ecke Tucholskystrasse in Berlins
Mitte.
Geöffnet ist
noch bis einschließlich Sonntag den 24. Mai zwischen 11 und 20 Uhr.
Sonderöffnungszeiten:
Freitag und Samstag bis 24 Uhr.
Das sehr
empfehlenswerte Buch zur Ausstellung `A Photographers Life´ ist 2006 bei
Schirmer und Mosel erschienen und kostet 78 €.
Wer genaueres
über die `American Society of Magazine Editors´ wissen möchte, findet unter:
www.magazine.org/asme/top_40_covers/
nützliche Informationen.
>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<
Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.