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| Erschienen in Ausgabe: No 40 (6/2009) | Letzte Änderung: 29. Mai '09 |
von Constantin Graf von Hoensbroech
„Ich weiss es
nicht anders zu machen. Wie ich’s habe, so geb’ ich’s. Wenn ich aber an Gott
denke, so ist mein Herz so voll Freude, dass mir die Noten wie von der
Spule laufen. Und da mir Gott ein fröhliches Herz gegeben hat, so wird er mir
schon verzeihen, wenn ich ihm fröhlich diene.“ Es ist anzunehmen, dass Joseph
Haydn mit diesen Worten wohl nicht nur auf den Charakter seiner
kirchenmusikalischen Werke zielte, sondern darin auch ein großes Stückweit
seine persönliche Glaubensüberzeugung ausdrückte. In besonderer Weise hörbar
wird das in der im nachhinein als „Harmoniemesse“ betitelten Vertonung des
katholischen Messordinariums, der letzten vollendeten Komposition des genialen
österreichischen Tonsetzers. Auf den Tag genau 200 Jahre nach dem Tod des
Komponisten gelangt dieses in jeglicher Hinsicht außerordentliche Werk der
Musikliteratur im Vatikan zur Aufführung. In einem von Papst Benedikt XVI. am
Pfingstsonntag im Petersdom zelebriertem Hochamt werden das Kölner
Kammerorchester und der Kölner Domchor mit der Aufführung der später auch als
Haydns „Missa solemnis“ geadelten „Harmoniemesse“ der Freude am Gottesdienst
einen festlichen musikalischen Rahmen verleihen.
Für den Dirigenten Helmut Müller-Brühl, der über vier
Jahrzehnte das Kölner Kammerorchester leitete und ihm nun als Intendant
verbunden ist, wird damit ein „Lebenstraum“ wahr. „Wie kann ich für mich
persönlich einen musikalischen und theologischen Abschluss finden?“, lautete für
den 75 Jahre alten Orchesterleiter und studierten katholischen Theologen die
entscheidende Frage. Dass Müller-Brühl, der in jungen Jahren eine Zeitlang in
einem Benediktinerkloster gelebt hat, im Rahmen einer heiligen Messe im Vatikan
dirigieren kann, ist das Ergebnis vieler langer und intensiver Vorbereitungen –
und alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Der letzte Interpret, dem
diese Ehre erstmals überhaupt zuteil wurde, war im Jahr 1985 kein geringerer
als Herbert von Karajan. Mit den Wiener Philharmonikern und dem Wiener
Singverein führte der legendäre Maestro damals Mozarts „Krönungsmesse“ in einer
von Papst Johannes Paul II. zelebrierten Messe auf.
Erfahrung mit einer von Johannes Paul II. gefeierten
Messe hat auch der Leiter des Kölner Domchors, Professor Eberhard Metternich,
dessen Knaben und Männer einmal auf dem Petersplatz einen Gottesdienst mit dem
Papst aus Polen mitgestalten durften. Doch der kommende Pfingstsonntag wird in
der langjährigen Geschichte von einem der bedeutendsten deutschen Knaben- und
Männerchöre, der weltweit bereits in vielen Kirchen sowie auf Konzertpodien
eine musikalische Visitenkarte von Kölns Wahrzeichen abgegeben hat, ein wohl
einmaliges Ereignis sein: „Dass wir am 200. Todestag von Haydn dessen
Harmoniemesse im Petersdom in einer von einem deutschen Papst zelebrierten
Messe mitwirken dürfen, ist eine wohl einmalige Ehre und auch Herausforderung“,
so Metternich. Mit noch größerer Sorgfalt als es Metternich ohnehin schon tut –
wie sonst ließe sich die überragende gesangliche Qualität des Chores erklären?
– hat der Kölner Domkapellmeister aus seinen rund 130 Chormitgliedern 20 Männer
und 40 Jungen für den Auftritt im Vatikan ausgewählt. Jeder von ihnen musste
dazu eigens vorsingen, nicht zuletzt auch, so Metternich, „weil die
Harmoniemesse wohl jeden Chor in der Vorbereitung besonders beansprucht“.
Ihren Titel verdankt die von allen kirchenmusikalischen
Werken Haydns am reichsten instrumentierte Messe ihrer üppigen Bläserbesetzung,
der sogenannten Harmoniemusik. Mit ihrer reichen Harmonik, den chromatischen
Wendungen und Fugen, Dissonanzen und Modulationen in unterschiedliche Tonarten
sowie einer symbolischen, prägnanten Textdurchdringung fächert die von Haydn
selbst schlicht als „Missa“ titulierte Komposition einen expressiven
Klangreichtum auf, der nicht nur das musikalische Schaffen des 1732 in
Niederösterreich geborenen späteren Vertreters der Wiener Klassik vollendet,
sondern in ihrer Expressivität bereits bei ihrer ersten Aufführung 1802 schon
weit auf die nachfolgende Romantik deutete.
Es ist ohnehin eines der Charakteristika von Haydns
Schaffen, immer wieder neue kompositorische Formen zu prägen, die er in der
Auseinandersetzung mit den musikalischen Phänomenen seiner Zeit und der
bewussten Reflexion über seinen eigenen Stil entwickelte. Seine Wurzeln hat er
dabei nie vergessen. Der Sohn eines Wagners und Kleinbauern wurde früh
gefördert. Das musikalische Erbe der vielen Lieder und Volksweisen, die häufig
im Elternhaus gesungen wurden, hat Haydn nicht nur in den frühen Kompositionen
aufgegriffen und verarbeitet. Als junger Chorsänger in Hainburg sowie am
Stephansdom in Wien kam er früh mit dem musikalischen Erbe der Kirchenmusik in
Berührung. Seinen persönlichen Glauben mag dies gefestigt haben. Berichtet wird,
dass der fromme Katholik immer wieder einmal zum Rosenkranz gegriffen haben
soll, wenn er bei einer Komposition nicht weiter kam.
