Gesellschaft
02. September '10 (heute)
Das Spiel ist aus:
Sarrazin muß gehen
Thilo Sarrazins Karriere bei der Deutschen Bundesbank ist beendet. Der
Vorstand der Notenbank hatte einstimmig beschlossen, ihn aller seiner Ämter zu entheben. Als
Grund nennt die Bundesbank, daß Sarrazin keine „Mäßigung im Amt“ an den Tag legte. Die Bundesbank hatte Sarrazin ein
Ultimatum gesetzt: Entweder er trete bis Ende der Woche zurück, oder die
Bundesbank werde beim Bundespräsidenten um seine Abberufung bitten. Nun muß Christian Wulff entscheiden. Die Frage aber bleibt: Wieviel Meinungsdemokratie verträgt Deutschland?
Der Blick in die Welt
02. September '10 (heute)
Das Öl-Grauen kommt erneut:
Plattform vor Mexiko explodiert
Im Golf von Mexiko ist nach Angaben der US-Küstenwache eine
Ölbohrinsel explodiert. 13 Menschen seien ins Wasser geschleudert worden,
inzwischen aber in Sicherheit. Schiffe,
Flugzeuge und Hubschrauber sind auf dem Weg zu der Bohrinsel, die 130 Kilometer von
der Küste von Louisiana entfernt liegt. In der Nähe der Plattform entdeckte die
Küstenwache einen Ölteppich von 1,8 Kilometer Länge und 30 Metern
Breite. Die Explosionsstelle liegt westlich der Stelle, an der die Bohrinsel „Deepwater
Horizon“ von BP explodiert war.
> Auf Öl und Fleisch fahren wir ab von Karim Akerma
Der Thüringer Kulturkreis
02. September '10 (heute)
Das Gedächtnis der
Aufklärung kehrt zurück
Sechs Jahre
nach dem verheerenden Großbrand sind rund 25.000 von den mehr als 60.000 beschädigten
Büchern restauriert worden. Hinzu kommen 27.500 Neuerwerbungen, zum
größten Teil aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Sie sollen nunmehr die vielen
tausend Werke ersetzen, die damals verbrannten. Für Restaurierung
und Neuanschaffung hat die Bibliothek fast 11 Millionen Euro gezahlt. Im "Leipziger Universitätsverlag" erschien 2009 der Sammelband "Krisenmanagement", der sich mit der Brandkatastrophe auseinandersetzt.
> Zwei Neuerscheinungen aus dem Leipziger Universitätsverlag
Kunst und Künstler
02. September '10 (heute)
Neo Rauchs Hommage
an die Stadt seiner Jugend
Der bei seinen Großeltern in Aschersleben aufgewachsene Maler Neo Rauch, geboren 1960 in Leipzig, hat sein grafisches Werk der Stadt seiner Jugend geschenkt.
Die derzeit 40 Blätter haben einen geschätzten Wert von 100.000 Euro. Wie die ansässige Stadtverwaltung mitteilte, solle die Schenkung kontinuierlich fortgesetzt werden: Je ein Exemplar der noch
entstehenden Grafiken wird dann an die Stadt Aschersleben gehen. Präsentiert werden die Blätter im sogenannten "Riegelbau", wo ein fester
Ausstellungsraum eingerichtet wird.
Gesellschaft
02. September '10 (heute)
Die neue Frage der Evolutionstheorie
Angesichts der heutigen Menschheitsprobleme ist es dringend
erforderlich, auch das geistige Sein und Verhalten des Menschen
umfassend aus der Evolutionstheorie abzuleiten. Es stellt sich so die
Frage, inwieweit altbekannte Instinkte wie die Gier nach Macht,
Reichtum und Rang für die Probleme verantwortlich sind, und worin
dagegen in einem evolutionären Verständnis das eigentlich Menschliche
und damit auch die weitere Entwicklung liegt.
> Die Antwort eines evolutionären Humanismus 
Der Blick in die Welt
02. September '10 (heute)
No sex but more alcohol:
Die Memoiren des Tony Blair
Kaum auf dem Markt - sind sie schon ein Bestseller, die Memoiren
des ehemaligen britischen Premiers Tony Blair. In "A Journey", zu
deutsch: eine Reise, rechnet er knallhart ab, stigmatisiert die Amtszeit von
Gordon Brown als Katastrophe und schreibt über diesen: „Politisches Kalkül: ja.
