| Erschienen in Ausgabe: No 40 (6/2009) | Letzte Änderung: 25. Mai '09 |
von Lutz Rathenow
Natürlich gerät der Osten immer wieder zyklisch in den Blick:
Negativ-Schlagzeilen und gelegentliche gut gemeinte positive
Leuchtturm-Vorzeigobjekte wechseln einander ab. Bei der EM vereinten
sich Ost und West weitgehend im Einig-Fußballbegeisterungsland. Man
brauchte über ein paar Störenfriede keine Worte zu verlieren, wenn die
nicht ausgerechnet in Dresden - der weitgehend türkenfreien Stadt -
nicht Dönerbuden demoliert hätten. Die wenigen Negativ-Meldungen kamen
vorzugsweise aus dem Osten – und Platz eins auf der nach oben offenen
Verblödungsskala durften randalierende Schweriner für sich
beanspruchen, die stundenlang Bahngleise blockierten. Was kann die arme
Bahn dafür, dass unsere Kicker dem spanischen Fußballzauber nicht
gewachsen waren? Und warum beharren Dresdens Politiker auf der
idiotischen und durch einen Tunnel gut vermeidbaren
Waldschlößchenbrücke so innig, dass ein Zeit-Kolumnist diese Woche
schon Verbindungen zur russischen Mafia vermutet?
Manchmal zu nachgiebig
Manchmal erweist sich der Osten aber auch als zu nachgiebig – wer "FAZ"
oder "Welt" las, weiß, dass der geplante Thüringer Kultusminister
Krause längst nicht der schlimme geistige Finger mit
Rechtsradikalismus-Nähe war, zu dem ihn einige erklären wollten. Seine
Wähler in Weimar wissen es auch, da hatte er sich neben vielen anderen
auch für das wirklich gekonnt gemachte kommunale und eher links
angesiedelte "Radio Lotte" eingesetzt. Dieter Althaus und der mögliche
Minister selbst gaben letztlich dem medialen Druck aus Berlin, München
und Hamburg nach. Statt sich an Bayern zu orientieren und mitunter auf
einem Sonderweg zu bestehen, der politische Werte unter osteuropäischen
Erfahrungen noch einmal neu justiert.
Lustmachen auf Nicht-Mehr-DDR
Dabei sind Selbstbewusstsein und langsam auch Leistungsfähigkeit,
wenigstens in den größeren Städten wie Leipzig, Halle, Erfurt,
Magdeburg, Dresden wirklich zu entdecken. Ganz zu schweigen von Jena,
dieser Stadt der Wissenschaft. Wieso schafft sie es aber eigentlich
nicht, ihr 450-jähriges Universitätsjubiläum attraktiver und wirksamer
nach außen zu präsentieren. Es fehlt an übergreifenden Ideen und
Aktivitäten. Für das eigene Bundesland und für die Versammlung der
Bundesländer Ost. Sozusagen das Lustmachen auf eine politisch
durchregenerierte Nicht-Mehr-DDR mit Vorzeige- und mit
Vernachlässigungszonen. Es reicht auch nicht mehr, sanfter oder
konzentrierter DDR-Nostalgie die Repressionserfahrungen und die der
friedlichen Revolution entgegenzusetzen. Was seither geleistet und
versäumt worden ist, muss noch mehr ins gesamtdeutsche Bewusstsein
rücken, das natürlich seine regionalen Schwerpunktbezüge hat.
Traumstadt Magdeburg
Eine Münchner Bekannte fragte ihre pubertierende Tochter, ob sie in
London oder New York Urlaub machen wollte. Sie wünschte sich Magdeburg,
die Traumstadt, aus der ihre Traumband Tokio-Hotel stammt. Wer in
Magdeburg bietet Touren auf den Spuren jener Gruppe an? Niemand. Gerade
eröffnet "Madame Tussauds" mit großer medialer Beachtung ihr
Wachsfigurenkabinett in Berlin. Wachs als globales Medium. Die Menschen
lieben es, bei "Madame Tussauds" den Mächtigen, Bedeutenden und
Berühmten auf Augenhöhe einen Moment nahe zu sein - der
medienzugewandte Bürger will so im Bewusstsein eingebildeter Gleichheit
weiterleben und das auch noch im Foto festgehalten sehen.
Erst wenn der Osten seine angeblichen und realen Berühmtheiten per
Wachs verewigt, hat er das nötige Selbstbewusstsein erreicht. Falls
nicht ein russischer Neu-Milliardär gleich das gesamte Museum samt
Inhalt erwirbt, und es in St. Petersburg dreimal so groß neu errichten
lässt - für den ganzen Ostblock, den die Sowjetunion einmal
beherrschte. Denn, ob man bei der Himmelsrichtung "Osten" in ein paar
Jahren noch die ehemalige DDR assoziiert, ist mehr als fraglich.
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