Viel später dann, und hier mag die überragende
musikwissenschaftliche Bedeutung des Komponisten liegen, begründete er als mittlerweile
weithin bekannter Komponist nicht nur die klassische Gestalt von Symphonie und
Streichquartett, in denen das Menuett einen festen Platz bekam. Sondern ebenso
auch die Sonatensatzform, bei der insbesondere in den Durchführungsteilen die
Arbeit mit den musikalischen Themen und Motiven kennzeichnend ist. Es sind wohl
diese Elemente, die die Bedeutung der „Wiener Klassik“ ausmachen, die in erster
Linie von den überragenden Tonsetzern Mozart, Beethoven und eben Haydn
repräsentiert wird. In diesem Zusammenhang sind besonders die 1781
veröffentlichten sechs Streichquartette zu nennen, die er nach eigenen Angaben
„auf eine gantz neue besondere art“ komponiert hatte. Mozart war ein Bewunderer
der Streichquartette seines väterlichen Freundes, dieser wiederum schätzte
insbesondere die Opern des Salzburgers. Mozarts Requiem wurde bei der
Gedenkfeier nach Haydns Tod gespielt.
Haydn war bei der Publikation der erwähnten sechs
Streichquartette als Hofmusiker in Diensten der Fürsten Eszterhazy. Die fast 30
Jahre währende Tätigkeit für die musikliebende Adelsfamilie war eine
außerordentlich produktive – und musikalisch wohl auch etwas isolierte – Zeit
im Leben des Komponisten, der darüber einmal bemerkte: „Ich war von der Welt
abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irremachen und
quälen, und so musste ich original werden.“ Trotz der Abgeschiedenheit erlangte
Haydn, von Zeitgenossen als liebenswürdig, humorvoll und optimistisch
beschrieben, schon in dieser Zeit einen großartigen Ruf und erfreute sich hoher
Popularität. Das wurde auch bei den beiden Englandreisen deutlich, die der
Komponist nach seiner Entlassung in den 1790er-Jahren unternahm. Mit zwölf
großen „Londoner Symphonien“ entstand in diesen Jahren denn auch der brillante
Abschluss des symphonischen Schaffens im reichhaltigen Werk Haydns, das zu
sichten bis heute nicht leicht fällt: Genannt seien an dieser Stelle nur die
über 100 Symphonien, fast 70 Streichquartette, rund 180 Trios, mehr als 60
Klaviersonaten, Konzerte für Soloinstrumente, Opern, Oratorien und 14 Messen.
Nicht zu vergessen: die Kaiserhymne für Franz II., deren Melodie später für den
zweiten Satz des Kaiserquartetts verwendet wurde und heute als Musik der
deutschen Nationalhymne bekannt ist.
Haydn mag sich bei der Komposition der am Pfingstsonntag
im Vatikan erklingenden Harmoniemesse, in der der Tonsetzer wie so häufig
experimentierte und die Tonsprache zu erweitern wusste, darüber bewusst gewesen
sein, dass das Werk seine letzte Komposition sein wird. Geschrieben hat er sie
zum Namenstag der Fürstin Maria Hermenegilda Eszterhazy, dessen Mann Nikolaus
II. den Tonsetzer nach seiner zweiten Englandreise an den fürstlichen Hof als
Kapellmeister zurückgeholt hatte. Die Messe war denn auch tatsächlich die
letzte Komposition, obwohl der Komponist noch fast sieben Jahre - von Krankheit
gezeichnet und so am weiteren Komponieren und Auftreten gehindert - zu leben
hatte. Nicht zuletzt daher kommt vor diesem Hintergrund der Harmoniemesse
zusätzlich besondere Bedeutung zu, weil sie das reiche Schaffen des Meisters zu
einer würdigen Gesamtschau seines musikalischen Schaffens und seiner
persönlichen Überzeugung zusammenfasst. Über seine Messen – und für seine
letzte Missa gilt das wohl in besonderer Weise – hat Haydn einmal angemerkt: „Auf
meine Messen bin ich ein bisschen stolz.“
„Der Heilige Vater wird nicht nur die heilige Messe
feiern, er wird auch sehr genau der Musik zuhören“, weiß der Kölner Weihbischof
Klaus Dick, der die Kölner Musiker nach Rom begleiten wird. Dank der großzügigen
Hilfe von 30 Kölner Firmen, die jeweils 5000 Euro spendeten, wird die
Reisegesellschaft von rund 180 Personen zu diesem geistlich-musikalischem
Höhepunkt ermöglicht. Weihbischof Dick, den mit Benedikt XVI. mehr als fast das
selbe Alter und der gemeinsame Doktorvater (Gottlieb Söhngen) verbindet, weist
darauf hin, dass der heutige Papst bereits in früheren Publikationen auf die
Bedeutung der Musik als als „einer aktiven Beschäftigung mit Theologie“
hingewiesen habe. In diesem Sinne würdigte der Mozart-Liebhaber Benedikt XVI.
denn auch seinerzeit ein Vatikan-Konzert der Münchner Philharmoniker – und
warum sollte das für die Kölner nicht auch gelten: „Große Musik reinigt und
erhebt uns und lässt uns immer wieder aufs Neue Gottes Größe und Schönheit
spüren.“
Radio
Vatikan überträgt die Messe am Pfingstsonntag ebenso wie 16 Fernsehsender.
Kölner Kammerorchester und Kölner Domchor führen die Harmoniemesse zudem nach
ihrer Rückkehr aus Rom am 4. Juni in der Kölner Philharmonie auf.
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