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| Erschienen in Ausgabe: No 40 (6/2009) | Letzte Änderung: 26. Mai '09 |
von Teresa Tammer
Vor 30 Jahren erschien ein Buch mit dem
Titel: Das Prinzip Verantwortung. Versuch
einer Ethik für die technologische Zivilisation. Der Autor, Hans Jonas
(1903-1993), schrieb es als Antwort auf die drängenden Fragen der Moral unter
den Bedingungen einer gegenwärtig hoch technisierten und automatisierten Welt.
Der jüdische Philosoph deutscher Herkunft beabsichtigt darin „neue Dimensionen
der Verantwortung“[1]
aufzuzeigen, die sich unausweichlich aus der Sorge um die Menschheitszukunft
ergeben. Einen eigenen Stellenwert erhält bei ihm die „neue Rolle des Wissens
in der Moral“[2]. Jonas
erhebt die Aneignung von Wissen zur Pflicht, wobei für ihn darin die
Anerkennung von Unwissen enthalten ist.
Die Macht des Menschen
erzeugt Verantwortung. In dem Maße, wie unsere Entscheidungen Auswirkungen
zeigen auf die Umwelt, so ist unser Handeln moralisch zu beurteilen. Da durch
moderne Technologien der Wirkungskreis menschlichen Tuns so stark ausgeweitet
und damit unübersehbar und unberechenbar geworden ist, kann auch hier nicht
mehr der Maßstab von Moralität greifen, der sich in der Vergangenheit zumeist
nur auf nahe zwischenmenschliche Interaktion bezog. Dieser fällt natürlich nicht
weg. „Aber diese Sphäre ist überschattet von einem wachsenden Bereich
kollektiven Tuns, in dem Täter, Tat und Wirkung nicht mehr dieselben sind wie
in der Nahsphäre, und der durch die Enormität seiner Kräfte der Ethik eine
neue, nie zuvor erträumte Dimension der Verantwortung aufzwingt.“[3]
In dieser Verantwortung liegt eben die Überbrückung der „Kluft zwischen Kraft
des Vorherwissens und Macht des Tuns“[4].Jonas spricht von „kumulative[r]
Selbstfortpflanzung technologischer Veränderung“[5]
und begründet damit das Versagen bisheriger Erfahrungswerte bei der Behandlung
auftretender Probleme, da solche noch nie da gewesen sein konnten. Wie der
Rennfahrer in seinem Sportwagen, der bei 250 km/h nicht mehr überblicken kann,
an welchen Gegenständen er vorbei fährt, wobei jede seiner kleinsten Bewegungen
am Lenkrad eine wirkungsmäßig potenzierte Kraft auf das Auto und die Straße
übersetzt. Eine Unachtsamkeit oder falsche Bewegung könnte tödlich für ihn
sein. Der Fahrer ist sich dessen bewusst und darauf trainiert, jeden Fehler so
gut es geht zu vermeiden. Die Menschheit ist jedoch keineswegs in voller
Kenntnis um die Folgen ihrer Taten und somit nicht in der Lage, die Bedeutung
einzelner Handlungen abzuwägen. Jonas´ Forderung, die sich für eine neue Ethik
daraus ergibt, ist die Bildung und das Wissen, welche dem „kausalen Ausmaß
unseres Handelns größengleich sein“[6]
müssen. Das stellt sich uns fast wie eine Unmöglichkeit vor, da dieses Wissen
noch nicht einmal komplett vorhanden ist, um es weiter zu geben. Hier wendet
Jonas die „Anerkennung der Unwissenheit“[7]
ein, die uns reflektierend daran erinnern soll, dass unsere Macht über die Welt
zu groß ist, um sinnvoll mit ihr umgehen zu können. Der damit
verbundene Anspruch muss an der Wirklichkeit geprüft werden. Denn die Kehrseite
der geforderten Wissensaneignung zeigt sich an den real existierenden
Bedingungen und der bereits bestehenden Bedeutung von Wissen.