Politisches Gefühl: nein. Analytische Intelligenz: absolut. Emotionale
Intelligenz: null.“ In seinen Memoiren verteidigt Blair auch seine Entscheidung
für die Teilnahme am Irak-Krieg ab 2003, die er immer wieder wiederholen würde.
Und Blairs Autobiographie (718 Seiten) trägt Persönliches auf, das man sich
gern erspart hätte, sein unverhohlenes Bekenntnis zum gemäßigten Alkoholismus
beispielsweise.
Kunst und Künstler
02. September '10 (heute)
Art Brut in Weimar
"Künstler aus Gugging"
Erst zu Beginn des letzten Jahrhunderts begannen sich Psychiater mit dem
bildnerischen Schaffen ihrer Patienten zu beschäftigen und erklärten
ihre Patienten schließlich zu Künstlern - was eine neue Kunstrichtung
hervorbrachte, die Art Brut. Das Weimarer Kunstfest lotet dieses Jahr
die Zusammenhänge zwischen Kunst und Wahn musikalisch als auch
bildnerisch aus. Und zeigt eine Ausstellung mit "Art Brut". Seit den
70er-Jahren gehören jene Künstler, die unter dem Namen "Künstler aus
Gugging" bekannt geworden sind, zu den wichtigsten Vertretern der Art
Brut – der ursprünglichen, von Kunst nicht beeinflussten Kunst.
> Art Brut: "Künstler aus Gugging" im Neuen Museum Weimar
Der Blick in die Welt
02. September '10 (heute)
Die neue Urbanisierung als
Herausforderung der Zukunft
Versorgung und Entsorgung, Infrastruktur,
Lebensqualität, Energie und Lebensmittel, Mobilität, Wasser und Nahrungsmittel und
vieles andere mehr - in keinem anderen Zusammenhang stellen sich die Aspekte
des alltäglichen Lebensvollzugs derart verdichtet dar wie im Kontext der Stadt.
Dabei werden die Fragen nach der künftigen Ausgestaltung dieser Aspekte immer
drängender und die Antworten immer notwendiger, um die ökonomische, soziale und
ökologische Ausgewogenheit des menschlichen Zusammenlebens - gerade in den
Städten - dauerhaft zu gewährleisten und zu gestalten.
> Die zunehmende Urbanisierung ist eine der größten Herausforderungen der nahen Zukunft
Universitätsstadt Jena
02. September '10 (heute)
Kunsthalle Jena zeigt
Werke von Louise Bourgeois
Am 4. September eröffnet die Kunsthalle
Jena eine Ausstellung mit 114 Arbeiten von Louise Bourgeois. Die Schau ist die
erste nach dem Tod der französisch-amerikanischen Künstlerin am 31. Mai in New
York.
Höhepunkt der Werke, die aus internationalen Sammlungen nach
Jena kommen, sind "Personnages". Die abstrakten Totem-Figuren stellen
symbolhaft Individuen und ihre Beziehungen untereinander dar. Zu
ihrer Mutter hatte sie eine bessere Beziehung. Sie bezeichnete die Weberin oft
als beste Freundin. Zudem symbolisierte sie sie häufig als Spinne – die bis zu
neun Meter hohen Bronze-Skulpturen nannte sie "Maman" (Foto).
> Louise Bourgeois - Skulpturen, Zeichnungen und Druckgrafik
Gesellschaft
02. September '10 (heute)
"Wir amüsieren uns zu Tode":
Die Ritualisierung des Privaten
L'Homme
Revolté – so viel Camus muß fünfzig Jahre nach seinem Tod sein! Doch wogegen
rebelliert der moderne Mensch? Gegen den Verlust seiner Privatsphäre, die er
durch den Einbruch der Öffentlichkeit in ihrer Würde und Ansehen gefährdet
sieht. Sei es die Vorratsdatenspeicherung Elena oder das krakenartige Netzwerk
von Google und seiner geradezu anmaßenden Überwachung der Weltöffentlichkeit. Street-View
heißt das Kampfwort der Stunde und die Bedrohung durch diese Gigantomanie
zwingt auch Alleskönner wie den „Focus“-Chef Helmut Markwort zur Kapitulation.
