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| Erschienen in Ausgabe: No. 34 (4/2008) | Letzte Änderung: 13. Januar '09 |
von Stefan Groß
Unverständlichkeit
wird dem vor hundert Jahren geborenen Samuel Beckett von vielen
Kritikern, ausgenommen den Philosophen, vorgeworfen; seine Stücke
seien von Absurditäten durchtränkt, so dass es kaum gelänge,
Sinnzusammenhänge, Sinnhaftigkeit, all dem zu entnehmen. Ein Blick
in die Texte mag die Betroffenheit manches Lesers unterstreichen, der
sich anschickt, hier lebensweltliche Kost – gleichsam vom
Lehnsessel der Bequemlichkeit – als Häppchen zu erhalten.
Ideen-Zapping für ein spießbürgerliches Denken, das sich auf den
Status quo seiner heimatlichen Existenz verschränkt, um der
Tristesse des Alltags schlagkräftig zu entgegnen, dafür steht
Beckett eben nicht. Gerade in der Verweigerung, ein brauchbares und
vor allem unhinterfragbar-bestehendes Lebenskonzept vorzulegen, darin
zeigt sich der aus Irland stammende Denker als profunder Kenner des
Absurden.
Es ist feingliedriger Nihilismus, wie übrigens bei Nietzsche auch,
der Beckett in seinen Theaterstücken vorschwebt. Aus der Erfahrung
des Nichts heraus begegnet dem Menschen eine Welt, die
non-konformistisch ist. Das Geschäft des Lebens besteht eben darin,
diesen Nihilismus zu ertragen, sich mit ihm auseinanderzusetzen. In
dieser nichtigen Welterfahrung liegt der Gedanke an Selbsttötung
nahe, denn was soll das Spiel mit der Zukunft, wenn sich Bestehendes
nur wiederholt. Was von vielen Philosophen als Alternative zumindest
angedacht wird, der Freitod, das lehnt Beckett als nichtige Lösung
ab.
Die Blase vom Ideenhimmel, von einem transzendenten Ideenhimmel, von
dessen Bestehen man Trost und Hoffnung speisen könnte, so Becketts
Existentialismus und Surrealismus, ist geplatzt. Der einzige Trost,
und dies erinnert an den skeptischen Sokrates und an Sextus
Empiricus, bleibt das Verharren im Ungewussten, im Selbstzweifel und
in der als nichtig erfahrbaren Wirklichkeit. Es gibt kein absolutes
Telos als Trost der Philosophie mehr, wie noch Boethius meinte,
sondern nur noch blanke Existenz, die mit einer Zukunft spielt, die
sie überhaupt nicht mehr einholen kann.
Die Sprache Becketts in der er diese Absurdität verkündet, ist
zweifellos ironisch, lädt sich mit Witz und bitterem Sarkasmus auf.
Statt absoluter Tristesse herrscht zumindest das gegen das Nichts
aufbegehrende Sprachspiel, das zwischen Todesgedanken und
verzweifelter Hoffnung vermittelt.
Immer wieder wurde von der modernen Sekundärliteratur darauf
hingewiesen, dass sich in Becketts Stücken nichts ereigne, dass sich
das Unveränderliche als einzige Konstante erhalte. Tatsächlich sind
„Warten auf Godot“ und das „Endspiel“, die den „Idealen“
des absoluten Theaters verpflichtet sind, rein statische Stücke, wo
sich dem Zuschauer eine ewig wiederholende, ewig stagnierende Welt in
Erscheinung bringt. Hierbei zeichnet sich tatsächlich ein Moment
dessen aus, das man später als Postmoderne feiern wird, was in
Derridas „Differance“-Schrift letztendlich kulminiert. Denn: Sinn
zeigt sich nicht im Blick auf ein Intendiertes, sondern entzieht sich
permanent. Es gibt nur noch Spuren von Sinn, die selbst wieder auf
Spuren verweisen – Rhizome, so nannten es Gilles Deleuze und Felix
Guatteri. Existiert also keine Sinnperspektive, so bleibt es das
Erlebnis des Unmittelbaren allein, aus dem der Interpret Sinn
erschließen muss. Anstelle eines vorbestimmten
Interpretationshorizontes setzt sich das nunmehr als autonom
erfahrende Individuum – in der Erfahrung des Nichts –, das seine
Welt interpretieren soll, ohne darauf hoffen zu dürfen, dass es sich
in dieser Welt auch nur vorübergehend einnisten darf. Vorläufigkeit
und Langeweile als Schleife, dies sind die Kategorien des
Ästhetischen in Becketts Werk.