Wissen
ist Macht – nichts wissen, macht nichts. So lautet ein Aufkleberspruch, den
sich überforderte Schüler witzelnd gegenseitig auf den Ranzen kleben. Beide Teile dieses Satzes haben für die
Erfahrungswelt der Menschen ihre Berechtigung, auch wenn sie erst einmal
konträr zu dem zu stehen scheinen, wofür Hans Jonas argumentiert. Wissen ist
Macht, sofern es Menschen gibt, mit Hilfe deren Unwissenheit einer die Vorteile
auf seine Seite zieht, ohne dass ihm etwas entgegengesetzt wird. Informationen
sind in unserer Welt zu einem wertvollen Rohstoff geworden, ohne die auch keine
technologischen Entwicklungen möglich gewesen wären. Die Menschheit ist an dem
heutigen Punkt angelangt, den Jonas beschreibt, weil wenige Personen durch
Forschungen ihr eigenes Wissen erweiterten und anderen die Ergebnisse zur
Verfügung stellten. D.h. Macht kann nur zustande kommen, wenn die
Handlungsmöglichkeiten ungleich verteilt sind, was wiederum aus den unterschiedlich
gelagerten Wissensbeständen resultiert. Es wäre genauer so untersuchen, welche
Art der Bildung Jonas zur Pflicht erheben möchte. Scheinbar ist die Ansammlung
von Wissen über Ursachen und Wirkungen an irgendeinem Ort keine Lösung. Bildung
ist der Schlüssel dazu, den eigenen Forderungen Ausdruck zu verleihen. Wenn
viele unterschiedliche Interessen mit gleichstarker Stimme zu berücksichtigen
sind, dann muss die Entwicklung langsamer voran gehen.
Die Erfolge in Wirtschaft und
Technik der letzten Jahre fußen auf Ungerechtigkeiten und stellen die
Menschheit nun vor Herausforderungen, denen sie nicht gewachsen sind. Der
springende Punkt ist jedoch die Nichtberücksichtigung der vielfältigen
Bedürfnisse. Hätten alle Menschen gleiche Rechte und würden wir uns mehr um
gleichmäßige Verteilung materieller Güter kümmern, als um punktuelle
Gewinnmaximierung, dann zerfielen die globalen Probleme. Der Schlüssel zur
Gerechtigkeit liegt wieder in der Bildung. Und hier geht es auf unterster Stufe
um Alphabetisierung. Demgegenüber steht in Genf ein Superteilchenbeschleuniger
LHC, der den Strom verbraucht, der nötig wäre, um hunderte afrikanische
Klassenzimmer zu beleuchten. Dass dies menschlich ist, erscheint vollkommen verständlich.
Wer würde hier schon freiwillig auf sein Bafög verzichten, damit eine junge
Frau aus Burundi in Deutschland studieren kann. Und so bin ich beim zweiten
Teil des Aufkleberspruches angelangt: Nichts wissen, macht nichts. Keine
Entscheidungen treffen zu müssen, ist sehr bequem. Wer nichts kann, muss auch
nichts machen. Es wird andere geben, die die Aufgaben erledigen. Die
Verantwortung lastet auf den Wissenden. Je weniger es von denen gibt, desto
größer ist die Gefahr, dass Entscheidungen getroffen werden, die nicht im Sinne
aller sind. Nichts zu wissen, kommt dem Einzelnen nicht unmittelbar als
Nachteil vor, also macht es ihm nichts aus. Diejenigen aber, die in der
gegenwärtigen Weltsituation die Gefahren und das Potenzial sehen, sind in der
Verantwortung, alle Menschen an einer Entscheidung für eine Richtung in die
Zukunft zu beteiligen.
Hans
Jonas leistete mit seinem Werk einen unverzichtbaren Beitrag dafür, dass
schrittweise ein Problembewusstsein entstehen konnte. Es werden heute
Entscheidungen getroffen, die mit ihren Auswirkungen die Menschheit aus dem
Jahre 2009 in die Zukunft projizieren. Wir haben aber nicht nur Macht über die
Lebensgrundlage nachfolgender Generationen, sondern erkennen bereits jetzt eine
Welt, in der bessere und schlechtere Ausgangsbedingungen nebeneinander
existieren. Wenn es uns noch nicht einmal gelingt, den Erhalt alles derzeitigen
Lebens auf dieser Erde in die Dimension der Verantwortung einzubeziehen, wie
kann dann das zukünftige unsere Zustimmung bekommen? Solange sich die Menschen
nicht darüber einig sind, wie sie heute in einer Welt miteinander leben wollen,
behält Das Prinzip Verantwortung
seine Gültigkeit und den richtungsaufzeigenden Charakter.
[1] Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung.
Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt am Main
1979, 3. Auflage 1993, S. 26.
[2] Ebd., S. 28.
[3] Ebd., S. 26.
[4] Ebd., S. 28.
[5] Ebd.
[6] Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung, S. 28.
[7] Ebd.
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