> "Wir amüsieren uns zu Tode" – Das Internet frißt seine Kinder
Kirche und Religion
02. September '10 (heute)
Die Wiederkehr der Inquisition
Man könnte sie auch „Inquisitoren“ nennen. Männer wie etwa
Prälat Charles Scicluna, den „Anwalt der Gerechtigkeit“ in der vatikanischen
Glaubenskongregation, der jetzt nach Malta gereist ist, um Missbrauchsopfer aufzusuchen
und der bischöflichen Kommission auf der Insel zur Aufarbeitung dieser Skandale
Beine zu machen. Oder wie Erzbischof Velasio De Paolis, den gelehrten wie auch
zutiefst spirituellen Präsidenten der Präfektur für die wirtschaftlichen
Angelegenheiten des Heiligen Stuhls, den Papst Benedikt dem Priesterorden der
Legionäre Christi als Apostolischen Delegaten vor die Nase gesetzt hat.
> Die Wiederkehr der Inquisition 
Politik
01. September '10 (gestern)
Christian Wulffs Sorge
um die Demokratie
Bundespräsident Christian Wulff hat von den Deutschen mehr Einsatz für
die Demokratie gefordert. „Wir dürfen uns auf keinen Fall bequem
zurücklehnen in dem Glauben, unsere Demokratie sei unerschütterlich, so
ist das nämlich nicht“, sagte der CDU-Politiker der „Sächsischen Zeitung“. Wulff verwies auf die abnehmende Wahlbeteiligung und die
schrumpfenden Mitgliederzahlen der Parteien im Land. „Der Graben zwischen
Wählern und Gewählten wird größer.“ Darüber beunruhigt ihn
auch die bundesweite Problematik des Rechtsextremismus.
Der Blick in die Welt
01. September '10 (gestern)
Bleibt er auf Spur
Benjamin Netanjahu?
Während seiner ersten Amtszeit galt Israels Ministerpräsident
Netanjahu als Hardliner, der gegenüber den Palästinensern kaum zu
Kompromissen bereit war. Inzwischen schlägt Netanjahu diplomatischere
Töne an. Doch nicht jeder in Israel glaubt an diesen Kurswechsel, selbst in der eigenen Partei, dem Likud, lauern die Widersacher des neuen
Friedensprozesses. Ihnen gefällt nicht, daß Netanjahu seinen Kurs wechselte und sich für die Gründung eines
palästinensischen Staates ausgesprochen hatte.
> Über die Möglichkeit eines Krieges
Philosophie und Wissenschaft
01. September '10 (gestern)
Michel Serres' Bekenntnis
zum Unpolitischen
Der französische Professor für Philosophie Michel Serres, der auch in Stanford lehrte, bekennt in der "Süddeutschen Zeitung", daß er kein Interesse daran habe, mit Dinosuariern zu spielen. Der Autor von "Der Parasit" ist sich dahingehend sicher, daß sich die Welt derart verändert hat, daß die politischen Institutionen dagegen wie Dinosaurier wirken. Die Kluft zwischen politischer Welt und Wirklichkeit sei so derart groß, daß man sich die Beschäftigung mit der Politik restlos verkneifen kann, da sich die wahren Dinge ohnehin nicht in dieser ereigneten. Auch wiederholte Serres seinen Vorschlag, daß die Naturelemente den Status einer juristischen
Person erhalten sollten, denn dann könnte das Meer, wie bei der Ölpest im
Golf von Mexiko, den BP-Konzern verklagen. Der Philosoph ist sich auch sicher, daß er mit seinen Thesen auf Spott stößt, aber die Machtlosigkeit,
mit der die Politik auf die Katastrophe reagierte, zeigt mit Nachhaltigkeit, daß man in einem derartigen Fall anders denken müßte.
Buchbesprechungen
31. August '10
Fritz J. Raddatz:
Nizza, mon amour
Es ist eine Liebe, eine große
Liebe, zwischen dem Schriftsteller, dem geistversprühenden Hommes de lettres,
Fritz J. Raddatz, und seiner Stadt, ja, seiner Welt, die sich mit ihrer Kultur
als „Freilichtmuseum“ wie ein Fächer Malarmés ausspannt. Es ist darüber hinaus
eine bekennende Liebe, und die Art und Weise, wie sie sich offenbart, ist wie
in einer alten Ehe ambivalent, mal intensiv, mal zugeneigt und bekennend, mal
überreizt und voneinander abstoßend. Raddatz und sein Nizza, die spröde Stadt
am Mittelmeer, sein Winter-Refugium, um den düsteren Tagen in Deutschland zu
entfliehen, sie bleiben zwei Unzertrennliche, die sich anziehen und die sich
momentweise auch einander verweigern und dennoch miteinander harmonieren.
> Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: Raddatz – Nizza, mon amour
Politik
31. August '10
De Maizière lobt die Einheit
Bundesinnenminister de Maizière würdigte den deutsch-deutschen
Einigungsvertrag als ein Meisterwerk von Politik und Verwaltung, was insbesondere im Hinblick auf die kurze
Vorbereitungs- und Verhandlungszeit gilt. Zugleich räumte de Maizière auch Fehler ein: "Heute wissen wir:
Deutschland hätte von der DDR vielleicht nicht den Hymnentext, aber
ruhig ein bisschen mehr übernehmen können als nur den grünen Pfeil und
das Ampelmännchen." Auch äußerte er Zweifel an der Entscheidung, das
gesamte westdeutsche Rechtssystem sofort auf das sogenannte
"Beitrittsgebiet" zu übertragen. Er stellte jedoch klar: "Solche Mängel
schmälern die Bedeutung und den Wert des Einigungsvertrages nicht."
Politik
31. August '10
Lothar
de Maizière, oder die
Aufhebung des Unrechtsstaates.
Die Äußerung des letzten Ministerpräsidenten der DDR, Lothar
de Maizière (CDU), daß die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen, löste
Unverständnis aus. Anläßlich des 20. Jahrestages des Volkskammer-Beschlusses zum
Beitritt der DDR zur BRD hatte de Maizière gesagt: "Ich halte diese Vokabel
für unglücklich. Die DDR war kein vollkommener Rechtsstaat, aber auch kein
Unrechtsstaat. Der Begriff unterstellt, dass alles, was dort im Namen des
Rechts geschehen ist, unrecht war." Gegen diese Äußerungen regte sich
heftige Kritik aus den Reihen von DDR-Opfern. Die Debatte, ob die DDR ein Unrechtsstaat
war, wurde 2009 insbesondere von Politikern aus Westdeutschland angefeuert. Aber
auch Staatsrechtler halten nach wie vor am Begriff Unrechtsstaat fest, der zwar
kein juristischer Terminus sei, aber genau das unterstreiche, was die DDR
wirklich gewesen ist: eine Diktatur, die rechtsstaatliche Prinzipien
ignorierte.
Feuilleton
31. August '10
Bonjour Antonin Artaud
Lisz Hirn begibt sich auf Spurensuche, was dabei herauskommt, ist ein Gespräch mit einem der skurrilsten Künstler des. 20. Jahrhunderts. Antonin Artaud kommt 1896 in Marseille zur Welt. Er erwirbt
sich im Laufe seines Lebens einen Ruf als Regisseur, Schauspieler und
Theatertheoretiker. Ein Interview über die wuchernde Theaterunkultur, gesellschaftlichen
Ausstoß und die postmoderne Obszönität der Kunst. Antonin Artaud wird am 5. März 1948 tot in seiner Wohnung in
Ivry-sur-Seine aufgefunden.
> Was Kunst können sollte - Ein posthumes Interview mit Antonin Artaud
Philosophie und Wissenschaft
31. August '10
Giorgio Agambens Herrlichkeit
Soeben ist Giorgio Agambens neues
Buch „Herrschaft und Herrlichkeit“ im Suhrkamp-Verlag erschienen. Agamben, der mit Homo sacer sein bisheriges Hauptwerk vorlegte, das bislang unvollendet blieb, begibt sich in seinem neuesten Werk der Tatsache auf die Spur, daß Macht und Glanz immer zusammen auftreten, daß
der Glanz, die Gloria, die Herrlichkeit, die Außenhaut von Herrschaft und
Macht sind. Auch Schmitt, bekennender Katholik wie Agamben,
konzentrierte sich bekanntlich auf die Herausarbeitung der Beziehungen zwischen abendländischer
Herrschaft und christlicher Theologie.
> Gottes Glanz und Agambens Gloria