Der Existentialismus von Jean Paul Sartre und von Albert Camus ist im
Werk Becketts immer vernehmbar. Der Mythos des Sisyphus, das
permanente Scheitern an einer sinnaufgeladenen Welt führt aber auch
bei Camus, ebensowenig wie bei Beckett, in die endgültige Aporie,
sondern wird zum Zeichen eines weltperspektivischen Denkens, das
davon überzeugt ist, die absurde Wirklichkeit zumindest zu ertragen,
die „glücklichen“ Tage zu „überwinden“. Überwindung meint
aber hier nicht endgültigen Sinn zu finden, sondern nur, die
empfundene Sinnlosigkeit anzunehmen.
Bei aller Wiederkehr des Gleichen wird in Becketts Stücken – über
die Erfahrung der Negativität hinaus – für eine Transformation
ins Positive geworben. Sisyphos nimmt sein Schicksal an und versteht
dieses als sein lebensweltliches Glück; die Protagonisten in „Warten
auf Godot“ begreifen ihren sinnlos verstellten Alltag als ein
Hoffen auf Godot, möglicherweise auf Gott, der immer wieder
angekündigt wird, sich der Ankunft aber immer verweigert, entzieht;
bei aller Absurditätserfahrung spricht Beckett eben auch von
„glücklichen Tagen“.
Ein Blick in die moderne Alltagswelt, in die Szene- und Diskokultur,
bestätigt die von Beckett beschriebenen Phänomene. Hier rangiert
das Nichts an erster Stelle, hier findet sich kaum Sinnhaftigkeit,
sondern nur eine Flucht in das vorüber ziehende Veränderliche, der
unmittelbare Genuss regiert. Statt Liebe grenzenloser Eros, statt
Verantwortung grenzenlose Selbstsucht, statt Sinnsuche ewiges
Vergessen, blind sprühende Energien, wie auch Bataille feststellte,
der Verschwendung. Die selbstgenügsame Flucht in die Diskotheken,
das scheinbare Ideal, hier „Erlösung“, adäquates Selbstsein, zu
finden, wird zum einzigen Ziel pseudoreligiöser Sinnsuche; das
Nichts dabei zum Religiösen verklärt. Die Enttäuschung bleibt
groß, wenn sich das frenetisch Gepriesene letztendlich als Illusion
erweist.
Was, so lässt sich nun fragen, bleibt von Beckett? Die Beschreibung
einer Welt, in der die Negativität und das Absurde regieren, kann
nicht geleugnet werden – die Präsenz von Sinnlosem ist zu
offenkundig, die Langeweile des Daseins regiert und beschneidet jedem
Enthusiasmus die Flügel. Mit dieser profunden Zeitanalyse hat
Beckett, der diese Phänomene zu Eckpfeilern seines Theaters macht,
recht, hier ist er genialer Psychologe. Allein bei diesem negativen
Befund stehen zu bleiben, damit begnügt auch er sich nicht. Was
bleibt ist eine Hoffnung, die nicht geschenkt, die immer über einen
Verlust erkauft werden muss. Für Beckett entzieht sich zwar das
große Gebäude metaphysischer Spekulationen, doch ein Blick in die
heutige Lebenswelt zeigt auch ein dem Schein des alltäglichen
Hinvegetierens Entgegengesetztes. Im Umfeld des Sinnlosen wächst der
Glaube an das Sinnhafte, an die Stelle eines radikalen Werteverfalls
und Nihilismus tritt zusehends das Religiöse, das sich zunehmend
seine Gebiete erobert.
Es ist aber keineswegs das Religiöse im Zwangskorsett dogmatischer
Kirchenlehren, das von der Jugend bejaht wird, auch wenn ein Blick
auf den Petersplatz in Rom das Gegenteil belehrt, denn auch hier
zeigt sich eine Generation vom religiösen Aufwind getragen, sondern
eher ein zivilreligiöses Denken, das die Nischen individueller
Sinnsuche ausfüllt und nachhaltig prägt. Der Bannkreis, in dem das
Religiöse oder, wie Jaspers sagt, das „Umgreifende“ Stellung
bezieht, hat Konjunktur, erlebt eine wahrhafte Renaissance.
Hoffnung bleibt das letzte Wort, sie zu verlieren, endete – auch
für Beckett – in der absoluten Katastrophe. Man muss nur lernen,
mit dem Absurden zu leben, es ertragen – eine zweifellos schwierige
Last. Dies ist es, woran uns Beckett erinnert.
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